Winter 1962/63 in Europa

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Winter 1962/63
Temperaturanomalie 12/1962-2/1963, bezogen auf den Mittelwert 1949–1978
Temperaturanomalie 12/1962-2/1963, bezogen auf den Mittelwert 1949–1978
Klassifikation Kältewelle
Daten
1. Kälteeinbruch Mitte November 1962
Ende des Dauerfrosts 5./8. März
Kältesumme 1000° (Fichtelberg, ‎1.11.–31.3.)
Jährlichkeit (gesamt) 100–250 (Scherhag, 1963)[1]
Folgen
Betroffene Gebiete ganz Europa, besonders Nordwest-Mitteleuropa

Der Winter der Jahre 1962 auf 1963 war für ganz Europa einer der strengsten Winter des 20. Jahrhunderts. Für Mittel- und Westeuropa bemerkenswert ist seine ungewöhnlich lange Frostdauer, die sich im Bereich eines 250-jährigen Ereignisses bewegt.

Klimatologie und Synopse[Bearbeiten]

Packeis der Ostsee bei Kap Arkona, Rügen, Februar 1963

Der Winter 1962/63 gehört mit den drei strengen Kriegswintern von 1939/40 bis 1941/42 und dem Nachkriegswinter 1946/47 zu einer klimatologischen Kühlphase, die vom Ende der 1930er bis in die späteren 1960er Jahre andauerte,[2] und eine Unterbrechung im sonst relativ kontinuierlichen Anstieg vom Pessimum der Kleinen Eiszeit des 18./19. Jahrhunderts bis zum Modernen Optimum/Klimawandel des ausgehenden 20. Jahrhunderts darstellt.

Der Winter[3][4] begann mit Schnee Mitte November 1962 und einem polaren Kaltluftvorstoß im dritten Drittel des Monats. Schon früh im Winter bildeten sich ein starkes Grönlandhoch und eine Hochdruckbrücke zum Azorenhoch aus; diese Aktionssituation war den ganzen Winter wetterbestimmend.[5] Die erste Kältewelle dauerte etwa bis zum 9. Dezember, eine zweite Periode begann mit Schneefällen in Westeuropa Mitte Dezember und einem Temperatursturz am 22./23. Dezember 1962, bis Silvester. Dann folgte eine lange Schönwetter- und Frostperiode von Januar bis Ende Februar.[6] Eine kurze Entspannung brachte eine Wärmephase vom 20. bis 23. Februar 1963 mit einer weiteren zweiwöchigen Frostperiode.[6] Erst ein atlantisches Tauwetter um den 5. bis 8. März beendete die über dreimonatige Frostperiode Mitteleuropas.[5]

Der Winter zeigte insgesamt negative Abweichungen vom Normalwinter in ganz Europa, mit zwei Zentren von –6 °C für Mitteldeutschland und der Raum DanzigKaliningrad an der Ostsee, und –4 °C von Südschweden bis zum ganzen Alpenraum.[7]

Parallel zeigte sich auch eine abnorme Winterkälte in Nordamerika und dem mittleren Ostasien (Japan, chinesische Küste), während Vorderasien, Sibirien und Alaska einen ausnehmend milden Winter erlebten.

Abschätzung der Jährlichkeit[Bearbeiten]

In Zentraleuropa war der Winter gravierend strenger als die Kriegswinter oder die Kältewelle 1956, der Winter 1995/1996 war noch deutlich länger (Frostende erste/zweite Aprilwoche). Im Alpenraum war er zudem ausnehmend schneearm, wo diesbezüglich etwa der katastrophale Lawinenwinter 1951 oder der Lawinenwinter 1999 (Galtür 23. Februar) im 20. Jahrhundert herausragend sind. Herausragend ist aber, dass gebietsweise auch in tiefen Lagen bis zu 120 Eistage in Folge lagen. Damit ist der Winter die größte Kälteperiode seit 1739/40 gewesen.[1]

In Westeuropa fand, wenn auch der Frost nicht durchgehend war, ebenfalls ein wirklicher Jahrhundertwinter statt, er ist dem von 1879/80[8][4] oder gar von 1829/30 vergleichbar.[9] Auf den Britischen Inseln, wo man den Winter The Great Freeze of '63 oder The Long Winter nennt,[10] war er der drittkälteste seit Beginn der Reihe Central England Temperature (CET, ab 1659), der Winter von 1683/84 war deutlich kälter, der Winter 1946/47 schneereicher, aber weniger kalt.[11]

Seither wurde der Winter an Kälte nur in einzelnen Gebieten übertroffen, so derjenige im Mittelmeerraum 1965, oder den Tiefsttemperaturen der Kältewelle Januar 1985.[4]

Auswirkungen und lokales Wettergeschehen[Bearbeiten]

Mitteleuropa[Bearbeiten]

