Wirtschaft Liechtensteins

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Liechtenstein
Flag of Liechtenstein.svg
Weltwirtschaftsrang 143.[1]
Währung Schweizer Franken (CHF)
Umrechnungskurs 1 CHF = 0,74674 EUR (13. Oktober 2010)[2]
Handelsorganisationen EWR, EFTA, WTO[3]
Kennzahlen
Bruttoinlandsprodukt (BIP) $ 4,603 Mrd. (nominal) (2007)[1]
$ 4,16 Mrd (PPP) (2007)[1]
BIP pro Kopf $ 134.400 (nominal) (2007)[1]
$ 122.100 (PPP) (2007)[1]
BIP nach Wirtschaftssektor Landwirtschaft: 0,8 % (2009)
Industrie: 41,3 % (2009)
Dienstleistung: 57,9 % (2009)[4]
Wirtschaftswachstum 9,6 % (2010)[5]
Inflationsrate 2,4 % (2008)[6]
Erwerbstätige 18.000 (2008)[7]
Erwerbstätige nach Wirtschaftssektor Landwirtschaft: 1,7 % (2006)
Industrie: 43,5 % (2006)
Dienstleistung: 55,4 % (2006)[1]
Erwerbsquote 50,3 % (2008)
Arbeitslose 545 (Dezember 2009)[8]
Arbeitslosenquote 3,0 % (Dezember 2009)[9]
Außenhandel
Export ca. € 2.3 Mrd. (2009)[10]
Exportgüter Maschinen, Metall(-erzeugnisse), Fahrzeuge[11]
Exportpartner Deutschland: 22 % (2010)
USA: 12,8 % (2010)
Österreich: 11,7 % (2010)[12]
Import ca. € 1,4 Mrd. (2009)[13]
Importgüter Maschinen, Metall(-erzeugnisse), Chem. Erzeugnisse[11]
Importpartner Deutschland: 39,8 % (2010)
Österreich: 34,7 % (2010)
Italien: 3,6 % (2010)[14]
Außenhandelsbilanz ca. € 900 Mio. (2009)
Öffentliche Finanzen
Staatseinnahmen 20,8 % des BIP (2008)[15]
Staatsausgaben 23,2 % des BIP (2008)[15]
Haushaltssaldo 2,4 % des BIP (2008)[15]

Die Wirtschaft des Fürstentums Liechtenstein ist vorwiegend auf den sekundären (Industrie) und den tertiären (Dienstleistung) Wirtschaftssektor konzentriert.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5,3 Milliarden Schweizer Franken[16] liegt Liechtenstein auf dem 143. Platz auf der Liste der Länder nach BIP. Gemessen am BIP pro Kopf steht Liechtenstein mit etwa 130'000 Schweizer Franken aber auf dem ersten Platz.[1] Aufgrund des grossen Anteils an Zupendlern an der Gesamtzahl der in Liechtenstein Erwerbstätigen lassen sich aber kaum Rückschlüsse vom Bruttoinlandsprodukt auf die Einkommenssituation der Bevölkerung ziehen. Und so waren im Jahr 2010 von den 34‘334 in Liechtenstein Beschäftigten über 50 % nicht in Liechtenstein wohnhaft, sondern pendelten vom Ausland zu.[17] Dieser Umstand führt dazu, dass Liechtenstein auch als Wirtschaftsmotor für die weitere Region gilt.

Zudem zählt Liechtenstein zu den stärkst industrialisierten Ländern der Welt – über 40 % der Arbeitskräfte und rund 40 % des Bruttoinlandsproduktes können diesem Wirtschaftszweig zugeordnet werden.[18]

Geschichte[Bearbeiten]

Beginn der Industrialisierung[Bearbeiten]

Der Beginn der Industrialisierung trat in Liechtenstein verhältnismässig spät ein: erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.[19] Diese späte Modernisierung ist vor allem durch die Isolation des Landes bis 1852 erklärbar – denn bis zu diesem Jahr war Liechtenstein fast völlig auf sich allein gestellt und hatte es schwer Handelsverträge mit seinen Nachbarn einzugehen. Die Situation änderte sich aber durch den Zollvertrag mit Österreich-Ungarn von 1852, der es Liechtenstein ermöglichte an die Wirtschaft der Doppelmonarchie eingegliedert zu werden.[20]

Von grosser Bedeutung für den Entwicklungsprozess von Liechtenstein waren ausserdem die seit 1858 neu entstandenen Verkehrsstrukturen: So wurde in diesem und folgenden Jahren eine Eisenbahnlinie von Rorschach nach Chur und die Rheinbrücken Schaan und Bendern erbaut. Und so entstanden in den nächsten Jahren neue Unternehmen, insbesondere in der Textilindustrie.

