Wirtschaftswachstum

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Unter Wirtschaftswachstum wird die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als eine gesamtwirtschaftliche Größe verstanden. Wirtschaftliches Wachstum wird meist angegeben als prozentuale Veränderung im Zeitablauf als monatliche, vierteljährliche oder jährliche Wachstumsraten.[1] Diese prozentualen Wachstumsraten berechnen sich als Quotient aus der relativen Zunahme (Wachstum) des Inlandsprodukts in Beziehung zum Wert des Inlandsproduktes in der Vorperiode.

Begriffe[Bearbeiten]

reales Wachstum der Welt und der OECD-Staaten nach Weltbank-Daten und OECD-Daten.

Wirtschaftswachstum wird oftmals an der intertemporalen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukt festgemacht. Das Bruttoinlandsprodukt misst den Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen die innerhalb von einem Jahr in einer Volkswirtschaft erbracht werden.

  • Grundsätzlich wird zwischen nominalem und realem BIP-Wachstum unterschieden. Die beiden Methoden unterscheiden sich in der Bewertung der Wertschöpfung: Beim nominalen Wachstum wird die Wertschöpfung über die Marktpreise bewertet, so dass eventuelle Änderungen der Marktpreise durch Inflation und Deflation zu einem Anstieg bzw. Rückgang des Wachstums führen. Das reale Wachstum wird hingegen um die Preissteigerungen im Rahmen von Inflation/Deflation bereinigt – gemessen wird nach diesem Konzept also die eigentliche reale Leistungsentwicklung der Gesamtwirtschaft.
  • Bei extensivem Wachstum geht es um die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts, ohne zu betrachten, ob sich auch die Güterversorgung pro Kopf der Bevölkerung vergrößert hat.
  • Intensives Wirtschaftswachstum liegt nur vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt. Das bedeutet, dass das Wachstum durch eine höhere Arbeitsproduktivität erlangt wird. Die Wachstumsrate des BIP übersteigt also die Wachstumsrate der Bevölkerung.[2]
  • Bei der Abgrenzung zwischen absolutem und relativem Wirtschaftswachstum wird das Wirtschaftswachstum in der Regel als prozentuale, also relative Veränderung zum Vorjahr angegeben. Mitte der fünfziger Jahre betrug in Deutschland das bereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ca. 5000 Euro, bei (relativen) Wachstumsraten um die 10 %. Dies entspricht einem absoluten Wachstum von durchschnittlich ca. 500 Euro pro Person. Anfang der neunziger Jahre lag das BIP pro Kopf bei ca. 25.000 Euro, bei einem relativen Wachstum von 2 %, was einem absoluten Wachstum von wiederum 500 Euro pro Kopf entspricht - demselben absoluten Wert wie in den Fünfzigern.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wurde als ein wichtiger Indikator für die Konjunktur- und Geldpolitik konzipiert. Das Bruttoinlandsprodukt ist auch ein Indikator dafür, wie groß die Kapazität eines Landes ist Wohlstand zu schaffen. Ein Wachstum des BIP muss aber nicht zwangsläufig einen Wohlstandszuwachs bedeuten. Ein rein quantitatives Wachstum erhöht zwar das Sozialprodukt und regt die Beschäftigung an, nimmt aber nicht unbedingt Rücksicht auf die soziale und natürliche Umwelt.[3]

Die Forderung nach weniger Wachstum ist aber auch nicht sinnvoll, da die Menschen dann ärmer werden als sie sein müssten und das Interesse an Umweltschutz mit sinkendem Wohlstand abnimmt.[4] Wirtschaftswachstum sorgt für eine größere Verteilungsmasse, so dass soziale Ziele leichter erreichbar sind. Es muss auch nicht zwangsläufig mit steigender Umweltverschmutzung einhergehen. Zum einen beruht das Wirtschaftswachstum in den fortgeschrittenen Industrienationen heutzutage eher auf einem Zuwachs an Dienstleistungen als einem Zuwachs an Waren, zum anderen beruht ein zunehmender Anteil des BIP auf Umwelttechnik.[5]

