Wilhelmstraße (Berlin-Mitte)

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Wilhelmstraße
Wappen
Straße in Berlin
Wilhelmstraße
Blick nach Norden über die Wilhelmstraße,
vorn links das Bundesfinanzministerium,
im Hintergrund Großer Tiergarten und Bundeskanzleramt
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Mitte, Kreuzberg
Querstraßen (Auswahl)
Dorotheenstraße,
Unter den Linden,
Behrenstraße,
Voßstraße,
Leipziger Straße
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr, Autoverkehr, ÖPNV
Technische Daten
Straßenlänge rd. 2400 Meter

Die Wilhelmstraße liegt in den Berliner Ortsteilen Mitte und Kreuzberg. Sie war der Sitz wichtiger Regierungsbehörden Preußens und des Deutschen Reiches. Bis 1945 galt der rhetorische Ausdruck Wilhelmstraße als Synonym für die deutsche Reichsregierung, ähnlich wie Whitehall für die britische Regierung oder der Quai d’Orsay für das französische Außenministerium stehen. Trotz starker Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg durch die Luftangriffe der Alliierten und die Schlacht um Berlin sind zahlreiche historische Gebäude an der Wilhelmstraße erhalten; die Berliner Denkmalliste nennt 19 schützenswerte Objekte.[1]

Unter dem ersten König „in PreußenFriedrich I., Namensgeber der Friedrichstraße, entstand bis 1706 die Friedrichstadt. Diese ließ sein Sohn, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., in den 1730er Jahren zusammen mit dem Bau der Berliner Zoll- und Akzisemauer erheblich vergrößern. Die im Zuge der Erweiterung angelegte Husarenstraße wurde nach Friedrich Wilhelms Tod 1740 in Wilhelmstraße umbenannt.

Verlauf[Bearbeiten]

Die rund 2,4 Kilometer lange Straße verläuft in nord-südlicher Richtung. Sie beginnt im Norden am Reichstagufer, kreuzt den Boulevard Unter den Linden an der Ostseite des Pariser Platzes und die Leipziger Straße und endet heute am Halleschen Ufer nahe dem Halleschen Tor in Kreuzberg. Ursprünglich lief ihr südliches Ende in das Rondell (Belle-Alliance-Platz, heute: Mehringplatz) ein, sie wurde allerdings um 1970 vom Platz weg verschwenkt.

Teilsperrung[Bearbeiten]

Gesperrter Teilabschnitt vor der Britischen Botschaft

Zwischen der Behrenstraße und Unter den Linden ist die Wilhelmstraße zum Schutz der dortigen Britischen Botschaft, vor allem vor Autobomben, für den Durchgangsverkehr mit Ausnahme von Fußgängern und Radfahrern seit dem Jahr 2003 gesperrt.

Im Jahr 2014 wurde in vertraulichen Gesprächen zwischen Berliner Verkehrs- und Sicherheitspolitikern und Bundesministerien über eine Aufhebung der Sperre verhandelt, da für britische Auslandseinrichtungen eine Neubewertung erwartet wurde. Als weiteres Argument für die Freigabe des Straßenabschnitts wurde unter anderem auf die längeren Fahrtwege für Rettungsfahrzeuge der in der Nähe ansässigen Charité verwiesen. Zuvor müsse jedoch das Landeskriminalamt auswerten, ob die Sicherheitslage dies zulasse.

Die Entscheidung über eine Freigabe des gesperrten Teilabschnitts liegt allerdings nicht im Zuständigkeitsbereich des Bezirks, sondern der Bundesregierung. Als Kompromissvorschlag wurde von dem Berliner CDU-Abgeordneten Oliver Friederici eine Freigabe von zwei der insgesamt vier Fahrstreifen gefordert.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Mit Beginn der Regentschaft des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. ließ dieser die Berliner Friedrichstadt erheblich vergrößern. Im nördlichen Teil der damaligen Husarenstraße entstanden viele Palais von Ministern und persönlichen Vertrauten des Königs, wie zum Beispiel Samuel von Marschall. Drei dieser Palais bekamen durch einen Ehrenhof eine besonders repräsentative Gestaltung. Das Palais Schwerin (benannt nach Kurt Christoph von Schwerin), später Palais des Reichspräsidenten, das Palais Schulenburg, danach Reichskanzlei und das Palais Vernezobre, später umgebaut zum Prinz-Albrecht-Palais.

