Wohnhausbrand in Ludwigshafen am Rhein

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zwei Tage nach dem Brand

Bei einem Wohnhausbrand in Ludwigshafen am Rhein am 3. Februar 2008 kamen neun Menschen ums Leben,[1][2][3] 60 Personen wurden verletzt; das rund 100 Jahre alte Gebäude am Danziger Platz wurde weitgehend zerstört.

Der Brand gilt als schwerstwiegendes Hausbrandereignis in Ludwigshafen nach dem Zweiten Weltkrieg. Besonderes Aufsehen erregte der Brand auch, weil es sich bei den Toten, vier Frauen und fünf Kindern, ausschließlich um Türken und türkischstämmige Deutsche handelte. So kam es zu Spekulationen, es könne sich um einen Brandanschlag aus ausländerfeindlichen Motiven handeln. Die Ermittler schlossen diese Möglichkeit am Ende jedoch aus. Dem Brand wurden noch Monate nach dem Ereignis Reportagen in Funk und Fernsehen gewidmet, so die WDR-Reportage Das Feuer von Ludwigshafen – Vorm Flammentod gerettet (Ende 2008).

Chronologie[Bearbeiten]

Einige Tage nach dem Brand

Der Brand wurde um 16:24 Uhr, unmittelbar nach dem Ende des gemeinsamen Ludwigshafener und Mannheimer Fastnachtsumzuges, bemerkt. Dieser Umzug fand 2008 in Ludwigshafen statt und zog in der Nähe des Gebäudes vorbei. Dadurch konnte rasch nach Ausbruch des Brandes Hilfe durch Polizei und Feuerwehr geleistet werden. Die ersten Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr Ludwigshafen waren um 16:27 Uhr – nur zwei Minuten nachdem der erste Notruf eingegangen war – am Brandort.[4] Die ersten Rettungsaktionen wurden von der Polizei durchgeführt, die den Fastnachtszug begleitet hatte.

Um 16:30 schlugen bereits Flammen aus dem Dach. Der Brand zerstörte sehr schnell das hölzerne Treppenhaus, sodass eine Flucht aus den oberen Stockwerken über die Treppe nicht möglich war. Im Hausflur abgestellte Gegenstände erschwerten die Rettungsarbeiten. Über Leitern und eine Drehleiter konnten 47 Menschen gerettet werden. Teilweise sprangen Bewohner aus Verzweiflung in die Tiefe. Die meisten Todesopfer hielten sich im dritten Obergeschoss auf. Von diesem Stockwerk gibt es ein Pressefoto, das um die Welt ging und zeigt, wie aus Verzweiflung ein Säugling aus dem Fenster geworfen wird. Der Säugling wurde von einem Polizisten aufgefangen und überlebte den Brand.

Nur drei bis vier Minuten lang konnte die Feuerwehr in das Gebäude eindringen, ehe es dort zu gefährlich wurde. Außerdem wurden die Löscharbeiten dadurch behindert, dass der Wasserdampf die im Haus verbliebenen Personen zusätzlich gefährdet hätte.

In der Türkei erhielt das Ereignis besondere mediale Aufmerksamkeit, weil das Haus fast ausschließlich von türkischen Aleviten bewohnt wurde und es später Aussagen gab, die auf einen Anschlag hindeuten. Nachdem es am Tag der Katastrophe noch keine Hinweise auf Brandstiftung gab, wurden in der deutschen und türkischen Presse verschiedene Möglichkeiten als Brandursache genannt. Diese umfassen einen technischen Defekt, Fahrlässigkeit oder die Brandstiftung durch deutsche Rechtsextremisten. Am Haus fanden Ermittler nach dem Brand SS-Runen, die jedoch, wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellte, älterer Herkunft waren. Auch wohnt ein stadtbekannter Neonazi-Führer in unmittelbarer Nachbarschaft des Unglücksortes. Genauso wenig konnte zu jenem Zeitpunkt ein Anschlag durch extremistische türkische Kreise oder ultraorthodoxe Sunniten gegen Aleviten ausgeschlossen werden. Im Erdgeschoss befand sich ein leer stehendes Lokal, auf das im August 2006 ein Anschlag mit Brandsätzen verübt worden war.