Eislandung im Hafenbecken von Lindau, 9. Februar 1963

In weiten Teilen Mitteleuropas war der Winter zu kalt und insbesondere zu trocken, trotzdem hielt sich die geschlossene Schneedecke des Frühwinters bis in den März. In Osteuropa herrschten strenge Fröste, bis zu –40 °C etwa in Polen.[12] Die Kältesumme, die aufsummierten negativen Tagesmitteltemperaturen, 1. November–31. März, ein Maß für die Strenge eines Winters, betrug an der deutschen Ostseeküste 400°, in Potsdam: 560°, im Brockengebiet 900° und auf dem Fichtelberg 1000° (Normalwert für die damalige DDR: 150°).[13] Die Zahl der Frosttage lag 120–170 %, die der Eistage 200–300 % über dem Normal (ebenfalls Gebiet der DDR).[12]

Die westliche Ostsee war komplett vereist.[12] In Würzburg fror Ende Dezember der Main vollständig zu,[12] ebenso der Zürichsee[6] und der Bodensee[14] (und andere Alpenseen, vergl. Seegfrörni).

Temperaturen in Würzburg im Jahr 1963

Westeuropa[Bearbeiten]

Schneemengen in Overtown, Lancashire

In den Französischen Alpen waren schon Mitte Dezember enorme Schneemengen gefallen, und hatten zahlreiche Winterurlauber eingeschneit.[8] In England brachte ein Schneesturm 29.–30 Dezember bis zu einem halben Meter Schnee und enorme Schneeverwehungen,[15] die auch auf Frankreich übergriffen.[8] Im Januar waren in England Temperaturen bis −16 °C zu vermerken,[15] mit überfrierendem Nebel als Hauptproblem.[16] In Frankreich sanken die Temperaturen bis unter -26 °C (Amberieu, Vichy, 23. Januar)[4]

Auch das IJsselmeer fror zu, auf dem holländischen Wattenmeer schwammen Eisberge.[17] Vollständig vereist waren auch die Kanäle und Flüsse von den Niederlanden bis Nordostfrankreich,[4] und teilweise Flüsse wie die Seine und die Rhone.[8]

Teile der Ostsee froren zu.[18]

Zwischen Köln und Emmerich konnte man auf dem Rhein spazieren gehen.[19] An der Loreley, der engsten Stelle des Mittelrheintals, kamen die Eisbrecher nicht durch; dort wurde Eis gesprengt.[20]

Von Januar bis März 1963 war der ganze Bodensee zugefroren, zum ersten Mal seit 1830 (ein sehr seltenes Ereignis, weil der Bodensee sehr tief ist). Eisdicken bis 60 cm wurden gemessen.[21] (siehe auch Seegfrörnen des Bodensees)

Auch der Walchensee war komplett zugefroren.[22]

In Mitteldeutschland (damals DDR) war wegen des gefrorenen Bodens der Braunkohleabbau schwierig bis unmöglich. Im Leibnitz-Institut für Länderkunde[23] in Leipzig lagern 100.000 Karteikarten von Curt Weikinn; auf einem Teil dieser Karten ist der Winter 1962/63 dokumentiert.[24]

Am 18. Januar 1963 fand die Elf-Städte-Tour statt, das bedeutendste Natureis-Langstreckenrennen im Eisschnelllauf, (sie konnte von 1909 bis 1997 nur 15mal stattfinden).

Viele Wildtiere verhungerten oder erfroren. Die Dezimierung vieler Populationen und die Bestandsentwicklung danach waren auch Gegenstand der Evolutionsforschung.[25]

Opfer und Schäden[Bearbeiten]

Über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen wenig Daten über gesamtwirtschaftlichen wie auch Versicherungsschaden vor. Die Behinderung im Verkehr wie auch der Gesamtwirtschaft dürften enorm gewesen sein, aber angesichts der meteorologischen wie wirtschaftlichen Lage der Vorjahrzehnte kein Ausnahmeereignis. Große Frostschäden an Fahrbahnen sind bekannt.[4][4]

Auch die Abschätzung der Mortalität (abgesehen von direkten Erfrierungsopfern) ist wenig gesichert. Für Hamburg wurden zeitgenössisch die Sterbefälle im Februar 1963 um 46 % gegenüber dem (normalen) Februar 1961 erhöht ermittelt, im Ruhrgebiet für 6. Februar um 152 % höher als im Vorjahr.[5]

