Wilhelm Stieber

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Wilhelm Stieber

Wilhelm Johann Carl Eduard Stieber (* 3. Mai 1818 in Merseburg; † 29. Januar 1882 in Berlin) war Bismarcks Feldpolizeidirektor und Leiter des Central-Nachrichten-Büreaus.

Leben[Bearbeiten]

Wilhelm Stieber wurde als Sohn eines Kirchenbeamten geboren. Er besuchte wie Bismarck das angesehene Gymnasium Zum Grauen Kloster und studierte in Berlin Rechtswissenschaften, was er mit einer Promotion abschloss. Er wurde 1844 beim Berliner Kriminalgericht als Auskultator (Referendar, Beamtenanwärter) angestellt.

Ab 1845 war Stieber mit Ermittlungen gegen politische Oppositionelle insbesondere gegen Friedrich Wilhelm Schlöffel befasst, 1847 nahm er seinen vorzeitigen Abschied aus dem Staatsdienst, weil ihm ein Disziplinarverfahren wegen Misshandlung von Untersuchungshäftlingen, Fälschung von Beweisstücken und anderen Delikten drohte. Er arbeitete in dieser Zeit auch als Strafverteidiger und Redakteur einer vom Polizeipräsidium herausgegebenen Zeitung. Aufgrund dieses Interessenkonflikts wurde er beschuldigt, interne Polizeiakten zugunsten seiner Mandanten verwendet zu haben. 1850 wurde er Assessor im Polizeipräsidium und ermittelte u. a. gegen den Bund der Kommunisten. 1853 wurde er als Polizeidirektor Leiter der Sicherheitsabteilung des Berliner Polizeipräsidiums. Hier lieferte Stieber ein Meisterstück, in dem er im Kölner Kommunistenprozess gefälschte Belege vorlegte, die für die Angeklagten zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen führten. Gemeinsam mit Karl Georg Ludwig Wermuth gab er das sogenannte „Schwarze Buch“: Die Communisten-Verschwörungen des neunzehnten Jahrhunderts heraus, in dem 760 Steckbriefe veröffentlicht wurden.

In der Zeit ab 1853 erzielte Stieber, nach seinen Angaben, zahlreiche spektakuläre Ermittlungserfolge gegen gewöhnliche "unpolitische" Kriminelle (Aufklärung des Mordes an dem Amtmann Bath in Frankfurt/Oder; Aufklärung des Raubmords an einem Berliner Juwelier, bei dem der Täter einen Überschuh am Tatort verloren hatte). Mehrmals gelang es Stieber, nach Vermögensdelikten großen Ausmaßes nicht nur die Täter zu ermitteln, sondern auch die Beute fast unbeschädigt sicherzustellen (Diebstahl aus einem Geldtransport bei Halle, Stieber griff zu, als die Diebe mit ihrer Beute nach Amerika auswandern wollten; Aufklärung des Diebstahls archäologisch wertvoller Gegenstände aus dem Ägyptischen Museum in Berlin; Festnahme des Postsekretärs Wasserlein (mitsamt der Beute), der aus dem Breslau-Berliner Postzug Geldsendungen im Werte von 30.000 Talern gestohlen hatte; Ermittlung und Festnahme des Bankboten Reichenow, der in Köln mehr als 120.000 Taler unterschlagen hatte, wieder mit der kompletten Beute, 1861). Am 13. April 1860 wurde Stieber in drei Fällen wegen "vorsätzlicher, rechtswridiger Freiheitsentziehung und widerrechtlicher Nötigung zur Zahlung einer bedeutenden Geldsumme verhaftet". [1] Er wurde am 30. November 1860 in den "einstweiligen Ruhestand mit Wartegeld" [2] versetzt.

