Wolfgang Leidhold

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Wolfgang Leidhold (* 12. Dezember 1950 in Dortmund) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Philosoph und Künstler.

Wolfgang Leidhold (2007)

Biographie[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Laufbahn[Bearbeiten]

Knoten IV
Zeus Olympisches Komitee

Leidhold studierte Sozialwissenschaften, Philosophie und Ostasienwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Zu seinen Lehrern zählten Norbert Elias, Günter Gawlick, Jürgen Gebhardt, Leo Kofler, Eric Voegelin und Peter Weber-Schäfer. Nach dem Magister mit einer Arbeit über René Descartes (unveröffentlicht) und Studien an der Stanford-University, CA, promovierte er 1982 mit einer Schrift über ‚Ethik und Politik bei Francis Hutcheson’. Von 1978 bis 1992 war er Assistent an der Universität Erlangen. Während der 1980er Jahre richteten sich seine Forschungen auf die internationalen Beziehungen, besonders in Kooperation mit der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Es folgten zahlreiche Forschungsaufenthalte in den USA, u. a. an der Georgetown University und an der University of Hawaii sowie in Neuseeland, Australien und im Südpazifik. Die Habilitation für das Fach Politische Wissenschaft erfolgte 1989 mit einer Arbeit zum Thema "Sicherheitspolitische Probleme der Pazifischen Inselregion" (1991). Nach Lehrtätigkeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt erfolgte 1992 der Ruf an die Universität zu Köln. Im Jahre 2005 wurde Leidhold mit dem Karl-Carstens-Preis ausgezeichnet.

Künstlerische Tätigkeit[Bearbeiten]

Von 1972 bis 1975 erhielt Leidhold seine künstlerische Ausbildung bei dem Maler Hans-Jürgen Schlieker. Nach Gruppenausstellungen in Bochum und dem Wechsel an die Universität Erlangen setzte er die künstlerische Tätigkeit u. a. im Studio von Eberhard „Pinsl“ Königsreuther fort. In seiner Malerei entwickelte er einen transhistorischen metaphysischen Realismus, der künstlerische Techniken, Kompositionsweise und Kolorit der Renaissance mit zeitgenössischen abstrakten Formulierungen verbindet, wobei er insbesondere klassische Themen aufgreift. Dazu gehören Mythologie und Religion in Ost und West ebenso wie die universale Symbolik des Knotens. Sein Schaffen wurde durch das Werk von Duccio und Lorenzo Monaco ebenso inspiriert wie von Michelangelo und Raffael; in der Moderne spielten neben Carlo Carra, Giorgio de Chirico, Max Ernst und Willi Baumeister auch Dubuffet und Cy Twombly eine Rolle, mit deren mythologischen und metaphysischen Themen er sich auseinandersetzte. Er wird vertreten durch die Jörg Heitsch Galerie in München.

Werk[Bearbeiten]

Erfahrungsbegriff[Bearbeiten]

Der plurale Erfahrungsbegriff und die Kritik am Empirismus spielen eine zentrale Rolle für Leidholds Werk. In seiner Schrift „Politische Philosophie“ bestimmt Leidhold Erfahrung als „bewusste Bezugnahme“ eines Erfahrenen an einem Erfahrenen und identifiziert auf dieser Grundlage fünf Erfahrungsdimensionen: die Sinneserfahrung, die Imagination, das Selbstbewusstsein, die religiöse Erfahrung und schließlich die „spekulative Erfahrung“ oder das Vermögen der Vernunft. Da die Struktur der Erfahrung gerade nicht kulturgebunden sondern universal ist, bildet Leidholds Erfahrungsbegriff die Grundlage für eine interkulturelle Hermeneutik.

Religiöse Erfahrung und abwesende Präsenz[Bearbeiten]

Die Besonderheit der religiösen Erfahrung liegt laut Leidhold darin, dass sie nicht auf einer aktiven Bezugnahme durch den Erfahrenden, sondern stattdessen auf der Bezugnahme durch eine „abwesende Präsenz“ beruht.[1] Als „abwesende Präsenz“ bezeichnet Leidhold jene Quelle, die auf den Menschen Bezug nimmt ("Präsenz"), ohne dabei selbst in den Horizont der Bezugnahme hineinzutreten („Abwesenheit“). Auf dieser Grundlage zeigt Leidhold, dass die verschiedenen Verfallsformen von Religionen auf der Fehldeutung dieser Quelle beruhen: Die Negation der „Präsenz“ der Quelle führt zum Nihilismus, die Negation der „Abwesenheit“ führt hingegen zur Immanentisierung des Göttlichen in den verschiedenen Ersatzreligionen.

