Zaǧal

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Das Zaǧal (auch Zadschal, von arabisch ‏زجل‎ ‚(laut) anstimmen‘ oder ‚die Gemüter rühren‘; spanisch zéjel, französisch zadjal, katalanisch zagal, italienisch zaggial, englisch zajal) ist eine arabisch-spanische Gedicht- und Liedform des Mittelalters, die im maurischen al-Ándalus erfunden wurde und aus dem Muwaššaḥ hervorgegangen ist. Sprachlich ist das Zaǧal in dialekter Umgangssprache gehalten.

Heutzutage wird die Tradition des Zaǧal als Stegreifdichtung heute im levantinischem Raum gepflegt, vor allem im Libanon, wo die Zaǧalī hohe Anerkennung und Popularität genießen.

Metrisches Schema, literarisches Motiv und Überlieferung[Bearbeiten]

Das Reimschema des Muwaššaḥ:

(aa) bbbaa cccaa dddaa eeeaa fffAA

Das Muwaššaḥ ist in arabischer oder hebräischer Hochsprache gedichtet, bis auf die Schlussverse der letzten Strophe, AA, die Ḫarǧa. Die Ḫarǧa ist in arabischem oder altspanischem Dialekt gehalten.

Das Reimschema des Zaǧal:

aa bbba aa ccca aa ddda aa eeea aa fffa aa usw.

Das Zaǧal besteht aus einem Kehrreim (aa) und mehreren dreizeiligen Strophen (bbb ccc usw., an die jeweils ein vierter Vers (a) angehängt ist, der durch das ganze Gedicht hin auf (a) reimt.

Im Gegensatz zum Muwaššaḥ ist das gesamte Zaǧal in dialektaler Umgangssprache gedichtet.

Literarisches Motiv ist die Liebe, die in volkstümlich-dialektalem Ton besungen wird.

In den vulgärarabischen Versen der mittelalterlichen Manuskripte findet man oft auch spanische Wörter, welche - in Aljamiado-Schreibweise - mit arabischem Alphabet und nicht mit lateinischen Buchstaben aufgezeichnet sind.

Die bedeutendste und umfangreichste mittelalterliche, arabische Zaǧal-Dichtung enthält der 1881 in Sankt Petersburg wiedergefundene Diwan, el cancionero (Liedsammlung), des arabisch-andalusischen Poeten Ibn Quzman [1] aus Córdoba (1078-1160.)

Textbeispiel eines kastilischen Zaǧal[Bearbeiten]

Die von arabischen Poeten in al-Ándalus erfunden Gattung des Zaǧal wurde von spanischen Poeten fortgeführt. Hier ein Beispiel aus dem Cancionero de Baena (15. Jhd.), der umfangreichen Gedichtsammlung des sephardischen Marranen Juan Alfonso de Baena. Vivo ledo con razón ist in kastilischer Umgangssprache gedichtet und wird traditionell dem Werk des Alfonso Álvarez de Villasandino zugeordnet:

Vivo ledo con razón, (a)
amigos, toda sazón. (a)
Vivo ledo e sin pesar, (b)
pues amor me fizo amar (b)
a la que podré llamar (b)
más bella de cuantas son. (a)
Vivo ledo con razón, (a)
amigos, toda sazón. (a)
Vivo ledo y viviré, (c)
pues de amor alcancé (c)
que serviré a la que sé (c)
que me dará galardón. (a)
Vivo ledo con razón, (a)
amigos, toda sazón. (a)

Einfluss des Zaǧal auf andere Lied- und Gedichtformen[Bearbeiten]

Der US-amerikanische Musikologe Ned Sublette zitiert den spanischen Romanisten Ramón Menéndez Pidal und zieht eine atemberaubende Verbindungslinie, die von den beiden in al-Ándalus im 11. Jh. erfundenen arabischen Lied- und Gedichtformen, Muwaššaḥ und Zaǧal , über arabisch-andalusische "nawba, nouba-Musik", alt-galicisch-portugiesische Cantigas, die Trobadorlyrik und die kastilischen villancicos bis hin zum kubanischen Son montuno und Mambo reicht (spanische Konquistadoren in Kuba):

"The verse of the zajal was sung by a solo singer, and the refrain was sung by the chorus. With this easily understood verse form, a traveling juglar could get a crowd to work with him." [2]
(Die Verse des Zaǧal wurden von einem Solosänger und der Refrain von einem Chor gesungen. Mit dieser leicht verständlichen metrischen Form konnte der Spielmann die Menge bewegen, mit ihm zusammenzuarbeiten.)

Der Einfluss des Zaǧal auf andere romanische Gedicht- und Musikformen, besonders auf die Trobadorlyrik, bleibt jedoch in der Literatur umstritten.

