Wilhelm Weygandt

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Wilhelm Weygandt

Wilhelm Christian Jakob Karl Weygandt (* 30. September 1870 in Wiesbaden; † 22. Januar 1939 ebenda) war ein deutscher Psychiater und von 1908 bis 1934 Direktor der Hamburger Staatskrankenanstalt Friedrichsberg. Seit 1919 bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 1934 war er außerdem Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte lagen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der experimentellen Psychologie, der Forensik sowie der Psycho- und Rassenhygiene. Er galt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als wichtigste deutsche Autorität auf dem Gebiet der Forschung und Fürsorge des „jugendlichen Schwachsinns“.

Leben[Bearbeiten]

Weygandt wurde als Sohn des Kaufmanns Wilhelm Weygandt und seiner Ehefrau Elise geboren. Nach seinem Abitur 1889 studierte er zunächst Germanistik, Philosophie und Theologie an der Universität Straßburg. Zum Sommersemester 1891 wechselte er zum Studium der Philosophie, Pädagogik und Germanistik an die Universität Leipzig. 1892 begann er ein Studium der Medizin.

1893 promovierte Weygandt mit einer Dissertation über die „Entstehung der Träume“ bei Wilhelm Wundt zum Doktor der Philosophie. Zugleich setzte er sein Medizinstudium in Freiburg, Berlin und Heidelberg fort. 1896 promovierte er zur „Histologie der Syphilis des Zentralnervensystems“ in Würzburg bei Konrad Rieger. 1897 bis 1899 war er Assistent bei Emil Kraepelin in Heidelberg und habilitierte sich 1899 wiederum bei Rieger „Über die Mischzustände des manisch-depressiven Irreseins“. Der Ernennung zum a. o. Professor 1904 folgte 1908 die Berufung zum Direktor der Irrenanstalt Friedrichsberg. Mit Verweis auf seine Tätigkeit in Friedrichsberg lehnte Weygandt 1912 bzw. 1916 Professuren für Psychiatrie in Greifswald und Rostock ab. Während des Ersten Weltkriegs richtete er in Friedrichsberg eine Abteilung für psychisch kranke Soldaten ein. 1919 erhielt er den Lehrstuhl für Psychiatrie an der neu gegründeten Universität Hamburg.

Politisch war Weygandt liberal und nationalistisch eingestellt. Noch 1918 attestierte er den Deutschen „Mangel an völkischem Selbstbewußtsein und Stolz“ und lehnte Friedensbereitschaft als Schwäche ab.[1] Von 1919 bis 1928 gehörte er der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei an. Außerdem war er bis 1931 Freimaurer in einer humanitären Loge mit nationalem Charakter.

Weygandt begrüßte 1933 die Machtübernahme der Nationalsozialisten und beantragte am 15. Mai 1933 die Mitgliedschaft in der NSDAP (seine Aufnahme wurde jedoch abgelehnt[2]). Im November 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Trotzdem wurde er von dem Hamburger Ärzteführer Willy Holzmann angefeindet, der ihm Mangel an „nationalsozialistischen Instinkten“ und Begünstigung von Juden vorwarf. Vermutlich haben diese Beschuldigungen dazu beigetragen, dass die bereits genehmigte Verlängerung der Lehrtätigkeit Weygandts widerrufen wurde. Auch Weygandts Auslandsreisen, die zu seinen großen Leidenschaften gehörten, wurden in den folgenden Jahren beschränkt.[3] Nachfolger Wegandts als Klinikleiter wurde 1934 kommissarisch Ernst Rittershaus, der seinerseits 1936 durch Hans Bürger-Prinz abgelöst wurde.[4]

Weygandt zog 1937 zurück nach Wiesbaden. Er litt wieder stärker an Asthma, das ihn seit seiner Studienzeit geplagt hatte. Er starb am 22. Februar 1939.

Werk[Bearbeiten]

Weygandt war ein außergewöhnlich vielseitiger Forscher. Bereits mit seiner philosophischen Dissertation, in der er im Gegensatz zu Sigmund Freud eine streng empirische Herangehensweise vertrat, gehörte er zu den wichtigen Theoretikern der Traumforschung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.[5] In der Psychiatrie arbeitete er im Grenzgebiet zwischen Neurologie und Psychiatrie über Wachstumsanomalien, endokrine Störungen, Neurasthenie, Aphasie, Syphilis und „Idiotie“. Er verfasste eine Reihe von Lehrbüchern zur allgemeinen Psychiatrie, Diagnostik, Forensik und Kinderpsychiatrie. Insgesamt summiert sich die Zahl seiner Veröffentlichungen auf über 600. Darunter befinden sich auch literarische Arbeiten wie ein Lustspiel in oberbayerischer Mundart, drei Gedichtbände und Arbeiten zur Psychopathologie in Literatur und Kunst.