Ab 1863 beschäftigte ihm Bismarck inoffiziell. Vor Beginn des Deutsch-Österreichischen Kriegs 1866 machte ihn Bismarck zum "Feldpolizeidirektor" [3] Als Begleiter des Königs von Preußen, Wilhelm I., spürte er 1867 das geplante Attentat des polnischen Revolutionärs Anton Bereszewski auf. Am 17. Mai 1867 wurde ihm das General-Sicherheitscommissarium übertragen, wodurch er Leiter des gesamten preußischen Staatsschutzes wurde. Im Zuge des Deutsch-Französischen Kriegs wurde er beauftragt, eine Feldsicherheitspolizei aufzubauen, deren Leiter er wurde. Zwischen 1859 und 1874 stand Stieber auch in russischen Diensten, wie seine Orden ausweisen. Am 17. März 1871 kehrte er nach Berlin zurück, wo er sich seinem Central-Nachrichten-Bureau widmete, das zum ersten durchorganisierten deutschen Geheimdienst wurde. Innenpolitisch war er hierbei vor allem mit der Erkundung der Sozialdemokraten beschäftigt. Am 1. Oktober schied Stieber aus preußischen und russischen Diensten aus. Der Geheime Regierungsrath Dr. jur. Wilhelm Stieber starb in seinem Haus Matthaistraße 4 in Berlin. Außerdem gehörten ihm zahlreiche Zinshäuser in Berlin sowie zwei Güter in der Mark.[4] Ein späterer Nachfolger Stiebers, als Chef des deutschen Nachrichtendienst, war Oberst Walter Nicolai vor und während des Ersten Weltkrieges.

Stiebers postum erschienene Memoiren wurden bereits kurze Zeit nach ihrer Veröffentlichung und später durch Hans-Joachim Schoeps als Fälschung entlarvt.[5]

Nachleben[Bearbeiten]

Umberto Eco lässt Stieber in seinem 2011 erschienenen Roman Der Friedhof in Prag auftauchen.[6]

Ehrungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer in historischer, sittlicher, medizinischer und polizeilicher Beziehung beleuchtet. Hofmann, Berlin 1846. Digitalisat (MDZ Reader)
  • Der erste politische Prozeß vor den Geschwornen Berlins, betreffend die Anklage des Ober-Staatsanwalts Sethe wider den Literaten Robert Springer wegen Majestätsbeleidigung : nach stenographischen Berichten dargest. vom Vertheidiger des Angeklagten. Robert Springer, Berlin 1849. SBB Digitale Sammlungen
  • Die Gesetzgebung des Preußischen Staats seit Einführung der constitutionellen Regierungsform … A. W. Hayn, Berlin
  • Wermuth / [Wilhelm] Stieber: Die Communisten -Verschwörungen des neunzehnten Jahrhunderts. Im amtlichen Auftrage zur Benutzung der Polizei-Behörden der sämmtlichen deutschen Bundesstaaten. Erster Theil. Enthaltend: Die historische Darstellung der betreffenden Untersuchungen. A. W. Hayn, Berlin 1853. (Reprint: Olms, Hildesheim 1969 und Verlag Klaus Guhl, Berlin 1976) Erster Theil (MDZ Reader), Zweiter Theil (MDZ Reader)
  • Die Erfahrungen des Königl. Polizei-Präsidii zu Berlin, betreffend die Anwendung des Gesetzes vom 11. Apr. 1854 über die Beschäftigung der Strafgefangenen mit Arbeiten in freier Luft. A. W. Hayn, Berlin 1856. Digitalisat (MDZ Reader)
  • Practisches Lehrbuch der Criminal-Polizei. Auf Grund eigener langjähriger Erfahrungen zur amtlichen Benutzung für Justiz- und Polizeibeamte und zur Warnung und Belehrung für das Publikum bearb. von Wilhelm Stieber. A. W. Hayn, Berlin 1860. (Reprint: Kriminalistik-Verlag, Heidelberg 1983) Digitalisat (MDZ Reader)
  • Denkwürdigkeiten des Geheimen Regierungsrathes Dr. Stieber. Aus seinen hinterlassenen Papieren bearbeitet von Dr. Leopold Auerbach [7]. Engelmann, Berlin 1884.
  • Wilhelm J. C. E. Stieber: Spion des Kanzlers. Die Enthüllungen von Bismarcks Geheimdienstchef. Seewald, Stuttgart 1978. ISBN 3-512-00518-7 (dtv, München 1978 ISBN 3-512-00518-7)

