Zirkumzision
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Die Zirkumzision (lat. circumcisio) oder Beschneidung ist die teilweise oder vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut. Gründe für die Beschneidungen sind neben medizinischen Indikationen häufig kultureller Natur. Die Zirkumzision stellt den weltweit am häufigsten durchgeführten chirurgischen Eingriff dar, gegenwärtig sind schätzungsweise 25 % der männlichen Weltbevölkerung beschnitten[1][2].
[Bearbeiten] Gründe für die Beschneidung
[Bearbeiten] Medizinische Indikation
Eine direkte medizinische Indikation zur Zirkumzision besteht bei narbigen Phimosen, zum Beispiel nach ausgedehnten Balanopostitiden, bei einer Lichen sclerosus et atrophicus (chronisch-entzündliche Erkrankung der Vorhaut), Karzinomen, und bei einer nicht repositionierbaren Paraphimose. Eine Besiedelung mit Condylomata acuminata (Feigwarzen) wird in erster Linie mit dem Laser oder „Vereisung“ mittels tiefstgekühltem, flüssigem Stickstoff behandelt.
Eine Indikation kann in Einzelfällen bei einer Vorhautverengung, der so genannten Phimose, gesehen werden, die jedoch bei Erwachsenen relativ selten auftritt. Bei Säuglingen und Kindern ist eine verengte Vorhaut normal, die Vorhaut erweitert und löst sich von der Eichel meist erst in der Pubertät, so genannte physiologische Phimose [3]. Auch bei Erwachsenen, die die Vorhaut nicht vollständig zurückziehen können, besteht nur Handlungsbedarf wenn Schmerzen bei der Penetration auftreten. Ansonsten ist die präventive Beschneidung bei Kindern und Neugeborenen sehr umstritten, und wird von vielen Fachorganisationen als rein kosmetische beziehungsweise kulturelle Angelegenheit betrachtet.[4]
[Bearbeiten] Hygienische und gesundheitlich-präventive Motive
Die Beschneidung der Vorhaut kann auf zwei Wegen gesundheitlichen Komplikationen vorbeugen. Zum einen wird eine Ansammlung von Smegma verhindert, welches als Nährboden von Bakterien anzusehen ist. Zum Anderen sind die in der Vorhaut selbst in hoher Konzentration sowie nah an der Hautoberfläche vorliegenden Langerhans-Zellen und CD4-Rezeptorzellen für die Übertragung von Viren beim Geschlechtsakt mitverantwortlich.[5][6]
Ob die männliche Beschneidung als eine Routineoperation empfohlen werden sollte, wie dies durch die WHO erfolgte, bleibt jedoch umstritten. Die möglichen hygienischen und gesundheitlichen Vorteile sollten vor dem Hintergrund alternativer Präventionsmöglichkeiten betrachtet werden sowie die jeweiligen Grundhäufigkeiten der Krankheiten in einem Kulturkreis mit einbezogen werden[7]. Ein Großteil der gesundheitlichen Vorteile zeigt sich im späteren Lebensalter, so dass die Beschneidung nicht im Säuglingsalter erfolgen muss sondern später im Erwachsenenalter unter voller Einwilligung erfolgen kann.
[Bearbeiten] Gebärmutterhalskrebs
Eine Studie aus den 50er Jahren verglich das Vorkommen von Zervixkarzinomen (Krebs des Gebärmutterhalses) bei den Frauen von jüdischen beschnittenen Männern mit dem Vorkommen bei den Frauen von nichtjüdischen, nicht beschnittenen Männern und stellte fest, dass die Frauen von beschnittenen jüdischen Männern statistisch bedeutend weniger Gebärmutterhalskrebs hatten. Dieser Zusammenhang wird bis heute kontrovers beurteilt; der Zusammenhang zwischen Beschneidung und Zervixkarzinomen ist noch nicht abschließend geklärt. Eine Folgestudie stellte fest, dass Gebärmutterhalskrebs bei nichtjüdischen Frauen gleich häufig vorkommt, und schlussfolgerte, die unterschiedliche Prävalenz von Zervixkarzinomen müsse von der Lebensweise der jüdischen Frauen verglichen mit nichtjüdischen Frauen herrühren.[8]
Jüngere Studien zum Zusammenhang zwischen Gebärmutterhalskrebs und Beschneidung kommen wiederum zu anderen Ergebnissen: Monogame Partnerinnen von denjenigen Männern, für die ein erhöhtes Risiko einer Infektion mit dem sog. HPA-Virus besteht (Voraussetzungen: erste Sexualkontakte vor dem 17. Lebensjahr, 6 oder mehr Sexualpartner sowie Verkehr mit Prostituierten), erkranken mit einer statistisch geringeren Wahrscheinlichkeit an einem Zervixkarzinom, wenn der Mann beschnitten ist.[9]
[Bearbeiten] Peniskrebs
Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an Peniskrebs zu erkranken, ist bei unbeschnittenen Männern deutlich höher. Die Tatsache, nicht beschnitten zu sein, stellt de facto den größten Einzelrisikofaktor dar[10]. Allerdings ist die Grundwahrscheinlichkeit für Peniskrebs relativ gering, unabhängig von einer Beschneidung.