Zollvertrag mit der Schweiz und weitere Entwicklungen[Bearbeiten]

Doch während des Ersten Weltkrieges verboten die Alliierten die Garnzufuhr über die Schweiz – obwohl Liechtenstein wie im Zweiten Weltkrieg neutral blieb – sodass die Textilindustrie völlig zum Erliegen kam. Damit verbunden war auch die Verarmung der liechtensteinischen Bevölkerung. Mit dem Kriegsende löste Liechtenstein schliesslich den Zollvertrag mit dem Kriegsverlierer Österreich-Ungarn auf.[21]

Nach der Auflösung des Zollvertrags mit Österreich 1919 näherte sich Liechtenstein zunehmend der Schweiz an und schliesslich wurde im Jahr 1923 der bis heute bestehende Zollvertrag mit der Schweiz unterzeichnet.

Liechtenstein blieb auch im Zweiten Weltkrieg neutral und wurde nie in direkte Kriegshandlungen verwickelt. Stattdessen konnte das Fürstentum seine Standortvorteile nutzen und so wurden viele neue Industriebetriebe in Liechtenstein gegründet und ein starkes Wirtschaftswachstum setzte ein.[22]

Im Jahr 1995 erfolgte schliesslich der Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), welcher in Liechtenstein zu einem erneuten Aufschwung der Wirtschaft führte – welcher bis heute anhält.[23]

Wirtschaftsstruktur[Bearbeiten]

Landwirtschaft[Bearbeiten]

Landwirtschaft in Liechtenstein

Im Jahr 2010 waren insgesamt 266 Personen in der Landwirtschaft tätig – was einem Anteil von 0,8 % der Gesamtbeschäftigten entspricht.[24] Diese Beschäftigten teilten sich auf insgesamt 118 Landwirtschaftsbetriebe auf, welche gesamthaft eine Nutzfläche von 3‘669 Hektaren bewirtschafteten. Dabei waren im Jahr 2010 insgesamt 25,4 % der Betriebe im biologischen Landbau tätig. [25]

In Liechtenstein wurden im Jahr 2010 5‘993 Stück Rindvieh, 3‘656 Schafe, 416 Ziegen, 1‘690 Schweine, 12‘626 Nutzhühner, sowie 1‘173 Bienenvölker gehalten.[26]

Industrie[Bearbeiten]

Hauptsitz der Hilti AG in Schaan
Hauptsitz der Hilcona AG in Schaan

Liechtenstein zählt aufgrund des Umstandes, dass über 40 % der Arbeitskräfte und rund 40 % des Bruttoinlandsproduktes im 2. Wirtschaftssektor erwirtschaftet wird, zu den am stärksten industrialisierten Ländern weltweit.[27] Insgesamt waren im Jahr 2010 14‘036 Arbeitnehmer in der Industrie beschäftigt, welche sich auf insgesamt 588 Arbeitsstätten verteilten.[28]

Aussenhandel[Bearbeiten]

Wegen des kleinen Binnenmarktes in Liechtenstein selbst, ist die Industrie stark von Exporten ins Ausland abhängig. Insgesamt wurden im Jahr 2011 272‘274 Tonnen Waren zu einem Wert von rund 3’32 Mrd. CHF ausgeführt. Der Warenexport in die Schweiz ist aufgrund der Zollunion dabei nicht mit eingezogen. Mit rund 24 % der Gesamtexporte wurden 2011 die meisten Güter (Wertemässig) nach Deutschland exportiert (ca. 803 Mio. CHF). Die weiteren wichtigsten Warenabnehmer waren die USA (ca. 380 Mio. CHF), Österreich (ca. 360 Mio. CHF), sowie Frankreich (ca. 286 Mio. CHF). Mit über 27 % hat der Warenexport in die Volksrepublik China im Jahr 2011 besonders stark zugenommen, sodass China bereits heute der 5. wichtigste Abnehmer von Liechtensteinischen Produkten ist.[29]

Im Gegensatz dazu wurden im Jahr 2011 insgesamt Waren im Wert von rund 1.9 Mrd. CHF importiert (ohne Schweiz). Aus Österreich und Deutschland wurden dabei mit je rund 730 Mio. CHF die meisten Waren eingeführt.[30]

Unternehmen[Bearbeiten]