Unter qualitativem Wachstum versteht man die Erhöhung des Sozialprodukts, die gleichzeitig mit der Mehrung des gesamtgesellschaftlichen Wohlstandes entsteht. Man nennt dieses Wirtschaftswachstum auch umweltfreundlich, weil es versucht, das Wachstum nicht durch Belastung der Umwelt zu erreichen.[3] Mit der verstärkten Nutzung erneuerbarer Ressourcen soll eine Wohlstandsverteilung mit geringerer Belastung der Umwelt und geringerem Verbrauch begrenzter Rohstoffe ermöglicht werden. Solch ein qualitatives Wirtschaftswachstum folgt damit dem Prinzip der Nachhaltigkeit.[6]

Wachstumstheorie[Bearbeiten]

Die Wachstumstheorie ist der Zweig der Volkswirtschaftslehre, der sich mit der Erklärung der Ursachen von Wirtschaftswachstum befasst. Sie hat verschiedene Modelle hervorgebracht, anhand derer die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens analysiert und erklärt wird.

Die bekanntesten sind:

Im Solow-Modell wird das BIP mit Hilfe der drei Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Technologie erzeugt. Zur Erklärung von Wirtschaftswachstum werden die Beiträge der Faktoren zum Gesamtwachstum untersucht [7].

Arbeit[Bearbeiten]

Beschäftigungsvermehrung bedeutet mehr Arbeiter, die bereit sind, die wirtschaftlichen Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Beschäftigungsvermehrung läuft jedoch in sehr engen Grenzen bzw. zunehmend langsamer ab. In vielen ärmeren Ländern in Afrika wächst die Bevölkerung jedes Jahr um 3 %. Eine so schnelle Bevölkerungsvermehrung bewirkt, dass es enorm schwer ist, dafür zu sorgen, dass alle Beschäftigten über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, um eine hohe, erforderliche Produktivität zu erreichen. Viele Länder in der Welt versuchen die Bevölkerungsvermehrung mit Gesetzen zu begrenzen und auf diese Weise ihre Lebensqualität zu sichern. In China beispielsweise darf ein Paar nur ein Kind haben und Familien, die gegen dieses Gesetz verstoßen, zahlen hohe Bußgelder.[8]

Kapital[Bearbeiten]

Das Kapital stellt das Potential einer Volkswirtschaft dar, Güter und Dienstleistungen zur Steigerung der Lebensqualität herstellen zu können (z.B. Maschinen, Bürogebäude oder Humankapital)[9]. Die Produktion je Beschäftigtem steigt mit der Kapitalintensität in Abhängigkeit vom Grenzertrag des Kapitals. Je höher die Produktion bereits ist, desto geringer ist dieser Ertrag und somit das Wachstumspotential.[10]

Die Länder, die in den Jahren 1960–1965 ein durchschnittlich höheres Niveau bei der Produktivität erreicht haben, hatten im Jahr 1990 auch das größte Pro-Kopf-Einkommen.[11] Anders formuliert waren die reichen Länder produktiver als die ärmeren, weil sie mehr Kapital je Beschäftigtem hatten und diese zudem besser ausgebildet waren. Diesen Zusammenhang hat Robert Solow in seinem Wachstumsmodell erklärt.

Im Gegensatz zur Arbeit kann Kapital akkumuliert werden. Gleichzeitig nutzt es sich ab und muss mit der Zeit ersetzt werden. Ein Teil der Produktion muss also für die Instandhaltung des Kapitals aufgewendet werden, um die Produktion mindestens konstant halten zu können. Durch den abnehmenden Grenzertrag kann daher nicht beliebig viel Kapital akkumuliert werden. Dadurch gibt es ein theoretisches Limit für die Produktion einer Volkswirtschaft, an dem die Investitionen gleich den Abschreibungen sind (konstante Arbeitskraft und Technologie vorausgesetzt). Dieser Punkt ist der steady state.[12]