[Bearbeiten] Harnwegsinfektionen
Das Risiko für einen Harnwegsinfekt ist nach einer Beschneidung verringert. So findet sich in einer Übersichtsstudie über 12 Untersuchungen eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit für Infektionen bei Beschnittenen. Eine weitere Studie fand eine 3-7 mal geringere Rate für Harnwegsinfekte bei beschnittenen Kindern, insbesondere im Kleinkindalter[11]. Allerdings sind Harnwegsinfekte bei Männern generell ein eher seltenes Problem, so dass sich die statistischen Effekte erst in sehr großen Stichproben zeigen. Aufgrund der geringen Basiswahrscheinlichkeit ist eine Beschneidung zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen nicht als notwendig anzusehen[12].
[Bearbeiten] Übertragung von HIV und anderer Geschlechtskrankheiten
Darüber hinaus gibt es Studien, wonach das HIV-Infektionsrisiko beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit HIV-infizierten Partnern für beschnittene Männer (als aktiver Partner) geringer sein soll als für unbeschnittene. Der genaue Faktor der Reduzierung fällt je nach Studie verschieden aus, wurde aber auf bis zu 60 Prozent geschätzt[13], was dazu führte, dass die WHO im März 2007 ihren Mitgliedsstaaten in einer Presseerklärung [14] empfahl, die Beschneidung als Element in die nationalen Anti-Aids-Strategien aufzunehmen. Der US-Bundesstaat New York versucht aus diesen Gründen, mittels Öffentlichkeitsarbeit junge Männer dazu zu bewegen, sich beschneiden zu lassen[15]. Der afrikanische Staat Uganda versucht mit ähnlichen Maßnahmen, den Anteil der beschnittenen Männer zu erhöhen[16][17].
Die Beschneidung zur HIV-Prävention wurde von mehreren Seiten kritisiert, da zum einen die Beschneidung das Risiko für eine HIV-Infektion nicht vollständig aufgehoben ist, andererseits die gefühlte Sicherheit beschnittene Männer zu einem leichtfertigen Verhalten (Verzicht auf Kondome, Treue, Enthaltsamkeit) verleiten könnte. Zum anderen stellt die Beschneidung gerade in Ländern der dritten Welt selbst ein erhebliches gesundheitliches Risiko dar, da vielerorts die sterilen Bedingungen zur sicheren Durchführung einer Beschneidung fehlen, und die Beschneidung so selbst zur Quelle der HIV-Infektion, aber auch anderer Infektionskrankheiten werden könnte. Konsens ist jedenfalls, dass das Risiko keinesfalls auf null fällt, so dass Beschneidung nicht als Ersatz für Safer-Sex-Techniken fungieren kann.[18]
Weiterhin wurde in Untersuchungen ein geringeres Risiko für beschnitten Männer festgestellt, an Herpes genitalis, Ulcus molle, Gonorrhoe und Syphilis zu erkranken[19].
[Bearbeiten] Kulturelle und religiöse Motive
Insbesondere im Judentum und im Islam stellt die Beschneidung des Mannes eine elementare religiöse Pflicht dar. Im Judentum wird die als Brit Mila bezeichnete Beschneidung als Bund zwischen Gott und dem Gläubigen, auch „abrahamitischer Bund“ genannt, angesehen. Sie stellt die am stärksten verankerte religiöse Tradition dar und wird auch von weniger-traditionellen Juden praktiziert. Die Beschneidung erfolgt in der Regel am achten Tag nach der Geburt, kann aber bei dagegensprechenden Gründen oder bei einer Konversion zum Judentum auch zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden.
Im Islam stellt die Beschneidung eine Säule der Fitra dar, dem islamischen Hygiene- und Reinheitsgebot. Das Gebot der Beschneidung gilt nur für Männer, während die anderen Gebote, die Schamhaarentfernung, die Entfernung der Achselhaare sowie das Schneiden von Fuß- und Zehennägeln, für beide Geschlechter gilt.
