Wissenschaftskommunikation

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Einführung[Bearbeiten]

Wissenschaftskommunikation beschreibt die unterschiedlichen Formen einer Vermittlung wissenschaftlicher Themen: Findet diese Vermittlung innerhalb einer Fachöffentlichkeit statt, spricht man von interner Wissenschaftskommunikation, richtet sich die Vermittlung an die breite Öffentlichkeit ist gemeinhin von externer Wissenschaftskommunikation die Rede. Darüber hinaus gibt es eine gängige Unterscheidung zwischen der konventionellen Wissenschaftskommunikation 1.0 als der Wissensvermittlung und -bewerbung durch ausgewiesene Wissenschaftler in klassischen Printmedien sowie der digitalen Wissenschaftskommunikation 2.0 als der auf neue Formen des Web 2.0 erweiterten Form. Während der erste Sprung durch die Vereinfachung der Publikationsmöglichkeiten eine Verbreiterung der wissenschaftlichen Autorenschaft auf der horizontalen Ebene bewirkte, gibt es auch Bestrebungen einer studentischen Wissenschaftskommunikation 3.0, die eine vertikale Erweiterung des gesamten Wissenschaftsdialogs auf Studierende zu erreichen sucht.[1]

Wissenschaftskommunikation umfasst somit unterschiedliche Öffentlichkeiten wie Wissenschaftsjournalismus, wissenschaftliche Social-Media-Plattformen, Wissenschafts-Blogs aber auch Wissenschafts-PR und Wissenschaftsmarketing. Gerade im Bereich der Angewandten Forschung sowie im Hinblick auf Technologietransfer bestehen außerdem Parallelen zur Innovationskommunikation. Die Ziele der Wissenschaftskommunikation sind so vielfältig wie deren Bezugsgruppen: Über die Schaffung breiter gesellschaftlicher Akzeptanz für neue Technologien über interdisziplinäre Synergien bis zum gezielten Wissenstransfer und Dialog zwischen Forschung und Wirtschaft oder der einfachen Diskussion wissenschaftlicher Themen in der jeweiligen Fachöffentlichkeit. Jede Form der Wissenschaftskommunikation erfüllt mit den Funktionen von Certification / Qualitätsprüfung, Registration / Ergebniszuordnung, Awareness / Öffentlichkeitsschaffung und Archiving / Archivierung zentrale Aufgaben im Wissenschaftsbetrieb selbst.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Durch einen zunehmenden Wettbewerb um Fachkräfte und Drittmittel in der Forschungslandschaft hat die Wissenschafts-PR in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung, Ressourcen und medialem Einfluss sowie auch an Professionalität gewonnen. Die meisten akademischen Einrichtungen und Fachgesellschaften beschäftigen inzwischen PR-Beauftragte. Anforderungen und Selbstverständnis der Wissenschaftskommunikation haben sich im Laufe der Jahrzehnte stark gewandelt. Vom Versuch der "Aufklärung" der Bevölkerung seit den 50ern über die Überzeugungsarbeit von PUSH (Public Understanding of Science (and Humanities)) in den 80ern, dann die Angst vor Fachkräftemangel und die lauter werdende Forderung nach Transparenz und wirtschaftlicher Verwertbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse bis zum vermeintlich vertrauensbildenden Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft in den 90ern. Ein erneuter Paradigmenwechsel vollzieht sich dieser Tage im Zuge von "Social Media" mit Blick auf interaktive Kommunikations-Plattformen wie Science Blogs, Content-Sharing oder die Open-Access-Bewegung. Diese neuen Medien ermöglichen neue Kommunikationsformen im Hinblick auf die Veränderungen durch Open Innovation und Interaktive Wertschöpfung. Ein Beispiel hierfür ist das so genannte Crowdsourcing von Forschungsdienstleistungen.