Die europäische Landwirtschaft war nicht so stark betroffen wie beim Kälteeinbruch 1956, weil die Felder bei Frostbeginn unter Schnee lagen.[26][4] Die Phänologie des Frühjahrs war aber um 14 Tage hinter normal, was sich auf die europaweite Obsternte auswirkte,[26] für den Sommer sind aber keine Benachteiligungen mehr nachgewiesen.[27] Als erstaunlich wird bemerkt, dass im Raum Süddeutschland/Schweiz die Schattlagen des Obstes vor den Sonnlagen reiften, wohl, weil sonnseitig die Böden in der langen Schönwetterperiode Januar/Februar ausaperten und die Spätfröste viel tiefer eindrangen.[26]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfdietrich Eichler: Der strenge Winter 1962/1963 und seine vielschichtigen biologischen Auswirkungen in Mitteleuropa. Berlin, eingegangen am 15. Mai 1970. In: Zool.-Bot. Ges. Österreich, S. 53–84 (pdf, landesmuseum.at)
  • F. Lauscher: Die Witterung des strengen Wintors 1962/63 in Österreich. In: Jahrb. Öst. Arbeitskr. Wildtierforschung 1962/63, S. 5–10.
  • R. Scherhag: Die größte Kälteperiode seit 223 Jahren. In: Naturwissenschaftliche Rundschau 16, Stuttgart, 1963, S. 169–174.
  • R. Weise: Vegetation und Witterungsverlauf 1963 im Würzburger Raum. In: Abh. Naturw. Vor. Würzburg, 5/G, Würzburg 1965, S. 195–204.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Kältesumme - eine Maßzahl zur Strenge eines Winters

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Winter 1962 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Winter 1963 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b nach Lit. Scherhag 1963.
  2. gletscherkundlich zeigt sich diese Phase im Maximum der Vorstöße in den Alpen in den 1980ern. Reinhard Böhm: Geschichte der Temperatur. In: Historicum, Frühling 1993, S. 15–24. Zitiert in Karl Schableger: Statistische Analyse klimatologischer Zeitreihen. In: Historical Social Research, Vol. 21, No. 3, 1996, S. 10 (Artikel: S. 4–33; pdf, uni-koeln.de, dort S. 7)
  3. Ausführliche Winteranalyse 1962/63. Geschrieben von Sandro, 3. Oktober 2002 (vom 25. September 2002), In: Wetterzentrale Forum
  4. a b c d e f g h Hiver 1962-63 : persistance de grands froids pendant trois mois, alertes-meteo.com (frz., mit tageweiser Zusammenstellung von Wetterkarten)
  5. a b c Lit. Eichler, S. 55 f (pdf S. 3 f).
  6. a b c Seegfrörni 1962/1963, stadt-zuerich.ch
  7. vergl. Abb. 1. Abweichungen der Mitteltemperatur von Dezember 1962 bis Februar 1963 vom Normalwinter in Mitteleuropa. Nach einer Darstellung in Tägl. Wetterber. d. Meteorolog. Dienstes d. DDR, Leipzig 1963, S 117. Wiedergegeben in Eichler, S. 55 (pdf S. 3).
  8. a b c d Les hivers en France: L’hiver le plus long, meteo-paris.com (frz.)
  9. De koudste winter van de eeuw. knmi.nl, 1. Januar 2009
  10. The Great Freeze of '63, Histories of Windsor, The Royal Windsor Web Site, thamesweb.co.uk; vergl. en:Winter of 1962–1963 in the United Kingdom
  11. The Long Winter 1962-63. Paperback, The Guardian, zitiert in The winter of 1963. paraffinwinter.org.uk
  12. a b c d Lit. Eichler, S. 57 (pdf S. 5).
  13. Eichler, S. 56 f (pdf S. 4 f).
  14. Seegfrörne des Bodensees von 1963
  15. a b Kat Keogh: Sunday Mercury recalls 1963's big freeze in the West Midlands. In: Sunday Mercury., 20. Dezember 2010
  16. Pathe news reel, January 1963 (Video, 3:18) Abgerufen am 3. Juni 2012.
  17. De koudste winter van de eeuw. knmi.nl, 1. Januar 2009; Anton de Wijk: De winter van 1963 van dag tot dag.; vergl. nl:Winter van 1962-1963
  18. Der Spiegel 4/1963: Preußen allein
  19. Kölner Stadtanzeiger: war,15189504,21680204.html Als der Rhein zugefroren war
  20. NZZ
  21. Eis, so weit das Auge reicht
  22. Walchensee zugefroren: Der singende See im Eiswinter 1963
  23. Homepage
  24. mdr.de: Die Extremwinter von Mitteldeutschland
  25. Prof. Wolfdietrich Eichler: Der strenge Winter 1962/1963 und seine vielschichtigen biologischen Auswirkungen in Mitteleuropa (pdf, 32 S.)
  26. a b c Eichler: Kap. 4. Auswirkungen auf die Pflanzenwelt, S. 78
  27. etwa: H. Roller: Markante Abschnitte des phänologischen Jahresablaufes im Gebiet von Linz/Donau. In: Linzer Atlas 5, Linz 1966. Angabe in Eichler, S. 77