Wirtschaft Litauens

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Litauen
Flag of Lithuania.svg
Weltwirtschaftsrang 80. (nominal) (2009)
Währung Litas (LTL)
Umrechnungskurs 1 LTL = 0,2896 EUR[1]
Handelsorganisationen EU, WTO, OECD
Kennzahlen
Bruttoinlandsprodukt (BIP) $ 37,25 Mrd. (nominal) (2009)
$ 60,38 Mrd. (PPP) (2010)[2]
BIP pro Kopf $ 11.172 (nominal) (2009)
$ 16.542 (PPP) (2009)[3]
BIP nach Wirtschaftssektor Landwirtschaft: 3,4 % (2009)[4]
Industrie: 26,9 % (2009)[5]
Dienstleistung: 69,7 % (2009)[6]
Wirtschaftswachstum + 3,6 % (2012)[7]
Inflationsrate 4,16 % (2009)[3]
Erwerbstätige 1,369.7 Mio. (2011)[8]
Erwerbsquote ca. 42,5 % (2009)
Arbeitslosenquote 12,3 % (3. Quartal 2012)[9]
Außenhandel
Export € 11,78 Mrd. (2009)[10]
Exportgüter Energieträger, Chem. Erzeugnisse, Nahrungsmittel[11]
Exportpartner Russland: 13,1 % (2009)
Lettland: 10,1 % (2009)
Deutschland: 9,7 % (2009)[12]
Import € 13,12 Mrd. (2009)[13]
Importgüter Fossile Energieträger, Chem. Erzeugnisse, (Transport-)Maschinen[11]
Importpartner Russland: 30,1 % (2009)
Deutschland: 11,2 % (2009)[12]
Außenhandelsbilanz € -1,326 Mrd. (2009)[14]
Öffentliche Finanzen
Staatseinnahmen 34,1 % des BIP (2009)[15]
Staatsausgaben 43,0 % des BIP (2009)[16]
Haushaltssaldo 8,9 % des BIP (2009)

Litauen hat in den vergangenen 20 Jahren mit dem Übergang von der sowjetischen Plan- zur Marktwirtschaft große strukturelle Veränderungen hinter sich gebracht, die in einer sehr wechselvollen wirtschaftlichen Entwicklung ihren Niederschlag finden. Diese war geprägt von einem drastischen Einbruch in der Transformationsphase bis 1993, einer anschließenden Erholung bis Ende 1998, eine Rezession ausgelöst durch die Russlandkrise und durch sie forciert eine noch stärkere Hinwendung zum (westeuropäischen) EU-Markt, die nach einer ersten Erholung (bis 2003) im Umfeld des EU-Beitritts (1. Mai 2004) einen Boom auslöste, der mit der von den USA ausgehenden Finanzkrise seit Frühling 2008 sein abruptes Ende gefunden hat. Im Rahmen der Umstrukturierungen war die Privatisierung von Staatsbetrieben (v. a. im Bereich Energie) ein herausragendes politisches Thema, das immer wieder Regierungskrisen ausgelöst hat. Andere Wandel, wie der Rückgang der Landwirtschaft, die immense Rationalisierung und Modernisierung in traditionellen Industriebranchen wie der Lebensmittelindustrie, der Elektrogeräteherstellung und Metallverarbeitung sowie der Chemieindustrie sind kaum bemerkt vonstattengegangen. In den nächsten Jahrzehnten steht der große Schritt bevor, von einer verlängerten Werkbank zu einer modernen Wirtschaft zu gelangen. In der Infrastruktur (Verkehr/Telekommunikation/Bankwesen) und bei den Dienstleistungen ist ein gutes Fundament gelegt.

Zeitgeschichtlicher Überblick[Bearbeiten]

Entwicklung seit 1990[Bearbeiten]

Nach der Auflösung der Sowjetunion erfolgten in der Wirtschaft schwerwiegende Umwälzungen. Zahlreiche Betriebe wurden stillgelegt oder privatisiert. Traditionelle Handelsbeziehungen brachen ab oder wurden aus politischen Motiven abgebrochen bzw. durch neue Grenzen erschwert. Die Produktion in Industrie und Landwirtschaft ging zurück. Das Produktionsvolumen rutschte bis 1994 auf ein Viertel des Niveaus von 1989. Die Arbeitslosigkeit stieg auf über 20 %. Hinzu kam eine Hyperinflation, die im Jahre 1992 ca. 1.400 % erreichte.

