Wolf Hirth

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kurt Erhard Wolfram Hirth (* 28. Februar 1900 in Stuttgart; † 25. Juli 1959 in Dettingen unter Teck) war ein deutscher Diplom-Ingenieur, Segelflugpionier und Träger des silbernen Segelflugabzeichens Nr. 1. Er ist zweifacher Gewinner des Hindenburg-Pokals, war Motorradrennfahrer und erster Präsident des Deutschen Aero Clubs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Kurzer Lebenslauf[Bearbeiten]

  • 1911 Erster Flug mit seinem Bruder Hellmuth
  • 1918 Notabitur
  • 1919 Praktikant bei Junghans in Schramberg und Daimler-Benz in Stuttgart
  • 1920 Teilnahme am 1. Rhönwettbewerb
  • 1924 Achtfacher Sieger bei Motorradrennen
  • 1928 Abschluss des Studiums mit Dipl.-Ing., Techn. Berater beim Württ. Luftfahrtverband
  • 1931 Segelflug über New York
  • 1935 Gründung der Firma Schempp-Hirth Flugzeugbau
  • 1950 Präsident des Deutschen Aero-Clubs
  • 1958 Verleihung der Lilienthal-Medaille der Föderation Aeronautique Internationale

Biographie[Bearbeiten]

Wolf Hirth wurde am 28. Februar 1900 in Stuttgart geboren. Sein Vater Albert war ein erfolgreicher Industrieller und flugbegeistert (später produzierte er u.a. einen Flugzeugmotor), sein 14 Jahre älterer Bruder Hellmuth war vor dem Ersten Weltkrieg ein sehr populärer Flugpionier. Damit hatte Wolf ideale Voraussetzungen, um sich unbelastet von materiellen Problemen und mit der vollen Unterstützung des Vaters seinen beiden Leidenschaften Fliegerei und Motorradrennen widmen zu können.

Wolf Hirth wurde Mitbegründer des Aero-Modellclubs, baute Modelle und veranstaltete Anfang des Jahres 1914 einen großen Modellflug-Wettbewerb, bei dem sein eigenes Modell 56 Meter weit flog. Er beschäftigte sich neben dem Schulbesuch mit der Theorie des Fliegens und versuchte sich am Bau eines Gleitflugzeugs. 1918 legte er das Notabitur ab. Dann ging er kurze Zeit als Praktikant zur Uhrenfabrik Junghans nach Schramberg, in der schon sein Vater tätig gewesen war, und anschließend zu Daimler-Benz in Stuttgart.

In Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg der Motorflug verboten, der Segelflug war jedoch im Friedensvertrag von Versailles vergessen worden. Diese Lücke nützen einige Flugbegeisterte aus und riefen für den Sommer 1920 zu einem Segelflugwettbewerb auf der Wasserkuppe auf. Den Stein ins Rollen gebracht hatten die Dresdner Wolfgang Klemperer und C. W. Erich Meyer, die publizistische und organisatorische Arbeit wurde vor allem von "Rhönvater" Oskar Ursinus, dem Herausgeber der Zeitschrift „Flugsport“ geleistet. Finanziert wurde der erste Wettbewerb vom Frankfurter Mäzen Karl Kotzenberg, der auch später die Segelflugbewegung immer wieder mit namhaften finanziellen Beträgen unterstützte.

Wolf Hirth besuchte mit seinem Motorrad die Wasserkuppe, um dem Segelflugwettbewerb als Zuschauer beizuwohnen. Begeistert fuhr er aber wieder nach Stuttgart zurück, wo er zusammen mit Paul Brenner und Eduart Ulbert innerhalb von 4 Tagen ein Doppeldecker-Gleitflugzeug fertigstellte, das vom Stuttgarter Flugverein zwar bereits 1919 gebaut, aber nie ganz fertiggestellt worden war. (Überlieferungen, er hätte dieses Flugzeug innerhalb von nur 5 Tagen gebaut, stimmen so also nicht.) Dieses Flugzeug konnte noch rechtzeitig zur Wasserkuppe transportiert werden, so dass damit am letzten Tag des Wettbewerbs außer Konkurrenz noch einige kurze Gleitflüge durchgeführt werden konnten. Schriftlich überliefert sind zwar nur Flüge von Paul Brenner, aber es existiert ein Foto, das Wolf Hirth am Start zeigt.

1922 lernte Wolf Hirth auf der Wasserkuppe mit einer Messerschmitt S-12 autodidaktisch fliegen und nahm anschließend mit diesem Flugzeug auch am Wettbewerb teil. Dabei erlitt er durch einen technischen Defekt einen Unfall, bei dem er an den Beinen und am Kehlkopf schwer verletzt wurde. Diese Verletzungen zogen einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt nach sich und heilten nie mehr völlig aus. Dennoch war Hirth auch später ein regelmäßiger Teilnehmer am Rhönwettbewerb, den er 1932 auch gewann.