Noetische Wende[Bearbeiten]

Anhand des Kriteriums, ob die besondere Struktur der religiösen Erfahrung in einer Religion transparent wird oder nicht, unterscheidet Leidhold zwischen dem nicht-artikulierten und dem artikulierten Typus von religiösem Bewusstsein. Als Beispiele für den ersten Typ nennt er den kosmologischen Mythos der Ägypter oder Sumerer, als Beispiele für den zweiten die Religionen, die auf namhafte Urheber wie Zarathustra, Moses, Laozi oder Buddha zurückgehen. Den Übergang vom nicht-artikulierten Typus zum artikulierten Typus nennt Leidhold noetische Wende. Dieses Phänomen dokumentiert er anhand eines reichen ideengeschichtlichen Materials.

Empirische Metaphysik[Bearbeiten]

Gegen die These von Wolff und Kant, dass Metaphysik auf der reinen Vernunft gründet, entwickelt Leidhold eine empirisch fundierte Metaphysik. Gleichzeitig vollzieht er eine radikale Abkehr von der klassischen Seinsphilosophie, indem er nicht das Sein, sondern die Zeit als höchsten Begriff betrachtet.

Person und Ensemble[Bearbeiten]

Leidhold unterscheidet in seiner Betrachtung des Menschen zwischen dem festgelegten biologischen Fundament („Hominität“) und der offenen Existenz als Person („Humanität“). Aufgrund der Existenz des Menschen als Person, die immer mit anderen in einem kommunikativen Zusammenhang steht, ist die spezifisch humane Form des Zusammenlebens laut Leidhold nicht die Herde, sondern das „Ensemble“, d.h. die bewusst gestaltete, gemeinsame Ordnung, deren frühester Typ bereits in der Horde auftaucht und die sich in der griechischen Polis zu ihrer paradigmatischen Form entwickelt.

Sonstige Aktivitäten[Bearbeiten]

  • 1981 ff: Entwicklung der Planspiele SINTAKTIKON und POL&IS
  • 1986–1996: Gründung und Leitung der "Forschungsgruppe Simulationen — FOGS e. V." (zusammen mit Claudia Floritz, Jörg Hahn, Thomas Sommer und Wolfgang Zauner)
  • 1997–2001: Initiator und Sprecher des Projektes "Virtuelle Universitätssysteme" - VIRTUS, gefördert von den Stiftungen Bertelsmann und Nixdorf, sowie unterstützt vom Land NRW und von privaten Sponsoren
  • seit 1997: Entwicklung der online-Plattform für Lehre und wissenschaftliches Arbeiten ILIAS
  • 1998–2000: Mitglied im “Expertenkreis Hochschulentwicklung durch neue Medien” der Bertelsmanns-Stiftung
  • 1999–2000: Beratungstätigkeit für den Expertenrat zur Evaluation der Universitäten in Nordrhein-Westfalen
  • 2001–2004: Initiator und Konsortialführer des bundesweiten Projektes Politikwissenschaft Online (POLITIKON) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft
  • 2001–2005: Mitglied der Kommission der Hochschulrektoren-Konferenz "Neue Medien und Wissenstransfer"

Literatur[Bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten]

  • Gottes Gegenwart, Zur Logik der religiösen Erfahrung, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-21046-6
  • Francis Hutcheson, An Inquiry into the Original of Our Ideas of Beauty and Virtue in two treatises, ed. and introd. by Wolfgang Leidhold, 2. rev. ed., Indianapolis, In. 2008, ISBN 978-0-86597-774-7
  • Demokratie – Chancen und Herausforderungen im 21. Jahrhundert, Wolfgang Leidhold, André Kaiser (Hrsg.), Münster (u. a.) 2005, ISBN 3-8258-8001-X
  • Politische Philosophie, 2. verb. Aufl., Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2755-8
  • Krise unter dem Kreuz des Südens, Die Pazifische Inselregion und die internationale Sicherheit, Internationale Politik und Sicherheit, Bd. 27, Baden-Baden 1991, ISBN 3-7890-2298-5
  • Ethik und Politik bei Francis Hutcheson, Praktische Philosophie, Bd. 21, Freiburg 1985, ISBN 3-495-47558-3