Wissenschaftskommunikation 2.0[Bearbeiten]

„With research 2.0 becoming mainstream, science will change more over the next 20 years than in the past 300 years.“ [2] Wissenschaftskommunikation 2.0 umfasst sowohl die interne als auch die externe Wissenschaftskommunikation. Die Vermittlung der wissenschaftlichen Inhalte wird dabei aber in das Internet und insbesondere in das Web 2.0 verlagert. Statt auf die herkömmlichen Kommunikationskanäle der Massenmedien zurückzugreifen, können wissenschaftliche Inhalte im Internet digitalisiert verbreitet werden. [3]

Begriffsklärung[Bearbeiten]

Die Begriffe Wissenschaftskommunikation 2.0 und digitale Wissenschaftskommunikation werden weitgehend synonym verwendet, obwohl die digitale Wissenschaftskommunikation nach dem Wortsinn nicht nur auf Soziale Medieninhalte im Internet beschränkt ist. Allerdings grenzt sich die Wissenschaftskommunikation 2.0 von der herkömmlichen Wissenschaftskommunikation dadurch ab, dass allgemein Web-Kommunikationsmittel verwendet werden. Mit der Bezeichnung „2.0“ ist also nicht die ausschließliche Beschränkung auf Webinhalte des Web 2.0 gemeint. [4] Entsprechend versteht sich die Wissenschaftskommunikation 3.0 auch nicht parallel zu dem von Tim Berners-Lee und dem World Wide Web Consortium verwendeten Begriff des Web 3.0. Der Begriff bezieht sich also nicht auf das Semantische Web oder das Internet der Dinge, sondern viel mehr auf die vertikale Erweiterung der Wissenschaftskommunikation auf andere am Wissenschaftsdialog Beteiligte (z.B. Studierende).

Anwendungsbereiche und Vorteile[Bearbeiten]

Mit der Entwicklung des Web 2.0 verschwimmen die Grenzen zwischen Webentwicklern und Webnutzern. Jeder Nutzer ist mithilfe der Web 2.0-Anwendungen in der Lage, Content zu produzieren und der Allgemeinheit zu übermitteln (sog. teilen). Von den neuen Formen der Speicherung, Veröffentlichung und Verbreitung der Inhalte im Web 2.0 profitiert auch die Wissenschaft. [5] Durch die Vielfalt der Kanäle besteht die Möglichkeit der Anpassung der Kommunikation an fachliche, personelle, geografische und soziale Gegebenheiten. Die Web 2.0-Anwendungen stellen dabei eine Demokratie der Agenten/Teilnehmer. Jeder hat dadurch die Option an der Wissenschaft teilzuhaben und ist mit den anderen Teilnehmern gleichgestellt unabhängig vom sozialen Status, wie z.B. dem akademischen Grad. Dadurch können die Kommunikationsbarrieren zwischen Personen mit unterschiedlichen sozialen Rängen beseitigt werden. Ein weiterer Vorteil der Wissenschaftskommunikation 2.0 ist die natürliche Einbindung externer Informationsquellen und Agenten. Experten aus außerwissenschaftlichen Bereichen können mit ihrem Wissen die Forschung unterstützen. In diesem Zusammenhang ist auch das Crowdsourcing relevant. Durch den Wissenstransfer im Web 2.0 wird die Wissenschaft transparenter und zugänglicher. Daher besteht die Hoffnung, eine größere Effizienz und Reichweite der Informationsverteilung bei zunehmender Qualität zu erreichen. Für die Umsetzung der Wissenschaftskommunikation 2.0 gibt es unterschiedliche Kanäle:

  • Soziale Netzwerke: Das Modell der sozialen Netzwerke wurde auch in den wissenschaftlichen Bereich übertragen. Damit können wissenschaftliche Artikel mit anderen Personen ausgetauscht und diskutiert werden. Anhand von Nutzerprofilen können Kontakte zu anderen Experten geknüpft werden.[6] Beispiele für diese Plattformen sind international die Plattformen Academia.edu; Mendeley; ResearchGate etc. Im deutschsprachigen Raum gibt es seit 2013 insbesondere für die postgraduierte akademische Forschung Thesius.
  • Wissenschaft-Blogs: Anhand der Blogs können Wissenschaftler eine Art Forschungstagebuch veröffentlichen, um so das Forschungsgebiet populärer zu machen und um durch die anschließend ermöglichte Diskussion neue Ansätze für die Forschung zu gewinnen. Gleichzeitig lohnt sich das Format für kleinere, negative oder Zwischen-Ergebnisse oder Vorabdarstellung längerer Untersuchungen. [5] Bekannte wissenschaftliche Blogs sind: forschungs-blog.de, ScienceBlogs, SciLogs. Teilweise bestehen auch Hybride mit Web 2.0-Elementen und Blogbereichen, z.B. durch Integration von Wissenschaftsblog auf Plattformen (z.B. Thesius).
  • Content-Sharing: Um Kosten bei der aufwendigen Entwicklung von Lerninhalten zu sparen, können diese durch Content-Sharing auf mehreren Webseiten platziert werden.[7] Bei weniger gut indexierten Seiten kann dies auch unvorteilhaft sein, wenn die Suchmaschinenauffindbarkeit durch den Content-Tausch negativ beeinflusst wird.

Nachteile und Kritik[Bearbeiten]

Manche Forscher, die die Wissenschaftskommunikation 2.0 ablehnen, sehen in der Kommunikation im Web 2.0 eine Ablenkung von ihrer eigentlichen Arbeit. [5] Da durch die Anwendungen die Kommunikationsbarrieren zwischen den unterschiedlichen sozialen Rängen aufgehoben werden, können in den Diskurs auch irrelevante Meinungen und Anregungen einfließen. Bei der Unterscheidung zwischen den brauchbaren und unbrauchbaren Beiträgen kann es zu Zeitverlust kommen. Deshalb wird befürchtet, dass die vereinfachte Kommunikation und Transparenz zu Ineffizienz und Qualitätseinbußen der Forschung führen könnte. Auch durch die Anonymisierung, die das Internet bietet, fällt die qualitative Einordnung anhand der Autorität des Autors weg. Die Aktualität des Internets kann außerdem eiligeres Veröffentlichen der Forschungsergebnisse begünstigen.[8] Bei der Wissenschaftskommunikation im Web 2.0 findet häufig keine definierte Peer-Review statt. Auch die redaktionelle Review entfällt bei Wissenschafts-Blogs und Content-Sharing, eine definierte und kontrollierte Qualitätssicherung ist selten. Folglich umfasst das Internet wissenschaftliche Beiträge mit verschiedenen Qualitätsstufen, die vermischt werden. Aus diesen Gründen kann es häufig schwerfallen, die Seriosität der Quellen und Inhalte zu beurteilen.[8]

Forschung und Lehre[Bearbeiten]

  • Zum Wintersemester 2014/15 startet in NRW der erste Studiengang für "Wissenschaftskommunikation" im deutschsprachigen Raum, studiengebührenfrei an der öffentlichen, internationalen Hochschule Rhein-Waal. Der 7-semestrige, englischsprachige Studiengang "Science Communication & Bionics"[9] verbindet zu gleichen Teilen eine kommunikationspraktische Ausbildung mit natur- und ingenieuwissenschaftlichen Inhalten.[10][11][12]
  • Eine Reihe weiterer Lehrstühle im deutschsprachigen Raum widmet sich der Wissenschaftskommunikation, wobei dort meist der Schwerpunkt auf Journalismus liegt.[13] Erwähnt seien hier u.a. die Universität Dortmund, die Zürcher Hochschule Winterthur, das IFF (Klagenfurt, Wien, Innsbruck und Graz), die Freie Universität Berlin, die FH Bremen, die FH Darmstadt, die Technische Universität München und die RWTH Aachen. An der TU Berlin wird seit wenigen Jahren ein Aufbaustudiengang "Wissenschaftsmarketing" (M.A.) angeboten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Bauer, Massimiano Bucchi (Hrsg.): Journalism, Science and Society. Science Communication between News and Public Relations (= Routledge Studies in Science, Technology, and Society. Bd. 7). Routledge, New York NY u. a. 2006, ISBN 0-415-37528-2.
  • Anita Hermannstädter, Michael Sonnabend, Cornelia Weber (Hrsg.): Wissenschaft kommunizieren. Die Rolle der Universitäten. Edition Stifterverband, Essen 2008, ISBN 978-3-922275-22-0.
  • Richard Holliman, Elizabeth Whitelegg, Eileen Scanlon (Hrsg.): Investigating Science Communication in the Information. Implications for Public Engagement and Popular Media Age. Oxford University Press, Oxford u. a. 2008, ISBN 978-0-19-955266-5.
  • Alexander Gerber: Vorhang auf für Phase 5. Chancen, Risiken und Forderungen für die nächste Entwicklungsstufe der Wissenschaftskommunikation (= Edition Innovare. Bd. 1). innokomm Forschungszentrum, Berlin 2011, ISBN 978-3-9814811-0-5 (E-Book: ISBN 978-3-9814811-1-2).
  • Carsten Könneker: Wissenschaft kommunizieren. Ein Handbuch mit vielen praktischen Beispielen. Wiley-VCH, Weinheim 2012, ISBN 978-3-527-32895-6.
  • Barbara Bachtler, Heinz-Jörg Haury, Franz Ossing, Thomas Robertson (Hrsg.): Helmholtz-Workshop/Forum: „Neue Wege in der Wissenschaftskommunikation“, Bonn 2000, online, PDF, Download

