Wladimir Nikolajewitsch Beneschewitsch

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Wladimir Beneschewitsch

Wladimir Nikolajewitsch Beneschewitsch (russisch Владимир Николаевич Бенешевич; * 9. August 1874 in Druja, heute Weißrussland; † 17. Januar 1938 in Leningrad) war ein russischer Historiker und Forscher der Byzantinischen Geschichte und des Kanonischen Rechts sowie Philologe und Paläograph von Manuskripten dieses Bereiches.

Von 1914 an war Beneschewitsch korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und ab 1924 korrespondierendes Mitglied der Russischen und der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Dazu kam die Mitgliedschaft der Strassburger Akademie der Wissenschaften 1929.

Beneschewitsch wurde 1938 durch das Sowjetregime im Zuge der sogenannten Stalinschen Säuberungen hingerichtet und gehört zu den „Neuen Märtyrern“ der östlichen Orthodoxen Kirche.

Leben[Bearbeiten]

Wladimir Beneschewitsch wurde am 9. August 1874 in Druja in der Provinz Vilna des Russischen Reiches geboren. Sein Vater war ein Gerichtsdiener am örtlichen Gericht und sein Großvater ein Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er hatte einen Bruder Dmitri, der drei Jahre älter war.

Beneschewitsch beendete das Gymnasium 1893 'erstklassig'. Er studierte dann Recht an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg von 1893 bis 1897 und graduierte ebenfalls mit einem erstklassigen Diplom. Von 1897 bis 1901 studierte er Philosophie, Recht und Geschichte in Deutschland, zunächst an der Universität Heidelberg, dann an der Universität Leipzig und schließlich an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Russland heiratete er Amata (Ludmila) Faddejewna Zielińska (1888–1967), Tochter des Professors für klassische Philologie Tadeusz Stefan Zieliński an der Universität Sankt Petersburg. Die Beneschewitschs hatten drei Söhne: Nikita (1910–1918) und die Zwillinge Dmitri (1911–1937) und George (1911–1937).[1]

Studienjahre[Bearbeiten]

Zwischen 1900 und 1905 arbeitete Beneschewitsch in Bibliotheken in Europa und im Mittleren Osten. Er studierte slawische und byzantinische Schriftquellen und nahm an der ersten archäologischen Expedition zu den antiken religiösen Zentren am Berg Athos, Berg Sinai, in Ägypten, Griechenland, Kleinasien und Palästina teil. Man gewährte ihm Zugang zu den handschriftlichen Klosterkollektionen in 49 Bibliotheken. Er arbeitete in Paris, Wien, München und Rom und entdeckte viele bisher unbekannte Meilensteine des Rechts.[2] Das Hauptaugenmerk seiner Forschungstätigkeit war die Rekonstruktion des historischen Griechisch-Römischen Rechts, basierend auf systematischem Quellenmaterial. Er lehrte auch kurz (1903−1904) kanonisches Recht am Alexander Lyceum. Die Ergebnisse seiner Forschungen wurden in seiner Masterarbeit The story of the sources of Canonical Law of the Greek Orthodox Church 1905 veröffentlicht.[3] Er erhielt daraufhin einen Master im Kirchenrecht. Er entdeckte auch drei neue Fragmente des Codex Sinaiticus (diese werden jetzt in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg aufbewahrt).[4]

1905 wurde Beneschewitsch als Privatdozent für Byzantiner Geschichte an die Fakultät für Geschichte und Philologie an die Universität St. Petersburg berufen. Im Jahre 1908 wurde er als Redakteur der Zeitschrift Обозрения трудов по славяноведению ernannt. Er behielt diesen Posten bis 1918.

Im Jahre 1909 wurde er schließlich als außerordentlicher Professor berufen, kurze Zeit später dann als ordinierter Professor für Byzantiner Geschichte. Er hielt auch ausführliche Vorlesungen zur Paläographie. Von 1906 an lehrte er die Geschichte des Kirchenrechts an der Rechtsfakultät der Universität, an der Theologischen Akademie St. Petersburg (1906–1909), bei den Fortgeschrittenenkursen für Frauen, auf den Frauenkursen Raeva (1910–1911) sowie an der Militärakademie des Rechts (1909–1912).