Der steady state wird maßgeblich von der Sparquote beeinflusst. Je höher die Sparquote und damit die Ersparnisse sind, desto mehr Kapital kann ersetzt werden. Weil mehr gespart wird, sinkt der Konsum. Aus diesem Trade-off ergibt sich ein optimaler Punkt, an dem der Konsum dauerhaft maximal ist (d.H. das für die Produktion notwendige Kapital kann dauerhaft ersetzt werden). Im Optimum liegt die Sparquote bei 0,5 (50 %), es wird also genauso viel gespart wie konsumiert. Dieser Sachverhalt wird im Solow-Modell als goldene Regel bezeichnet.[13]

Technologie[Bearbeiten]

Der Wachstumsbeitrag, der nicht auf einer Zunahme des Einsatzes der Faktoren Arbeit und Kapital beruht, sondern auf technologischer Innovationen, wird als Technischer Fortschritt bezeichnet. Hierbei kann es sich zum Beispiel um neue Produkte, verbesserte Produktionsverfahren, Erschließung neuer Rohstoff-Ressourcen oder neue Organisationsstrukturen handeln.
Die fünf reichsten Länder (USA, Frankreich, Deutschland, Japan und Großbritannien) geben für Forschung und Entwicklung zwischen 2 % und 3 % ihres BIP aus. Auf diese Weise erhöhen sie ihre Chance, neue, bessere Produkte zu entwickeln und dadurch die Produktivität der Beschäftigten zu steigern[14].

Bei technologischem Fortschritt kann die Produktion der Volkswirtschaft auch im steady state gesteigert werden[15].

Wirtschaftswachstum in Zahlen (EU-27 2009/Prognose 2010)
In Prozent zum Vorjahr
Land
Euro-16
2009
2010
Zypern RepublikRepublik Zypern Zypern -1,7 -0,4
GriechenlandGriechenland Griechenland −2,3 -3,0
MaltaMalta Malta −2,1 1,1
PolenPolen Polen   1,7 2,7
BulgarienBulgarien Bulgarien   −4,9 0,0
SlowakeiSlowakei Slowakei −4,7 2,7
TschechienTschechien Tschechien   −4,1 1,6
FrankreichFrankreich Frankreich –2,6 1,3
LuxemburgLuxemburg Luxemburg –3,7 2,0
SpanienSpanien Spanien –3,7 −0,4
DanemarkDänemark Dänemark   −4,7 1,6
SlowenienSlowenien Slowenien –8,1 1,1
BelgienBelgien Belgien –2,8 1,3
NiederlandeNiederlande Niederlande –3,9 1,3
PortugalPortugal Portugal –2,6 0,5
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich   −5,0 1,2
OsterreichÖsterreich Österreich –3,9 1,3
Europa (EU-27)   –4,2 1,0
Eurozone Eurozone (Euro-16) –4,1 0,9
RumänienRumänien Rumänien   –7,1 0,8
SchwedenSchweden Schweden   –5,1 1,8
ItalienItalien Italien –5,0 0,8
FinnlandFinnland Finnland –8,0 1,4
DeutschlandDeutschland Deutschland –4,7 1,2
UngarnUngarn Ungarn   −6,7 0,0
IrlandIrland Irland –7,6 −0,9
EstlandEstland Estland   −13,9 0,9
LitauenLitauen Litauen   −14,7 −0,6
LettlandLettland Lettland   −18,0 −3,5
Quelle: Eurostat, Oktober 2010[16]
Ende August 2009 gab die OECD das Minus des Wirtschaftswachstums für die G-7 mit 3,7 % (statt 4,1 % im Juli), für die Eurozone mit 3,9 % (statt 4,8 % – die EZB gab gleichzeitig 4,1 % statt zuletzt 4,6 %[17]), für die USA unverändert 2,8 %.[18]
Ländervergleich 2000/1970 I
Ländervergleich 2000/1970 II

Wirtschaftswachstum als Ziel der Wirtschaftspolitik[Bearbeiten]

Wirtschaftliches Wachstum ist in vielen Volkswirtschaften eines der Hauptziele staatlicher Wirtschaftspolitik. In Deutschland ist ein stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum neben einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht, niedriger Arbeitslosigkeit und Stabilität des Preisniveaus als Eckpunkt des „magischen Vierecks“ im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 als Ziel der Wirtschaftspolitik verankert, § 1 Stabilitätsgesetz. „Stetiges“ Wirtschaftswachstum bedeutet, dass die kurzfristigen Konjunkturschwankungen um den langfristigen Wachstumspfad so weit wie möglich vermieden werden sollen. Rezessionen sollen durch staatliche Intervention abgeschwächt und Boomphasen durch Haushaltskonsolidierung eingeschränkt werden. Diese sogenannte antizyklische Wirtschaftspolitik wurde durch den Keynesianismus geprägt.