Wilhelmstraße mit Blick zur Reichskanzlei (Nr. 77) und zum Auswärtigen Amt (Nr. 76) auf der linken Straßenseite, August 1934
Blick südwärts zur Straße
Unter den Linden
Britische Botschaft (Nr. 70/71)
Wilhelmstraße (nördlicher Bereich)
E-Werk (Nr. 43)
Willy-Brandt-Haus (Nr. 140)
Denkmal des Fürsten Leopold I. an der Wilhelmstraße in Berlin

Im südlichen Ende der Straße siedelte sich ab 1737 die aus Böhmen nach Berlin gekommene Herrnhuter Brüdergemeine an.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahmen wichtige Ministerien des Königreichs Preußen ihren Sitz in der Straße. Nach der Reichsgründung 1871 folgten Regierungsbehörden des Deutschen Reiches. Ausländische Botschaften bauten in direkter Nähe. Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP Anfang 1933 richteten sich die Schaltzentralen des NS-Regimes an der Wilhelmstraße ein.

Viele Gebäude wurden während des Zweiten Weltkriegs durch die Luftangriffe der Alliierten und die Schlacht um Berlin schwer beschädigt und nach 1945 enttrümmert. Zwischen der Behren- und der Voßstraße wurden in den späten 1980er Jahren Wohn- und Geschäftshäuser in Plattenbauweise errichtet. Sie erhielten relativ aufwendige Fassaden und waren ein beliebtes Domizil der DDR-Nomenklatura.

Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 wurde die Wilhelmstraße in einen nördlichen Bereich, der zum Ostsektor gehörte, und einen südlichen Bereich, der zu West-Berlin gehörte, getrennt. Die Grenze verlief in Höhe des Straßenzuges Niederkirchner-/Zimmerstraße.[3] Im Kreuzberger Abschnitt entstanden in den 1970er und 1980er Jahren ebenfalls etliche Wohnneubauten, die zum Bestand der Sozialbauten gehören.

Während der NS-Zeit war an der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zentrale der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute: Niederkirchnerstraße), im Prinz-Albrecht-Palais das SD-Hauptamt untergebracht, oberste Führungsstelle des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS (SD). Das SD-Hauptamt wurde 1939 Teil des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), das ebenfalls im Prinz-Albrecht-Palais seinen Sitz hatte.

Auf dem Areal befindet sich heute der 2010 eröffnete Neubau der Stiftung Topographie des Terrors, die die Straße unter dem Begriff Geschichtsmeile Wilhelmstraße in ihren historischen Bezügen für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten versucht. Auf Initiative des Abgeordnetenhauses von Berlin weist seit Beginn der 1990er Jahre eine ständige Straßenausstellung mit gläsernen Infotafeln auf die Standorte früherer Institutionen hin.

In der Wilhelmstraße befanden sich vor 1945 unter anderem folgende Gebäude (damalige Hausnummernzählung):

In der zu DDR-Zeiten in Otto-Grotewohl-Straße (zu Ehren des DDR-Politikers Otto Grotewohl) umbenannten Straße hatten in den 1970er Jahren folgende Diplomatische Missionen ihren Sitz:[4]

in Nummer 3a
in Nummer 5

Heute befinden sich in der Wilhelmstraße unter anderem folgende Einrichtungen:

Bemerkenswert sind auch weitere Baudenkmale wie die 1868 errichtete Gemeindeschule (Wilhelmstraße 116/117)[6] oder das ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Verwaltungsgebäude Haus-Nummer 65/66[7] sowie Teile von Wohngebäudeensembles, deren eine Seite an die Wilhelmstraße grenzt.