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Marx: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln. Boston 1853
  • Aus dem Berliner Polizei-Präsidium. Leipzig 1861 online
  • Karl Bittel: Der Kommunistenprozeß zu Köln 1852 im Spiegel der zeitgenössischen Presse. Hrsg. und eingeleitet. Rütten & Loening, Berlin 1955
  • Rudolf Herrnstadt: Die erste Verschwörung gegen das internationale Proletariat. Zur Geschichte des Kölner Kommunistenprozesses 1852. Rütten & Loening 1958
  • Julius H. Schoeps: Agenten, Spitzel, Flüchtlinge. Wilhelm Stieber und die demokratische Emigration In London. In: Im Gegenstrom hrsg. von Horst Schallenberger. Wuppertal 1977 ISBN 3-87294-119-4, S. 71-104
  • Thomas Diembach: Das kann doch nicht wahr sein! Zur Authentizität der Memoiren von Bismarcks Geheimdienstchef Wilhelm Stieber. In: Themen juristischer Zeitgeschichte 2. Recht und Juristen in der deutschen Revolution 1848/49. Nomos, Baden-Baden 1998, s. 236-243 ISBN 3-7890-5676-6
  • Richard Albrecht: Der General und sein Schatten. Engels, Stieber und die preußische Reaktion 1851/52. In: Marxistische Blätter. - ISSN 37 Jg. (1999), Heft 1, S. 60-65
  • Helmut Bleiber: Vormärzliches aus Schlesien. Wilhelm Stieber, Friedrich Wilhelm Schlöffel und seine Kinder. In: Wissenschaftsgeschichte und Geschichtswissenschaft. Aspekte einer problematischen Beziehung. Wolfgang Küttler zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Stefan Jordan; Peter Th. Walther Spenner, Waltrop 2002, S. 292-308 ISBN 3-933688-75-2
  • Stefan Weiß: Wilhelm Stieber, August Schluga von Rastenfeld und Otto von Bismarck. Zu den Anfängen des deutschen Geheimdienstes. In: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris (Institut Historique Allemand). Bd. 31, Ostfildern 2004, S. 87-112
  • Jens Dobler: Wilhelm Stieber, der erste Apologet der polizeilichen Homosexuellenverfolgung. Eine biographische Skizze. In: Tim Engartner (Hrsg.): Die Transformation des Politischen : Analysen, Deutungen und Perspektiven ; siebentes und achtes DoktorandInnenseminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl dietz, Berlin 2006
  • Manfred Binder: Dr. Wilhelm Stieber, Der preußisch loyale Staatsagent, Feldpolizeidirektor & Geheimdienstchef Fürst Bismarcks, und seine Denkwürdigkeiten. Vlg. BOD Norderstedt, 2010 ISBN 978-3-8391-8352-6 Belletristische Darstellung

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rudolf Herrnstadt, S. 378-379
  2. Dorothee Musgnug: Briefe Hermann Theodor Goltdammers an Karl Joseph Antom Mittermaier Klostermann, Frankfurt 2007, S. 163
  3. Rudolf Hernnstadt, S. 379
  4. Rudolf Herrnstadt, S. 380
  5. H. J. Schoeps über Wilhelm Stieber, Spion des Kanzlers: Daran stimmt kein Wort, Der Spiegel, 2. Oktober 1978, abgerufen am 3. Februar 2010. Vgl. auch dazu den Leserbrief von Wilhelm Jonas: "Tatsachenbehauptungen auf unsicheren Füßen". Der Spiegel, Nr. 42, S. 14-15.
  6. Umberto Eco Der Friedhof in Prag, erschienen im Carl Hanser Verlag München 2011, Seite 254-256.
  7. Leopold Auerbach, Jurist (1847-1925)