Willi Stoph

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Willi Stoph (1976)

Willi Stoph (* 9. Juli 1914 in Berlin-Schöneberg; † 13. April 1999 in Berlin) war ein deutscher Politiker (SED) sowie Armeegeneral und gehörte von der Gründung bis zum Zerfall der DDR deren innerstem Machtzirkel an. Von 1973 bis 1976 war er Vorsitzender des Staatsrats und somit Staatsoberhaupt der DDR, von 1964 bis 1973 und erneut von 1976 bis 1989 Vorsitzender des Ministerrates der DDR, was dem Amt eines Ministerpräsidenten entsprach.

Biografie[Bearbeiten]

Kindheit, Ausbildung, Krieg[Bearbeiten]

Willi Stoph wurde am 9. Juli 1914 im Viertel Rote Insel in Berlin-Schöneberg als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach Besuch der Volksschule schloss er in Berlin eine Maurerlehre ab.

Als Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD) arbeitete Stoph in verschiedenen Funktionen. 1931 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Willi Stoph verdiente seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten als Maurer. Er arbeitete beim KPD-Nachrichtendienst und beteiligte sich am kommunistischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Von 1935 bis 1937 leistete er seinen Wehrdienst bei einem Artillerieregiment in Brandenburg an der Havel ab und wurde als Oberkanonier entlassen.

1939/1940 arbeitete er als Bautechniker in einem Architekturbüro in Berlin. 1940 wurde Stoph zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen. 1942 wurde er im Russlandfeldzug verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz.[1] 1943 betätigte er sich illegal politisch und hatte Verbindungen zur Widerstandsgruppe um Anton Saefkow. Im April 1945 geriet er, inzwischen nach eigenen Angaben mit dem Dienstgrad eines Stabsgefreiten, in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Politische Karriere in der DDR[Bearbeiten]

Stoph bei einem Festakt 1952.
Stoph (rechts) in Uniform als Generaloberst der NVA 1957.

Im Juli 1945 flüchtete er aus dem sowjetischen Gefangenenlager Deutsch Eylau, Ostpreußen (heute Iława, Polen). Georg Mrohs, ein Mitgefangener, verkleidete sich als russischer Soldat und führte Willi Stoph und einen weiteren Kameraden aus dem Lager. Am 22. Juli erreichten sie Berlin.

Willi Stoph wurde Leiter der Abteilung Baustoffindustrie und Bauwirtschaft des KPD-Vorstandes. 1948 wurde er Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik beim SED-Parteivorstand. Von 1950 bis 1952 war er Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der Volkskammer, Leiter des Büros für Wirtschaftsfragen beim Ministerrat der DDR und an der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und dem Ausbau der Kasernierten Volkspolizei (KVP) beteiligt. 1950 wurde Willi Stoph Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED und Abgeordneter der Volkskammer. Beides blieb er bis zum Ende der SED-Herrschaft in der DDR im Jahre 1989.

Von Mai 1952 bis Juni 1955 war Stoph Minister des Innern der DDR. In dieser Funktion hatte er offiziell die Verfügung über alle bewaffneten Kräfte der DDR. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 wurde Stoph Mitglied des Politbüros des ZK der SED. Von 1954 bis 1962 war er stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates. 1955 wurde Willi Stoph zum Generaloberst ernannt und war dann verantwortlich für die Kasernierte Volkspolizei (KVP), das MfS, das Amt für Technik, das Amt für Kernforschung und Kerntechnik sowie für den Wissenschaftlichen Rat für die friedliche Anwendung der Atomenergie.

Von 1956 bis 1960 war Willi Stoph Minister für Nationale Verteidigung und in dieser Funktion einer der Stellvertreter des Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte der Warschauer-Vertrags-Staaten. 1959 erfolgte seine Beförderung zum Armeegeneral. 1960 wurde Stoph mit der Koordinierung und Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse des ZK der SED und des Ministerrates im Staatsapparat beauftragt. Von 1962 bis 1964 war er 1. Stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates. 1963/1964 war er Mitglied des Staatsrates.

Treffen mit Willy Brandt am 19. März 1970 in Erfurt

Von 1964 bis 1973 war Willi Stoph als Nachfolger des verstorbenen Otto Grotewohl Vorsitzender des Ministerrates und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats. Stoph versuchte 1967 mit einem Brief an Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger deutsch-deutsche Gespräche in Gang zu bringen. 1970 traf er sich mit Bundeskanzler Willy Brandt erst in Erfurt, dann in Kassel.