Hilfe vom Westen kam 1992, als Litauen Mitglied des Internationalen Währungsfonds (IWF) wurde und dieser 1993 Litauen Kredite in Höhe von 300 Millionen US-Dollar gewährte. Mit Unterstützung des IWF und der Weltbank wurden Wirtschaftsreformen vorgenommen und der Litas als nationale Währung eingeführt. Im Sommer 1992 war bereits eine provisorische Währung, der Talonas, an die Stelle des Rubels getreten. Im Sommer 1993 wurde er vom Litas abgelöst. Die Inflation ging langsam zurück, und der Litas konnte am 1. April 1994 auf einen festen Wechselkurs von 4:1 zum Dollar festgeschrieben werden.

Nach der Einführung des Litas trat eine gewisse Stabilität ein. Litauen wies ab 1995 ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum von jährlich mindestens 3,5 % auf. Einen Rückschritt löste die Russland-Krise aus, als ab Ende 1998 durch den Kursverfall des Russischen Rubels die Absatzmärkte der GUS-Staaten wegbrachen. Nun erwies sich die hohe Verschuldung des Staates wegen der Finanzgarantien für eine Unzahl staatlicher Fonds (z. B. SoDra) und teilprivatisierte Unternehmen (z. B. die Erdölraffinerie Mažeikių Nafta) als Problem. Auch war die Privatisierung gerade der großen unrentablen Unternehmen nur halbherzig vorangetrieben worden.[17] Die konservative Regierung musste einen höchst unpopulären Sparkurs fahren und wurde Ende 2000 aus dem Amt gewählt.

Gegenwart und Ausblick[Bearbeiten]

Aufgrund eines beachtlichen wirtschaftlichen Wachstums seit 2001 lag die offizielle Arbeitslosigkeit in Litauen bei 3,9 % (1. Februar 2007).[18] Verschiedene Branchen klagten bereits über einen strukturellen Arbeitskräftemangel, insbesondere in den wirtschaftlichen Zentren Vilnius, Klaipėda und Kaunas. Damit einher ging ein schnelles Wachstum der Löhne um ca. 16 % jährlich. Der mittlere Lohn beträgt 1.731 Litas (ca. 500 EUR - brutto, 1. Februar 2007).[18] Nach der Finanzkrise stieg die Arbeitslosigkeit deutlich an und erreichte 2010 17,9 %.[19] Die Jugendarbeitslosigkeit betrug fast 30 %.

Seit dem EU-Beitritt, aber vor allem nach der Finanzkrise kam es zu einer starken Auswanderung besonders der jungen, mobilen und gut ausgebildeten Bevölkerung in die Länder Westeuropas (v. a. Großbritannien, Irland, Dänemark), die sich geöffnet haben und in denen litauische "Gastarbeiter" deutlich mehr verdienen können als in ihrem Heimatland.[20] Im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung Litauens ist dies kontraproduktiv, weil dadurch ein Fachkräftemangel entsteht.

Die Funktion als "verlängerte Werkbank" Westeuropas wurde dem Land schon bald durch die neuen EU Mitglieder und Beitrittskandidaten Rumänien, Bulgarien, Kroatien streitig gemacht, in denen die Löhne noch niedriger sind.

Die Zukunft Litauens ist gekennzeichnet durch weitere Integration in westliche Strukturen. Zur Zeit deutet aber vieles darauf hin, dass das Land z. B. beim Durchschnittseinkommen auf lange Zeit keinen Anschluss an das westeuropäische Wohlstandsniveau finden wird.

Bruttoinlandsprodukt (BIP)[Bearbeiten]

Seit der Überwindung der Russlandkrise von 1998/99 boomte die Wirtschaft aller drei baltischen Staaten bis zur aktuellen Wirtschaftskrise. In Litauen lag der Zuwachs des BIP (real) bis 2007 jährlich bei über 7 %. Das BIP erreichte 2008 gut 111 Mrd. Litas (LTL), das sind etwa 32 Mrd. Euro und somit (in Euro) mehr als das Dreifache des Wertes von 1999. Daraus ergibt sich ein Pro-Kopf-BIP von gut 33.000  LTL (knapp 10.000 Euro; zum Vergleich Deutschland: 26.400 €).

Im Vergleich mit dem BIP der EU ausgedrückt in Kaufkraftstandards erreichte Litauen 2008 einen Indexwert von knapp 60 (EU-25:100) und damit knapp die Hälfte des deutschen Wertes.[21]

Litauen wurde wegen seiner guten wirtschaftlichen Entwicklung bis 2008 oft Baltischer Tiger genannt.

