Zeitzeuge
Als Zeitzeugen bezeichnet man Zeitgenossen, die Zeugnis geben können von bestimmten historischen Ereignissen. Enger gefasst ist dagegen der Begriff Augenzeuge, d.h. jemand, der ein Ereignis vor Ort persönlich miterlebt hat.
Inhaltsverzeichnis |
Begriffsverwendung [Bearbeiten]
Trotz vereinzelter Erwähnungen im 18.[1] und 19. Jahrhundert[2] taucht der Begriff Zeitzeuge erst ab Ende der 1970er Jahre häufiger in der Literatur[3][4] und der Umgangssprache auf. Bevor dieses Wort endgültig zum Allgemeinbegriff wurde,[5] wurde dieselbe Bedeutung mit den Umschreibungen „Zeuge der Zeit“[6] oder „Zeuge seiner Zeit“ verbunden.
Der Begriff Zeitzeuge verfügt mit seinem Wortbestandteil „Zeuge“ über weitreichende und tiefwurzelnde kulturgeschichtliche Traditionen; hierzu gehören rechtsgeschichtliche, religiöse und historiografische Traditionen. Die zentralen Entstehungskontexte für die heutige omnipräsente Zeitzeugenschaft liegen in der Zeit nach 1945 im Rahmen der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik; im Wesentlichen sind es neun Formierungskontexte: -die Herausbildung der Zeitgeschichte in der Bundesrepublik und wissenschaftliche NS-Aufarbeitung, -Oral History, -die NS-Aufarbeitung vor Gericht, -Medialisierungsprozesse und das bundesdeutsche Geschichtsfernsehen, -KZ-Gedenkstätten, -DDR-Museen, -Zeitzeugenschaft in der DDR und deren Einbindung in pädagogisch-antifaschistische Praxen, -das 'Verschwinden der Zeitzeugen' und Zeitzeugenschaft im Internet sowie -Zeitzeugenschaft in DDR-Bezügen vor und DDR-Aufarbeitung nach 1989/90 in der Bundesrepublik. Zeitzeugen sind heutzutage aus dem Geschichtsunterricht, der außerschulischen politischen Bildung, der Museumsarbeit, aus Fernsehen und Internet, aus der NS-'Vergangenheitsbewältigung' wie auch aus der DDR-Aufarbeitung nicht mehr wegzudenken. Dennoch ist eine einheitliche Definition des Begriffs Zeitzeuge kaum möglich. Denn Zeitzeugenschaft existiert nicht als „feststehende Größe“. Vielmehr ist die Begrifflichkeit sehr wandelbar und formt sich innerhalb der genannten Entstehungskontexte aus und unterliegt hierbei bestimmten Funktionalisierungen und Zuschreibungen. Zwischen diesen Kontexten existieren Überschneidungen, die die Komplexität der Erscheinungsformen von Zeitzeugenschaft zeigen.
Hinsichtlich der Etablierung der DDR-Zeitzeugenschaft sind zwei Aspekte wesentlich: zum einen ist sie eng verknüpft mit den Debatten um die DDR-Aufarbeitung an sich; zum anderen basiert deren Herausbildung prinzipiell zwar auf den Kontexten der Entstehung von NS-Zeitzeugenschaft, die konkreten Ausformungen und die Erscheinungsformen von DDR-Zeitzeugenschaft sind jedoch entlang der „Spezifika von DDR-Aufarbeitung und DDR-Geschichtsvermittlung“ verortet.[7]
In der DDR gab es den Begriff Zeitzeuge nicht. Dennoch wurden Überlebende und Veteranen zur Vermittlung des offiziellen Geschichtsbildes eingesetzt. So dass man gemäß der heute üblichen Begriffsverwendung sagen kann, dass eine „Infrastruktur von Zeitzeugenschaft in der DDR“ vorhanden war, wenn auch unter anderen Vorzeichen als den demokratischen in der Bundesrepublik[8].
Der Begriff stumme Zeitzeugen, ein Oxymoron, bezeichnet historische Gegenstände oder Bauwerke, die Zeugnis eines bestimmten Ereignisses[9] oder einer bestimmten Periode[10] darstellen.
Zeitzeugnis ist ein „Zeugnis einer bestimmten Zeit“.[11] So wie Zeitzeuge sowohl für eine Person als auch für einen Gegenstand, ein Gebäude usw. verstanden wird, wird auch der Begriff Zeitzeugnis verwendet: Eine Person, der Zeitzeuge, legt sein Zeitzeugnis in Form eines Berichtes bezüglich einer bestimmten Zeit ab,[12] aber auch die Interpretation von Gegenständen und Schriften (z.B. Zeitungen,[13] Literatur und Gedichte,[14] etc.) werden als Zeitzeugnis verstanden.