Am 8. Juli 1925, Wolf wollte mit einer 1000 cm³ NSU mit Beiwagen für seinen Bruder schnell eine Lichtmaschine bei Bosch abholen, dabei streifte er mit dem Beiwagen das Trittbrett einer Straßenbahn. Das linke Bein wurde schwer verletzt und musste über dem Knie amputiert werden. Während dieses Spitalaufenthalts gründete er die Akaflieg Stuttgart. Trotz seiner Beinprothese blieb Wolf Hirth aktiver Segelflugpilot und fuhr mit Holzprothese auch weiter Motorradrennen (1926: 1. Platz beim Avusrennen in Berlin).

Am 1. Mai 1928 schloss er sein Studium als Dipl. Ing. ab. Anschließend nahm er an einem Segelflugwettbewerb in Vauville/Frankreich teil, wo er einen vierfachen Sieg davontrug. Zu dieser Zeit wandte er sich auch wieder dem Motorflug zu und errang neben anderen Preisen auch den Hindenburg-Pokal. 1930 unternahm er mit einer Klemm-Maschine einen Motorflug, der ihn mit Zwischenstationen in England, den Orkney-Inseln, Island, Grönland, Labrador und Québec nach Nordamerika führen sollte. In Island musste er aber erfahren, dass die dänische Regierung entgegen früheren Zusagen auf einer Kaution von 10'000 Kronen bestand, als Sicherstellung der Kosten einer allfälligen Suchaktion, um auf Grönland landen zu dürfen. Da Wolf Hirth diese Summe nicht aufbringen konnte, musste er seinen Plan aufgeben.

1930 reiste Hirth in die USA. Dort entdeckte er während eines Fluges in Blauthermik die Technik des „Steilkreisens“ als Voraussetzung zur effizienten Ausnützung von thermischen Aufwindkaminen (Bis dahin hatte man geglaubt, man müsse weite, flache Kreise fliegen, um das Eigensinken des Segelflugzeugs möglichst klein zu halten).

Wolf Hirth im Segelflugzeug, 1931

Am 10. März 1931 kurz vor 16:00 startete Hirth in New York mit Gummiseil am Ufer des Hudson und flog während einer halben Stunde im Hangwind des Hudsonufers um dann an den Hochhäusern auf über 300 Meter Höhe zu steigen (Originalaufzeichnungen Wolf Hirth).

Nach Deutschland zurückgekehrt, übernahm Wolf Hirth die Leitung der Segelflugschule in Grunau.

Im gleichen Jahr wurde Hirth das neu geschaffene Internationale Silberne Segelflugabzeichen (Silber-C) Nr. 1 und ein Jahr später - 1932 – für seine wissenschaftlichen und sportlichen Leistungen im Segelflug der Hindenburg-Pokal verliehen. Damit ist Wolf Hirth der einzige Flieger, der diesen Pokal sowohl für den Motor- wie für den Segelflug erhielt.

Am 18. März 1933 sah Hirth von Grunau aus, wie Hans Deutschmann während längerer Zeit über dem Dorf Hirschberg segelte und dabei eine erstaunlich große Höhe erreichte, obwohl offensichtlich keine Thermik vorhanden war und es sich - in der Ebene - auch nicht um Hangaufwind handeln konnte. Sofort ließ sich Hirth in einem Grunau Baby dorthin schleppen und begann, das Aufwindfeld systematisch zu erkunden. Hirth interpretierte das Phänomen korrekt als Leewelle und publizierte seine Erkenntnis. Dadurch war auch die dort regelmäßig erscheinende Moazagotl-Wolke endlich erklärt. Bisher hatte es darüber zwar Theorien gegeben, die aber alle ungesichert waren, da sie lediglich auf Vermessungen vom Boden und auf theoretischen Überlegungen beruhten. Diese Flüge von Deutschmann und Hirth sind also als die ersten bewussten Wellenflüge anzusehen. (Vermutlich waren schon frühere Flüge an der Düne von Rossitten Wellenflüge gewesen, aber nicht als solche erkannt worden.)

Wenige Jahre später, als während eines Segelflugwettbewerbs in Grunau eine Wellenlage aufkam, neutralisierte Wolf Hirth den Wettbewerb für diesen Tag und beauftragte stattdessen die teilnehmenden Wettbewerbspiloten, das Gebiet systematisch abzufliegen und die angetroffenen Aufwindwerte sorgfältig zu dokumentieren, wobei er jedem Piloten ein Teilgebiet zur Untersuchung zuwies. Mit dieser lange und detailliert vorbereiteten Aktion gelang es, die Aufwindwerte von Primär- und Sekundärwelle sowie auch die dazwischenliegenden Abwindzone genau zu kartieren, wodurch nicht nur die grundsätzliche Existenz eines Wellensystems endgültig bewiesen war, sondern auch seine Ausmaße sowie die Aufwindwerte quantitativ dokumentiert waren.