Als Direktor modernisierte Weygandt nicht nur die Bausubstanz der Anstalt Friedrichsberg, sondern verwandelte sie mit psychologischen, hirnanatomischen, serologischen und erbbiologischen Laboratorien zugleich in eine angesehene Forschungsanstalt. Berühmt wurden auch seine Sammlungen von Schädeln und Gehirnen, sowie von Kunstgegenständen, Zeichnungen und Bildwerken Geisteskranker. Er versah die Klinik mit allen medizinischen, chirurgischen, heilpädagogischen und arbeitstherapeutischen Möglichkeiten und wandte als einer der ersten in Deutschland die Malariatherapie nach Julius Wagner-Jauregg an.

Aber Weygandt war auch ein energischer Befürworter der Rassenhygiene. Da er davon ausging, dass zwei Drittel der psychischen Krankheiten durch erbliche Belastung bedingt seien, sprach er sich bereits 1904 dafür aus, die Fortpflanzung entsprechend belasteter Personen durch Eheverbote oder Sterilisationen zu verhindern.[6] 1913 erwog er die „theoretische Existenzberechtigung“ des Typus des „geborenen Verbrechers“ und forderte, mehrfach rückfällige Kriminelle lebenslänglich zu detinieren und „Minderwertige“ zu sterilisieren bzw. zu kastrieren.[7] 1928 behauptete er, dass Deutschland nur existieren könne, „als Land der Qualitätsarbeit, aber dazu gehören psychisch auf ein Höchstmaß von Leistungsfähigkeit gezüchtete Menschen, deren Psyche möglichst frei sein muß von Minderwertigkeit der Anlage und schädlichen exogenen Faktoren.“ Gleichzeitig bezweifelte er, „[o]b es gelingen wird, in Deutschland die schwächliche Sentimentalität der unbegrenzten Rücksicht auf das Einzelwohlbefinden und den allgemeinen, oberflächlichen Hedonismus rationellen, rassefördernden Gründen zu opfern.“[8] Weygandt fürchtete dabei eine „Entartung“ der Gesellschaft. Eine solche sah er auch in der modernen Kunst. Die von ihm gesammelte „Irrenkunst“ diente ihm dabei als Beleg, dass Expressionismus, Futurismus, Dadaismus und die Bauhaus-Kunst ebenso entartet seien wie die Kunst Geisteskranker.[9]

Dementsprechend begrüßte Weygandt nicht nur die rassenhygienische Gesetzgebung des Nationalsozialismus wie das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933, durch das Zwangssterilisationen ermöglicht wurden. Er trat auch für eine erhebliche Erweiterung des zu sterilisierenden Personenkreises ein, in den er alle Hilfsschüler, Fürsorgezöglinge und delinquente Jugendliche einbezogen sehen wollte. Ferner befürwortete er die Kastration und erwog bereits 1933 die Euthanasie „Schwachsinniger“.[10] Das Werk Wilhelm Weygandts ist damit ein besonders frappantes Beispiel dafür, wie Biologismus und Rassenhygiene im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zunehmend das psychiatrische Denken und Handeln bestimmten.

Publikationen[Bearbeiten]

  • Entstehung der Träume. Leipzig: Druck v. Grübel & Sommerlatte, 1893.
  • Über die Mischzustände des manisch-depressiven Irreseins. Ein Beitrag zur klinischen Psychiatrie. München: Lehmann, 1899.
  • Die Behandlung idiotischer und imbeciller Kinder in ärztlicher und pädagogischer Beziehung. Würzburg: A. Stuber, 1900.
  • Atlas und Grundriss der Psychiatrie. München: Lehmann, 1902.
  • Der heutige Stand der Lehre vom Kretinismus. Halle a. S.: Marhold, 1904.
  • Leicht abnorme Kinder. Halle a.S.: Marhold, 1905.
  • Märchen. Spiel in 2 Akten. Würzburg, [ca. 1905]
  • Über Idiotie. Referat, erstattet auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie, Dresden, 28. April 1905. Halle: Marhold, 1906.
  • Die abnormen Charaktere bei Ibsen. Wiesbaden: Bergmann, 1907.
  • Forensische Psychiatrie. Leipzig: Göschen, 1908–1922.
  • Abnorme Charaktere in der dramatischen Literatur. Shakespeare, Goethe, Ibsen, Gerhart Hauptmann. Hamburg [u.a.]: Voss, 1910.
  • Handbuch der Psychiatrie. Spezieller Teil, Abt. 2, H. 2: Idiotie und Imbezillität. Die Gruppe der Defektzustände des Kindesalters. 1915.
  • Psychiatrische Gutachtertätigkeit im Kriege. In: Jahreskurse für ärztliche Fortbildung, Mai 1917, S.22–79.
  • Über Psychologie und Psychopathologie der kriegführenden Völker (Nach einem Vortrag Ende 1916). Leipzig: Voss, 1917.
  • Erkennung der Geistesstörungen. (Psychiatrische Diagnostik). München: Lehmann, 1920.
  • Friedrichsberg: Staatskrankenanstalt und psychiatrische Universitätsklinik in Hamburg. Ein Beitrag zur Krankenanstaltsbehandlung und Fürsorge psychisch Kranker und Nervenleidender. Hamburg: Meißner, 1922.
  • Von den Alpen zur Atlantis. Hamburg: Meissner, 1925.
  • Psychologie und Psychiatrie. In: Die Aufgaben der Psychologie an den deutschen Hochschulen (1932), S.66–68
  • Talentierte Schwachsinnige und ihre erbgesetzliche Bedeutung. In: Münchner Medizinische Wochenschrift, Bd. 85, Heft 1 u. Heft 2, 1938, S.12–16, 61–64.
  • Lehrbuch der Nerven- und Geisteskrankheiten. Halle a.S. 1935; 2. neub. Aufl. 1952.
  • Der jugendliche Schwachsinn. Stuttgart: Enke, 1936.

