Zündfunk

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Der Zündfunk ist ein 1974 gegründetes Jugend- und Szenemagazin im Hörfunk des Bayerischen Rundfunks. In den ersten 20 Jahren seines Bestehens war der Zündfunk wegen seiner für die damalige Radiolandschaft ungewöhnlich direkten Ansprache, der Vermittlung von Pop-Kultur und alternativer Literatur, sowie der kritischen Berichterstattung über politische Missstände richtungsweisend. Viele der Autoren und Redakteure stiegen später in hohe Positionen innerhalb des BR auf.[1] Etwa zur gleichen Zeit gegründete Jugendfunkwellen wie Point (Süddeutscher Rundfunk), SF-Beat (Sender Freies Berlin) und Radiothek (WDR) existieren seit langem nicht mehr.

Geschichte[Bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten]

Am 2. Januar 1974 ging das Jugendprogramm auf Bayern 2 zum ersten Mal unter dem Titel „Zündfunk“ auf Sendung. Der Zündfunk lief Montag, Mittwoch und Freitag jeweils 30 Minuten. Die Geschichte des Jugendfunks reicht noch viel länger zurück - 1956 wurde zum ersten Mal ein „Magazin für junge Leute“ im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt. Zum Portfolio der Jugendfunkredaktion gehörten damals außerdem die Sendungen „Kontakt”, „Redaktion 4-32”, „Club 16” (Musikmagazin), „Playback Club 16”, „Pop Selection” (monothematische Pop-Geschichte), „Klickfunk” (für die jüngeren Jugendlichen) und „Pop Sunday” (Literatur und Rockmusik).

Politische Ausrichtung[Bearbeiten]

Der Zündfunk entwickelte sich vom „Jugendfunk” zu einem modernen Zielgruppenprogramm mit unabhängigen und kritischen Inhalten weiter. Man griff seit den 1970er Jahren politisch brisante Themen etwa in Sendungen über die sogenannten Haidhausener Krawalle, die Proteste gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf, gegen die Schließung von Jugendzentren, über den Deutschen Herbst 1977, die Anti-AKW-Proteste, den Mauerfall und das Wiederaufleben des Rechtsextremismus in den frühen 90ern auf. Die Redaktion versuchte in Zeiten des Kalten Kriegs, das andere Deutschland, die DDR, nicht als Zerrbild hinzustellen, sondern den Alltag jenseits von Todesstreifen und Mauer aufzuzeigen.

Basisdemokratie in „Pop Sunday”[Bearbeiten]

Die Jugendfunk-Redaktion des BR griff in den frühen 1970er-Jahren den Trend der linkskritischen, „alternativen“ Literaturszene in der BRD auf und lud junge, unbekannte Autoren zu Pop Sunday ein, einer mit damals avantgardistischer Rockmusik produzierten Sendereihe am Sonntag. Pop Sunday ging auf die Idee des Jugendfunk-Chefs Walter Schricker zurück, der Ende der 1960er Jahre den Autor und Rundfunksprecher Gert Heidenreich bat, auf der damals neu entstandenen Welle Bayern 3 eine Stunde des Sonntagvormittags zu gestalten. Zum Konzept gehörte, dass jeder Autor unangemeldet zu den Redaktionssitzungen kommen durfte und sein Werk vorlas. Jeder Anwesende besaß volles Stimmrecht, ob aus diesem Textvorschlag eine Sendung werden sollte oder nicht. Pop Sunday verstand sich als Gegenbewegung gegen den Kulturbetrieb, schöpfte viele Autoren aus der alternativen Literaturszene ab und war Keimzelle zahlreicher Künstlerkarrieren.

Konkurrenz zu Jugendwellen[Bearbeiten]

In den 1980ern sah sich die Redaktion mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert: Die Privatsender drängten mit Popmusik auf den Markt. Der Zündfunk positionierte sich auf dem immer härter umkämpften Radiomarkt als Alternative zu Hitsendungen für junge Hörer in anderen Programmen und neben Bayern 3, dem erfolgreichen Mainstream-Angebot des Bayerischen Rundfunks, indem er sich auf eine Berichterstattung abseits des Mainstreams konzentrierte. Punk, Heavy Metal, Techno fanden, wenn im Radio, dann im Zündfunk zuerst statt. Trends wie die „Hamburger Schule” mit Bands wie Blumfeld oder Tocotronic und deutschsprachiger Rap wurden frühzeitig aufgegriffen.

Neue Konzepte in den 1980ern[Bearbeiten]

Zuspielband von „Bit, byte, gebissen“ am 9. März 1987. So ähnlich sahen in den 1980er Jahren alle Bänder aus, von denen vorproduzierte Elemente während der Live-Sendung eingespielt wurden.
Andreas „Gerre“ Geremia von Tankard und Stig Chris Liggio von Napalm live im BR-Zündfunk Radiotop vom 1. Oktober 1990.