Im Maschinenbau sind mit fast 3‘000 Arbeitnehmer die meisten Beschäftigten tätig. Gefolgt vom Baugewerbe, sowie von der Nahrungsmittelindustrie.[31] Das grösste und wohl auch bekannteste Unternehmen, das in Liechtenstein seine Wurzeln hat, ist der Werkzeughersteller Hilti AG. Weltweit beschäftigt das Unternehmen über 20‘000 Arbeitnehmer – davon rund 1‘900 in Liechtenstein.[32] Die Thyssen Krupp Presta AG mit Hauptsitz in Eschen stellt mit rund 1‘300 Beschäftigten in Liechtenstein das zweit grösste Unternehmen im Fürstentum dar und ist dabei Weltmarktführer für Lenksäulen in PKW.[33] Die Hilcona AG und die Ospelt-Gruppe sind die zwei wichtigsten Nahrungsmittelhersteller in Liechtenstein mit rund 780 bzw. 900 Mitarbeitern.[34] Die Ivoclar Vivadent AG zählt zu den weltweit führenden Unternehmen, welche in der Zahnmedizin tätig sind.[35] Das grösste Industrieunternehmen aus Vaduz ist die Hoval AG, welche im liechtensteinischen Hauptort u. a. Heizungsapparate herstellt. Die OC Oerlikon Balzers zählt ebenfalls mit rund 650 Arbeitnehmern zu den grössten Unternehmen in Liechtenstein und betreibt von Balzers aus ihr Geschäft mit Dünnfilm-Beschichtungen.[36] Zudem besitzt auch die Swarovski AG mit rund 670 Angestellten eine ihrer Hauptniederlassungen in Liechtenstein.[37]

Daneben gibt es zahlreiche weitere Industrieunternehmen, die in ihrem Geschäftsbereich häufig zu den Marktführern zählen.

Dienstleistungen[Bearbeiten]

Der Dienstleistungssektor stellte im Jahr 2010 mit einem Anteil von rund 58 % an der Gesamtbeschäftigtenzahl der grösste Wirtschaftssektor dar.[38] Dabei ist die Tertiärisierung in Liechtenstein aber noch nicht so weit fortgeschritten, wie beispielsweise in den Nachbarstaaten.

Finanzdienstleistungen[Bearbeiten]

VP Bank in Vaduz.

Rund 17 Prozent der liechtensteinischen Arbeitsplätze sind dem Finanzsektor zuzuordnen, der damit – entgegen der weit verbreiteten Meinung – nur einen kleineren Wirtschaftsbereich darstellt.[39] Die grössten Banken im Fürstentum sind die LGT Bank, die Liechtensteinische Landesbank und die Verwaltungs- und Privatbank. Für den Betrieb von Banken vergibt das Fürstentum Banklizenzen. Seit 1992 wurden neben den drei großen Banken auch weitere Geldinstitute zugelassen. Darunter waren auch ausländische Banken, deren Zulassung durch den Beitritt Liechtensteins zum Europäischen Wirtschaftsraum möglich wurden.

Konflikte in Steuerfragen[Bearbeiten]

Liechtenstein hat eines der strengsten Bankgeheimnisse weltweit. Im Jahr 2008 kam es zur Steueraffäre mit Deutschland, in der zahlreiche deutsche Steuerhinterzieher aufflogen, denen Liechtensteinische Stiftungen ihren Betrug ermöglicht hatten. Einer Initiative der EU zur Datenoffenlegung von Banken gegenüber den Finanzämtern wollte zwar auch der Währungspartner Schweiz bis 2018 folgen, Liechtenstein äußerte sich zunächst aber nicht.[40] Im Dezember 2011 kündigte Regierungschef Klaus Tschütscher in einem Interview an, Steuerfragen in Zusammenhang mit deutschen Geldanlagen in Liechtenstein mit Deutschland regeln zu wollen.[41] Allerdings sind bislang weder Einigungen noch Verhandlungen dazu bekannt geworden.

Tourismus[Bearbeiten]

