Winterdepression

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Klassifikation nach ICD-10
F33.0
bzw. F33.1
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bzw.
mittelgradige Episode
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Die Winterdepression oder saisonal-affektive Störung (auch SAD von Seasonal Affective Disorder; von der Jahreszeit abhängige emotionale Störung) ist eine depressive Störung, die in den Herbst- und Wintermonaten auftritt. Als Sonderform der affektiven Störungen ist sie im ICD-10 den rezidivierenden depressiven Störungen zugeordnet.

Neben den depressiven Symptomen einer bedrückten Stimmung, Reduzierung des Energieniveaus und Ängstlichkeit kommen für Depressionen atypische Symptome hinzu wie Verlängerung der Schlafdauer, verstärkter Appetit auf Süßigkeiten (Kohlehydratheißhunger) und Gewichtszunahme. Dagegen treten bei der saisonal unabhängigen Depression eher Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme und Schlafverkürzung auf.[1]

Ursachen[Bearbeiten]

Als eine Ursache werden Störungen des biologischen Tagesrhythmus angenommen. Es bestehen hierzu unterschiedliche Annahmen. Eine besagt, dass die Symptomatik der SAD-Patienten in Zusammenhang mit dem Serotonin-Melatonin-Stoffwechsel steht.[2] Lichteinfall auf die Netzhaut wirkt als Zeitgeber, indem es dort vermehrt Melanopsin bilden lässt. Das mittags vorherrschende kurzwellige (blau-betonte) Licht wirkt hierbei stark, das eher langwellige (rot-betonte) Licht der Abenddämmerung wenig. Unter dem Einfluss des Melanopsins senden spezielle fotosensitive Ganglienzellen Signale in das Gehirn, das darauf die innere Uhr des Organismus auf Tagesaktivität einstellt. In der Zirbeldrüse (Epiphyse) des Gehirns des Menschen befinden sich viele Serotonin produzierende Zellen. Im Rahmen der Tagesaktivierung schütten diese Zellen verstärkt Serotonin aus. Es wirkt stimmungsaufhellend. Dagegen wird die Bildung von Melatonin aus Tryptophan und Serotonin durch auf die Netzhaut des Auges gelangende Lichtreize gehemmt, so dass die Melatoninkonzentration des Gehirns tagsüber gering ist, nachts dagegen mit einem Maximum gegen drei Uhr morgens um ein Mehrfaches ansteigt. Es ist umstritten, ob Melatonin Depressionen auslöst,[2] anerkannt ist aber, dass es das Schlafbedürfnis erhöht. Diesem täglichen (circadianen) Rhythmus überlagert sich mit zunehmendem Abstand von den Tropen ein jahreszeitlicher (saisonaler): Im Winter führen die in den höheren Breiten gegenüber dem Sommer längeren Dunkelphasen zu allgemein verringerten Serotonin- und erhöhten Melatonin-Werten. Daraus resultiert dann bei einigen Menschen die saisonale (winterliche) Depression. Die von der asaisonalen Depression abweichenden Symptome der Winterdepression (vermehrte Schlafneigung, erhöhter Appetit) lassen sich also mit einer tagsüber verminderten Serotonin- und erhöhten Melatoninproduktion erklären. Einige Wissenschaftler argumentieren, dass diese jahreszeitlichen Schwankungen ursprünglich keinen Krankheitswert hatten, sondern im Gegenteil eine wichtige Bedeutung für das Überleben der Gruppe gehabt haben könnten. Die Tatsache, dass der Organismus als Reaktion auf die kürzer werdenden Tage mit Schonung der eigenen Ressourcen (etwa durch vermehrten Schlaf) und Gewichtszunahme reagiert, war nach dieser Theorie ein überlebenswichtiger Vorteil. Problematisch sei dieser Mechanismus erst in der modernen westlichen Gesellschaft geworden, in der Ressourcen zu allen Jahreszeiten im Überfluss zur Verfügung stehen und Aktivität unabhängig von der Jahreszeit gefordert wird.[3]

Behandlung[Bearbeiten]

Wie bei allen Erkrankungen sollte zunächst eine kausale Therapie versucht werden.

Ursächliche Behandlung[Bearbeiten]

Die Lichttherapie, eine der möglichen Behandlungsmethoden bei Winterdepressionen

Durch Wiederherstellen der Zeitgeber für die Produktion von Serotonin und Melatonin kann der Winterdepression entgegengewirkt werden. Sinnvoll ist daher vor allem ausreichend Licht am frühen Morgen. Im Rahmen einer Lichttherapie reichen bereits wenige hundert Lux Lichteinfall auf die Netzhaut über ein bis zwei Stunden vor 6 Uhr morgens („in der Dämmerung“).[4] [5] Bei einem Abstand der Augen von der Lichtquelle von etwa 1 m erzeugt eine Lichtquelle heute im Handel verfügbarer hoher Energieeffizienz beispielsweise in LED- oder „Energiesparlampen“ bereits mit weniger als 10 Watt Energieverbrauch einen Lichtstrom (lumen), der eine solchen Lichteinfall auf die Netzhaut bewirkt.[6] In Innenräumen mit üblicher Beleuchtung dagegen liegt der Lichteinfall auf die Netzhaut oft unter 100 lux. Erfolgt der Lichteinfall erst später am Morgen, wird offenbar zur Aufhellung der Stimmungslage ein Lichteinfall von mehreren tausend Lux benötigt.[7] An einem Sommertag beträgt allerdings die Beleuchtungsstärke unter freiem Himmel etwa 100.000 lux.[2] Um den Übergang in den Schlaf zu erleichtern, ist abends zu viel Licht zu meiden. Die Zufuhr von Serotonin scheidet als Maßnahme gegen die Winterdepression aus, weil es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann.

Symptomatische Behandlung[Bearbeiten]

Sollte eine ursächliche Behandlung nicht möglich sein, können ersatzweise die Symptome durch Antidepressiva behandelt werden.

So können industriell erzeugte Antidepressiva eingesetzt werden wie z. B. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer oder atypische Antidepressiva wie der selektive Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer Bupropion.

In der Pflanzenheilkunde wird beispielsweise Rosenwurz zur Linderung der Symptome der Winterdepression angewandt.[8]

Geschichte[Bearbeiten]

Winterdepressionen wurden bereits in der Antike von Hippokrates und Aretaios beschrieben.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. C. Simhandl & K. Mitterwachauer: Depression und Manie. Wien 2007, S. 35.
  2. a b c Lydia Klöckner, Dieter Kunz: Lichtmangel - "Wir befinden uns im Energiesparmodus" Interview mit Dieter Kunz, in: Die Zeit, 5. November 2012
  3. J. Kalbitzer, U. Kalbitzer, G. M. Knudsen, P. Cumming, A. Heinz: How the cerebral serotonin homeostasis predicts environmental changes: a model to explain seasonal changes of brain 5-HTT as intermediate phenotype of the 5-HTTLPR. In: Psychopharmacology. Band 230, Nummer 3, Dezember 2013, S. 333–343.
  4. David H. Avery u.a.: Dawn simulation and bright light in the treatment of SAD: a controlled study. Biological Psychiatry, Volume 50, Issue 3, 1 August 2001, Pages 205–216 doi:10.1016/S0006-3223(01)01200-8 Abstract
  5. R.N. Golden u.a.: The efficacy of light therapy in the treatment of mood disorders: A review and meta-analysis of the evidence. Am J Psychiatry 2005; 162: 656–662 PMID 15800134 Abstract
  6. Online-Rechner für das Verhältnis von Lichtstrom, Entfernung, Abstrahlwinkel und resultierender Beleuchtungsstärke (kommerzielle Website)
  7. A. Wirz-Justice u.a.: Dose relationships of morning bright white light in seasonal affective disorders (SAD). Experientia, 15 Mai 1987, Band 43, Ausg. 5, S. 574-576 Abstract
  8. J. Sarris, A. Panossian, I. Schweitzer, C. Stough, A. Scholey: Herbal medicine for depression, anxiety and insomnia: a review of psychopharmacology and clinical evidence. In: European Neuropsychopharmacology. Band 21, Nummer 12, Dezember 2011, S. 841–860, ISSN 1873-7862. doi:10.1016/j.euroneuro.2011.04.002. PMID 21601431.
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