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Andreas C. Hofmann: Wissenschaftskommunikation 3.0 — ein Plädoyer für eine vertikale Erweiterung des Wissenschaftsdialogs auf Studierende, in: L.I.S.A. Das Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung [14. August 2013], http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/content.php?nav_id=4488
  2. Michael Nielsen: "The future of science: Building a better collective memory." 2008.
  3. Michael Nentwich: ‘‘Das Web 2.0 in der wissenschaftlichen Praxis.‘‘ In: Thomas Gloning/Gerd Fritz (Hrsg.): ‘‘Digitale Wissenschaftskommunikation – Formate und ihre Nutzung.‘‘ 2011. Gießen: Gießener elektronische Bibliothek. Abgerufen am 27. Mai 2014, S. 35.
  4. M. Mitchell: "Science 2.0: Great New Tool, or Great Risk?: Wikis, blogs and other collaborative web technologies could usher in a new era of science. Or not.". Scientific American. Abgerufen am 5. Juni 2012.
  5. a b c Maredith Parez : "Web 2.0 im Einsatz für die Wissenschaft" In: "Young Information Professionals Day 2009, 61". Düsseldorf, Abgerufen am 27. Mai 2014, S. 128-134.
  6. Michael Nentwich: "Das Web 2.0 in der wissenschaftlichen Praxis." In: Thomas Gloning/Gerd Fritz (Hrsg.): ‘‘Digitale Wissenschaftskommunikation – Formate und ihre Nutzung.‘‘ 2011. Gießen: Gießener elektronische Bibliothek. Abgerufen am 27. Mai 2014, S. 37.
  7. http://wiki.elmv.de/index.php/Content_Sharing Abgerufen am 27. Mai 2014.
  8. a b Caroline Y. Robertson-von Trotha: "Öffentliche Wissenschaft im Spiegel der Web 2.0-Kultur" In: Caroline Y. Robertson-von Trotha Jesús Muñoz Morcillo (Hrsg.): "Öffentliche Wissenschaft & Neue Medien. Die Rolle der Web 2.0-Kultur in der Wissenschaftsvermittlung", 2011. Karlsruhe: Scientific Publishing. Abgerufen am 27. Mai 2014, S. 28.
  9. Studiengangs-Webseite "Science Communication & Bionics"
  10. IDW-Pressemitteilung, Hochschule Rhein-Waal: Wissenschaftskommunikatoren der dritten Generation
  11. Michelle Dobrovolny (SciDev Network): Science communication degree offers 50 free places
  12. Louet, Sabine (The EuroScientist): Ready for third generation of science communicators?
  13. Göpfert, Winfried: Wissenschaftsjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis, Berlin 2006