Am 8. November 2011 wurde an der Ecke zur Straße An der Kolonade das 17 Meter hohe Denkzeichen Georg Elser zur Erinnerung an den Hitler-Attentäter Georg Elser eingeweiht.[8]

In unmittelbarer Nähe befindet sich das Denkmal für die ermordeten Juden Europas mit seinen rund 2700 Stelen.

Namenswechsel[Bearbeiten]

Die nach 1731 unter den Namen Husarenstraße angelegte Straße wurde um 1740 nach dem seinerzeit verstorbenen König Friedrich Wilhelm I. umbenannt.

In Verbindung mit dem Ausbau der Friedrichstadt wurde die Wilhelmstraße verlängert. Diese Verlängerung erhielt 1822 den Namen Neue Wilhelmstraße.

Der in Mitte verlaufende, zu Ost-Berlin gehörende Straßenabschnitt der Wilhelmstraße (von der Zimmerstraße bis Unter den Linden) und der Neuen Wilhelmstraße wurden 1964 in Otto-Grotewohl-Straße umbenannt. Seit 1993 heißt der komplette Straßenzug bis zum Reichstagufer wieder Wilhelmstraße, nachdem auch andere Namen wie beispielsweise Toleranzstraße diskutiert wurden. In Richtung Norden geht die Wilhelmstraße auf der Marschallbrücke (zwischen Reichstagufer und Schiffbauerdamm) heute nahtlos in die Luisenstraße über, indem die frühere Neue Wilhelmstraße einbezogen blieb. Dies führte dazu, dass bei der Rückbenennung 1993 die ringförmig laufende Hausnummerierung, deren Anfangs- und Endabschnitt im West-Berliner Abschnitt stets erhalten geblieben war, zwar wieder ergänzt werden konnte, jedoch nicht die historisch bedeutenden Grundstücke wieder ihre alten Hausnummern erhielten.