Bedeutung von Wirtschaftswachstum[Bearbeiten]

Wirtschaftswachstum und Beschäftigungssicherung[Bearbeiten]

Ein Wirtschaftswachstum wird von den meisten Ökonomen als notwendig angesehen, um eine Erhöhung der Arbeitslosenquote zu vermeiden oder diese zu verringern. Dies wird vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten Beschäftigungsschwelle diskutiert. Diese versucht anzugeben, ab welchem Wirtschaftswachstum neue Stellen entstehen. Ursache für die Beschäftigungsschwelle sind Rationalisierungen, durch die Arbeitskräfte freigesetzt werden. Um diesen Abbau auszugleichen, muss (bei gleich bleibendem Arbeitsangebot) die Wirtschaft wachsen. Diese Annahmen beruhen auf dem Okunschen Gesetz. Arthur Melvin Okun untersuchte empirisch den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Über die Phillips-Kurve können diese Werte unter bestimmten Voraussetzungen mit der Inflation verbunden werden. Die Beschäftigungsschwelle lag in Deutschland längere Zeit bei einem Wirtschaftswachstum von etwa 2 %. In der Folge sank sie auf 1 % im Jahre 2005. Das liegt jedoch immer noch über dem Durchschnitt der EU mit einem Produktivitätswachstum von 0,5 % im Jahr 2005. Durch die sogenannten Hartz-Reformen wird von den meisten Ökonomen ein Absinken der Beschäftigungsschwelle erwartet. Als Grund dafür wird angenommen, dass durch die Reform auch entstehende unattraktivere Stellen angenommen werden.

Wirtschaftliche Erholungsphasen führten zu einem in den 1990er Jahren als jobless recovery oder jobless growth genannten Effekt: Erholung und Wachstum ohne Schaffung neuer Arbeitsplätze. Erklärungsversuche beziehen Faktoren ein wie Automatisierung, Steigerung der Produktivität der Arbeitnehmer und Verlängerungen der tatsächlichen Arbeitszeiten. Bei der Interpretation der Verringerung von Arbeitslosenzahlen in wachsenden Wirtschaften müssen die Definitionen von Arbeitslosigkeit und Veränderungen der Methoden, Menschen in Arbeit zu bringen, berücksichtigt werden.

Moralische Wirkungen des Wirtschaftswachstums[Bearbeiten]

Benjamin M. Friedman betont die weitreichende Bedeutung des Wirtschaftswachstums. Er argumentiert, dass Wirtschaftswachstum insbesondere in Entwicklungsländern neben der Anhebung des Lebensstandards politische und soziale Reformen fördert, wirtschaftliche Mobilität, Fairness und Toleranz ermöglicht und die Substanz der Demokratie bildet. Beispielsweise seien in den USA in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation oder Schrumpfung (1880er-, 1890er-, 1920er-Jahre und nach der Ölkrise) vermehrt negative Einstellungen bezüglich Immigration sowie verstärkte rassistische und religiöse Vorurteile aufgetreten, während die Großzügigkeit gegenüber den Armen und die Stärke der Demokratie in diesen Zeiten abgenommen hätten. Friedman hält es für unzutreffend, zwischen moralischem und materiellem Fortschritt einen Zielkonflikt zu sehen.[19]

Wirtschaftswachstum als Wunschvorstellung[Bearbeiten]

