Wolfgang Paalen

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Wolfgang Paalen (* 22. Juli 1905 in Wien; † 24. September 1959 in Taxco, Mexiko) war ein österreichisch-mexikanischer Maler und Kunsttheoretiker.

Porträt Wolfgang Paalen, Mexico, um 1940
Wolfgang Paalen, Pays interdit (Verbotenes Land) 1936-37
Wolfgang Paalen, Nuage articulé II, 1940

Leben[Bearbeiten]

Wolfgang Paalen wurde 1905 als erster von vier Söhnen des österreichisch-jüdischen Großkaufmanns und Erfinders Gustav Robert Paalen (ursprünglicher Name Pollak) und seiner deutschen Frau Clothilde Emilie Gunkel in Wien geboren. Sein Geburtshaus ist eines der berühmten Wienzeilenhäuser von Otto Wagner an der Linken Wienzeile No. 40 / Köstlergasse 1. Die ersten Jahre verlebte er in Wien und Tobelbad in der Steiermark, wo sein Vater das Kurhotel besaß, in dem dieser 1910 Alma Mahler mit Walter Gropius bekannt machte. 1912 zog die Familie in das schlesische Sagan, wo der Vater ein Schloss, die St. Rochusburg, erworben hatte. Wolfgang Paalen besuchte die Grundschule und das humanistische Gymnasium in Sagan, bevor die Familie während des Krieges einen Privatlehrer engagierte.

Der Besuch der Saganer Schule, die während des Ersten Weltkriegs in den Mauern des von Wallenstein erbauten Stadtschlosses untergebracht war, verknüpft der erstgeborene Wolfgang Paalen mit Schilderungen kindlicher Feenerlebnisse, dem Thema also, das 1938, auf dem Höhepunkt seiner surrealistischen Zeit, im Zentrum seines Interesses stand: „Ich denke an den Feenzauber, der eines nachts in meiner Kindheit stattfand. Zwischen einem einzigen herbstlichen Sonnenuntergang und Aufgang hatte ein erstaunlicher Aufmarsch unzähliger ‘Prozessionen von Nonnenfaltern den gesamten Wald verheert. Alle Bäume zwischen dem Sunga-Haus und der Anhöhe, wo sich das Nachbarschloß erhob - erschienen dann plötzlich und zu ersten Mal über dem Skelett des Waldes in der morgendlichen Betäubung. Wir rieben uns die Augen; es war wirklich und wahrhaft dort wie eines dieser Schlösser, die sich in der Laune eines bösen Prinzen hervorzaubern, der sein Tuch berührt. Die ganze silvanische Natur hielt trügerisch entwaffnet ihren Atem an, lautlos und wie in opakes Glass verwandelt; unter unseren Schritten knirschten nur die vereisten Tannennadeln. Die erste Bö ließ uns zittern, an den Lippen des Nordwindes klang der ganze Wald wie ein Kristallglas.[1]

1919 siedelte die Familie nach Rom, wo Paalen einen sporadischen Unterricht bei Leo von König begann, den er nach seiner Rückkehr 1924 in Berlin fortführte. In Berlin kam er auch in Kontakt zu Julius Meier-Graefe und stellte 1925 in der Berliner Sezession aus. Nach einem Jahr in Frankreich (Paris und Cassis) besuchte er 1927/28 die Kunstschule von Hans Hofmann in München und Saint Tropez. Danach blieb er in La Ciotat und Paris, wurde 1933 Mitglied der Gruppe Abstraction-Création und 1935 der Pariser Surrealistengruppe um André Breton. 1938 war er an der Ausstellung Exposition Internationale du Surréalisme in der Galerie Beaux-Arts in Paris maßgeblich beteiligt. Er installierte darin einen echten Seerosenteich Avant la mare mit Schilf und ließ den gesamten Boden der Ausstellungsräume, inspiriert von einem eigenen Werk Le sol de la forêt von 1933, mit nassem Laub bedecken. In der Ausstellung waren neben seinen Bildern u.a. die Objekte Potence avec paratonnerre, Le moi et le soi, Nuage articulé, Chaise envahie de lierre und La housse zu sehen.