Aufsätze und Beiträge[Bearbeiten]

  • Alles fließt, Zur Metaphysik des Werdens, Heraklit versus Parmenides, in: Jörg Martin (Hrsg.), Welt im Fluss, Fallstudien zum Modell der Homöostase, Stuttgart 2008, S. 43-56.
  • Wahrheit und Entscheidung, in: Petra Huse, Ingmar Dette (Hrsg.), Abenteuer des Geistes – Dimensionen des Politischen, Festschrift für Walter Rotholz, Baden-Baden 2008, S. 303-311.
  • Rationality – What Else? in: Marcel van Ackeren, Orrin Finn Summerrell (eds.), The Political Identity of the West, Platonism in the Dialogue of Cultures, Frankfurt am Main (u. a.) 2006, S. 189-199.
  • Vernunft, Erfahrung, Religion, Anmerkungen zu John Lockes’ Reasonableness of Christianity, in: Lothar Kreimendahl (Hrsg.), Aufklärung, Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte Band 18, Hamburg 2006, S. 159-178.
  • Mythos und Logos, in: Marcel van Ackeren, Jörn Müller (Hrsg.), Antike Philosophie verstehen, Understanding Ancient Philosophy, Darmstadt 2006, S. 72-86.
  • Aristoteles (384-322 v. Chr.), in: Wilhelm Bleek, Hans J. Lietzmann (Hrsg.), Klassiker der Politikwissenschaft, Von Aristoteles bis David Easton, München 2005, S. 19-32.
  • John Balguy, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 142-144.
  • Joseph Butler, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 153-163.
  • Gerschom Carmichael, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 139-142.
  • Francis Hutcheson, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 125-139.
  • William Leechman, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 150-153.
  • John Taylor, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 144-146.
  • George Turnbull, in: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.), Großbritannien, Nordamerika, Niederlande, Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Basel 2004, S. 146-150.
  • Wissensgesellschaft, in: Karl-Rudolf Korte, Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland-TrendBuch, Fakten und Orientierungen, Opladen 2001, S. 429-460.
  • Das kreative Projekt, Genealogie und Begriff, in: Harald Bluhm, Jürgen Gebhardt (Hrsg.), Konzepte politischen Handelns, Kreativität - Innovation – Praxen, Baden-Baden 2001, S. 51-72.
  • Über die Zeit, in: Andreas Pigulla, Christine Moll-Murata, Iris Hasselberg (Hrsg.), Ostasien verstehen, Peter Weber-Schäfer zu Ehren, Festschrift aus Anlaß seiner Emeritierung, München 2000, S. 201-216.
  • Aristoteles, Politikwissenschaft und praktische Philosophie, in: Wolfgang Leidhold (Hrsg.), Politik und Politeia, Formen und Probleme politischer Ordnung, Festgabe für Jürgen Gebhardt zum 65. Geburtstag, Würzburg 2000, S. 423-444.
  • Francis Hutcheson, in: Lothar Kreimendahl (Hrsg.), Philosophen des 18. Jahrhunderts, eine Einführung, Darmstadt 2000, S. 87-103.
  • Tendenzen und Konzepte einer neuen Weltordnung – über Prinzipien und Komponenten globaler Ordnungsmodell, in: Politisches Denken, Jahrbuch 1997, Stuttgart (u. a.) 1997, S. 75-100.
  • Die Neuentdeckung der Alten Welt, Machiavelli und die Analyse der internationalen Beziehungen, in: Der Staat 2 (1992), S. 187-204.
  • Das amerikanische Parteiensystem zwischen Erosion und Erneuerung, Von der „Krise der amerikanischen Parteien“ zur Service-Partei, in: Zeitschrift für Politik 37 (1990), S. 361-374.
  • Eric Voegelin, zus. mit Jürgen Gebhardt, in: Karl Graf Ballestrem u. Henning Ottmann (Hrsg.), Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts, Oldenbourg 1990, S. 123-145.
  • Historiengenesis – Politogenese, Zur Analyse von Entstehung, Ordnung und Selbst-interpretation politischer Ensemble, in: Peter Hampe (Bearb.), Symbol- und Ordnungsformen im Zivilisationsvergleich, Wissenschaftliches Symposion in Memoriam Eric Voegelin, Tutzing 1990, S. 59-92.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wolfgang Leidhold – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. W. Leidhold: „Gottes Gegenwart. Zur Logik der religiösen Erfahrung“, Darmstadt 2008.