Libanesisches Zaǧal[Bearbeiten]

Das libanesische Zaǧal ist eine im libanesischem Dialekt deklamierte Form. Der früheste Zaǧalī im heutigen Libanon war wohl der Bischof Gabriel Al-Qla’i Al-Hafadi (1440-1516), wenn auch einige Gelehrte die Anfänge von Zaǧal zwei Jahrhunderte früher ansetzen und mit dem Poeten Suleiman Al-Ashluhi (1270-1335) und einiger seiner Zeitgenossen in Verbindung bringen. Wie sie waren viele der frühen Zaǧalī Geistliche. Zaǧal avancierte im 19. Jh. zu einer überaus populären Kunstform, als die zahlreichen Dichter zu einer Verfeinerung in Inhalt und Form beigetragen haben.

Die Form des modernen libanesischen Zaǧalabends folg meist dem Ablauf

  • Debatte bzw. ein verbales Duell zwischen zwei oder mehreren Dichtern in der Qassida-Form (eine Ode), gefolgt von
  • Debatten in M’anna- und Qerradi-Formen, gefolgt von
  • Liebesrezitation in der Ghazal-Form und letztendlich häufig abgeschlossen mit
  • einer Liebe bejammern Shruqi-Form.

Das Ganze wird von einem Chor mit Tamburinen und anderen Perkussionnstrumenten begleitet.

Die regionalen Unterschiede in der Aufwertung von Zaǧal im Libanon spiegeln einen bemerkenswerten Umfang zu der ethnischen und konfessionellen Zerteilung wider. Auf der einen Seite heben Gemeinschaften wie Sunniten, Griechisch Orthodoxe oder Armenier, die die Städte bewohnen, relativ wenig Affinität zu Zaǧal und haben, nur wenige Zaǧalī hervorgebracht Auf der anderen Seite haben Maroniten, Drusen oder Schiiten, die die libanesischen Berge und ländlichen Gebiete bewohnen, überproportional viele Zaǧalī in der jahrhundertelangen Entwicklung des Zaǧals hervorgebracht. Diese regionale Ausrichtung wird auch in der Bilderwelt des Zaǧal reflektiert, welche die bukolischen und sinnlichen Empfindlichkeiten der bäuerlichen Landschaft sowie Interessen städtischer Intellektueller widerspiegelt. Jedoch waren viele Dichter in der Lage, diese fließenden Grenzen zu überschreiten und Verse zu komponieren, die ausdrucksvoll nahezu das gesamte Spektrum menschlicher Belange in Angriff nehmen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Henk Heijkoop and Otto Zwartjes: Muwassah, Zajal, Kharja: Bibliography of strophic poetry and music from al-Andalus and their influence in East and West. Brill, Leiden 2004, ISBN 90-04-13822-6 (Auszüge in der Google-Buchsuche).
  • Pierre Le Gentil: A propos de la strophe zéjelesque. In: Revue des langues romanes 70, 1949, S. 119-134.
  • Wilhelm Hoenerbach, H. Ritter: Neue Materialien zum Zacal. 1. Ibn Quzman. In: Oriens. Band 3, Nr. 2 (31. Oktober 1950), S. 266-315.
  • Wilhelm Hoenerbach, H. Ritter: Neue Materialien zum Zacal. 2. Mudgalis. In: Oriens. Band 5, Nr. 2 (31. Dezember 1952), S. 269-301.
  • Ramón Menéndez Pidal: Poesía árabe y poesía europea. 4. Auflage. Espasa-Calpe, Madrid 1955, S. 13-78.
  • Klaus Heger: Die bisher veröffentlichen Hargas und ihre Deutungen. Niemeyer, Tübingen 1960, S. 5-13.
  • Pierre Le Gentil: La strophe 'zadjalesque', 'les khardjas' et le problème des origines du lyrisme roman. In: Romania. 84, 1963, S. 1-27 und S. 209-250.
  • James T. Monroe : Which Came First, the Zagal or the Muwass'a? Some evidence for the oral origin of Hispano-Arabic strophic poetry, in: Oral Tradition, 4/1-2 (1989), S.38-64 Volltext pdf
  • James T. Monroe: Zajal and Muwashshaha. Hispano-arabic Poetry and the Romance tradition. In: Salma Khadra Jayyusi and Manuela Marín (ed.): The Legacy of Muslim Spain, Brill Leiden 1992, ISBN 978-9004095991 Auszüge in Google-Buchsuche
  • Gyual Veber: Überlegungen zum Ursprung der Zagal-Struktur. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae (XXI) 1979, p. 267-276.
  • Otto Zwartjes: Love Songs from al-Andalus. History, Structure and Meaning of the Kharja (Medieval Iberian Peninsula), Leiden: Brill 1997, ISBN 978-9004106949.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. siehe: Ibn Quzman - Emilio Gracía Gómez: El mejor Ben Quzmán en 40 zéjeles , Alianza Madrid 1981, ISBN 84-206-3067-5. - Emilio Gracía Gómez: Todo Ben Quzmán. 3 Bde, Gredos Madrid 1975, ISBN 84-249-1312-4.
  2. Ned Sublette: Cuba and its Music. From the first drums to the Mambo. Chicago Review Press, 2007, ISBN 1-55652-632-6, insbesondere Seiten 25-72 -Seite 27