Aufgrund des Fastnachtsumzugs gab es stärkere Polizeipräsenz im Umfeld des Hauses. Dies wird in Medienberichten als Indiz gegen einen Anschlag gewertet. In Spiegel-Online wird eine Anwohnerin zitiert:

„Eine Polizeistreife stand die ganze Zeit vor dem Haus. Da konnte doch gar keiner rein, ohne gesehen zu werden.[5]

Zwei kleine Mädchen, die einen Mann beim Zündeln beobachtet haben wollen, wurden vernommen. Eines der geretteten Kinder will nach Angaben eines Notarztes zudem einen lauten Knall gehört haben. Aufgrund widersprüchlicher Aussagen der Kinder in der polizeilichen Befragung konnten deren Angaben nicht wie erhofft für die Erstellung eines Phantombildes genutzt werden. Alle Aussagen und Spuren wurden von der Polizei dokumentiert, um ggf. wieder auf sie zurückgreifen zu können.

Die Polizei in Ludwigshafen wurde aufgrund des besonderen öffentlichen Interesses an der Aufklärung des Falles durch Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA), des Rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes (LKA) sowie durch türkische Brandermittler unterstützt.

Alle neun Opfer aus Ludwigshafen wurden von Deutschland in die Türkei überführt und in der Stadt Gaziantep beigesetzt.

Am 28. Februar informierten die Ermittlungsbehörden über den Zwischenstand ihrer Ermittlungen. Danach gilt ein Schwelbrand unter der Kellertreppe, dessen Ursache noch unklar ist, als Brandursache. Hinweise auf Brandbeschleuniger fanden sich während der Ermittlungen nicht.[6] Ein technischer Defekt wird ausgeschlossen.[7]

Am 4. März teilte die Staatsanwaltschaft in einer Pressekonferenz einen weiteren Zwischenstand mit. Demnach galten technische Brandursachen als ausgeschlossen. Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Anschlag gäbe es ebenfalls nicht, so dass als wahrscheinlichste Brandursache fahrlässiges Handeln angenommen wurde. Die ursprünglichen Aussagen der beiden Mädchen, die zunächst als mögliche Augenzeugen einer Brandstiftung angesehen wurden, hätten sich im Zuge weiterer psychologischer und polizeilicher Befragungen als unrichtig herausgestellt.[8]

Am 23. Juli 2008 gab die Staatsanwaltschaft die Einstellung der Ermittlungen bekannt. Die Ursache bleibt ungeklärt. Eine vorsätzliche Brandstiftung oder gar ein Brandanschlag sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft geht von Fahrlässigkeit aus. Der Brand sei an der Holztreppe durch eine Wärmequelle ausgebrochen, die zu einem Schwelbrand geführt habe.[9] Die Theorie, dass defekte Stromleitungen den Brand ausgelöst haben könnten, bestätigte sich nicht, da sich am Brandherd keine Elektrokabel oder -geräte befanden.

Das Haus wurde im August 2009 abgerissen.[10] Laut Auskunft der Eigentümer wird dort ein neues mehrstöckiges Wohnhaus entstehen.[11][12]

Reaktionen[Bearbeiten]

Kurz vor dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten
Absperrung vor der Ruine
September 2010: An Stelle der abgerissenen Brandruine wurde ein Neubau errichtet

Zahlreiche deutsche und türkische Politiker wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, die im Wahlkreis Ludwigshafen/Frankenthal in den Deutschen Bundestag gewählte Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer oder der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan besuchten den Brandort und sprachen den Trauernden ihr Beileid aus.

Türkische Medien lancierten schnell den Verdacht, es könne sich um einen Brandanschlag handeln, und gaben Berichte wieder, nach denen die deutsche Polizei und Feuerwehr nicht schnell genug gehandelt hätten. Türkische Medien behaupten fälschlich, dass die Rettungskräfte 20 Minuten gebraucht hätten, bis sie am Unfallort eintrafen.[13] Dies sorgte für Unruhe in der türkischen Gemeinde Ludwigshafens und führte dazu, dass ein Feuerwehrmann an seinem Wohnort Limburgerhof von einem 37-jährigen Türken in einer Gaststätte geschlagen wurde[5] und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) beim Aufräumen bespuckt wurden. Der Ludwigshafener Polizeipräsident Wolfgang Fromm regte daraufhin an, womöglich Personenschutz für die Feuerwehrleute bereitstellen zu wollen, und sagte: „Es geht nicht an, dass diese Menschen beleidigt, bedroht und bespuckt werden.“ Hier würden Retter zu Tätern gemacht.[5]

