Zarentum Russland
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zarentum Russland (russisch Царство Русское, transkribiert Zarstwo Russkoje) war die offizielle Bezeichnung des russischen Staates zwischen 1547, als sich Iwan IV. zum Zaren krönen ließ, und 1721, als Peter I. den lateinischen Titel des Imperators (Kaisers) annahm und sein Land in Russisches Reich (Российская Империя) umbenannte. Im allgemeinen westeuropäischen Sprachgebrauch hieß Russland während dieser Epoche Moskowien, wie schon in der vorhergehenden Epoche des Großfürstentums Moskau.
Der Name könnte noch treffender als „Zarentum Rus“ übersetzt werden (das Adjektiv Русское bezieht sich im Russischen gleichermaßen auf Rus und die heutigen Russen). Denn die Idee bei der Staatsbenennung bestand vor allem in der Unterstreichung, dass in diesem Staat alle Rus-Gebiete vereinigt waren, die nicht unter einer Fremdherrschaft standen (polnischer oder litauischer).
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Byzantinisches Erbe
Als sich der Moskauer Großfürst Iwan der Schreckliche 1547 zum Zaren der ganzen Rus krönen ließ, verstärkte sich die bereits unter Iwan III. ausgearbeitete Konzeption von Moskau als Drittem Rom, dem einzig verbliebenen Hort des rechtgläubigen orthodoxen Christentums. Byzantinische Rituale, Herrschaftsformen und Staatssymbole wie der Doppeladler fanden Einzug ins russische Leben. Das Moskauer Selbstverständnis als der freie Teil der Rus, der eine Mission zu ihrer gänzlichen Befreiung von der Fremdherrschaft hat, verursachte Spannungen und Kriege mit Polen und Litauen bzw. mit der späteren polnisch-litauischen Realunion.
Das Krönungsritual des 17-jährigen Iwan des Schrecklichen entsprach dem Krönungsritual byzantinischer Kaiser. Mit der Unterstützung von Bojaren führte Iwan in der Anfangsphase seiner Herrschaftszeit eine Reihe von nützlichen Reformen durch. In den 1550er Jahren wurde ein neuer Gesetzkodex geschaffen, der die administrative und militärische Ordnung neu regelte. Diese Reform zielte auf die Stärkung des russischen Staates vor dem Hintergrund der unaufhörlichen Kriege, die es führte.
[Bearbeiten] Kontakte mit Westeuropa
In Westeuropa blieb Russland ein wenig bekanntes Land bis Baron Siegmund von Herberstein im Jahr 1549 sein Werk Rerum Moscoviticarum Commentarii veröffentlichte. Dies lieferte eine umfangreiche Beschreibung des ehemals von Westeuropäern kaum besuchten und kaum beschriebenen Staates. In 1630er Jahren wurde das Zarentum von Adam Olearius bereist, dessen detailreiche und kompetente Notizen in alle größeren Sprachen Europas übersetzt wurden. Weitere Information über Russland kam über englische und niederländische Kaufleute. Einer von ihnen war Richard Chancellor, der 1553 zum Weißen Meer segelte und von dort aus über Land nach Moskau reiste. Nach seiner Rückkehr in England gründete er mit Sir Hugh Willoughby und einigen Londoner Kaufleuten die Muscovy Company. Iwan der Schreckliche benutzte die Kaufleute um Briefe mit der englischen Königin Elisabeth I. auszutauschen.
[Bearbeiten] Außenpolitik Iwans des Schrecklichen
[Bearbeiten] Niederwerfung der Wolga-Tataren
Trotz interner Unruhen, die der erwachsenen Herrschaftszeit Iwans des Schrecklichen vorausgingen, führte Russland Kriege und setzte seine Expansion fort. Iwan besiegte und annektierte das Khanat Kasan im Jahr 1552 und markierte damit das Ende der langen Moskau-Kasan-Kriege. Damit öffnete sich für Russland der Weg nach Sibirien. Wenig später gelang es dem Zaren, das an der unteren Wolga gelegene Khanat Astrachan einzunehmen und Russland einen Zugang zum Kaspischen Meer zu sichern, was Handel und kulturellen Austausch mit Persien und Zentralasien bedeutete. Mit diesen Siegen konnte Russland die lange Umzingelung durch feindselig eingestellte Tatarenstaaten brechen und wurde zu einem multinationalen und multikonfessionellen Land. Gleichzeitig kühlten sich die Beziehungen zum als Lehnsherr der Tataren auftretenden Osmanischen Reich und den Krimkhanat dramatisch ab.
[Bearbeiten] Krieg im Baltikum und gegen die Krimtataren
Ermutigt durch den erworbenen Zugang zum Kaspischen Meer, wollte Iwan IV. einen ähnlichen Erfolg an der Ostsee erreichen. Schweden und der Livländische Orden kontrollierten die Handelsrouten, die Russland mit Europa verbanden. Der Livländische Krieg, der 1558 ausbrach, begann für Russland erfolgreich, die Truppen des Zaren eroberten ganz einen Großteil des Baltikums und weite Gebiete des Großfürstentums Litauen. Als sich dieses jedoch infolge der Lubliner Union einen Unionsstaat mit Polen bildete, stand Russland einer gestiegenen Macht seiner Gegner gegenüber. Verwüstende Einfälle der Krimtataren, innerer Terror des Zaren und eine Pestepidemie schwächten Russland weiter.
Zwar konnte 1569 ein osmanisch-krimtatarischer Angriff auf Astrachan abgewehrt und der Zugang zum Kaspium verteidigt werden. Doch 1571 gelang den Krimtataren ein blitzschneller Angriff auf Moskau, dass infolge des Brandes fast vollständig ausbrannte. Ein Jahr später planten der Krimkhan und der osmanische Sultan die endgültige Niederwerfung Russlands und entsandten eine riesige Armee. Diese erlitt jedoch in der Schlacht von Molodi eine bemerkenswerte Niederlage durch zahlenmäßig unterlegene Russen. Die Gefahr aus dem Süden war für Russland abgewendet, doch im Westen gingen seine Gegner zum Gegenangriff über. Russland verlor seine Eroberungen an der Ostsee und musste bei der Belagerung von Pskow seinen eigenen Boden verteidigen. Nach Abschluss des Friedensvertrags mit Polen und Schweden war Russland von seinen Zielen weiter entfernt, als vor dem Krieg.

