Zentrum für Antisemitismusforschung

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Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) ist eine sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtung an der TU Berlin. Es wurde auf Initiative des damaligen TU-Präsidenten Rolf Berger und des Vorsitzenden der Berliner jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, gegründet.[1]

Im Juni 1982 nahm Herbert A. Strauss von der City University of New York seine Tätigkeit als Gründungsleiter des Zentrums auf und hielt am 9. November 1982 seine Antrittsvorlesung zu „Antisemitismusforschung als Wissenschaft“. 1990 bis 2011 war Wolfgang Benz Leiter des ZfA.[2] 1999 wurde Werner Bergmann auf die zweite Professur am ZfA berufen. Seit Juni 2011 ist Stefanie Schüler-Springorum Direktorin des ZfA.

Das 1982 gegründete Zentrum beschäftigt sich mit Vorurteilen und ihren Folgen wie Antisemitismus, Antiziganismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Die Arbeit wird durch angrenzende Schwerpunkte, deutsch-jüdische Geschichte und Holocaustforschung, ergänzt. Das ZfA ist in der Lehre der Universität eingebunden. Es legt Wert auf Interdisziplinarität und Aufklärungsarbeit für die Öffentlichkeit.[3] Das ZfA ist auch als Herausgeber tätig; beispielsweise für das Handbuch des Antisemitismus. Seit 1991 erscheint im Berliner Metropol Verlag die Reihe „Dokumente, Texte, Materialien“, in der bis 2013 88 Bände erschienen sind.[4]

Im Frühjahr 1992 wurde der „Verein der Freunde und Förderer des Zentrums für Antisemitismusforschung“ gegründet, um „Hilfe bei der Lösung finanzieller Engpässe“ zu geben; Schriftführerin des Vereins ist die Historikerin Juliane Wetzel, die Mitarbeiterin des Zentrums ist.[5]

Bibliothek des Zentrums[Bearbeiten]

Den Grundstock der Bibliothek bildete bei der Gründung des ZfA eine Sammlung von 3.500 Bänden, die von einem Wiener Antiquar erworben wurde. Antisemitische Schriften vom 17. bis zum 20. Jahrhundert waren ebenso enthalten wie Klassiker der Antisemitismusforschung. In diesem Bestand spiegelte sich das Spektrum des politischen, religiösen, kulturellen und rassistischen Antisemitismus vor allem in Deutschland, Österreich und Frankreich.

Ein weiterer Teil der Bibliothek (750 Bände) stammt aus dem 1947 aufgelösten „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ in Berlin-Dahlem. Das Institut war 1926 als Einrichtung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (Herausgeberin der Zeitschrift Psychische Hygiene) gegründet und 1927 eröffnet worden. Durch diesen Bestand wurde das Sammelgebiet „Rassismus“ wesentlich ergänzt. Vertreten sind vor allem Völker- und Rassenkunde, Erbpathologie, Eugenik, Familien-, Sozial- und Rassenhygiene.

Aktuell besitzt die Bibliothek[6] rund 40.000 Bände sowie zahlreiche andere Medien wie Plakate, Flugblätter und Bilderbögen. Rund 180 Zeitschriften werden laufend gehalten.

Veranstaltungen zu islamischem Antisemitismus und Islamfeindschaft[Bearbeiten]

Im Jahre 2002 gab die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) beim Zentrum eine Studie über den Antisemitismus in Europa in Auftrag. Anlass für diesen Auftrag war nach Angaben des Zentrums eine Welle von Antisemitismus, zu der es im Frühjahr 2002 in Europa gekommen sei, nachdem im Jahre 2000 die zweite Intifada im Nahen Osten begonnen hatte. Die fertige Studie wurde dann zunächst von der EUMC unter Verschluss gehalten und nur online durch das Zentrum selbst veröffentlicht.[7]

Im Dezember 2005 veranstaltete das Zentrum eine internationale Tagung zum Thema „Antisemitismus und radikaler Islamismus“.[8]