Niklas Luhmann sieht im Wirtschaftswachstum eine Wunschvorstellung, die die „unsichtbare Hand“ bereits im 18. Jahrhundert als Fortschrittsgarantie zur „Invisibilisierung“ des Knappheitsparadoxons einsetzte. Nach Luhmann wird Mengenwachstum „durch die Art der Allokation produziert“. Die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums als „Bedingung gesellschaftlicher Stabilität“ betrachtet Luhmann als eine Suggestion an Politiker und die Öffentlichkeit. Die Suggestion funktioniere, da hier „mit zeitlicher Asymmetrie spekuliert“ werde.[20] Das ist eine Anspielung Luhmans auf die Nutzung von Ressourcen in der Gegenwart, für die kommende Generationen erst in der Zukunft zahlen müssen. Wenn das nicht mehr möglich sei, dann müsse man sich mit den externen Kosten und ökologischen Folgen auseinandersetzen. Wirtschaftswachstum, das absehbar nur kurzfristig stattfinde und die Lebensressourcen der nachfolgenden Generationen übermäßig verknappe, könne die gesellschaftliche Stabilität durchaus beeinträchtigen. Dies könne bereits in der Gegenwart zu größeren Generationenkonflikten führen, in der Zukunft könne es die Gesellschaft vor existentielle Probleme stellen.[21]

Grenzen des Wachstums[Bearbeiten]

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Hauptartikel: Wachstumsrücknahme
→ siehe auch: Die Grenzen des Wachstums (Bericht an den Club of Rome)

Seit dem Bericht von Dennis Meadows über die Grenzen des Wachstums wird u.a. vom Club of Rome diskutiert, ob ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum möglich ist.

Im Wesentlichen gibt es hier zwei Positionen. Die eine Position – vertreten unter anderem von Herman Daly – behauptet prinzipielle Grenzen des Wachstums, da die physikalischen Grenzen des Verbrauchs von nicht-erneuerbaren Ressourcen (Rohstoffe und Energiequellen) auch für die Wirtschaft gelten, was langfristig eine Verringerung des Wachstums oder sogar Wachstumsrücknahme zur Folge haben müsse.[22]

Die andere Position glaubt, dass es für Wachstum neue Möglichkeiten geben werde. Eine Vertreterin letzterer Position ist beispielsweise die Ökonomin Diane Coyle[23]. Als Möglichkeiten zur Überwindung der Grenzen des Wachstums werden zum Beispiel gesehen:

  • Immaterielles Wachstum durch eine Verlagerung des Wachstums vom industriellen Sektor in den Dienstleistungs- und Informationsbereich.
  • Qualitatives Wachstum, das aber nicht einheitlich definiert und schwer exakt quantifizierbar/messbar ist. Zum einen ist damit ein nachhaltiger Verbrauch von Ressourcen gemeint. Erschöpfliche Rohstoffe und Energieträger wie Erdöl müssten ersetzt werden durch unerschöpfliche wie Sonnenenergie[24]. Aber auch durch umweltorientierten technischen Fortschritt, z. B. durch Recycling, Miniaturisierung oder innovative neue Produkte, könne es „zu einer Entkopplung von Wachstum und der Nutzung natürlichen Kapitals bzw. der Natur als Senke kommen“ [25].

Julian L. Simon war ein wichtiger Vertreter der optimistischen Sicht. Der Verbrauch von nicht-erneuerbaren Ressourcen stelle keine ernsthafte Gefahr für das Wirtschaftswachstum dar, da die menschliche Kreativität (die ultimative Ressource) bei ausreichender Knappheit für Substitute sorgen würde.

Am 17. Januar 2011 nahm die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft des Bundestages die Arbeit auf. Diese soll bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahr 2013 Vorschläge für eine neue Messgröße für Wohlstand und Lebensqualität erarbeiten.

Die Bedeutung der Wirtschaftskraft für die Lebensqualität in Industrieländern[Bearbeiten]

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gilt als Indikator für den Wohlstand der Bevölkerung eines Landes.[26] Die Rangkorrelation zwischen BIP und dem Human Development Index (HDI), der zusätzlich zum Einkommen Indikatoren der Lebenserwartung und der Bildung erfasst, ist sehr hoch. Zwischen den im HDI festgehaltenen Indikatoren der Lebenserwartung und der Bildung besteht jeweils eine Korrelation um 0,8 mit der realen Kaufkraft je Einwohner.