1939 entschied er sich als erster Surrealist für ein Exil in Übersee und reiste mit seiner Frau, der französischen Malerin Alice Rahon und seiner Freundin Eva Sulzer über New York nach Britisch Kolumbien und ließ sich auf Einladung Frida Kahlos in Mexiko nieder, wo er zusammen mit dem peruanischen Dichter Cesar Moro 1940 eine große Surrealismusausstellung kuratierte und zwischen 1942 und 1945 das Kunstmagazin DYN1-6 herausgab. Durch sein Magazin, seine Präsenz und seine Ausstellungsbeteiligungen – 1940 bei Julien Levy, 1945 Peggy Guggenheims Art of This Century und 1946 Galerie Nierendorf in New York – übte er wesentlichen Einfluss auf die Genese des Abstrakten Expressionismus aus. 1949 arbeitete er in San Francisco mit Gordon Onslow Ford und Lee Mullican in der Dynaton Gruppe, bevor er 1952 nach Paris und 1954 wieder nach Mexiko ging. Zeitlebens unter einer bipolaren Veranlagung leidend, starb er 1959 in Mexiko durch Suizid.

Werk und Theorie[Bearbeiten]

Paalen suchte ab 1932 in seinem Werk eine Verbindung von Abstraktion mit den poetischen Möglichkeiten des Surrealismus. Zwischen 1932 und 36 zeigen seine Bilder potentielle Figuren innerhalb der abstrakten Bildsprache, und deutliche Affinitäten zur Skulptur Hans Arps. 1936 begann er unter dem Einfluss der Surrealisten mit Kerzenrauch zu experimentieren. Seine erste Fumage Dictated by a Candle stellte er im Juni 1936 in der Londoner Surrealismus Ausstellung aus.

Paalen zeichnete 1938 neben Marcel Duchamp verantwortlich für die Ausgestaltung der Exposition Internationale du Surréalisme in der Galerie Beaux-Arts in Paris. Die Puppe, die Paalen dekorierte und Man Ray im Foto festhielt, wirkte mit ihrem Seidentuch, der riesigen Fledermaus über dem Kopf und dem schaurigen, pilzbesetzten Blätterkleid, wie eines der kaum sichtbaren, schwebend dahingleitenden totemistischen Feenwesen aus seinen, mit ephemeren Spuren von Kerzenrauch und Öl gemalten Bildern, die er im Mai desselben Jahres in der Surrealistengalerie Renou et Colle gezeigt hatte. André Breton, selbst auf Reisen nach Mexiko, schickte von den Bermudas einen Text zu der Ausstellung, der mit den Worten begann: "Ein Gittertor dreht sich, das ist das Reich von Paalen. Die große Pappelallee seines Inneren führt in den Abgrund der Kindheit mit den Bildern der Angst"[2], und zielte damit auf den Kern der Emotion, mit der Paalen inmitten des vorherrschenden erotischen Kontextes ein anderes Kapitel der Recherche surréaliste aufschlagen wollte.