Die zweite Sommeruniversität gegen Antisemitismus im September 2007 war dem Thema „Antizionismus, Israelfeindschaft, islamistischer Judenhass“ gewidmet.[9]

Eine Konferenz im Dezember 2008 stand unter dem Titel „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“. Programm und Ansatz der Konferenz stießen auf Kritik bei Publizisten wie Henryk M. Broder, Matthias Küntzel[10] und in mehreren Artikeln der Jerusalem Post. Unter anderem, so die Vorwürfe, trivialisiere die gleichrangige Behandlung von Islamfeindschaft den Holocaust und lasse das vordringliche Problem der Bekämpfung des Antisemitismus, insbesondere des islamistischen, in den Hintergrund treten. Die deutsche Sektion von Scholars for Peace in the Middle East, einem internationalen Netzwerk von über 20.000 Wissenschaftlern, kritisierte den unsachlichen und diffamierenden Tonfall, mit dem das Zentrums für Antisemitismusforschung auf die Kritik an seiner Tagung Feindbild Muslim – Feindbild Jude bis heute reagiere. Diese Kritik würde u.a. auch von dem Nobelpreisträger Elie Wiesel, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann und dem Holocaustforscher Daniel Jonah Goldhagen geteilt. [11] Hingegen wurden das Zentrum und sein Leiter Benz durch Fachkollegen wie den Historiker Yehuda Bauer in Schutz genommen und die Thematisierung von Islamophobie auf der Konferenz als eine Bezugnahme auf die mangelnde Integration junger europäischer Muslime verteidigt.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • TU Berlin: Zentrum für Antisemitismusforschung (Redaktion: Wolfgang Benz, Werner Bergmann, Ingeborg Medaris, Juliane Wetzel), Berlin 1999
  • Gottfried Plehn: Das Berliner „Zentrum für Antisemitismusforschung“, in: Pogrom 180 (Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker), Dezember 1994 / Januar 1995, Seite 54
  • Wolfgang Benz (Hrsg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext: Dokumentation der Konferenz „Feindbild Muslim - Feindbild Jude“, Metropol, Berlin 2009, ISBN 978-3-940938-32-9 (= Positionen, Perspektiven, Diagnosen, Band 3).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. siehe Gottfried Plehn: Das Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung", in: Pogrom 180 (Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker), Dezember 1994/Januar 1995, Seite 54
  2. Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA)
  3. Auf der Webseite heißt es wörtlich unter Schwerpunkte: Das 1982 gegründete Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin arbeitet als einziges Institut seiner Art interdisziplinär in Forschung und Lehre über Vorurteile und ihre Folgen wie Antisemitismus, Antiziganismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus./Angrenzende Schwerpunkte der Arbeit sind deutsch-jüdische Geschichte, Holocaust und Rechtsextremismus.
  4. siehe Bestand der Reihe in der Deutschen Nationalbibliothek unter http://d-nb.info/019245335
  5. siehe Seite über den Förderverein
  6. Die Bibliothek
  7. Juliane Wetzel: Der schwierige Umgang mit einem Phänomen. Die EU und der Antisemitismus, in Moshe Zuckermann (Hrsg.): Antisemitismus, Antizionismus, Israelkritik, Wallstein Verlag, 2005 ISBN 3892448728, ISBN 9783892448723 S. 93–94
  8. Yasemin Shooman: Antisemitismus und radikaler Islamismus, Tagungsbericht auf HSozuKult, 2006
  9. Konferenzprogramm Sommeruniversität gegen Antisemitismus 2007 auf Lernen-aus-der-Geschichte.de
  10. Mathias Küntzel: Das „Zentrum für Antisemitismusforschung“ auf Abwegen, 25. November 2008
  11. Hagalil.com: ZfA / Kritik am Umgang mit Kritikern
  12. Yehuda Bauer: Berlin conference didn't lump Islamophobia with anti-Semitism, Jerusalem Post, 4. März 2009