Die Stimmung beruhigte sich erst ein wenig, als der türkische Ministerpräsident Erdoğan vor Ort zur Mäßigung aufrief und die türkische Presse öffentlich rügte. Der Deutsche Feuerwehrverband kündigte angesichts der Vorwürfe, die Rettungsarbeiten wären rascher angelaufen, wenn das Haus von Deutschen bewohnt gewesen wäre, an, „die Integration von Migrantinnen und Migranten in die Feuerwehr voranzutreiben“, um die Kommunikation mit Betroffenen zu verbessern und die Brandschutzaufklärung zu stärken.[14]

Der türkische Ministerpräsident Erdoğan besuchte am 7. Februar gemeinsam mit Kurt Beck den Brandort und stellte den deutschen Ermittlern ein Team von vier Experten bei, um die Ursache des Brandes aufzuklären und eine Situation wie z. B. nach dem Lübecker Brandanschlag 1996 zu vermeiden. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble begrüßte dies.[15]

In den ersten 17 Tagen nach dem Brand kam es in Deutschland zu weiteren Bränden in Wohnhäusern, die vornehmlich von Türken bewohnt waren,[16] über die in der türkischen Presse im Zusammenhang mit dem Ludwigshafener Brand in großer Ausführlichkeit berichtet wurde und die in der türkischen Gemeinschaft weiter den starken Verdacht am Leben hielten, es könne sich in Ludwigshafen um einen fremdenfeindlichen Anschlag handeln. So fragte beispielsweise die Cumhuriyet: „Sind die Brände in den meistens von Türken bewohnten 6 Häusern in 17 Tagen ein Zufall?“ Dilek Zaptçıoğlu sprach angesichts eines Dutzends Brände innerhalb von drei Wochen (darunter eindeutige Brandstiftungen) von „systematischen Brandanschlägen gegen Türken“.[17] Insbesondere in der Nacht vom 18. auf den 19. Februar 2007 ist in Dautphetal bei Marburg (Hessen) an einem von einer türkischen Familie bewohnten Wohnhaus ein Feuer gelegt worden. Hierbei wurde die Holzfassade der außen am Haus angebrachten Holztreppe beschädigt.[18] Brandbeschleuniger wurden jedoch nach ersten Erkenntnissen der Polizei nicht verwendet. An der Fassade des betroffenen Hauses wurde zudem mit Wachsmalstiften der Schriftzug „Hass“ hinterlassen.[19]

Die ARD verschob aus Respekt vor den Opfern von Ludwigshafen eine für den Sonntag nach der Katastrophe angesetzte Folge der Krimiserie Tatort. Der in der Folge behandelte fiktive Fall sollte in der türkischen Gemeinde Ludwigshafens spielen.

Aufgrund der tragischen Ereignisse in Ludwigshafen und auf Initiative von Asım Güzelbey, dem Bürgermeister Gazianteps, wurde am 1. April 2009 eine Städtepartnerschaft zwischen den beiden Städten begründet.[20]

Der 29-jährige Camil Kaplan, der bei dem Wohnhausbrand seine Frau und zwei Kinder verloren hatte, bekam am 27. Mai 2008 den mit 10.000 Euro dotierten erstmals vergebenen Genç-Preis verliehen. Der Preis wird künftig alle zwei Jahre vergeben. Er trägt den Namen von Mevlüde Genç, einer vor 15 Jahren vom Mordanschlag in Solingen betroffenen türkischen Frau. Kaplan wurde, so die Zeitung Rheinpfalz, dafür ausgezeichnet, dass er trotz des großen Verlustes in der Öffentlichkeit vielbeachtete Worte des Ausgleichs, der Besonnenheit und der Verständigung gefunden habe. Kaplan hatte auch einen Neffen gerettet, indem er ihn aus dem Brandhaus in die Arme eines Polizisten warf.