Mit seinen Fumagen gelang ihm der Durchbruch in Paris. Paalens Totemistische Landschaften, die er zwischen 1936 und 39 in Paris malte, reflektieren gleichsam aus erster Hand die besonderen Wahrnehmungen einer Zeit, in der die Familie gerade das Schloss in Sagan bezogen hatten und alle Eindrücke noch frisch und neu waren. Die erste dieser, halb kosmischen, halb irdischen Landschaften, Pays interdit (Verbotenes Land), 1936-37, "scheint dieser Entäußerung noch mythenhafte Ideen aus dem Land der Hyperboreer hinzuzufügen. Einerseits stellt er sein Inneres durch dieses Seelenbild als durchlässig dar, die Erscheinung der kykladisch anmutenden Feenkönigin vollzieht sich in einer kristallin aufgefächerten Flora, auf die alles wie fallende, ja einschlagende Planeten herein- und hindurchbricht."[3] Auch das fernste Asteroid hat den Status eines Seelenphänomens, wird als Glaskugel zum Symbol für die erweiterte Innenlage seines Sichtfeldes, von der uns André Breton berichtet: „Vielleicht, ja bestimmt ist es für unsere Zeit eine Versuchung des Auges, sich in jenes ideelle Stadium der Schöpfung zu versetzen, in dem die Schmetterlinge ein einziges Band zum Abschneiden bildeten, in dem die Vögel noch alle zusammen eine einzige Musikspirale anstimmten, da die Fische noch ungeschieden im Innern eines Silberschiffchens umherschwammen. (..)Fenster, blind wie Lampen nächtlicher Diebe, Kinder sehen solche Farben, wie sie sich im Rund einer Seifenblase krümmen – leider öffnen sie sich nur von innen. Aber Paalens Verdienst ist es, soweit vorgedrungen zu sein, dass er aus dem Inneren der Seifenblase zu sehen vermochte und uns die Welt von dorther sehen lässt.“ Andererseits evoziert das Bild "[4] Anklänge an die geistläuternden Purgatorien des Totenreichs, die nach alten ägäischen Mythen jenseits des Nordwindes lagen, in einer Gegend, wo die Sonne niemals scheint, und die sich in einem dunklen, silberumwundenen Schloss in der Corona Borealis, der Krone des Nordwindes verbargen. Nach Apollonius Rhodius Argonautica waren sie der Göttin Ariadne (die Heiligste), der Gemahlin des Dionysos und Tochter der alten kretischen Mondgöttin Pasiphaë (die für alle scheint) geweiht."[5] Bei Paalen scheint diese Göttin eine Zone kontemplativer Traurigkeit abzustecken. Der herabfallende Saturn verbindet im Plotinschen Sinne Macht und Reichtum mit der Melancholie, und symbolisiert den ins Innere der Erde verbannten Vatergott als Voraussetzung reiner Selbsterkenntnis. Im Gegenzug adelt Saturn die Traurigkeit durch den von ihm ausgelösten furor melancholicum, dem neuplatonischen Synonym schöpferischer Tätigkeit, der bei Paalen die (eschatologische) Rückkehr an den Ausgangspunkt kindlicher Welterfahrung bedeuten wird.

Eines seiner wichtigsten Leistungen als Theoretiker ist die Herausgabe des legendären und einflussreichen Kunstmagazins DYN, in dem er, vorwiegend auf sich allein gestellt, zu den drängendsten Fragen innerhalb der Kunstwelt Stellung nimmt. Seine Essays behandeln nacheinander die Themen der modernen Raumauffassung in der Malerei nach dem Kubismus, die Folgen der nach-Einsteinschen Quantenphysik auf das moderne Denken in der Kunst, die möglichen Inspirationen durch die Totem Kunst der Indianer Britisch-Kolumbiens auf die zeitgenössische Malerei, die Möglichkeiten einer Reform des Surrealismus durch eine Revision des Dialektischen Materialismus, die Rolle der Zeit bei den Prozessen der Inspiration, sowie anderer Themenbereiche der Anthropologie, Maralphilosophie und Literatur.

In Mexiko beschäftigte er sich, parallel zu der Arbeit als Herausgeber und Theoretiker, mit seinen, aus der Fumage entwickelten Raumlingen ("Spaciales"), mit denen er 1945 in der Galerie Art of This Century die New Yorker Kunstwelt überraschte. Mit diesen, von einer präfigurativen Räumlichkeit geprägten Bildern und seinen Essays, wurde Paalen für wenige Jahre zum meistdiskutierten und einflussreichsten der europäischen Künstler im Exil. In seiner Theorie des beobachterabhängigen Möglichkeitsraumes, die der abstrakten Malerei in den vierziger Jahren neue Schwungkraft und ein einheitliches, neues Weltbild vermittelte, verarbeitete Paalen ebenso Erkenntnisse der Quantenphysik, wie eigenwillige Interpretationen der totemistische Weltauffassung und der räumliche Strukturen indianischer Malerei der Nord-West-Küste. Robert Motherwell studierte 1941 und 1943 bei ihm in Mexiko und gab 1945 seine Aufsätze unter dem Titel Form and Sense als erste Ausgabe der Serie Problems of Contemporary Art in New York heraus, in der 1947 auch die erste Publikation der Abstrakten Expressionisten, Possibilities, in analogischer Weiterführung von Paalens DYN (von griech. to dynaton = das Mögliche) erschien. Seine Raumtheorie wird 1951 nochmals im Katalogbuch zu der Ausstellung Dynaton, A New Vision im San Francisco Museum of Art unter dem Titel Metaplastic zusammengefasst.

Der deutsche Kunsthistoriker Andreas Neufert hat das Leben Wolfgang Paalens detailliert erforscht und 1999 in Wien und New York die Monografie und das Werksverzeichnis Im Inneren des Wals publiziert. Seine jüngste Biografie Auf Liebe und Tod. Das Leben des Surrealisten Wolfgang Paalen beschäftigt sich unter anderem mit Paalens lebenslanger Passion für matriarchale Mythen und ihrem Einfluss auf die amerikanische Avantgarde der 1940er Jahre.

Literatur[Bearbeiten]

Biografien:

Ausstellungskataloge:

  • Fantastic Art, Dada and Surrealism, Museum of Modern Art, New York 1936.
  • Exposition surréaliste d´Objèts, Paris (Galerie Charles Ratton) 1936.
  • Wolfgang Paalen, Paris (Galerie Renou et Colle) 1938 (Vorwort André Breton).
  • Wolfgang Paalen, London (Galerie Guggenheim Jeune) 1939.
  • Surrealismo, Galería de Arte Mexicano, Mexiko-Stadt 1940.
  • Wolfgang Paalen, New York (Galerie Art of this Century) 1945.
  • Dynaton A New Vision, San Francisco Museum of Art, San Francisco 1951.
  • Domaine de Paalen, Paris (Galerie Galanis-Hentschel) 1954.
  • Hommage à Wolfgang Paalen, Museo de Arte Moderno, Mexiko-Stadt 1967.
  • Presencia Viva de Wolfgang Paalen, Museo de Arte Contemporaneo Carrillo Gil, Mexiko-Stadt 1979.
  • Dynaton: Before and Beyond, Frederick R. Waisman Museum of Art, Malibu (Pepperdine University) 1992.
  • Dieter Schrage (Hrsg.): Wolfgang Paalen. Zwischen Surrealismus und Abstraktion.Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Verlag Ritter, Klagenfurt 1993, ISBN 3-85415-124-1.
  • Wolfgang Paalen, Retrospectiva, Museo de Arte Contemporaneo Carrillo Gil, Mexiko-Stadt (Imprenta Madero) 1994.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. zit.n. Wolfgang Paalen, Paysage totémique II, in: DYN 2, Mexiko 1943, S. 46f.
  2. André Breton, Non plus le diamant au chapeau..., in: Katalog Ausstellung Wolfgang Paalen, Galerie Renou et Colle, Paris 1938 (englisch in: London Bulletin, 10. Februar 1939, S. 13-15)
  3. Andreas Neufert, Paalen, Reisen ins Innere der Möglichkeit / Voyages vers l´interieur du possible, in: Moderne auf der Flucht / Les modernes s´enfuient, Österreichische KünstlerInnen in Frankreich 1938-1945 / Des artistes autrichiens en France 1938-1945, Ausstellungskatalog (deutsch/französisch) Jüdisches Museum Wien (Verlag Turia & Kant) Wien 2008, S. 106
  4. André Breton, a.a.O.
  5. Andreas Neufert, a. a. O.