1978 übernahm Christoph Lindenmeyer die kommissarische und 1980 die volle Leitung der Redaktion Jugendfunk. Er prägte die Ausrichtung des Zündfunks bis zu seinem Wechsel ins Hörspiel 1988 und stieß mehrere innovative Projekte an, unter anderem das erste regelmäßige, nämlich wöchentliche Computermagazin im deutschsprachigen Hörfunk: Bit, byte, gebissen (Erstsendung 1984). Im Zündfunk entstanden zahlreiche, für die 1980er- und 1990er Jahre innovative Konzepte, etwa

  • die monothematischen Sendungen am Samstag, wo es, eingerahmt von Rockmusik, um große Themen wie „Die Kälte“ oder „P wie privat“ ging,
  • Mitte der 1980er Jahre die Vorstellung von unbekannten Musikern, die sich der neuen Technik des Homerecordings bedienten,
  • zu Beginn der Techno-DJ-Kultur unmoderierte Sendungen mit damals weitgehend unbekannten DJs wie DJ Hell und Paul van Dyk
  • von 1993 bis 1997 sendete der Zündfunk am Montag das „Radiotop“ mit stets offenem Hörertelefon, einem stumm im Studio sitzenden, meist schlafenden Co-Moderator und Musik zwischen Death Metal und Jungle.

Nachwuchsförderung[Bearbeiten]

Der Zündfunk fördert den bayerischen und überregionalen Musiker-Nachwuchs. Neben der On-air-Präsenz auch mit Demo-Kassetten-Tests (später im MP3-Format) oder den drei CDs „Unter Unserem Himmel“, auf denen sich Bayerns Popnachwuchs versammelte. Im Jahr 2002 rief der Zündfunk das Indoor-Festival „Bavarian Open“ ins Leben, das seitdem jeden Herbst im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks in München stattfindet. Seit 2009 wird es als on3-Festival vom damals gestarteten BR-Jugendangebot on3 weitergeführt.

Sondersendungen[Bearbeiten]

Am 23. März 2012 verabschiedete sich der Zündfunk aus seinem angestammten Studio 12 vor dem Umzug in einen voll digitalen Sendekomplex mit einer zweistündigen Sondersendung unter dem Titel "Der analoge Salon". Dabei wurde vollständig auf aufgezeichnete Programmelemente verzichtet: Musik, Jingles, Reportagen, gebaute Beiträge u.a. wurden also - in Anlehnung an die Anfangszeiten des Radios - live im Studio produziert.

Initiative „Zündfunk retten!“[Bearbeiten]

Demonstration vor dem BR-Funkhaus am 27. April 2006

"Zündfunk retten!" war eine Initiative von Hörern der Sendung Zündfunk auf Bayern 2, die sich im April 2006 gründete, um einer Absetzung der Sendung entgegenzutreten. Insgesamt wurden mehr als 11.000 Unterschriften[2] (Stand Dezember 2006) gesammelt. Zahlreiche Prominente unterstützten die Aktion, darunter Elfriede Jelinek, Sandra Maischberger und Heribert Prantl.

Wie am 11. April 2006 über telepolis[3] bekannt wurde, drohte die Gefahr der Absetzung des Zündfunks zugunsten einer eigenen Jugendwelle des Bayerischen Rundfunks. Diese soll über das Internet und über die Technik DAB ausgestrahlt werden; mehrere Zeitungen, darunter SZ und taz berichten, dass das Konzept am 27. April 2006 dem Hörfunkausschuss des Rundfunkrates vorgestellt wurde. Die Aktion Zündfunk retten! engagierte sich gegen die Absetzungspläne, letztlich mit Erfolg.

Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, organisierte die Aktion auch ein Festival in der Münchner Muffathalle[4], bei dem 18 Bands und Künstler vor gut tausend Gästen spielten.

Im weiteren Verlauf des Jahres 2006 appellierten die Mitglieder der Aktion an die Mitglieder des Rundfunkrates die Sendung Zündfunk zu einem eigenen UKW-Programm auszubauen, da der Bayerische Rundfunk die einzige Hörfunkanstalt der ARD ohne eigenes Jugendprogramm ist. Dazu starteten sie eine Petition "Junge Welle auf UKW"[5] zusammen mit dem Bayerischen Jugendring.

Bedeutung des Zündfunk[Bearbeiten]

Wirkung[Bearbeiten]