Die Universität Athen verlieh ihm 1912 den Doktor des Rechts. Im selben Jahr regte Beneschewitsch zusammen mit dem Ägyptologen Boris Alexandrovich Turayev und dem Linguisten Nikolay Yakovlevich Marr die Herausgabe der Zeitschrift Христианский восток (Christlicher Osten) unter Schirmherrschaft der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften an.[5]

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahre 1914 veröffentlichte Beneschewitsch seine Doktorarbeit über die Synagoge über 50 Arbeiten und andere juristische Sammlungen des Johannes Scholasticus.[6] Noch im selben Jahr wurde ihm der Doktor des Kirchenrechts verliehen.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Zwischen 1917 und 1918 arbeitete Beneschewitsch als Sekretär des Konzils der Russisch-Orthodoxen Kirche. Anschließend diente er bis 1926 in verschiedenen Kapazitäten der Kirchenarchive und Bibliotheken. So war er von 1923 bis 1926 Leiter der Öffentlichen Bibliothek der Geschichtsakademie der Materialkultur und von 1925 bis 1926 Bibliotheksleiter der Abteilung für griechische Manuskripte in der Öffentlichen Bibliothek für Manuskripte in Leningrad.

Im Juli 1922 und erneut 1924 wurde er in Zusammenhang mit dem Fall des Metropoliten Benjamin festgenommen, aber in beiden Fällen nicht lange festgehalten.

1926 wurde Beneschewitsch ernannter Sekretär der Byzantiner Kommission der UdSSR. Im Jahre 1927 wurde ihm die Reisegenehmigung nach Deutschland für einen dreimonatigen Wissenschaftsaufenthalt gewährt. So hatte er die Möglichkeit, eine Reihe griechischer Manuskripte zu studieren. Kurz nach seiner Rückkehr bot ihm die Bayerische Akademie der Wissenschaften an, seine Arbeit über Johannes Scholasticus zu übersetzen. Beneschewitsch stimmte zu.

Vorwurf der Spionage, Hinrichtung und Rehabilitation[Bearbeiten]

Anfang des Jahres 1928 wurde Beneschewitsch gewähltes korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Im November desselben Jahres wurde er mit dem Vorwurf der Spionage für den Vatikan, Deutschland und Polen festgenommen. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und in das Solowezki-Gefangenenlager gesandt. Er wurde 1930 nach Leningrad zurückgebracht, um dem Prozess seiner Frau und seines Bruders zum Vorwurf der Volksverhetzung beizuwohnen. Im August 1931 wurde er zu fünf Jahren Gefangenschaft verurteilt und in das Uchta-Petschoraer Gefangenenlager einquartiert. Die Festnahme und Hausdurchsuchungen zerstörten seine Sammlung von Kopien alter Manuskripte fast vollständig. Von den 49 Manuskripten, die aus seinen veröffentlichen Prolegomenas bekannt waren, überlebten nur drei.[7] Etwa 2000 Photographien wurden ebenfalls zerstört.

Auf Anfrage des Altbolschewisten Wladimir Bontsch-Brujewitsch wurde Beneschewitsch im März 1933 vorzeitig entlassen. Von 1933 an diente Beneschewitsch als Archivar griechischer Manuskripte in öffentlichen Bibliotheken und lehrte Byzantiner Geschichte an der Staatlichen Leningrader Universität.

Die erste deutsche Ausgabe seines Werkes über Johannes Scholasticus wurde im Mai 1937 in München veröffentlicht. Im Oktober stellte ein Artikel in der Iswestija dies als Betrug dar und fragte, warum eine russische wissenschaftliche Arbeit in Nazideutschland veröffentlicht wurde. Beneschewitsch wurde von seinem Posten entlassen und am 27. November unter der Anklage der Spionage für Nazideutschland festgenommen.[2]

Zusammen mit seinen beiden Söhnen und seinem Bruder, die der gleichen Anklage für schuldig befunden wurden, wurde Wladimir Nikolajewitsch Beneschewitsch am 17. Januar 1938[8] durch ein Erschießungskommando der NKWD in Leningrad hingerichtet.[9] Beneschewitsch wurde am 29. April 1938 aus der Liste der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften gestrichen.