Sicht der Geschichtswissenschaft [Bearbeiten]
Die Geschichtswissenschaft sieht Zeitzeugen als eine Art von historischen Quellen an, die ebenso kritisch wie andere Quellen und nur im Zusammenhang mit anderen Quellen auszuwerten sind. Eine bestimmte Methode, die Oral History, betont die Bedeutung gerade von weniger prominenten Zeitzeugen.
Die Glaubwürdigkeit eines Zeitzeugen ist – wie bei Zeugen allgemein – abhängig von der zeitlichen und räumlichen Nähe vom Vorgang (unmittelbare Anwesenheit am Tatort oder nur vermittelte Kenntnis), von seinem sachlichen Verständnis des Vorgangs (z. B. bei juristischen Verhandlungen) und vom Interesse an einer bestimmten Interpretation des Vorgangs.
Aussagen, die dem Interesse des Zeitzeugen widersprechen, sind eher glaubwürdig als solche, die das eigene Interesse legitimieren. So sind positive Aussagen über einen Gegner eher glaubwürdig, ebenso wie negative über einen Freund.
Geschichtsdidaktik und "Zeitzeugenkreise" [Bearbeiten]
Man kann das Wissen der Zeitzeugen auch geschichtsdidaktisch nutzen, z. B. indem sie in Schulklassen über unmittelbar Erlebtes berichten oder für Studienarbeiten in Interviews zu offenen Fragen Stellung nehmen. Manche Schüler finden es leichter und spannender, einen Menschen aus seinem Leben erzählen zu hören, anstatt Texte zu lesen.
Man kann auch einen Kreis von Zeitzeugen gründen, der sich regelmäßig trifft. Zu einem Themenschwerpunkt, wie z. B. Flucht und Vertreibung, Bombardierung, Schulzeit tragen die Zeitzeugen ihre Berichte vor, diese werden diskutiert, aufgeschrieben und anschließend für Interessierte veröffentlicht, vorgelesen, erzählt (Erzählcafe) oder im Internet publiziert. Durch die Veröffentlichung ergeben sich vielfältige Kontakte zu Schulen, Hochschulen sowie Interviewanfragen, Schilderungen im Radio oder Fernsehen.
Kritik [Bearbeiten]
Lutz Niethammer und Harald Welzer haben auf die Schwierigkeiten der Methode mündlicher autobiografischer Erzählungen für die historische Rekonstruktion besonders hingewiesen. Das Selbstbild älterer Zeitzeugen beeinflusst die Erinnerung so stark, dass sie objektiv Falsches selbst glauben. Zeitzeugen nutzen die Kommunikationsmöglichkeit eines Gespräches gerne für Nebenabsichten aus, geschickte Zeitzeugen bauen ihren einstudierten Text zu einer Botschaft für die Späteren um. Sowohl ehemalige KZ-Häftlinge als auch Weltkriegsteilnehmer müssen sehr kritisch wahrgenommen werden. Vor allem Schüler sind damit häufig überfordert, gerade weil der „authentische“ Zeuge sie besonders beeindruckt.
Rainer Wirtz, Konstanz, kritisiert besonders die Verwendung von Zeitzeugen zur vorgeblichen Authentisierung von Geschichtsdarstellungen im Fernsehen.[15]
Literatur [Bearbeiten]
- Rolf Italiaander (Hrsg.): Wir erlebten das Ende der Weimarer Republik. Zeitgenossen berichten. Droste, Düsseldorf 1982, ISBN 3-7700-0609-7 (Fotografierte Zeitgeschichte).
- Alfred Neven DuMont (Hrsg.): Jahrgang 1926/27. Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz. DuMont Buchverlag, Köln 2007, ISBN 978-3-8321-8059-1.
- Ralph Erbar, Werner Ostendorf: Zeugen der Zeit. Anregungen für Zeitzeugengespräche in Unterricht und Jugendarbeit. Pädagogisches Zentrum Rheinland-Pfalz, Bad Kreuznach 2006 (PZ-Information. Geschichte, Gesellschaftslehre/Sozialkunde, Grundschule/Sekundarstufe I und II. 2/2006, ISSN 0938-748X).
- Ralph Erbar: Zeugen der Zeit? Zeitzeugengespräche in Wissenschaft und Unterricht. In: Geschichte für heute 5 (2012), H. 3, S. 5-20, Vorlage:ISSN 1866-2099.
- Marc J. Philipp: „Hitler ist tot, aber ich lebe noch“. Zeitzeugenerinnerungen an den Nationalsozialismus. be.bra wissenschaft-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-937233-60-4.
