William L. Shirer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
William L. Shirer (1961)

William Lawrence Shirer (* 23. Februar 1904 in Chicago; † 28. Dezember 1993 in Boston) war ein US-amerikanischer Historiker, Journalist und Publizist. Er gilt als der bekannteste jener unabhängigen Zeitzeugen, die als Journalisten, Diplomaten oder Geschäftsleute über das Leben im Dritten Reich berichteten. Seine wichtigsten Bücher, sein „Berliner Tagebuch“ und die 1960 erschienene Studie Aufstieg und Fall des Dritten Reiches wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt.

Familie und Ausbildung[Bearbeiten]

William Lawrence Shirer wurde als Sohn von Seward Smith Shirer und Bessie Tanner geboren. Er hatte einen jüngeren Bruder und eine ältere Schwester. Der Vater war Bezirksstaatsanwalt in Chicago und starb 1913 als Folge einer Blinddarmentzündung an einer Bauchfellentzündung. Die Mutter ging mit ihren allesamt minderjährigen Kindern zurück zu ihrer Familie nach Cedar Rapids in Iowa, wo Shirer die Washington High School und anschließend das Coe College besuchte. Bereits während seiner Schul- und Studentenzeit berichtete der Junge für die Schülerzeitung des Colleges und die Sportseite des Cedar Rapids Republican.

1931 heiratete Shirer in Wien die österreichische Fotografin Theresa Stiberitz, mit der er zwei Töchter hatte, Inga und Linda. 1961 (?)[1] ließ sich das Paar scheiden, und Shirer heiratete Irina Lugovskaya. Die zweite Ehe blieb kinderlos.

Tätigkeit[Bearbeiten]

Shirer war von 1925 bis 1933 als Auslandskorrespondent für die Zeitung Chicago Tribune tätig und 1925 zunächst in Paris stationiert, um anschließend den Nahen Osten, Britisch-Indien und Europa zu bereisen. Von 1926 bis 1932 war er Leiter des europäischen Büros. Zwischen 1934 und 1940 lebte und arbeitete er in Berlin, bis 1937 als Korrespondent der Nachrichtenagentur Universal News Service von William Randolph Hearst.

Dann lernte er Ed Murrow kennen, der 1937 als Direktor von CBS Europa nach London versetzt wurde und Shirer als Europaberichterstatter und Rundfunkreporter für die „Columbia Broadcasting Berlin“ mit Standort Berlin engagierte. Sie wurden enge Freunde. Der Rundfunkjournalismus steckte noch in den Kinderschuhen, als sich Shirer und sein Kollege und Vorgesetzter Ed Murrow daran machten, Rundfunknachrichten nicht nur als Schlagzeilen, sondern als unmittelbaren Nachrichtenjournalismus mit einem ganz eigenen Format zu senden. Das erste Mal überhaupt gab es direkte Nachrichtenübertragungen, vor Ort, aus verschiedenen Städten. Das ganze Potential des neuen Mediums wurde gerade erst erforscht, als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, das Radio zum Massenmedium aufstieg und auch für Propaganda genutzt wurde. Die erste große Reportage der beiden war ein Bericht über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.

Die Sternstunde seiner Karriere erlebte Shirer aber am 21. Juni 1940, als er von einer kleinen Lichtung im Wald von Compiègne aus direkt über die für Frankreich so demütigende Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens berichtete. In dieser Zeit wurden die Bedingungen für Auslandskorrespondenten im Dritten Reich immer schwieriger. Frustriert von der zunehmenden Zensur und den schlechten Arbeitsbedingungen reiste Shirer im Herbst 1940 aus Berlin aus. Er verließ Deutschland, noch bevor die Nationalsozialisten ihn wegen angeblicher Spionage anklagen und festsetzen konnten.

1946 kam Shirer nach Deutschland zurück und nahm als Beobachter an den Nürnberger Prozessen teil.

1947 kehrte Shirer in die USA zurück; Zusammenarbeit und Freundschaft von Murrow und Shirer wurden durch das Ausscheiden Shirers bei CBS beendet. Der Sponsor seiner Sendung hatte sich zurückgezogen, einen Ersatz gab es nicht, was Auswirkung auf die Bezahlung Shirers hatte. Shirer behauptete, Murrow und der Sender hätten ihn fallen gelassen, nachdem er sich kritisch über die Truman-Doktrin geäußert hatte.

Fortan widmete sich Shirer schriftstellerischer Tätigkeit. 1960 erschien sein umfangreiches Werk Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, eine der ersten umfassenden Analysen Nazideutschlands, das sich auf 485 Tonnen Originaldokumente aus den verschiedenen Archiven der Regierung der Nationalsozialisten stützt. Dafür erhielt er im selben Jahr in der Kategorie Sachbuch den National Book Award sowie vom Branchenblatt Publisher Weekly den Carey-Thomas Award.[2] Die deutsche Übersetzung folgte 1961. 1983 wurde er mit dem George Polk Award für Journalismus ausgezeichnet.

Shirer starb im Alter von 89 Jahren im Massachusetts General Hospital, wo er mit Herzproblemen eingeliefert worden war.[3]

Werke[Bearbeiten]

  • Berlin Diary: The Journal of a Foreign Correspondent, 1934–1941 (1941)
  • End of a Berlin Diary (1947)
  • The Traitor (1950, Roman)
  • Mid-century Journey (1952)
  • Stranger Come Home (1954, Roman)
  • The Challenge of Scandinavia (1955)
  • The Consul's Wife (1956, Roman)
  • The Rise and Fall of the Third Reich: A History of Nazi Germany (1960)
  • The Rise and Fall of Adolf Hitler (1961)
  • The Sinking of the Bismarck (1962)
  • The Collapse of the Third Republic: An Inquiry into the Fall of France in 1940 (1969)
  • The Start 1904-1930 (20th Century Journey/A Memoir of a Life and the Times, Band I, 1976, Memoiren)
  • Gandhi: A Memoir (1979)
  • The Nightmare Years 1930-1940 (20th Century Journey/A Memoir of a Life and the Times, Band II, 1984, Memoiren)
  • A Native's Return 1945-1988 (20th Century Journey, A Memoir of a Life and the Times, Band III; 1990, Memoiren)
  • Love and Hatred: The Troubled Marriage of Leo and Sonya Tolstoy (1994)

In deutscher Übersetzung erschienen insbesondere:

Literatur[Bearbeiten]

  •  Michael Strobl: Hitler will Frieden. Der US-Journalist William L. Shirer hat sein berühmtes „Berliner Tagebuch” vor Erscheinen 1941 kräftig „redigiert”. In: Die Zeit. Nr. 32, 2. August 2012, S. 17 (online).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die NYT schreibt 1970, People 1972
  2. Rosenfeld, Gavriel D.: The Reception of William L. Shirer's the Rise and Fall of the Third Reich in the United States and West Germany, 1960–62. In: Journal of Contemporary History. 29, Nr. 1, 1995, S. 95–128. doi:10.1177/002200949402900104.
  3. http://www.nytimes.com/1993/12/29/obituaries/william-l-shirer-author-is-dead-at-89.html