Zeilenstil

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Der Ausdruck Zeilenstil bezeichnet in der Lyrik das regelmäßige Zusammenfallen des Versendes mit einem syntaktischen Einschnitt oder zumindest dem Ende eines Satzgliedes. Weil Satzende/Satzgliedende und Versende übereinstimmen, schließt der Vers mit einer Pause, die kürzer oder länger sein kann. Wenn sich dagegen ein Satz/Satzglied über die Versgrenze hinaus fortsetzt, diese also gewissermaßen überbrückt, spricht man von einem Enjambement.


Beispiele für unterschiedlich starke Ausprägung des Zeilenstils:


1. Die erste Strophe aus Friedrich Schillers Gedicht "Das Mädchen aus der Fremde" (1796) besteht aus einem Hauptsatz, in den ein Nebensatz eingeschoben ist (Hypotaxe). Da das Prädikat (erschien) bereits in Zeile 2 steht, das Subjekt (ein Mädchen) aber erst in Zeile 4 folgt, entsteht ein Spannungsbogen: Obwohl die Zeilenenden zwar immer mit dem Ende eines Satzglieds übereinstimmen, kann der Leser kaum pausieren, weil die Neugier auf das Subjekt zu groß ist. Folglich handelt es sich um einen Grenzfall, bei dem man von wirklichem Zeilenstil kaum sprechen kann.

In einem Tal bei armen Hirten

Erschien mit jedem jungen Jahr,

Sobald die ersten Lerchen schwirrten,

Ein Mädchen, schön und wunderbar.


2. Die zweite Strophe desselben Gedichtes bietet einen Wechsel von Haupt- und Nebensätzen, der Stil ist also hypotaktisch, ohne jedoch verschachtelt zu sein. So kann man an jedem Zeilenende pausieren, die Strophe aber insgesamt flüssig lesen. Hier handelt es sich um ein typisches Beispiel für den Zeilenstil.

Man wusste nicht, woher sie kam,

Sie war nicht in dem Tal geboren,

Und schnell war ihre Spur verloren,

Sobald das Mädchen Abschied nahm.


3. Der Stil des folgenden Volksliedes ist streng paratakisch (Parataxe): Es enthält nur Hauptsätze, die jeweils am Zeilenschluss enden. Der Eindruck der gleichförmigen Reihung wird noch dadurch verstärkt, dass auch der Satzbau fast durchweg der gleiche ist. Hier handelt es sich um ein Extrembeispiel des Zeilenstils.


Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,

er fiel auf die zarten Blaublümelein,

sie sind verwelket, verdorret.


Ein Jüngling hatte ein Mädchen lieb,

sie flohen heimlich von Hause fort,

es wusst’ weder Vater noch Mutter.


Sie sind gewandert hin und her,

sie haben gehabt weder Glück noch Stern,

sie sind gestorben, verdorben.

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