Der ehemals an der Straße liegende Wilhelmplatz existiert heute nicht mehr, er wurde großenteils mit Plattenbauten (im Norden) und der Tschechischen Botschaft (im Süden) überbaut. Der östlich anschließende Zietenplatz wurde wiederhergestellt. Die Denkmäler preußischer Feldherren, wie die des Fürsten Leopold I., des Berliner Bildhauers August Kiß wurden wiedererrichtet.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • In der zweiten Etage des Hauses 3a befanden sich die Verlagsräume der Zeitschrift Zukunft seit ihrer Gründung 1892 bis zum Weggang ihres Herausgebers Maximilian Harden von Berlin im Jahr 1922.
  • Im Haus Nr. 12 kam am 17. August 1885 der spätere Schriftsteller Kurt Hiller zur Welt, das „Schandmaul der Weimarer Republik“ genannt.
  • Im Haus Nr. 16 (heute: Nr. 67a) an der Ecke zum Reichstagufer befand sich die Dienstwohnung des jeweiligen Direktors des Physikalischen Instituts der Friedrich-Wilhelms-Universität, z. B. Walther Nernst in den 1930er Jahren.
  • Im Haus Nr. 23 wohnte der am 7. Januar 1903 in München geborene Geograph, Politikwissenschaftler, Lyriker, Dramatiker und Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, wegen seiner mächtigen Gestalt von seinen Freunden „Elefant“ genannt. Das Haus, das „Palais Fürstenberg“, gehörte der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, deren Generalsekretär Haushofer war, weswegen er hier eine Dienstwohnung beziehen konnte.
  • Im Hause Nr. 39 wohnte der Künstler Adolph Menzel mit seinen Eltern seit 1830. Da der Vater zwei Jahre später starb, musste der Sohn mit lithografischen Arbeiten die Familie ernähren. 1839 zog die Familie in die Zimmerstraße.
  • In der zweiten Etage des Hauses Nr. 43 wohnte seit 1880 der Schriftsteller Otto Brahm, der neben Theodor Fontane Theaterkritiken für die Vossische Zeitung schrieb. Er zog 1906 aus seiner Junggesellenwohnung in eine größere am Luisenplatz.
  • Im Haus Nr. 54 wohnte Konrad Adenauer als Präsident des Preußischen Staatsrats von Mai 1931 bis März 1933.
  • Im Haus Nr. 63 wohnte Jacob Burckhardt seit dem 27. September 1841, seitdem er von seinen Reisen durch das Rheinland und Belgien nach Berlin zurückgekehrt war. Er unterrichtete hier den Sohn des holländischen Gesandten („von 11 Uhr morgens bis 9 Uhr abends“) und gab Stellung und Wohnung Ende September 1842 wieder auf, um an den Schiffbauerdamm zu ziehen.
  • Im Haus Nr. 68 wohnte in den Wintermonaten 1830/1831 Friedrich de la Motte Fouqué, der Verfasser der Undine.
  • Im Haus Nr. 73 befand sich das Palais des Grafen Schwerin. Hier hatte der Philosoph Friedrich Schleiermacher seine letzte Wohnung. Er starb in diesem Haus am 12. Februar 1834 an einer Lungenentzündung.
  • Im Haus Nr. 78 wohnten zwei Wochen nach ihrer Heirat Achim und Bettina von Arnim (geborene Bettina Brentano) im Gartenhaus des Vossischen Palais. Das Palais lag an der jetzigen Kreuzung Wilhelm-/Voßstraße. Im Frühjahr 1814 zog man aus finanziellen Gründen auf das Gut Wiepersdorf bei Jüterbog zurück.
  • In das damals neu erbaute Haus Nr. 97 zog 1836 der Schriftsteller Willibald Alexis ein, von der Zimmerstraße her. Es wurde bald eine Begegnungsstätte der literarischen und künstlerischen Gesellschaft Berlins. Im Herbst 1837 zog Emanuel Geibel von der Französischen Straße zu ihm und genoss die „großartige Aussicht von meinem Turmzimmer“. Das Haus musste später dem Durchbruch der Zimmerstraße Platz machen.
  • Haus Nr. 102 war das Prinz-Albrecht-Palais, in dem von 1772 bis 1787 Amalie von Preußen und später Prinz Albrecht von Preußen lebten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut Engel, Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Geschichtsmeile Wilhelmstraße. Akademie-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-05-003058-5.
  • Laurenz Demps: Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht. 4. stark veränderte Auflage. Ch. Links Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-597-3.
  • Melanie Mertens: Berliner Barockpaläste. Die Entstehung eines Bautyps in der Zeit der ersten preußischen Könige. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-7861-2366-7 (Berliner Schriften zur Kunst 14), (Zugleich: Berlin, Freie Univ., Diss., 1999).
  • Andreas Nachama (Hrsg.): Die Wilhelmstraße – Regierungsviertel im Wandel. Wilhelmstraße – The Government Quater through the centuries. Stiftung Topographie des Terrors, Berlin 2007, ISBN 978-3-9811677-0-2.
  • Christoph Neubauer: Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Flashback-Medienverlag, Frankfurt (Oder) 2010, ISBN 978-3-9813977-0-3.
  • Claudia Steur: Geschichtsmeile Wilhelmstraße. Historic Wilhelmstraße. Stiftung Topographie des Terrors, Berlin 2006, ISBN 3-9807205-9-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelmstraße (Berlin) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Berliner Denkmalliste.
  2. Sperre mit Pollern vor britischer Botschaft könnte weichen. In: Der Tagesspiegel, 25. Februar 2014
  3. Buchplan Berlin VEB Tourist Verlag, Berlin/Leipzig 1988.
  4. Buchplan Berlin. VEB Tourist Verlag, Berlin/Leipzig 1980, ISBN 3-350-00155-6, S. 52–54.
  5. Stippvisite im Regierungsviertel. Auf den Spuren berühmter Berliner: Konrad Adenauer in der Wilhelmstraße. In: Berliner Zeitung, 10. März 2010.
  6. Baudenkmal Gemeindeschule
  7. Baudenkmal Botschaftsgebäude
  8. Presseeinladung „Denkzeichen für Georg Elser wird übergeben“

52.50972222222213.384166666667Koordinaten: 52° 30′ 35″ N, 13° 23′ 3″ O