Wolf Wondratschek

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Wolf Wondratschek und Luzia Braun im Gespräch, 2011

Wolf Wondratschek (* 14. August 1943 in Rudolstadt) ist ein deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Von 1964 bis 1965 war er Redakteur der Literaturzeitschrift Text und Kritik. Seit 1967 lebt er als freier Schriftsteller in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick; Ende der Achtzigerjahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Neben München ist seit Mitte der 1990er-Jahre Wien sein zweiter Wohnsitz, den er gegenwärtig präferiert.

Der Autor Wolf Wondratschek begann als Verfasser von Gedichten und Kurztexten, die seine radikale Opposition zu herkömmlicher Lyrik und Prosa dokumentieren. In den 1970er-Jahren veröffentlichte er eine Reihe von Gedichtbänden, mit denen er außerhalb des Verlagsbuchhandels auf dem Versandweg außerordentlich große Auflagen erzielte; die darin enthaltenen Liedtexte etablierten ihn als einen der wenigen deutschsprachigen „Rock-Poeten“. Seit den 1980er-Jahren veröffentlicht Wondratschek neben seiner Lyrik auch wieder vermehrt Prosa; Thema sind Geschlechterbeziehungen sowie die Welt des Showbusiness, die auf den Autor große Faszination ausübt. Wondratschek ist auch Verfasser von Hörspielen und Filmdrehbüchern, von denen zwei von Werner Schroeter verfilmt wurden.

Wondratschek verweigerte sich seit seinen literarischen Anfängen weitgehend dem Literaturbetrieb. Verschiedene seiner Texte wurden von der deutschen Bluesrockband Interzone und deren Sänger Heiner Pudelko vertont. Auf Tonträger sind erschienen Liebeslied und Adam jr. 1982 erschien die LP Complicated Ladies, auf der Esther Ofarim vier Songs von Wolf Wondratschek, vertont von Eberhard Schoener, singt. De-Phazz-Stimme Barbara Lahr bediente sich 2002 aus dem Band Das leise Lachen am Ohr eines andern und verwirklichte ein ganzes Album mit englischen Übersetzungen bislang stummer Lieder.

In seinem Werk Früher begann der Tag mit einer Schußwunde[1] erfindet er ein Merkblatt zum § 49 der Allg. Dienstanweisung (ADA), das Unklarheiten im Umgang mit den Begriffen „Wertsack“, „Wertbeutel“, „Versackbeutel“ und „Wertpaketsack“ beseitigen soll. Dieser Text wird seit Jahren als Paradebeispiel der Beamtensprache verbreitet, wobei der Eindruck erweckt wird, es handele sich um eine echte amtliche Verlautbarung der ehemaligen Deutschen Bundespost.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Früher begann der Tag mit einer Schußwunde, München 1969
  • Ein Bauer zeugt mit einer Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden will Hanser, München 1970 (Reihe Hanser 44); wieder als Beitext in: Früher begann der Tag mit einer Schusswunde dtv und Diogenes 1972, 1979 und 2007 ISBN 3423135271; gekürzt in: Renate Matthaei (Hg): Trivialmythen März, Frankfurt 1970 & Area, Erftstadt 2004 ISBN 3899960297 (S. 448–453)
  • Die Rolling Stones in: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Hg. Hans Bender. 18. Jg, Heft 3. München, Hanser, 1971
  • Paul oder Die Zerstörung eines Hörbeispiels München 1971
  • Die Hundente, Frankfurt am Main 1972 (zusammen mit Bernd Brummbär)
  • Omnibus, München 1972
  • Chuck's Zimmer, Frankfurt am Main 1974
  • Das leise Lachen am Ohr eines andern, Frankfurt am Main 1976
  • Irgendwann dienstags, 1976
  • Männer und Frauen, Frankfurt am Main 1978
  • Letzte Gedichte, Frankfurt am Main 1980
  • Die Einsamkeit der Männer. Mexikanische Sonette (Lowry-Lieder). Diogenes Verlag , Zürich 1983, ISBN 3-257-01654-9.
  • Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre, Zürich 1986
  • Menschen, Orte, Fäuste, Zürich 1987
  • Einer von der Straße, München 1991 (Tatsachenroman zu Walter Staudinger)
  • Oktober der Schweine, Frankfurt/Main 1993
  • Liebesgedichte, Zürich 1997
  • Das Mädchen und der Messerwerfer, Frankfurt am Main 1997
  • Kelly-Briefe, München 1998
  • Die große Beleidigung, München [u. a.] 2001
  • Mozarts Friseur, Humor-Satire, Hanser München 2002, ISBN 3-446-20160-2.[2]
  • Mara, München [u. a.] 2003
  • Mittagspause, Kurzgeschichte
  • Tabori in Fuschl, Lyrik-Zyklen, DTV München 2006 ISBN 978-3-423-13458-3
  • Das Geschenk, Hanser, München 2011 ISBN 978-3-446-23679-0
  • Mittwoch, Jung und Jung, Salzburg 2013 ISBN 978-399027041-7