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Meggendorfer: Wilhelm Weygandt †. In: Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. Bd. 149, 1939, ISSN 0367-004x, S. 1–6, doi:10.1007/BF01798370.
  • Hans Bürger-Prinz: Wilhelm Weygandt †. In: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. Bd. 166, 1939, S. 1–3, doi:10.1007/BF02896068.
  • Friedrich Meggendorfer: Wilhelm Weygandt †. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie. Bd. 114, 1940, ISSN 0303-4194, S. 140–163.
  • Paul Probst: Eugenics as Social Intervention to Prevent Mental Disorders. The Psychiatrist and Psychologist Wilhelm Weygandt (1870–1939). In: Helio Carpintero, Enrique Lafuente, Régine Plas, Lothar Sprung (Hrsg.): New Studies in the History of Psychology and the Social Sciences. Proceedings of the Tenth Meeting of Cheiron, European Society for the Behavioral and Social Sciences, Madrid, September 1991. Revista de Historia de la Psicologia, Valencia 1992, S. 185–191.
  • Elisabeth Weber-Jasper: Wilhelm Weygandt. (1870–1939). Psychiatrie zwischen erkenntnistheoretischem Idealismus und Rassenhygiene (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. H. 76). Matthiesen, Husum 1996, ISBN 3-7868-4076-8 (Zugleich: Berlin, Freie Univ., Diss.).
  • Kai Sammet: „Vollwertige Norm“, „Krüppel an Geist“ und die Selbstversicherung des wilhelminischen Mannes: Willhelm Weygandt (1870–1939) und der „jugendliche Schwachsinn“ 1898–1939. In: Gudrun Wolfschmidt (Hrsg.): Hamburgs Geschichte einmal anders – Entwicklung der Naturwissenschaften, Medizin und Technik (= Nuncius Hamburgensis 2). Teil 1. Books on Demand, Norderstedt 2007, ISBN 978-3-8334-7088-2, S. 303–318.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zit. nach Elisabeth Weber-Jasper: Wilhelm Weygandt (1870–1939). Psychiatrie zwischen erkenntnistheoretischem Idealismus und Rassenhygiene. Husum 1996, S. 14.
  2. Christian Mürner: Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen: Sensationslust und Selbstbestimmung. Beltz, Berlin 2003, S 73.
  3. Weber-Jasper: Wilhelm Weygandt, S. 16–19.
  4. Geschichte der Klinik. Vom Mittelalter bis zur ersten Irrenanstalt in Hamburg auf www.uke.de
  5. Georg Rüschemeyer: „Traumforschung. Wenn meine Großmutter Räder hätte“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juni 2009. Abgerufen am 4. Februar 2010.
  6. Weber-Jasper: Wilhelm Weygandt. S. 237–41
  7. Wilhelm Weygandt: Über die Psychologie des Verbrechers. Vortrag aus den Akademischen Ferienkursen zu Hamburg Sommer 1913. In: Mitteilungen aus den Hamburgischen Staatskrankenanstalten. Bd. 14, 1914, S. 211–252.
  8. Wilhelm Weygandt: Sicherung, Heilung und Vorbeugung als Aufgaben der modernen Psychiatrie. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Bd. 54, 1928, S. 1533–1535, zit. S. 1535.
  9. Weber-Jasper: Wilhelm Weygandt, S. 217–222; Marieluise Matzel, „Irrsinn“ in Kunst – Öffentliche Auseinandersetzung zur Psychopathologisierung bildender Kunst (1910–1925). Diss. med. Hamburg 2008. S. 79–84.
  10. Wilhelm Weygandt: Sterilisation und Kastration als Mittel zur Rassenhebung. In: Münchner Medizinische Wochenschrift. Bd. 80, 1933, S. 1275–1279. Vgl. Rolf Castell: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961. Göttingen 2003, S. 340–341.