Bruttoinlandsprodukt Litauens
Jahr 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999
in Milliarden Litas 0,13 0,41 3,4 11,6 16,9 26,0 32,7 40,0 44,7 43,7
in Milliarden Euro k.A. k.A. k.A. k.A. k.A. 5,0 6,5 8,8 9,9 10,2
pro Einwohner (in Litas) 36 112 921 3.147 4.622 7.152 9.090 11.187 12.594 12.391
pro Einwohner (in Euro) k.A. k.A. k.A. 673 980 1.383 1.814 2.471 2.803 2.901
Wachstum (real, in % zum Vorjahr) k.A. -5,7 -21,3 -16,2 -9,8 ca. 3,5 5,1 8,5 7,5 -1,5
Jahr 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
in Milliarden Litas 45,7 48,6 52,1 57 62,7 72,1 82,8 98,1 111,4 -
in Milliarden Euro 12,4 13,6 15,0 16,5 18,2 20,9 24,0 28,4 32,3 -
pro Einwohner (in Litas) 13.070 13.971 15.010 16.490 18.249 21.105 24.393 29.073 33.167 -
pro Einwohner (in Euro) 3.533 3.897 4.337 4.776 5.285 6.113 7.065 8.420 9.606 -
Wachstum (real, in % zum Vorjahr) ca. 4 6,7 6,9 10,2 7,4 7,4 7,8 8,9 3,2 -4,81)

1) Prognose des litauischen Finanzministeriums[22]

Quelle: Statistikamt Litauens[23]

BIP und Beschäftigung nach Wirtschaftssektoren[Bearbeiten]

Industrieproduktion Litauens
Jahr 1995 1998 2000 2003 2005 2007
Wert in Milliarden Litas 5,9 9,0 9,7 12,5 16,5 19,8
Zuwachs zum Vorjahr (real, in %) 5,2 12,1 13,7 15,9 6,8 6,4
Anteil der Industrie am BIP (in %) 25,5 23,0 23,8 24,5 25,3 22,6
Anteile der einzelnen Branchen (in %)
Lebensmittel 32,5 28,8 25,4 22,3 21,0 20,6
Chemie 7,8 6,9 6,4 4,9 6,1 11,1
Textil 16,2 18,6 20,0 16,6 13,0 10,0
Holz 5,0 5,5 7,4 9,6 9,6 8,8
Plastik / Gummi 1,0 2,3 3,4 6,3 6,5 6,2
Metall 2,9 3,2 3,7 4,1 5,8 7,1
Nichtmetall 5,9 5,2 4,1 4,3 5,2 6,1
Druck / Papier 8,5 8,1 7,6 7,4 6,3 6,0
Elektro / Optik 5,2 7,6 8,2 9,0 8,3 5,6
Transportausrüstung 2,7 3,2 3,0 3,2 4,8 4,8

Energiewirtschaft[Bearbeiten]

siehe Energiewirtschaft Litauens

Große Unternehmen[Bearbeiten]

siehe: Liste der größten Unternehmen in Litauen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wechselkurse des Litauischen Litas Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  2. Weltbank (PDF; 14 kB); Abgerufen am 17. September 2011.
  3. a b IWF Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  4. Eurostat - Bruttowertschöpfung Landwirtschaft Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  5. Eurostat - Bruttowertschöpfung Industrie Abgerufen am 13. Oktober
  6. Eurostat - Bruttowertschöpfung Dienstleistung Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatWachstumsrate des realen BIP - Volumen: Veränderung gegenüber dem Vorjahr (%). Eurostat, abgerufen am 20. März 2013.
  8. Eurostat - Beschäftigung Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  9. Arbeitslosenquote Abgerufen am 12. Mai 2012.
  10. Eurostat - Exportsumme Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  11. a b Statistics Lithuania - Exports & Imports Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  12. a b Auswärtiges Amt - Wirtschaft Litauens Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  13. Eurostat - Importsumme Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  14. Eurostat - Außenhandelbilanz Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  15. Eurostat - Gesamteinnahmen des Staates Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  16. Eurostat - Gesamtausgaben des Staates Abgerufen am 13. Oktober 2010.
  17. Jahresrückblick 1999 auf rferl.org (engl.)
  18. a b Statistisches Amt Litauen
  19. http://www.indexmundi.com/g/g.aspx?c=lh&v=74&l=de indexmundi.com nach CIA World Factbook
  20. Abwanderung aus dem Baltikum, Publikationen, Verbindungsbüro Litauen, Konrad-Adenauer-Stiftung
  21. Stat. Bundesamt - Europäischer Datenservice
  22. Finansų ministerija - Lietuvos ekonominių rodiklių projekcijos
  23. Datenbankabfrage, 16. Februar 2009