Hirth nannte sein 1933 gebautes Segelflugzeug dann „Moazagotl“. Mit diesem nahm er 1934 an einer Südamerikaexpedition teil, die von Walter Georgii organisiert worden war und an der auch Heini Dittmar, Peter Riedel und Hanna Reitsch teilnahmen.

1935 reiste Wolf Hirth auf Einladung nach Japan um für den Segelflug zu werben und als Fluglehrer tätig zu sein. Dort wurde er auch von Kaiser Hirohito empfangen.[1]

1935 unterstützte Hirth seinen Freund Martin Schempp bei der Gründung der Firma „Sportflugzeugbau Göppingen Martin Schempp“. Die ersten von Schempp produzierten Segelflugzeuge waren der kunstflugtaugliche Übungseinsitzer Gö-1 „Wolf“ und das Leistungssegelflugzeug Gö-3 „Minimoa“, beide von Wolf Hirth konstruiert. 1938 trat Wolf Hirth, hauptsächlich verantwortlich für die Konstruktion, offiziell als Teilhaber in die Firma ein, die dann auch den neuen Namen Sportflugzeugbau Schempp-Hirth annahm. Im selben Jahr zog die Firma nach Kirchheim unter Teck um.

Da Hirth schon lange die Idee eines Volksflugzeugs verfolgt hatte, baute er den Motorsegler „Hi 20 MoSe“ nach seinem 1935 eingereichten Patent. Es war das erste Segelflugzeug mit schwenkbarem Hilfstriebwerk.

Alle Entwicklungen wurden durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abrupt beendet. Nach Ende des Krieges überbrückte Hirth die Zeit bis die Nachfrage nach Segelflugzeugen wieder aufkam mit der Produktion von Kunststoffschüsseln, Kinderwagen, Sesseln, Kücheneinrichtungen und Wohnwagen. 1950 wurde der Deutsche Aero Club gegründet, dessen erster Präsident Wolf Hirth wurde. Bereits 1951 nahm er die Produktion des Segelflugzeugs Gö-4 (Konstrukteur Wolfgang Hütter) wieder auf. Sein auch weiterhin großer Einsatz für den Gedanken des Flugsports wurde 1958 mit der Verleihung der Lilienthalmedaille durch die Federation Aeronautique Internationale gewürdigt.

Am 25. Juli 1959 erlitt Wolf Hirth während eines Segelflugs in einer Lo 150 einen Herzinfarkt und stürzte in der Folge tödlich ab. Er wurde auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch bestattet.

Ehrungen[Bearbeiten]

In zahlreichen Ortschaften Württembergs wurden Straßen nach Wolf Hirth benannt. Unter anderem in Bartholomä, Bettringen, Böblingen, Ditzingen, Leinzell, Leonberg, Kirchheim/Teck und Schramberg gibt es eine Wolf-Hirth-Straße, außerhalb Württembergs in Gersfeld (Rhön). In Kiel-Holtenau gibt es eine Hirthstraße.[2]

Werke[Bearbeiten]

  • Handbuch des Segelfliegens. Frankh'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1938 (zahlreiche Auflagen).

Literatur[Bearbeiten]

  • Jörg Baldenhofer (Hrsg.): Schwäbische Tüftler und Erfinder. DRW-Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-87181-232-3.
  • Gert Behrsing: Hirth, Wolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 237 f. (Digitalisat).
  • Stefan Blumenthal: Grüße aus der Luft. 100 Jahre Luftfahrt auf alten Postkarten. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1991, ISBN 3-613-01336-3.
  • Stefan Blumenthal: Albert Hirth und seine Söhne Hellmuth und Wolf: eine schwäbische Erfinderfamilie. In: Jörg Baldenhofer (Hrsg.): Schwäbische Tüftler und Erfinder. DRW-Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-87181-232-3, S. 112-121.
  • Lisa Heiss: Erfinder, Rennfahrer, Flieger. Hirth. Vater. Hellmuth Wolf. Verlag Reinhold A. Müller, Stuttgart 1949.
  • Hellmut Hirth: Original Schriftstücke, Film & Tonaufnahmen, Fotoarchiv.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatAndreas Volz: „Um der Schönheit des Fliegens willen“. In: Der Teckbote online. 27. Juli 2009, abgerufen am 27. Juli 2009.
  2. Hans-G. Hilscher, Dietrich Bleihöfer: Kieler Straßenlexikon. 5. Auflage, Landeshauptstadt Kiel, Kiel 2012. (Online, PDF; 2,16 MB)

Weblinks[Bearbeiten]