Am 20 August 1958 wurde er durch ein Militärtribunal LVO von allen Vorwürfen des Hochverrats entlastet,[7] über 20 Jahre nach seiner Hinrichtung. Außerdem wurde er am 19. Dezember 1958 von der Akademie der Wissenschaften rehabilitiert.[7]

Werke[Bearbeiten]

Vladimir Nicolayevich Beneshevich veröffentlichte mehr als 100 Werke zur Byzantiner Geschichte und Kultur. Die wichtigsten sind:

  • Два списка славянского перевода синтагмы Матфея Властаря, хранящиеся в СПб-кой синодальной библиотеке: Описание их и тексты неизд. ст. Saint Petersburg, 1902.
  • Канонический сборник XIV титулов со второй четверти VII в. до 883 г. К древнейшей истории источников права греко-восточной церкви. Saint Petersburg, 1905.
  • Древнеславянская кормчая XIV титулов без толкования. СПб, 1907. Т. 1; Sofia, 1987. Т. 2.
  • Армянский пролог о св. Борисе и Глебе. Saint Petersburg, 1909.
  • Ответы Петра Хартофилакса. Saint Petersburg, 1909.
  • Описание греческих рукописей монастыря св. Екатерины на Синае. Saint Petersburg, 1911—1917. Т. 1—3.
  • Синагога в 50 титулов и другие юридические сборники Иоанна Схоластика. К древнейшей истории источников права греко-восточной церкви. Saint Petersburg, 1914.
  • Сборник памятников по истории церковного права, преимущественно русской церкви до эпохи Петра Великого. (2 issues) Saint Petersburg, 1915.
  • Вазелонские акты. Материалы для истории крестьянского и монастырского землевладения в Византии VIII—XV веков. Л., 1927 (posthumously together with Ф. И. Успенским).
  • Corpus scriptorum juris graeco-romani tam canonici quam civilis. Sofia, 1935.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. E. A. Tahoe-Godi, Пять писем Ф.Ф. Зелинского, losevaf.narod.ru, 2008.
  2. a b L. B. Volftsun Schwarz, Бенешевич Владимир Николаевич, Biographie, National Library of Russia, St. Peterburg, 2003.
  3. Full title: Канонический сборник XIV титулов со второй четверти VII века до 883 года. К древнейшей истории источников права греко-восточной церкв
    "Canonical Collection of 14 titles from the 2nd half of the 7th century to 883. The story of the sources of Canonical Law of the Greek Orthodox Church".
  4. Бенешевич Владимир Николаевич, "Памятники Синая археологические и палеографические", Вып. 2, Sankt Petersburg, 1912; V. N. Beneshevich, "Catalogus Codicum Manuscriptorum Graecorum qui in Monasterio Sanctae Catherinae in Monte Sina Asservantur" St. Petersburg (1911).
  5. State Hermitage Museum, Publications: Christian East, hermitagemuseum.org, St. Petersburg, 2006.
  6. Ursprünglich: Синагога в 50 титулов и другие юридические сборники Иоанна Схоластика.
  7. a b c Solovki Encyclopaedia, Академики, Solovki Энцикоклопедия Digest Project, 1998.
  8. Grigory Andreyev, Бенешевич Владимир Николаевич, Миряне, 2007.
  9. Gemäß der Mitgliederliste der Akademie der Wissenschaften von 1974 wurde Beneschewitsch am 19. Dezember 1943 hingerichtet. Jedoch bezieht sich ein Dokument vom 27. Februar 1938 auf diese Hinrichtung, was dem Jahr 1943 eindeutig widerspricht. Siehe auch Andreyev unter Literatur.