Die Wirkung des Zündfunks reicht weit über die regionale Verbreitung des Bayerischen Rundfunks hinaus, besonders seit die Sendungen über Webradio zu empfangen sind. Bei Umfragen von Musikzeitschriften wie Spex und de:Bug wird der Zündfunk immer wieder auf vordere Plätze unter den beliebtesten Rundfunksendungen gewählt. Die von konservativen Hörern als „links“ verschriene Ausrichtung der Sendung - eine chronische Diskussion der 1980er Jahre -, sahen andere als Deckmäntelchen eines konservativen Senders, sich einen progressiven Anstrich zu geben. Ein Einfluss der Hörfunkdirektion auf die Inhalte war nicht wahrzunehmen; die Redaktion musste sich jedoch gegen zahlreiche Versuche wehren, die Sendungen zu verschieben und zu kürzen - nicht immer erfolgreich. In der Gesamtschau haben Sendungen des Jugendfunks an Bedeutung verloren, seit es ganze Wellen mit Rock-Musik und Teenager ansprechenden Themen gibt und das Internetradio mit einem konkurrenzlos breiten Angebot an Musik und Information zum Massenmedium wurde. ARD-weit ist der Zündfunk die einzig verbleibende Sendereihe unter der Flagge eines „Jugendfunks”. Die entsprechenden Sendungen, etwa „Point” im Süddeutschen Rundfunk, die „Radiothek” im WDR oder „SF Beat” im Sender Freies Berlin wurden alle längst eingestellt. Im März 2012 gab der Sänger Sven Regener dem Zündfunk ein Interview[6] zum Thema Urheberrecht und löste damit eine kontroverse Debatte aus.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Zündfunk wurde für seine innovative Berichterstattung vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Robert-Geisendörfer-Preis der Evangelischen Kirche, dem RIAS Award, dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten, dem New York Radio Festival Award in Silber und Gold, dem Glashauspreis der IG Medien, dem Bayerischen Rockpreis Pick Up 2003 und mit dem Journalistenpreis des Deutschen Kulturrates 2008. 2011 wurde der Journalist Marco Maurer für seine Zündfunk-Reportage „Mein Türke und ich“ mit dem Civis-Preis ausgezeichnet. 2012 erhielt der Zündfunk-Mitarbeiter Christian Schiffer den Kurt-Magnus-Preis.

Bekannte Mitarbeiter[Bearbeiten]

Bekannte Medienpersönlichkeiten wie die ARD-Talkerin Sandra Maischberger, der ZDF-Moderator Thomas Gottschalk, Lotto-Fee Franziska Reichenbacher oder die heutige Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Dagmar Reim, haben beim Zündfunk ihr ersten Erfahrungen im Hörfunk gesammelt. Schriftsteller, Dramaturgen und Filmemacher haben Beiträge für den Zündfunk geleistet: Max Goldt, Rainald Goetz, Friedrich Ani, Romuald Karmakar, Herbert Achternbusch, Elfriede Jelinek waren bereits früh in ihrer Karriere im Zündfunk zu hören. Der Schriftsteller Helmut Krausser stellte als 16-Jähriger in Pop Sunday „Dreizehn pessimistische Gedichte“ vor. Buchautor Thomas Meinecke moderierte seit Mitte der 1980er beim Zündfunk, heute alle zwei Wochen die Musiksendung Zündfunk Nachtmix. Karl Bruckmaier gehörte zu den ganz frühen Musikmoderatoren des Zündfunks und ist heute unter anderem Übersetzer und Hörspielregisseur. Nikolai von Koslowski, heute einer der wichtigsten Feature-Regisseure der ARD, war in den 1980er Jahren Autor und Regisseur im Zündfunk.

Veranstaltungen[Bearbeiten]

In regelmäßigen Abständen organisiert der Zündfunk Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen aus Politik und Gesellschaft.

Am 28. November 2013 fand im Münchner Volkstheater der erste Zündfunk-Netzkongress „42“ zu netzpolitischen Themen statt. Zu Gast waren unter anderem Neil Harbisson, Anke Domscheit-Berg, Wolfgang Neskovic und Marina Weisband.[7]

Sendezeiten[Bearbeiten]

Sendezeiten auf Bayern 2

  • Montag bis Donnerstag und Samstag 19:05-20:00 Uhr (bis 1. Juli 2011: bis 20:30 Uhr)
  • Freitag 19:05-21:00 Uhr
  • Zündfunk Generator Sonntag 22:05-23:00 Uhr
  • Nachtmix täglich 23:05-24:00 Uhr

Logos[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten]

Gerüchte über eine Zerschlagung 2006[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. So wurde der Redaktionsleiter Christoph Lindenmeyer Hörspiel- und B2-Wellenchef, die Moderatoren Dieter Heß, Herbert Kapfer, Jürgen Seeger wurden im BR Kulturchef, Hörspielchef und E-Musik-Chef. Moderator Jo Angerer wurde Redakteur bei Report im WDR, Redakteurin Mercedes Riederer Leiterin der Politik und Chefredakteurin des BR, Redakteur Klaus Kastan Korrespondent des BR in London und Washington, der Zündfunk-Autor Nikolai von Koslowski Feature-Regisseur für die ARD.
  2. Petitionsliste
  3. "Bayern macht dicht", Telepolis, 11. April 2006
  4. Festival "Mehr Zündfunk"
  5. Petition "Junge Welle auf UKW"
  6. Sven Regeners Wutrede: http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/pop-platten/sven-regener-urheberrecht100.html
  7. #zf42: Der Netzkongress. In: Website Bayerischer Rundfunk. Abgerufen am 1. Dezember 2013.