Wirtschaftskreislauf

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Wirtschaftskreislauf ist ein Modell einer Volkswirtschaft, in dem die wesentlichen Tauschvorgänge als Geldströme und Güterströme zwischen den Wirtschaftssubjekten dargestellt werden. Die Idee kam bereits bei Richard Cantillon auf. Später entwickelte François Quesnay das Tableau économique. Geld- und Güterströme entsprechen sich in einem geschlossenen Kreislauf wertmäßig, verlaufen aber in entgegengesetzter Richtung.

Inhaltsverzeichnis

Einfacher Wirtschaftskreislauf [Bearbeiten]

Der einfache Wirtschaftskreislauf zwischen Haushalt und Unternehmen

Dieses Modell beschränkt sich auf die Beziehungen zwischen den Sektoren Konsumenten und Produzenten. Der Wirtschaftskreislauf stellt die wesentlichen Geldströme und Güterströme zwischen beiden dar. Einflüsse von Staat, Kreditinstituten, Kapitalsammelstellen sowie des Auslands werden dabei nicht betrachtet.

Der Geldstrom besteht aus dem Einkommen und Konsumausgaben der Haushalte sowie den Einnahmen und Ausgaben der Unternehmer.

Im Güterstrom fließen Wirtschaftsgüter (Waren und Dienstleistungen) von den Unternehmen zu den Konsumenten und die Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden, Kapital) von den privaten Haushalten zu den Unternehmen.

Bei dieser Betrachtungsweise stellen die Haushalte den Unternehmen die Produktionsfaktoren, insbesondere den Faktor Arbeit, zur Verfügung und produzieren keine Güter. Dafür erhalten die Haushalte von den Unternehmen Einkommen (Lohn, Zins, Grundrente). Da es sich hierbei um Entgelte für die Produktionsfaktoren (Lohn, Zinsen, Miete, Pacht) handelt, bezeichnet man sie als Faktoreinkommen.

Die Einkommen fließen für Käufe von Konsumgütern von den Haushalten an die Unternehmen zurück. Die Unternehmen liefern ihrerseits Konsumgüter an die Haushalte. Zwischen Haushalten und Unternehmen fließen also zwei Güterströme (Produktionsfaktoren, Konsumgüter) und jeweils gegenläufig zwei Geldströme (Einkommen, Ausgaben für Konsumgüter). Somit ist der Kreislauf geschlossen, statisch (nicht wachsend).

Erweiterter Wirtschaftskreislauf (einschließlich Kreditvergabe) [Bearbeiten]

Ersparnisbildung aus Konsumverzicht, Budgetloch
Geldstrom inkl. Kreditvergabe(n)
Einnahmeüberschuss aus staatlichem Aufwand
Ausgaben-, Einnahmensalden offener Volkswirtschaft.[1]

Der erweiterte Wirtschaftskreislauf schließt die Möglichkeit ein, dass Haushalte nicht ihr gesamtes Einkommen konsumieren, sondern auch einen Teil davon sparen. Darunter ist jede Form von Vermögensbildung bzw. Vermögensverwaltung zu verstehen, z. B. auch Rücklagen in den Unternehmensbilanzen. Aus der Ersparnis fließen ebenfalls Einkommen, nämlich Zinserträge.

Auch die Unternehmen leisten einen Beitrag zur Vermögensbildung, etwa indem sie Rücklagen bilden (= Ersparnis der Unternehmen) oder Abschreibungen auf ihre Produktionsanlagen vornehmen. Diese Abschreibungen sind Kosten, die durch Abnutzung der Maschinen entstehen, aber in den Unternehmen nicht zu Auszahlungen führen, also für Investitionen zur Verfügung stehen.

In klassischen Lehren wird es oft so dargestellt, dass von Banken verwaltete Sparguthaben an Wirtschaftssubjekte in Form von Krediten verliehen werden. Das ist tatsächlich so aber nicht der Fall. Kreditvergabe benötigt in der Bankbilanz keine Gegenposition in Form von Spareinlagen. Buchgeld wird per Kreditvergabe neu geschaffen.[2] So werden dem Unternehmenssektor Kreditgelder für Investitionen in Produktionsanlagen zur Verfügung gestellt. Investitionen sind im vorliegenden Zusammenhang als Sachanlageinvestitionen zu verstehen, nicht als Finanzinvestitionen, die eine Form der Ersparnis sind.

Betrachtet man die Höhe der (aufgrund von Ausgabenverzicht errungenen) Ersparnisse, so wird eine wesentliche Bedingung deutlich, die erfüllt sein muss, damit sich der Kreislauf im Gleichgewicht befindet: In einer Volkswirtschaft müssen (nicht nachfragende)[3] Sparguthaben von Nettoinvestitionen (Investitionen abzüglich Abschreibungen) ausgeglichen werden - übereinstimmen.

Werden z. B. nicht ausreichend neue Kredite nachgefragt (mehr Kreditvolumen getilgt als neu vergeben), stehen der Konjunktur nicht weiter ausreichend Geldmittel zur Verfügung, da das Geld für Kredittilgung (exkl. Verzinsung) nicht wieder zurück in den Kreislauf fließt (weil bei Tilgung bilanztechnisch auf Null gestellt - ausgebucht wird). Oder, können geplante Investitionen mangels Bankkrediten nicht finanziert werden, sinkt die Wirtschaftstätigkeit.[4] Unternehmen beginnen an ihren Ausgaben einzusparen, geringere Einkommen werden gezahlt (bedeutet wiederum weniger Ausgaben an andere) der Kreislauf stagniert, d. h. die Wirtschaftsleistung sinkt.