Nach dem Tod Walter Ulbrichts 1973 wurde Stoph Vorsitzender des Staatsrates und somit Staatsoberhaupt der DDR. Nach den Volkskammerwahlen 1976 wurde die Staats- und Parteispitze umgestaltet. Erich Honecker, der bereits seit 1971 Erster Sekretär des ZK der SED war, übernahm das Amt des Vorsitzenden des Staatsrats und hatte seitdem – wie vor ihm bereits Ulbricht – die höchsten Ämter in Partei und Staat in Personalunion inne. Stoph wurde wieder Vorsitzender des Ministerrates und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats. Im sozialistischen Deutschland galt er als ein Mensch von unnahbarer Strenge, soldatischer Disziplin und Beschlusstreue bis zum Äußersten. Außerdem hing ihm der Spitzname Roter Preuße an.

Wende in der DDR[Bearbeiten]

Neujahrsansprache 1974

Willi Stophs Worte „Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen.“ leiteten am 18. Oktober 1989 den Rücktritt Erich Honeckers ein. Unter andauerndem Druck durch Massenflucht und Demonstrationen sowie durch Einwirkung von Egon Krenz, Günter Schabowski und Hans Modrow trat Stoph am 7. November gemeinsam mit seiner Regierung zurück. Bis zur Neubildung der Regierung unter dem bisherigen SED-Bezirkschef von Dresden Hans Modrow blieb Stoph geschäftsführend im Amt. Er bekannte vor der Volkskammer, dass der Ministerrat seine politische Verantwortung gemäß der Verfassung nicht wahrgenommen habe. Honecker und Günter Mittag bezeichnete er als die Hauptverantwortlichen für das Scheitern der DDR.

Am 8. November trat das gesamte Politbüro des ZK der SED (damit auch Stoph) zurück. Am 17. November wurde Willi Stoph als Mitglied des Staatsrates abberufen und schied aus der Volkskammer aus. Am 3. Dezember wurde er durch das ZK der SED aus der Partei ausgeschlossen. Wie alle SED-Politbüromitglieder musste er seinen privaten Wohnsitz in der Waldsiedlung Wandlitz verlassen. Am 8. Dezember wurde durch den Generalstaatsanwalt ein Ermittlungsverfahren unter dem Verdacht des Amtsmissbrauches und der Korruption zum Schaden der Volkswirtschaft und zur persönlichen Bereicherung gegen Willi Stoph eingeleitet und er wurde verhaftet. Im November war ein Jagdhaus Stophs inmitten eines Naturschutzgebietes an der Müritz entdeckt worden. Im Februar 1990 wurde er jedoch aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen und versuchte politisches Asyl in der Sowjetunion zu bekommen. Die Führung der KPdSU reagierte allerdings nicht auf sein Ansinnen.

Anklage nach der Wende[Bearbeiten]

Im Mai 1991 wurde Willi Stoph in Zusammenhang mit den Todesopfern an der Berliner Mauer verhaftet. Aus gesundheitlichen Gründen erfuhr er im August 1992 Haftverschonung und wurde am 14. August 1992 aus der Untersuchungshaft entlassen. Im November wurde das Verfahren gegen Stoph und weitere fünf ehemalige DDR-Spitzenpolitiker vor dem Landgericht Berlin eröffnet. Im Juni 1993 wurde das Verfahren gegen Stoph wegen Verhandlungsunfähigkeit endgültig eingestellt. Am 10. Oktober 1994 entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass Stoph sein 1990 beschlagnahmtes Sparguthaben in Höhe von 200.000 DM nicht zurückerhielt.

Willi Stoph starb am 13. April 1999 in Berlin und wurde im heutigen Wildau beigesetzt.

Schriften[Bearbeiten]

  • Zur weiteren Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR. Reden und Aufsätze. Dietz-Verlag, Berlin 1974.
  • Für das Erstarken unseres sozialistischen Staates. Ausgewählte Reden und Aufsätze. Dietz-Verlag, Berlin 1979.
  • DDR – Staat des Sozialismus und des Friedens. Ausgewählte Reden und Aufsätze. Dietz-Verlag, Berlin 1984.
  • Sozialismus und Frieden zum Wohle des Volkes. Ausgewählte Reden und Aufsätze. Dietz-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-320-01343-2.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Willi Stoph – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jan Eik: Besondere Vorkommnisse. Politische Affären und Attentate in der DDR. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Das Neue Berlin, Berlin 2006, ISBN 3-360-00766-2, S. 83.