Wohltemperierte Stimmung

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Unter der Sammelbezeichnung wohltemperierte Stimmungen führte Andreas Werckmeister ab 1681 eine Reihe von Stimmungen auf Tasteninstrumenten ein, welche die mitteltönigen Stimmungen so erweiterten, dass die Tonarten des gesamten Quintenzirkels spielbar wurden. Bisher unmögliche Transpositionen und enharmonische Verwechslungen wurden ermöglicht.

Viele weitere Theoretiker und Praktiker, etwa Johann Georg Neidhardt, Johann Philipp Kirnberger, Francesco Antonio Vallotti, gaben immer neue Vorschläge zur Temperierung, was zeigt, dass es damals keine eindeutige Lösung gab. Einerseits wollte man für die am häufigsten gebrauchten Tonarten angenähert oder tatsächlich reine Terzen erhalten, andererseits musste der Quintenzirkel ohne Wolfsquinte geschlossen werden. Jedes System hatte seine Vorteile und Nachteile im Klang und war mehr oder weniger komplex in der (damaligen) handwerklichen Ausführung.

Herleitung des Begriffes[Bearbeiten]

Das Verb temperieren kommt von lat. temperare, was soviel wie „richtig bemessen“ bedeutet; es bedeutet in der Musik, dass Intervalle gezielt ein wenig unrein gestimmt werden, damit kleine Tonhöhenunterschiede wie das syntonische und das pythagoreische Komma verteilt werden und so nicht mehr störend in Erscheinung treten. Diese Tonhöhenunterschiede, resultierend aus der prinzipiellen Nicht-Übereinstimmung übereinandergeschichteter Quinten und Terzen im Oktavraum, verhindern bei reiner Stimmung das Transponieren in beliebige Tonarten mit den üblichen zwölf Tasten und erfordern viele zusätzliche Tasten, wie etwa das 31-stufige Archicembalo von Nicola Vicentino, das die damals übliche mitteltönige Stimmung transponierfähig erweitert. Werckmeister verurteilte derartige Instrumente als „Flickwerke der Subsemitonien“.

Charakteristik[Bearbeiten]

Charakteristisch für wohltemperierte Stimmungen ist, dass alle wichtigen Intervalle auf eine Weise von der reinen Stimmung abweichen, dass die häufig gespielten Tonarten eher reinere Terzen enthalten und die entfernten Tonarten schärfere. Werckmeisters berühmte Stimmung Werckmeister III hat weite Verbreitung gefunden. Sie enthält von einem mitteltönig klingenden C-Dur bis hin zu einem pythagoräisch klingenden Fis-Dur unterschiedlich klingende Tonarten, eine Eigenschaft, die Werckmeister etwa von Neidhardt unterscheidet. Das heißt, diese Stimmung erzeugt eine durchaus angestrebte, ausgeprägte Tonartencharakteristik, die durch gezielt ungleichmäßiges Stimmen der zwölf Quinten des Quintenzirkels entsteht.

Quinten und Terzen in der Stimmung Werckmeister III (Zum Vergleich: reine große Terz=386 Cent, pythagoräische Terz=408 Cent, reine Quinte=702 Cent).

Dreiklang c-e-g des-f-as
cis-f-gis
d-fis-a es-g-b e-gis-h f-a-c fis-ais-cis
ges-b-des
g-h-d as-c-es
gis-c-dis
a-cis-e b-d-f h-dis-fis c-e-g
Große Terz (c-e u.s.w) in Cent 390 408 396 402 402 390 408 396 408 402 396 402 390
Quinte (c-g u.s.w.) in Cent 696 702 696 702 702 702 702 696 702 702 702 696 696

Die maximale Abweichung von der reinen Quinte beträgt 6 Cent, während bei der mitteltönigen Stimmung eine Wolfsquinte herausragt.