Die deutsche Bundesbank formuliert: „Kreditvergabe und die damit verbundene Geldschöpfung führen deshalb in der Tendenz zu Investitionen und vorgezogenem Konsum – und auf diese Weise zu erhöhter Produktion und volkswirtschaftlicher Wertschöpfung.“[5]

Vollständiger Wirtschaftskreislauf (einschließlich Staat) [Bearbeiten]

Der Staat beeinflusst den Wirtschaftskreislauf in mehrfacher Hinsicht. Einerseits nimmt er Steuern und Sozialabgaben von den Wirtschaftssubjekten ein. Sowohl Haushalte als auch Unternehmen zahlen direkte und indirekte Steuern. Andererseits zahlt er Einkommen (Löhne und Transfereinkommen) an die Haushalte und tätigt bei den Unternehmen Käufe (staatlicher Konsum), wobei er auch die Möglichkeit hat, Subventionen an Unternehmen zu leisten. Hier steht dem Geldstrom keine direkte Gegenleistung in Form eines Güterstroms gegenüber.

Die Beziehungen des Staates zu den Kreditinstituten verdeutlichen die Ambivalenz staatlicher Aktivitäten. Ist in einer Volkswirtschaft die Neuverschuldung gegenüber gewohnten Vorperioden tendenziell sinkend, die Wirtschaft also im Ungleichgewicht, so kann eine staatliche Schuldenaufnahme (Staatsverschuldung) ein Gleichgewicht herstellen Staatsverschuldung riskiert tendenziell den sogenannten Crowding-out-Effekt.

Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft [Bearbeiten]

In diesem Wirtschaftskreislauf wird zu den vorhandenen Sektoren der Sektor Ausland mit hinzugenommen. Er kann jeden Haushaltssektor beeinflussen. Die Haushalte können beispielsweise ausländische Faktoreinkommen erhalten (z. B. Arbeiter ist im Ausland beschäftigt und wohnt im Inland, sein Einkommen fließt also vom Ausland zu den inländischen Haushalten) und umgekehrt können inländische Faktoreinkommen von den Unternehmen ins Ausland fließen (z. B. Gastarbeiter im Inland nehmen Ihren Lohn/Gehalt mit ins Ausland). Des Weiteren können Sparleistungen vom Ausland in die inländischen Kapitalsammelstellen fließen (z. B. legt das Ausland Geld im Inland an, um Zinserträge zu bekommen), oder Sparleistungen von den inländischen Haushalten ins Ausland (z. B. versuchen Inländer im Ausland höhere Zinserträge zu erwirtschaften). Der wichtigste Teil in diesem Wirtschaftskreislauf ist der (positive/negative) Außenbeitrag. Dieser ergibt sich aus den beiden Strömen Export und Import. Beispiel: Wenn die Exporte die Importe übertreffen, so entsteht im Inland ein positiver Außenbeitrag, d. h. es fließt zusätzlich Geld vom Ausland ins Inland (Nettoexport). Umgekehrt liegt ein negativer Außenbeitrag vor, wenn die Exporte kleiner als die Importe sind (Leistungsbilanzdefizit). Die Geldmenge im Inland sinkt, da Geld ins Ausland fließt.

Ein Wirtschaftskreislauf mit den Sektoren private Haushalte, Staat und Ausland wird als offen bezeichnet.

Literatur [Bearbeiten]

  • Hartwig Bartling, Franz Lucius (1996): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Einführung in die Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik. 11., verb. und erg. Aufl., München: Vahlen (bes. S. 7 f, 149 ff.).
  • Emery K. Hunt, Howard J. Sherman (1993): Volkswirtschaftslehre: Einführung aus traditioneller und kritischer Sicht. Bd. 2: Makroökonomie, Frankfurt a.M.: Campus (bes. S. 47 ff.).
  • Herbert Buscher u.a. (2006): Wirtschaft heute, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung (S. 42 f.).
  • Nicholas Gregory Mankiw: Makroökonomik. ISBN 3791020269

Siehe auch [Bearbeiten]

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Ewald Nowotny: Ökonomie in Theorie und Praxis (Hrsg. Günther Chaloupek, Alois Guger, Ewald Nowotny, Gerhard Schwödiauer) Berlin, Heidelberg, 2002, S. 261 (online):
    „Wichtigster Ansatz dafür ist die gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung, die die Einnahmen- und Ausgabenüberschüsse (Finanzierungssalden) der einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft erfasst.
    Dabei gilt, dass die Summe der Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren (Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben) Null ergeben muss.“, sowie S. 262: Tabelle Übersicht 3: Sektorale Finanzierungssalden.
  2. Deutsche Bundesbank: Geschäftsbanken schaffen Geld durch Kreditvergabe (PDF, S. 72) Abgerufen am 15. März 2013.
  3. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. Einleitung des Herausgebers, S. 2, PDF, (Abgerufen am 19. Dezember 2012).
  4. Deutsche Bundesbank: ... geplante Investitionen mangels Bankkrediten nicht finanzieren. (PDF, S. 101) Abgerufen am 15. März 2013.
  5. Deutsche Bundesbank: Kreditvergabe und die damit verbundene Geldschöpfung führen deshalb in der Tendenz zu Investitionen (PDF, S. 78) Abgerufen am 15. März 2013.