Herausgeberschaften

  • Vlado Kristl: Sekundenfilme, Frankfurt am Main 1971
  • Mein Lesebuch, Frankfurt am Main 1982

Übersetzungen

  • Jules Verne: Jules Verne, Frankfurt am Main
    • Bd. 11. Der Stahlelefant. Katastrophe im Atlantik, 1967
    • Bd. 14. Das Karpatenschloß. Die Propellerinsel, 1968
    • Bd. 15. Zwei Jahre Ferien. Das Dorf in den Lüften, 1968

Vertonungen / Texte für Musik

  • Judith Debbeler: In einem kleinen Zimmer in Paris (1995) für 4-stimmigen gemischten Chor a cappella. UA 1995(?) Oldenburg (Chor der Carl von Ossietzky Universität)
  • Paul Hertel: Abschiedsstück (1986/87). Miniaturoper für Mezzosopran und 13 Instrumentalisten. UA 3. November 1995 Schlosstheater Weitra
  • Fassung für Sopran und Klavier. UA 8. November 2001 Wien
Orchester: 3.3.3.3 – 4.3.3.1 – Schlagzeug[2] – Pauken[1] – Harfe – Streicher
1. Die Nacht beginnt – 2. Im Hass – 3. Tänzer – 4. Im Auge des Adlers – 5. Gebet – 6. Wer lange einsam war – 7.Die Sonne
  • Wolfgang Rihm: Mein Tod. Requiem in memoriam Jane S. (1988/89) für Sopran und Orchester. Dauer: ~35’. UA 16. August 1990 Salzburg (Ingrid Haubold [Sopran]; Radio-Symphonieorchester Wien; Dirigent: Michael Gielen). – (Jane Seitz [Jane Sperr, Juliane Sperr], Cutterin; †4. Januar 1988[3])
Orchester: 3.3.3.3 – 4.3.3.1 – Schlagzeug[3] – Pauken[1] – Harfe – Streicher: 16.14.12.10.8
  • Wolfgang Rihm: Abschiedsstücke (1993) für Frauenstimme und kleines Orchester (15 Spieler). Dauer: ~30’. UA 14. November 1993 Badenweiler (Rosemary Hardy [Sopran]; Ensemble Modern; Dirigent: George Benjamin)
Orchester: 1.1.1.1 – 1.1.1.0 – Schlagzeug[2] – Harfe – Klavier – Akkordeon – Streicher: 0.0.1.1.1

Literatur[Bearbeiten]

Sekundärliteratur
  • Otto F. Riewoldt u. Isa Schikorsky: Wolf Wondratschek. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. edition text+kritik, München.
  • Bernhard Kraller: Der glückliche Autor. Versuch, Wolf Wondratschek zu verstehen. In: Wespennest (2002), H. 127, S. 64–68.
  • Hans. H. Hiebel: Wolf Wondratschek. In: Ders.: Das Spektrum der modernen Poesie. Interpretationen deutschsprachiger Lyrik 1900–2000 im internationalen Kontext der Moderne. Bd. 2, Würzburg, 2006, S. 510–523.
  • Wolfgang Reichmann: Wolf Wondratschek. In: Killy Literaturlexikon, 2. Aufl., Bd. 12, Berlin, de Gruyter 2011, S. 575–577.
Interviews
  • Gero von Boehm: Wolf Wondratschek. 1. Juli 2003. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1, S.405-414

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wolf Wondratschek – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reihe Hanser, Carl Hanser Verlag 9. Auflage 1978, Titel „Bundespost“, Seite 70
  2. Onlineauftritt Falter SZENEFIGARO Erich Joham: Christopher Wurmdobler: Schneiden kann ich auch, 13. März 2002.
  3. Gespräch André Müller – Wolf Wondratschek, Die Zeit, 11. März 1988