- Peter Paul Schwarz: Zeit. Zeugen. Zeitzeugen. Zu Traditionen, Entwicklungslinien und Erscheinungsformen von Zeitzeugenschaft. In: Zeitzeugenarbeit zur DDR-Geschichte. Historische Entwicklungslinien - Konzepte - Bildungspraxis. Hg. v. Bildungswerk der Humanistischen Union NRW, Zeitpfeil-Studienwerk Berlin-Brandenburg (Werkhefte für politische Bildung 10/2012). Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2012, S. 8-46, ISBN 978-3-8375-0836-9.
- Martin Sabrow, Norbert Frei (Hrsg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1036-0.
- Martin Sabrow (Hrsg.) und Norbert Frei (Hrsg.):Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945. Reieh: Geschichte der Gegenwart (Hrsg. Frank Bösch und Martin Sabrow) Bd. 4 / Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg. Norbert Frei) Bd. 14; Bandnummer: 4 / 14; Wallstein Verlag, 2012; ISBN 978-3-8353-1036-0
Siehe auch [Bearbeiten]
Weblinks [Bearbeiten]
- Zeitzeugen in Deutschland und in der Welt
- Internet-Zeitzeugenprojekt aus Norderstedt
- Kostenloses Archiv für Zeitzeugenbücher
- Seite mit Zeitzeugen bei Lemo
- Zeitzeugengeschichte.de - Das Webportal für NS-Zeitzeugeninterviews von Metaversa e.V.
- Bildarchiv des Hauses der Bayerischen Geschichte (Projekt 'Zeitzeugen auf Videofilmen' anwählen: Videofilme können online abgespielt werden)
- Homepage des Zeitzeugenpreises Berlin-Brandenburg
- Zeitzeugenportal zum Thema Friedliche Revolution und Deutsche Einheit
- Zeitzeugen in Schule und außerschulischer Bildung treffen (Lernen aus der Geschichte)
- Berliner Zeitzeugen
- Zeitzeugen Deutschlands
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Michael Krammer Sammlung heiliger Reden über wichtige Wahrheiten der sonntäglichen Evangelien auf das ganze Jahr, Band 1 (1774), S. 29
- ↑ Verein für Geschichte der Deutschen in den Sudentenländern, Band 20, Prag (1882) S. 284
- ↑ NGRAM Viewer Zeitzeuge ab 1950
- ↑ Als Beispiel: Hagen Schulze Zum Tode von Arnold Brecht - Glaubwürdiger Zeuge der Demokratie, Die Zeit, 7. Oktober 1977, Nr. 41
- ↑ Erste Erwähnung im Rechtschreib-Duden, 20. Aufl. (1991), S. 814
- ↑ Als Beispiel: Otto F. Beer Von Gangstern und Literaten - Reinhard Federmann und sein „Herr Felix Austria", Die Zeit, 4. Juni 1971, Nr. 23
- ↑ Peter Paul Schwarz: Zeit. Zeugen. Zeitzeugen. Zu Traditionen, Entwicklungslinien und Erscheinungsformen von Zeitzeugenschaft. In: Zeitzeugenarbeit zur DDR-Geschichte. Historische Entwicklungslinien - Konzepte - Bildungspraxis. Hg. v. Bildungswerk der Humanistischen Union NRW, Zeitpfeil-Studienwerk Berlin-Brandenburg (Werkhefte für politische Bildung 10/2012). Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2012, S. 8-46, ISBN 978-3-8375-0836-9
- ↑ Silke Satjukow: Zeitzeugen der ersten Stunde. Erinnerung an den Nationalsozialismus in der DDR, in Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, hg. von Martin Sabrow, Norbert Frei Göttingen, Wallstein 2012, S. 201-224, hier: S. 204.
- ↑ Marco Sostero: Der Krieg hinter Glas: Aufarbeitung und Darstellung des Zweiten Weltkriegs in historischen Museen Deutschlands, Österreichs und Japans LIT Verlag Münster (2010), S. 41
- ↑ Harald Haarmann: Geschichte der Schrift, C.H. Beck (2002) S. 60
- ↑ Duden Online: Zeitzeugnis
- ↑ Wolfgang Kießling - Ein Zeitzeugnis und sein Verfasser werden betrachtet in Alfons Goldschmidt: Moskau 1920: Tagebuchblätter, Dietz (1987), S. 262
- ↑ Svenja Schäfer Das geschriebene Wort in seiner historischen Entwicklung, GRIN Verlag (2007), S.18
- ↑ Bernhard Horowitz, Laura Horowitz und Edith Pomeranz: Stimmen der Nacht: Gedichte aus der Deportation in Transnistrien 1941-1944, Hartung-Gorre (2000), S. 10
- ↑ swr2 28. Mai 2012