Am 17. Dezember 2011 wurde bekannt, dass im Zuge der Ermittlungen gegen die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund neue Verdachtsmomente in Zusammenhang mit dem Brand aufgetaucht sind. Verdächtigt wird ein Neonazi aus der Region Ludwigshafen, der Mitglied der dortigen Neonazigruppierung LuNaRa (Ludwigshafener Nationalisten und Rassisten) gewesen sein soll.[21] Die Bundesanwaltschaft und die Staatsanwaltschaft in Frankenthal haben die Meldung dementiert, dass es eine Verbindung zwischen der rechtsextremen Terrorgruppe NSU und der Brandkatastrophe von Ludwigshafen gebe.[22]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wohnhausbrand in Ludwigshafen am Rhein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellennachweise[Bearbeiten]

  1. Julia Jüttner: "Pure Panik in den Gesichtern". Wohnhausbrand in Ludwigshafen. In: Spiegel Online. 4. Februar 2008, archiviert vom Original am 26. Dezember 2011, abgerufen am 26. Dezember 2011.
  2. Mindestens neun Tote bei Mietshausbrand in Ludwigshafen. Verheerendes Großfeuer. In: n24.de. 4. Februar 2008, archiviert vom Original am 26. Dezember 2011, abgerufen am 26. Dezember 2011.
  3. Ludwigshafen: Wohnhausbrand fordert neun Todesopfer. In: stern.de. 4. Februar 2008, archiviert vom Original am 26. Dezember 2011, abgerufen am 26. Dezember 2011.
  4. Angaben aus der Lokalzeitung Die Rheinpfalz vom 5. Februar 2008
  5. a b c Ferda Ataman, Jörg Diehl: Brand in Ludwigshafen - Deutsche und Türken fürchten Rückkehr der Feindbilder, in Der Spiegel, am 6. Februar 2008, abgerufen am 31. Dezember 2009.
  6. http://afp.google.com/article/ALeqM5g2Q6vVHmk0_eIiIUNVS983q0m32w
  7. Financial TimesVorlage:Webarchiv/Wartung/Nummerierte_Parameter vom 28. Februar 2008
  8. Reuters vom 4. März 2008
  9. http://www.rp-online.de/public/article/panorama/deutschland/593427/Ermittlungen-eingestellt.html/
  10. http://www.rnf.de/videoportal/sendung/haus_der_brandkatastrophe_wird_abgerissen
  11. http://www.lampertheimer-zeitung.de/region/rhein-neckar/meldungen/7721053.htm
  12. http://www.rheinpfalz.de/cgi-bin/cms2/cms.pl?cmd=showMsg&tpl=rhpMsg_thickbox.html&path=/rhp/lokal/lud&id=5767097
  13. Angabe aus der Lokalzeitung Die Rheinpfalz vom 7. Februar 2008
  14. http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?sid=95bc3510ceb30004d1639c3ea16f91c0&em_cnt=1284571
  15. http://www.ad-hoc-news.de/Politik-News/de/15382593/Sch&aumlueuble+hofft+auf+Zusammenruecken+von+Tuerken
  16. europress.de: Brandanschläge: Die Serie von Bränden in von Türken bewohnten Häusern reißt nicht ab und die Stimmung in den in Deutschland erscheinenden türkischen Zeitungen verdüstert sich wieder zunehmend. „Wer schützt uns noch?“...
  17. http://taz.de/blogs/istanbulblog/2008/02/27/systematische-brandanschlaege-gegen-tuerken-ein-fahndungsleiter-wird-gesucht/
  18. Frankfurt Rundschau: Brandanschlag auf Haus einer türkischen Familie
  19. Spiegel:Brandstiftung an Wohnhaus - türkische Familie kann sich retten
  20. Ludwigshafen.de: Partnerstädte
  21. Felix Helbig: Spur der Zwickauer Terrorgruppe führt an den Rhein. In: Frankfurter Rundschau online. 17. Dezember 2011, archiviert vom Original am 25. Dezember 2011, abgerufen am 25. Dezember 2011: „Laut Dokumenten, die der BLZ [Berliner Zeitung] vorliegen, gilt Malte R. den Behörden zudem als verdächtig, den Brand in einem Ludwigshafener Wohnhaus gelegt zu haben, bei dem am 3. Februar 2008 neun türkischstämmige Bewohner ums Leben gekommen waren.“
  22. Neonazi-Verdacht wegen Wohnhausbrand dementiert. In: swr.de. 17. Dezember 2011, archiviert vom Original am 25. Dezember 2011, abgerufen am 25. Dezember 2011: „Die Bundesanwaltschaft und die Staatsanwaltschaft in Frankenthal haben am Samstag eine Meldung zurückgewiesen, wonach es eine Verbindung zwischen der rechtsextremen Terrorgruppe NSU und der Brandkatastrophe von Ludwigshafen vor drei Jahren gibt.“

49.4830555555568.4402777777778Koordinaten: 49° 28′ 59″ N, 8° 26′ 25″ O