Witwe Cheng

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Die Witwe Cheng (Cheng I Sao, Cheng Shi und ähnlich) (* 1775; † 1844) war eine Piratin, die Anfang des 19. Jh. im Südchinesischen Meer und an Südchinas Küste auftrat.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten]

Sie war eine ehemalige Prostituierte aus Kanton, die 1801 den Piratenführer Cheng I (Cheng Wen-hsien, Cheng Yih und ähnlich, 1765–1807) heiratete und ihm zwei Söhne gebar. Nach dessen Tod[1] holte sie sich Chang Pao (Cheung Po Tsai und ähnlich, 1786–1822), einen unter den Piraten beliebten Anführer ins Bett. Er war ursprünglich ein Fischersohn gewesen, der von ihrem Mann gefangengenommen, ausgebildet und adoptiert wurde. Sie machte ihn zum Flotten-Befehlshaber, spielte damit die Familie ihres Mannes und andere Anführer der Allianz aus und heiratete ihn einige Jahre später.

Zusammen stellten sie einen recht strengen Verhaltenskodex für Piraten auf, der auch die Behandlung der Zivilbevölkerung zu regeln versuchte. Diebstahl, Ungehorsam und Vergewaltigung wurden mit dem Tod bestraft.

Bedrohung Kantons, Amnestie[Bearbeiten]

Zwischen ihrer Gründung 1804/1805 und 1810 besiegte die Piratenallianz verschiedene Militärführer, verursachte die Absetzung zweier Generalgouverneure und bedrohte 1808/1809 sogar Kanton und Umgebung. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht umfasste die Flotte rund 200 hochseetüchtige Dschunken mit je 20–30 Geschützen und bis zu 400 Mann Besatzung. Dazu kamen 600–800 kleinere Küstenschiffe, mit 12–25 Geschützen und bis zu 200 Mann Besatzung und dazu viele kleine Flussschiffe. Somit lässt sich eine Flottengröße von mindestens 80.000–100.000 Mann auf mindestens 800–1.000 Schiffen erahnen.

Angesichts der Notlage rief der neue Generalgouverneur Pai Ling die Briten und Portugiesen zu Hilfe, zog große Streitkräfte zusammen und bot gleichzeitig eine Amnestie an. Zu seinem Vorteil wurde die Piratenallianz durch die Rivalität zwischen Chang Pao und Kuo P'o-tai geschwächt, einem Literaten und langjährigen Gefolgsmann Cheng I's, der schließlich zur Regierung überlief.

Cheng I Sao ging daher im April 1810 persönlich nach Kanton und akzeptierte die Amnestie, wohl wissend, dass ihre Flotte auch ohne sie eine gefährliche Bedrohung darstellen würde und sich Pai Ling daher keinen Verrat leisten konnte. Die Piraten durften die Beute behalten und in den Dienst der Marine treten, mussten aber Schiffe und Waffen abgeben.

Späte Jahre[Bearbeiten]

Nach der Amnestie lebte das Paar zunächst in Kanton. Chang Pao wurde Marineoffizier und durfte eine private Flotte aus 20 oder 30 Schiffen unterhalten. Cheng I Sao bekam einen weiteren Sohn, betrieb ein Spielcasino und umfangreichen Opiumschmuggel[2] und lebte ein friedliches und wohlhabendes Leben in Kanton. Sie verstarb 1844 im Alter von 69 Jahren.[3]

Ihr Leben wurde 2003 in dem Film Cantando dietro i paraventi (internationaler Titel: Singing behind screens) von Ermanno Olmi verfilmt.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dian H. Murray: Pirates of the South China coast, 1790–1810, Stanford University Press, 1987
  • David Cordingly: Unter schwarzer Flagge – Legende und Wirklichkeit des Piratenlebens, München 2001
  • Angus Konstam: Piracy: The Complete History, Osprey Publishing, 2008

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Laut Yuan Yun-lun starb er in einem schweren Sturm. Vgl. Pennell, Bandits at Sea: A Pirates Reader, S. 266. Nach einer anderen Version starb er im Kampf an der vietnamesischen Küste. Bertil Lintner, Blood Brothers: Crime, Business and Politics in Asia, S. 96; Mark Anthony Jones: Flowing waters never stale: S. 58.
  2. Angus Konstam, Piracy: The Complete History, S. 300
  3. David Cordingly, Unter schwarzer Flagge, S. 82; Bertil Lintner, Blood Brothers: Crime, Business and Politics in Asia, S. 97
  4. Jay Weissberg: Singing behind screens. Variety, 23. Oktober 2003