Die Terzen in den Akkorden kann man in drei Klassen teilen:

Terzen Qualität
c-e, f-a, d-fis, g-h, b-d fast rein
es-g, e-gis, a-cis, h-dis vergleichbar den Terzen der gleichstufigen Stimmung
des-f, ges-b, as-c pythagoräische Terz
026bachstimmung.gif Anhören:
Kadenz F-Dur, Es-Dur und G-Dur


Werckmeister III?/i
gleichstufig?/i

Beziehung zwischen wohltemperiert und gleichstufig[Bearbeiten]

Unsere heutigen Klaviere werden meist gleichstufig temperiert (historische Begriffe dafür: gleichmäßig, gleichschwebend). Hier geht die Tonartencharakteristik verloren, da alle kleinen Sekunden möglichst gleichmäßig als lauter gleiche Halbton-Schritte gestimmt werden. Diese gleichmäßige zwölfstufige Temperatur kannte Werckmeister von Gioseffo Zarlino, dessen geometrische Monochord-Konstruktion von 1588 er zitierte. Zarlino beschrieb sie aber als Lautenstimmung, die schon lang vor ihm im frühen 16. Jahrhundert wohlbekannt war. In Werckmeisters Generalbaßschule von 1698 kommt sie ausdrücklich als Grenzfall vor. In seinem 1707 posthum erschienenen Werk Musicalische Paradoxal-Discourse empfiehlt Werckmeister die gleichschwebende Stimmung sogar emphatisch, da sie „ein Vorbild seyn kan, wie alle fromme und wohl temperirte Menschen mit GOtt in stetswährender gleicher und ewiger Harmonia leben und jubiliren werden." (S. 110) Die Gleichstufigkeit übernahmen später andere Temperatur-Theoretiker wie Georg Andreas Sorge (1744). Die gleichstufige Stimmung wurde jedoch wegen der Einebnung der Tonartencharakteristik und wegen bis dahin nicht befriedigend gelöster stimmtechnischer Probleme von verschiedenen Theoretikern abgelehnt, etwa von Johann Philipp Kirnberger, der ab 1766 eigene, ungleichmäßige wohltemperierte Stimmungen entwarf, die sich wesentlich schneller auf Tasteninstrumenten anwenden ließen.

Die weit verbreitete Behauptung (etwa im Brockhaus), der Begriff wohltemperierte Stimmung sei mit der gleichstufigen Stimmung identisch, ist unzutreffend. Ebenso unzutreffend ist es, die gleichstufige Stimmung aus dem Kanon der wohltemperierten Stimmungen auszuschließen, da Werckmeister sie in seinem letzten Werk ja ausdrücklich zumindest für „wohl temperirte Menschen“ empfiehlt. Das bekannte Werk Das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach (1685–1750) diente nicht der Demonstration der gleichstufigen Stimmung, sondern vielmehr einer Systematik, die darauf abzielte, in allen Tonarten des Quintenzirkels zu komponieren. Da Bach den Begriff "wohltemperiert" verwendet, ist der Bezug zu Werckmeister hergestellt. Deutlich ist, dass Bach keine gleichstufige Stimmung meinte; wie seine Stimmung exakt aussah, bleibt jedoch kontrovers.

Hypothesen zur Wohltemperierten Stimmung bei J.S. Bach[Bearbeiten]

Mit der Entwicklung von wohltemperierten Stimmungen konnte Bach für besaitete Tasteninstrumente in allen Tonarten des gesamten Quintenzirkels komponieren, was bisher mit den mitteltönigen Stimmungen unmöglich war. Bachs Leipziger Kirchenmusik scheint hingegen weiterhin von mitteltönig gestimmten Orgeln begleitet worden zu sein.[1] Johann Nikolaus Forkel berichtet, dass Bach sein Clavichord in weniger als 15 Minuten stimmte.[2] Wie Bach genau gestimmt hat, lässt sich aus dem kontroversen Streit zwischen Kirnberger und Friedrich Wilhelm Marpurg (1718–1795) nicht sicher erschließen.