Stausee in Steg

Der Tourismus ist im Vergleich zu den anderen Wirtschaftssektoren nur von geringerer Bedeutung. Dennoch verzeichnete Liechtenstein im Jahr 2011 über 72‘800 Gästeankünfte und über 167‘000 Logiernächte (nicht eingerechnet die Tagesgäste).[42] Der wichtigste Ferienort ist dabei Malbun, welcher sowohl im Winter, als auch im Sommer zahlreiche Gäste anlockt. Generell wird dabei in Liechtenstein zwischen dem Tourismus im Alpengebiet und jenem im Rheintal unterschieden. Während beim ersteren die sportliche Betätigung im Mittelpunkt steht (z. B. Wandern), sind im Tal vor allem der Kultur- und Geschäftstourismus von Bedeutung.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g CIA World Factbook – Field listing GDP Abgerufen am 13. Oktober 2010
  2. Wechselkurse des Schweizer Franken Abgerufen am 13. Oktober 2010
  3. Auswärtiges Amt – Wirtschaft Liechtensteins Abgerufen am 21. März 2011
  4. Amt für Statistik Liechtenstein – PDF Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Abgerufen am 13. Oktober 2010
  5. [1] Abgerufen am 27. Februar 2012
  6. Amt für Statistik Liechtenstein – PDF Volkswirtschaft Abgerufen am 13. Oktober 2010
  7. Eurostat – Beschäftigung Abgerufen am 13. Oktober 2010
  8. Amt für Statistik Liechtenstein – PDF Arbeitslosenstatistik 2009 Abgerufen am 13. Oktober 2010
  9. Amt für Statistik Liechtenstein – PDF Arbeitslosenstatistik 2009 Abgerufen am 13. Oktober 2010
  10. Amt für Statistik Liechtenstein – Außenhandel, PDF Quartalsergebnisse Export 2009 alle Angaben ohne Schweiz; Abgerufen am 13. Oktober 2010
  11. a b Amt für Statistik Liechtenstein – PDF Außenhandel 2010 Abgerufen am 13. Oktober 2010
  12. Amt für Statistik Liechtenstein – Außenhandel, PDF Quartalsergebnisse Export 2010 alle Angaben ohne Schweiz; Abgerufen am 13. Oktober 2010
  13. Amt für Statistik Liechtenstein – Außenhandel, PDF Quartalsergebnisse Import 2009 alle Angaben ohne Schweiz; Abgerufen am 13. Oktober 2010
  14. Amt für Statistik Liechtenstein – Außenhandel, PDF Quartalsergebnisse Import 2010 alle Angaben ohne Schweiz; Abgerufen am 13. Oktober 2010
  15. a b c Amt für Statistik Liechtenstein – PDF Öffentliche Finanzen Abgerufen am 13. Oktober 2010
  16. Amt für Statistik Liechtenstein – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 2008, Abgerufen am 16. Oktober 2010
  17. Beschäftigte in Liechtenstein Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  18. Industrie im internationalen Vergleich
  19. Alois Vogt: Das Fürstentum Liechtenstein und seine wirtschaftliche Entwicklung 1952, S. 45.
  20. Paul Vogt: Brücken zur Vergangenheit. 1990, S. 176.
  21. Pierre Raton: Liechtenstein Staat und Geschichte. 1969, S. 74–78.
  22. Pierre Raton: Liechtenstein Staat und Geschichte. 1969, S. 139–145.
  23. [ http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/ewr-ist-eine-riesige-erfolgsgeschichte-1.16875633#disqus_threadEWR eine riesige Erfolgsgeschichte]. Neue Zürcher Zeitung, 13. Mai 2012. Abgerufen am 18. Juli 2012.
  24. Beschäftigte; S. 9 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  25. Landwirtschaftsstatistik – Betriebe ; S. 8 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  26. Landwirtschaftsstatistik – Tierhaltung ; S. 14 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  27. Industrie im internationalen Vergleich
  28. Arbeitsstätten und Beschäftigte; S. 12 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  29. Aussenhandel: direkte Warenexporte Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  30. Aussenhandel: direkte Warenimporte' Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  31. Arbeitsstätten und Beschäftigte; S. 22 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  32. Industristandort Liechtenstein; S. 15 Abgerufen am 18. Juli 2012.
  33. Industristandort Liechtenstein; S. 20 Abgerufen am 18. Juli 2012.
  34. Industristandort Liechtenstein; S. 16, 22 Abgerufen am 18. Juli 2012.
  35. Industristandort Liechtenstein; S. 16, 19
  36. Industristandort Liechtenstein; S. 18
  37. Industristandort Liechtenstein; S. 21
  38. Arbeitsstätten und Beschäftigte; S. 9 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.
  39. Finanzplatz Regierung Liechtenstein – Abgerufen am 1. Mai 2011.
  40. Weissgeldstrategie. Neue Zürcher Zeitung, 20. Dezember 2010. Abgerufen am 25. April 2011.
  41. Liechtenstein will deutsches Schwarzgeld los werden. Welt Online, 4. Dezember 2011. Abgerufen am 18. Juli 2012.
  42. Tourismus; S. 8 Amt für Statistik – Abgerufen am 18. Juli 2012.