Dass sich das Wirtschaftswachstum und seine Messung im Bruttoinlandsprodukt tatsächlich eignet, den Lebensstandard oder gar die Lebensqualität der Bevölkerung eines Landes abzubilden, wird jedoch vielfach bezweifelt. Eine Studie im Auftrag der Bundesregierung zeigte, dass das Wirtschaftswachstum (ebenso wie das BIP) sich nicht als Wohlfahrtsindikator eignet, denn es misst weder die Einkommensverteilung in einem Land (wenn wenige Reiche reicher würden und viele Armen arm blieben, könnte dennoch die Wirtschaft ein Wachstum verzeichnen) noch die Gewichtung des privaten Verbrauchs, die Hausarbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten, noch die Zugangsmöglichkeiten und Qualität des Gesundheits- und des Bildungswesens, die Kriminalitätsrate, Suchterkrankungen, Umweltbelastungen und deren mögliche Folgekosten.[27]

Umfragen zeigen, dass ab einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von etwa 20.000 US-Dollar weiteres Wirtschaftswachstum seinen positiven Effekt auf das Glücksempfinden von Nationen verliert. Unter diesem Wert lässt sich noch eine relativ starke Korrelation zwischen der Zufriedenheit der Bevölkerung verschiedener Länder und ihrem durchschnittlichen Einkommen feststellen.[28] Tibor Scitovsky verband im Jahr 1976 die Entwicklung eines steigenden Konsums ohne eine entsprechend zunehmende Zufriedenheit der Menschen in Wohlstandsgesellschaften mit dem Begriff joyless economy (freudlose Wirtschaft). So zeigten auch die Ergebnisse der Studie Happy Planet Index von 2012, welche unter anderem die subjektive Lebenszufriedenheit in 151 Ländern abfragte, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum eines Landes und der von der Bevölkerung empfundenen Lebensqualität zu geben scheint.[29]

Wolfers und Stevenson veröffentlichten 2008 eine Arbeit, in der sie das Easterlin-Paradox hinterfragen. Sie analysierten alle Daten zu Glück und Einkommen in Vergleichen zwischen reich und arm innerhalb einer Gesellschaft, in Vergleichen zwischen armen und reichen Ländern und in intertemporalen Vergleichen. Dabei zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen subjektivem Glück und Einkommen für intranationale, internationale und intertemporale Vergleiche sehr ähnlich ist. Diese Ergebnisse widersprechen denen Easterlins, dessen Paradox auf der Annahme beruht, intranationale Vergleiche würden stärkere Glücksunterschiede bedeuten als internationale bzw. relatives Einkommen sei wichtiger für Zufriedenheit als absolutes Einkommen. In Ländern wie Japan oder Europa wuchs die subjektive Zufriedenheit zusammen mit dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen. Auch war der Zuwachs von Glück größer, wenn das Einkommenswachstum größer war.[30]

Wirtschaftswachstum aus systemtheoretischer Sicht[Bearbeiten]

Industrielle Agrarsysteme, die mit enormem Aufwand betrieben werden, eignen sich zur Erforschung des Wirtschaftswachstums aus systemtheoretischer Sicht

„Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“

Gandhi[31]

Auch die Wirtschaft unterliegt als funktionales Gebilde aus agierenden- und reagierenden Elementen sowie zwischen ihnen ablaufenden Vorgängen den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie natürliche Systeme. Viele Systemtheoretiker (z. B. Talcott Parsons und Niklas Luhmann) haben sich intensiv damit befasst, dieses Wissen auf Wirtschaftssysteme zu übertragen. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang das Wirtschaftswachstum, das im Gegensatz zu anderen Systemen als potentiell unbegrenzt betrachtet wird.