Deutung der Girlande des Titelblattes

Sehr umstritten ist die - für manche bestechend einleuchtende - Deutung der Girlande auf dem Titelblatt von Bachs Wohltemperiertem Klavier, I. Teil, 1722 als Vorschrift zum Stimmen des Quintenzirkels von Andreas Sparschuh.[3] Hierzu sollen die Schleifen in den Kringeln Hinweise geben, die Quinten entsprechend enger zu nehmen, wie dies für wohltemperierte Stimmungen typisch ist. Für Bradley Lehmann ist dies der Stein von Rosette für das Stimmungsproblem bei Bach. Allerdings gibt es zu diesem Thema viele kontroverse Interpretationsmöglichkeiten.[4]

Andere Stimmungen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Historische Abhandlungen[Bearbeiten]

  • Johann Philipp Kirnberger: Die Kunst des reinen Satzes in der Musik. Königsberg 1774
  • Johann Georg Neidhardt: Sectio Canonis harmonici. Königsberg 1724.
  • Andreas Werckmeister: Orgel-Probe oder kurtze Beschreibung … wie durch Anweiss und Hülffe des Monochordi ein Clavier wohl zu temperiren und zu stimmen sey…. Frankfurt und Leipzig 1681
    • Ders.: Musicalische Temperatur. Quedlinburg, 1691.
    • Ders.: Die notwendigsten Anmerkungen und Regeln wie der Bassus continuus oder Generalbaß wol könne tractieret werden. Aschersleben 1698.
    • Ders.: Musicalische Paradoxal-Discourse. Calvisius, Quedlinburg 1707. (Digitalisat)
  • Giuseppe Zarlino: Sopplimenti musicali. Venedig 1588.

Neuere Fachliteratur[Bearbeiten]

  • Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach – Das Wohltemperierte Klavier. Bärenreiter, Kassel 1998, ISBN 3-7618-1229-9.
  • Herbert Kelletat: Zur musikalischen Temperatur. Teil I: Johann Sebastian Bach und seine Zeit. (ISBN 3-87537-156-9); Teil II: Wiener Klassik. (ISBN 3-87537-187-9); Teil III: Franz Schubert. (ISBN 3-87537-239-5), Edition Merseburger, Kassel 1981–1994.
  • Mark Lindley: Stimmung und Temperatur. In: Frieder Zaminer (Hrsg.): Geschichte der Musiktheorie. Band 6: Hören, Messen und Rechnen in der frühen Neuzeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1987, ISBN 3-534-01206-2, S. 109–332.
  • Mark Lindley, Ibo Ortgies: Bach-Style Keyboard Tuning. In: Early Music. Vol. 34, Nr. 4, November 2006, ISSN 0306-1078, S. 613–623.
  • Wilfried Neumaier: Was ist ein Tonsystem? Eine historisch-systematische Theorie der abendländischen Tonsysteme, gegründet auf die antiken Theoretiker Aristoxenos, Eukleides und Ptolemaios, dargestellt mit Mitteln der modernen Algebra. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1986, ISBN 3-8204-9492-8 (Quellen und Studien zur Musikgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart 9), (Zugleich: Tübingen, Univ., Diss., 1985).
  • Ibo Ortgies: Temperatur. In: Siegbert Rampe: Bachs Klavier- und Orgelwerke. Das Handbuch. Teilband 2 = Band 4, 2. Laaber-Verlag, Laaber 2008, ISBN 978-3-89007-459-7, S. 623–640 (Bach-Handbuch. Bd. 4, 2).
  • Jürgen Grönewald: Hat Johann Sebastian Bach gleichschwebend gestimmt? In: Ars Organi. 57, 2009, H. 1, S. 38–41.

Weblinks[Bearbeiten]

von Andrew Cruickshank

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Herbert Kelletat: Zur musikalischen Temperatur: I. Johann Sebastian Bach und seine Zeit. 2. Auflage. Merseburger, Berlin und Kassel 1981, ISBN 3-87537-156-9, S. 24.
  2. "Auch stimmte er so wohl den Flügel als sein Clavichord selbst, und war so geübt in dieser Arbeit, daß sie ihm nie mehr als eine Viertelstunde kostete." In: Johann Nicolaus Forkel: Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke. Leipzig 1802. Nachdruck Kassel-Basel 1974, S. 17 (online).
  3. Vortrag auf der Jahrestagung 1999 der Deutschen Mathematikervereinigung in Mainz.
  4. Weblinks zu diesem umstrittenen Thema: