Wolfgang Wegener

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Vizeadmiral Wolfgang Wegener, ca. 1925

Wolfgang Wegener (* 16. September 1875 in Stettin; † 29. Oktober 1956 in Berlin-Zehlendorf) war ein deutscher Marineoffizier, zuletzt Vizeadmiral sowie seestrategischer Denker.

Leben[Bearbeiten]

Familie[Bearbeiten]

Seine Eltern waren der Sanitätsrat Dr. med. Eduard Wegener (* 5. August 1837 in Luckow; † 20. Februar 1909 in Stettin) und dessen Ehefrau Martha, geborene Zitelmann (* 13. Mai 1847 in Jasenitz; † 13. April 1923 in Wilhelmshaven).

Wegener war evangelisch und heiratete in Berlin am 22. Juni 1901 Therese, geborene von Gierke. Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor. Sein Sohn Edward war später Konteradmiral in der Bundesmarine.

Militärkarriere[Bearbeiten]

Nach dem Abschluss des humanistischen König-Wilhelms-Gymnasiums trat er unter dem Einfluss eines angeheirateten Onkels, des späteren Großadmirals Henning von Holtzendorff, am 16. April 1894 in als Kadett die Kaiserliche Marine ein. 1897-1899, zuletzt als Leutnant zur See, fuhr er auf dem Großen Kreuzer Deutschland; er nahm u. a. an einer Ostasienreise teil. Weitere Verwendungen fand er in der damals entscheidenden Waffe des Seekrieges, der Artillerie, als 1. Artillerieoffizier auf dem Großen Kreuzer Blücher (1909/10), dann 1912/17, zuletzt als Fregattenkapitän (seit 1917), als 1. Admiralstabsoffizier des I. Geschwaders. 1917/18 war Wegener Kommandant der Kleinen Kreuzer Regensburg. Er erhielt am 19. Juli 1918 das Kommando über die Nürnberg, die er nach dem Waffenstillstand in die Internierung nach Scapa Flow überführte.

Seit dem 21. Januar 1920 zum Kapitän zur See und 1923 zum Konteradmiral befördert, war er in der Reichsmarine ab 1920 bis zur Verabschiedung unter Verleihung des Charakters als Vizeadmiral 1926 Inspekteur der Marineartillerie in Wilhelmshaven. Hier legte Wegener Grundlagen für die im Zweiten Weltkrieg praktizierten Schießverfahren und technischen Neuerungen.

Bedeutung und Werk[Bearbeiten]

Seine Fähigkeiten als Seeoffizier wurden früh erkannt und führten zu Verwendungen, die als Auszeichnung galten. Seine eigentliche Begabung lag jedoch im publizistischen Bereich. Er verfasste früh zahlreiche interne Denkschriften und Artikel, zunächst zu taktischen und operativen, seit 1907 auch zu strategischen Themen. Unter dem prägenden Einfluss der ersten Kriegsmonate des Ersten Weltkriegs mit erwarteter, aber ausbleibender Seeschlacht gegen England gewann Wegener die grundlegende Erkenntnis, dass die Eigenart des Seekrieges eine Abkehr von tradierten Begriffen des Landkriegs erfordere.

Als eigentlicher Autor einer internen Denkschrift des I. Geschwaders und in einer Denkschriftentrilogie unter eigenem Namen (1915) entwickelte er seine Auffassung von Seegeltung und Seemacht und stellte als zwingende Voraussetzung für deren Gewinn das Vorhandensein einer in die Weltmeere vorgeschobenen geographischen Position heraus (Seemacht als Produkt von Flotte und Position). In Die Seestrategie des Weltkrieges entwickelte er seine Thesen zu einem umfassenden seestrategischen Konzept, von dem aus er die überkommene Tirpitz'sche Strategie, den darauf gegründeten Flottenbau (Risikogedanke), den defensiven Operationsplan in der Deutschen Bucht und den Glauben an eine finale Entscheidungsschlacht fundamental kritisiert. Entgegen dem darin verkörperten kontinentalen Denken rief Wegener zu seehaftem Denken auf.

Reaktionen in der Reichsmarine[Bearbeiten]

Noch immer im Banne der Tirpitz'schen Politik, reagierte die Marineführung mit kategorischer Ablehnung, die von Wegeners persönlicher Ausgrenzung und zum Ausschluss seiner Lehren aus der Marineausbildung und dem offiziellen Schrifttum bis zur Behinderung der Marinelaufbahn seines Sohnes Edward führte.

Im jüngeren Offizierskorps fanden Wegeners seestrategische Ideen dagegen Widerhall. Seine Thesen waren auch in der damaligen politischen Führung bekannt und mancherorts populär; sie wurden anlässlich der Besetzung von Dänemark und Norwegen 1940 als Begründung zitiert. Eine direkte geistige Urheberschaft daran, die ihm vornehmlich im Ausland zugeschrieben wurde, lässt sich jedoch nicht ableiten und verkennt Wegeners grundsätzliche Anliegen; das von ihm erwogene Vorschieben der seestrategischen Position nach Norden war für ihn ein Beispielfall, allenfalls eine Teillösung. Im Mittelpunkt seines Denkens stand der atlantische Seemachtsaspekt.

Spätere Bewertungen[Bearbeiten]

In der Bundeswehr, unter den Auspizien einer von Deutschland mitgetragenen atlantischen Politik, gewannen Wegeners seestrategische Leistungen neues Ansehen. Seine Seestrategie wurde zum Lehrstoff an der Bundeswehrakademie sowie der Marineschule Mürwik. Zunehmend wurden seine Gedanken auch in ausländischen Marinen gewürdigt. Sein Sohn, Konteradmiral Edward Wegener, hat sich zeitlebens um Vermittlung seines Erbes bemüht, es systematisiert und für das nukleare Zeitalter und die strategische Lage seiner Zeit weiterentwickelt. Einen bemerkenswerten Durchbruch brachte 1989 die Veröffentlichung der Seestrategie durch das renommierte US Naval Institute mit aufschlussreicher Einführung von Professor Holger H. Herwig, womit Wolfgang Wegeners Leistung weit über den Rahmen des eigenen Landes hinaus anerkannt wurde.

Es ist sein Verdienst, neues Licht auf die deutsche Flottenpolitik und Strategie vor und im Ersten Weltkrieg geworfen, in Deutschland die grundsätzlichen Kategorien des Seekrieges heimisch gemacht und das Denken in weltweiten ozeanischen Zusammenhängen angeregt zu haben. Das ist gerade in Deutschland heutiger Rolle im atlantischen Verbund von Bedeutung, auch wenn seine Vorstellung, seine Erkenntnisse einer deutschen Weltmachtrolle dienstbar zu machen, heute nur noch geschichtliche Relevanz besitzt.

Werke[Bearbeiten]

  • Die Seestrategie des Weltkrieges. Privatdruck 1925. Berlin 1929. 2. Auflage 1941.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dermot Bradley (Hrsg.), Hans H. Hildebrand, Ernest Henriot: Deutschlands Admirale 1849–1945. Die militärischen Werdegänge der See-, Ingenieur-, Sanitäts-, Waffen- und Verwaltungsoffiziere im Admiralsrang. Band 3: P–Z. Biblio Verlag. Osnabrück 1990. ISBN 3-7648-1700-3. S. 522–523.
  • Holger H. Herwig (Hrsg.): German Navy. The Naval Strategy of the World War. Classics of Sea Power. Annapolis 1989.
  • Henning Wegener, Eckhardt Wendt (Hrsg.): Stettiner Lebensbilder. Böhlau. Köln 2004. ISBN 3412094048.