Wir sind das Volk

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„Wir sind das Volk“ aus dem letzten Briefmarkenjahrgang der DDR (Ausgabetag: 28. Februar 1990)

Wir sind das Volk“ ist eine Parole, die die Demonstranten während der Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR als Sprechchor riefen.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Verwendung in der Vergangenheit

„Wir sind das Volk“ kam in Deutschland mehrfach anlässlich politischer Umbruchsituationen auf, erlangte aber auch im Ausland Bekanntheit.

In der deutschsprachigen Literatur wird die Parole von Georg Büchner in seinem Revolutionsdrama Dantons Tod verwendet, wo er sie einen Bürger ausrufen lässt, nachdem Robespierre feststellt, dass der Wille des Volkes das Gesetz sei:

„Erster Bürger.
Wir sind das Volk und wir wollen, daß kein Gesetz sei, ergo ist
dieser Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes gibts kein Gesetz
mehr, ergo totgeschlagen!“[1]

Dann 1848 während der Zeit der Märzrevolution prägte Ferdinand Freiligrath die Phrase in seinem Gedicht Trotz alledem, in dem es in der siebenten und letzten Strophe heißt:

„Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
Sind ewig drum, trotz alledem!“

In der Zeit des Nationalsozialismus behandelte der Philosoph Martin Heidegger den Satz 1934 in einer Vorlesung über Logik. Heidegger war kurz zuvor nach knapp einem Jahr aus Uneinigkeit über die Hochschulpolitik vom Amt des Direktors der Freiburger Universität zurückgetreten, das er zum Beginn des nationalsozialistischen Regimes übernommen hatte. Er sagte unter anderem:

„Im Augenblick dieses Begreifens ist unsere Entscheidung gefallen: Wir sind das Volk.“[2]

Eine gewisse Rolle spielt der Spruch auch in dem Film „Taxi Driver“ (1976) von Martin Scorsese mit Robert de Niro in der Titelrolle. Auf seinen einsamen Fahrten durch New York entdeckt dieser plötzlich eine Lichtgestalt, die junge Betsy, gespielt von Cybill Shepherd, die in einem Wahlkampfbüro arbeitet. Hier wirbt der Präsidentschaftskanditat der USA mit dem Slogan:

„We are the people.“

Während der Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR riefen die Demonstranten die Parole als Sprechchor. Bei einer Demonstration am 9. Oktober wurde sie auf einem Flugblatt um die Variante „Wir sind ein Volk“ ergänzt, um die Sicherheitskräfte einzubeziehen und sie somit zum Gewaltverzicht aufzufordern. Letztere zweideutige Formulierung, die sich jedoch unter den Demonstranten im Gegensatz zu „Wir sind das Volk“ zunächst noch nicht verbreitete, wurde von den westdeutschen Medien (vorrangig von der Bild) aufgegriffen und als eine Forderung zur staatlichen Vereinigung zwischen der DDR und der Bundesrepublik interpretiert. Sie verbreitete sich nach der Maueröffnung weiter.[3] Auf diese Ereignisse bezieht sich auch der Film aus dem Jahre 2008 Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen.

Bei den Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau 2004 wurde vielfach an den Slogan angeknüpft, z. B. mit der Transparentaufschrift

„Wir sind das Volk und nicht die Sklaven von Hartz IV“

und der Zeitungsschlagzeile

„Nieder mit Hartz IV, das Volk sind wir“[4]

Der 2004 mit diesen und ähnlichen Slogans ausgedrückten Polarisierung zwischen gerecht und ungerecht behandelten Bürgern wird die Wirkung zugeschrieben, Identität unter den Protestierenden zu stiften. Die Slogans sind als populistisch kritisiert worden, weil sie sich im Namen des Interesses einer Teilgruppe Volkssouveränität anmaßen und zudem auch die Legitimität der ordentlich gewählten Bundesregierung in Zweifel ziehen würden.[5]

[Bearbeiten] Literatur

  • Eberhard Holtmann, Adrienne Krappidel, Sebastian Rehse: Die Droge Populismus. Zur Kritik des politischen Vorurteils, VS Verlag, 2006.

[Bearbeiten] Spielfilm

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Georg Büchner: Dantons Tod. Erster Akt, 2. Szene. In: ders., Werke und Briefe. Hrsg. von Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm, Edda Ziegler. Münchner Ausgabe, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1988, S. 75.
  2. Martin Heidegger, Helene Weiss: Lógica: lecciones de M. Heidegger (semestre verano 1934) en el legado de Helene Weiss (spanisch und deutsch), übersetzt und herausgegeben von Víctor Farías, Anthropos Editorial, 1991, ISBN 8-476583-05-2 (Band 12 von Textos y), S. XXII.
  3. Vanessa Fischer: „Wir sind ein Volk“ – Die Geschichte eines deutschen Rufes, Länderreport Deutschlandradio 2005
  4. Mitteldeutschen Zeitung vom 31. August 2004, zitiert nach E. Holtmann, A. Krappidel, S. Rehse: Die Droge Populismus, 2006, S. 57.
  5. E. Holtmann, A. Krappidel, S. Rehse: Die Droge Populismus, 2006, S. 57.
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