Frederic Vester hat sich intensiv mit diesem Widerspruch befasst. Zuerst definierte er „normales Wachstum" in lebenden Systemen: Es erfolgt immer nur in einer zeitlich begrenzten, vorübergehenden Phase, die durch negative Rückkopplungsmechanismen begrenzt wird. Im darauffolgenden, stationären Zustand können Umstrukturierungen erfolgen, bevor ggf. erneutes Wachstum ohne schädliche Folgen für das System ermöglicht wird. Vester weist an Beispielen nach, dass dieses Verhalten auch für komplexe Systeme gilt, in denen menschliches Handeln ein wesentlicher Faktor ist, also z. B. für Landnutzungs-Systeme. Wird hierbei jedoch durch menschliches Fehlverhalten die vorgenannte Wachstumsregulierung außer Kraft gesetzt, könnte zwar noch weiteres exponentielles Wachstum erzwungen werden, das aber bei ungebremster Weiterentwicklung abrupt abbrechen und zum Zusammenbruch des Systems führen könnte. Jeder Eingriff an einer Komponente könne vielfältige Wirkungen auslösen, die nicht beabsichtigt und schwer vorhersehbar seien und zu irreversiblen Entwicklungen führe. Dies sei oft der Fall, wenn gleichzeitig zu hohe Anforderungen und zu aprupte Maßnahmen zur Ertragssteigerung an moderne agrarische Systeme gestellt würden. Traditionelle Agrarsysteme haben sich hingegen über lange Zeiträume hin kontinuierlich entwickelt. Da ihre Betreiber auf deren Überlebensfähigkeit bedacht sind, dürften sie einen systemgerechten Umgang mit einem „natürlichen Wachstum" beherrschen.[32]

Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas E. Booth: Hooked on Growth. 2004, ISBN 0-7425-2718-2.
  • Herman E. Daly: Beyond Growth - The Economics of Sustainable Development. 1997, ISBN 0-8070-4709-0.
  • Elhanan Helpman: The Mystery of Economic Growth. 2004, ISBN 0-674-01572-X.
  • Mats Larsson: The Limits of Business Development and Economic Growth. 2005, ISBN 978-1-4039-4239-5.
  • Mancur Olson: Aufstieg und Niedergang von Nationen: ökonomisches Wachstum, Stagflation und soziale Starrheit. (engl. Originaltitel: The Rise and Decline of Nations. 1982). Mohr, Tübingen 1985, ISBN 3-16-944810-2.
  • Barro, Robert J. 1997. Determinants of Economic Growth: A Cross-Country Empirical Study. MIT Press: Cambridge, MA.
  • Robert J. Barro and Xavier Sala-i-Martin: Economic Growth, 2. Auflage. 2003.
  • Erber, Georg, and Harald Hagemann, Growth, Structural Change, and Employment, in: Frontiers of Economics, Ed. Klaus F. Zimmermann, Springer-Verlag, Berlin – Heidelberg – New York, 2002, 269–310.
  • Foley, Duncan K. 1999. Growth and Distribution. Harvard University Press: Cambridge, MA.
  • Galor, Oded. 2005. From Stagnation to Growth: Unified Growth Theory. Handbook of Economic Growth, Elsevier.
  • Garrison, Roger. 1998 Time and Money
  • Hamilton, Clive 2002. Growth Fetish.
  • Jones, Charles I. 2002. Introduction to Economic Growth. 2nd ed. W. W. Norton & Company: New York, N.Y. ISBN 0393977455
  • Kirzner, Israel. 1973. Competition and Entrepreneurship
  • Lucas, Robert E., Jr., "The Industrial Revolution: Past and Future," Federal Reserve Bank of Minneapolis, Annual Report (2003) online edition
  • Mises, Ludwig E. 1949 Human Action 1998 reprint by the Mises Institute
  • Schumpeter, Joseph A. 1912. The Theory of Economic Development 1982 reprint, Transaction Publishers
  • Schumpeter, Joseph A. 1942. Capitalism, Socialism, and Democracy Harper Perennial
  • Weil, David N. 2008. Economic Growth. 2nd ed. Addison Wesley. ISBN 0321416627
  • Weber, Lars 2010: Demographic Change and Economic Growth - Simulation on Growth Models Physica. ISBN 978-3-7908-2589-3

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden Wirtschaft von A bis Z: Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 5. Aufl. Mannheim: Bibliographisches Institut 2013. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2013
  2. Michael Frenkel, Hans-Rimbert-Hemmer: Grundlagen der Wachstumstheorie. 1. Auflage, Vahlen-Verlag, München 1993, ISBN 3-8006-2396-X
  3. a b Horst Seidel, Rudolf Temmen: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. 26. Auflage, Bildungsverlag EINS, 2008, ISBN 978-3-441-00194-2, S. 383
  4. Markus Diem Meier, Volkswirtschaftslehre, Compendio Bildungsmedien AG, 2003, ISBN 9783715591193, S. 36
  5. Springer Gabler Verlag, Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Wachstum
  6. Kay Bourcarde, Christian Tripp: Ausweg qualitatives Wachstum? In: Zeitschrift für Wachstumsstudien. Ausgabe 2, 2006, ISSN 1863-947X, S. 25–27 (PDF; 0,16 MB)
  7. http://www.inwent.org/E+Z/zeitschr/ez502-10.htm
  8. Gregory Mankiw: Principles of Macroeconomics. South Western Educ Pub, 2007, ISBN 0-324-37653-7, Kapitel 12
  9. Blanchard O., Illing G., Makroökonomie, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage (2009), S. 324.
  10. Blanchard O., Illing G., Makroökonomie, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage (2009), S. 335 f.
  11. Elahanan Helpman: The Mysthery of Economic Growth. Belknap Press, 2004, ISBN 0-674-01572-X, S. 24.
  12. Blanchard O., Illing G., Makroökonomie, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage (2009), S. 338 ff.
  13. Blanchard O., Illing G., Makroökonomie, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage (2009), S. 342 ff.
  14. Blanchard, Illing: Makroökonomie - Handbuch für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. 3. Auflage, Pearson Studium; 2004, ISBN 3-8273-7051-5, Kapitel 12
  15. Blanchard O., Illing G., Makroökonomie, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage, Pearson Studium; 2009, ISBN 978-3-8273-7363-2, S.364ff.
  16. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/graph.do?tab=graph&plugin=1&pcode=tsieb020&language=de&toolbox=data Eurostat (Zugriff: 15. Oktober 2010)
  17.  EZB hebt Prognose an und teilt mehr Geld zu. In: Salzburger Nachrichten. 4. September 2009, Börsen/Anzeigen, S. 13.
  18.  OECD verbreitet Zuversicht. In: Salzburger Nachrichten. 4. September 2009, Börsen/Anzeigen, S. 13.
  19. Interview mit Friedman zu The Moral Consequences of Economic Growth, 27. Oktober 2005.
  20. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988, ISBN 978-3-518-28752-1, Kapitel 3.IV (S.99f.)
  21. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988, ISBN 978-3-518-28752-1, Kapitel 3.IV (Wachstum, S.99ff), 5.V (Lebensressourcen, S.169) und 6 (Knappheit, S.177ff)
  22. Fred Luks: Bis zum bösen Ende?, Die Zeit 01/99
  23. Diane Coyle: The Weightless World: Thriving in the Digital Age, 1997
  24. Helge Majer: Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung. Oldenbourg 1998, ISBN 3-486-24557-0
  25. Michael von Hauff: Von der Sozialen zur Nachhaltigen Marktwirtschaft. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft. Metropolis-Verlag 2007, ISBN 3-89518-594-9, S. 353
  26. Wolfgang Cezanne: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2005, ISBN 3-486-57770-0, S. 497f
  27. Hans Diefenbacher, Roland Zieschank: Wohlfahrtsmessung in Deutschland: Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex. Heidelberg/Berlin 2008 (PDF-Datei; 2,29 MB)
  28. Richard Layard: Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft. Campus-Verlag, Frankfurt/New York 2005, ISBN 3-593-37663-6, S. 43 ff.
  29. Happy Planet Index Studie 2012 (PDF, englisch, 2,5 MB)
  30. Stevenson, B. & Wolfers, J. (2008): Economic Growth and Subjective Well-Being: Reassessing the Easterlin Paradox. Brookings Papers on Economic Activity, Spring 2008.
  31. zitate-online.de
  32. Franz Rothe: Kulturhistorische und kulturökologische Grundlagen der Intensivierungs- und Bewässerungstechniken traditioneller Agrarkulturen in Ostafrika: Ihr Entwicklungshintergrund und ihre Überlebensfähigkeit. Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br., 2004. S. 71-78