[Bearbeiten] Ästhetische und kosmetische Motive
Zum Teil entschließen sich Männer aus Gründen der persönlichen Ästhetik und des eigenen Körpergefühls zur Zirkumzision. Die Zirkumzision aus ästhetischen Gründen erfolgt meist im Erwachsenenalter und findet in Europa zunehmend häufiger statt [20]. Da eine Operation aus diesen Motiven keine medizinische Notwendigkeit darstellt, lehnen die gesetzlichen Krankenkassen die Kostenübernahme in aller Regel ab.
[Bearbeiten] Weibliche Einstellung
Darüber hinaus wird, Umfragen zufolge, ein beschnittener Penis von Frauen als erotischer und hygienischer empfunden. Diesbezügliche Daten liegen bisher nur aus den USA vor, in wiefern sich Aussagen über andere Länder ableiten lassen ist noch offen.
In einer Fragebogenstudie im Jahre 1988 wurde von 269 Frauen ihre Einstellung zur männlichen Beschneidung erfragt, von denen 145 verwertbare Antworten abgaben. Die meisten der antwortenden Frauen gaben an, einen beschnittenen Penis gegenüber einem unbeschnittenen als ästhetischer und erotischer zu empfinden. Als Gründe wurden sowohl hygienische als auch visuelle und haptische Empfindungen angegeben. Etwa drei Viertel bezeichneten den beschnittenen Penis als natürlicher. [21]
In wiefern derartige Umfragen eine Repräsentativität bezüglich der gesamten (weiblichen) Bevölkerung zulassen lässt sich jedoch schwer sagen[22].
[Bearbeiten] Hirsuties papillaris
Mit dem Begriff Hirsuties papillaris penis werden weiße, punktförmige Papeln bezeichnet, welche sich rund um den Eichelrand bilden. Zirka 10–20 % der männlichen Bevölkerung sind von ihnen betroffen. Hirsuties papillaris bilden sich im Laufe der geschlechtlichen Entwicklung aus, vorwiegend in der Pubertät. Sie stellen, entgegen oft geäußerter Befürchtung, keine Gefahr dar und sind nicht als medizinische Indikation anzusehen, allerdings können sie jedoch ein ästhetisches Problem darstellen.[23]
Hirsuties papillaris treten bei beschnittenen Männern seltener auf. Als Grund könnte die auf dem Eichelrand aufliegende Vorhaut mit einhergehender Smegmabildung infrage kommen. Genaue Ursache des Zusammenhangs ist aber noch ungeklärt.[24]
[Bearbeiten] Einfluss auf die Sexualität
Die Beschneidung hat tendentiell eher einen positiven Einfluss auf die Sexualität, insbesondere für den weiblichen Partner[25]. Dafür verantwortlich ist zum einen ein im Durchschnitt verlängerter Geschlechtsakt durch eine veränderte Empfindsamkeit und des weiteren eine direktere Stimulation. In einer Befragung von Frauen, welche sowohl mit beschnittenen als auch unbeschnittenen Männern Sex hatten, gaben 71 % an, einen beschnittenen Penis zu bevorzugen[26].
Durch die Entfernung der Vorhaut ist die Eichel nicht mehr permanent bedeckt und kann durch den ständigen Kontakt mit der Luft sowie Reiben an der Kleidung an Empfindlichkeit verlieren. Auch durch Entfernen von Vorhaut und Frenulum selbst kann die Sensitivität herabgesetzt werden, da beide über zahlreiche Nervenendigungen verfügen[27]. Jedoch liegen auch Untersuchungen vor, die nach einer Beschneidung den gegenteiligen Effekt fanden, nämlich eine erhöhte Sensitivität und ein schnelleres Erreichen des Orgasmus[28]. Da die Herabsetzung der Empfindlichkeit der Eichel zu einer verlängerten Erektionsdauer beim Geschlechtsverkehr führen kann und ein vorzeitige Ejakulation nach einer Beschneidung seltener auftritt, wird dieser Umstand von zahlreichen Männern als Grund für eine Zirkumzision genannt. Auch wird von Männern, welche sich im Erwachsenenalter beschneiden ließen, von größerer sexueller Ausdauer und auch intensiveren Orgasmen berichtet. [29][30].
Beim Geschlechtsverkehr fehlt das Gleiten des Penis in seiner Schafthaut, was das Eindringen erschweren, andererseits den Verkehr für beide Partner lustvoller gestalten kann. Der beschnittene Penis gleitet nicht mehr in seiner Schafthaut hin- und her, so dass ein direkterer Kontakt mit dem Partner mit entsprechend stärkerer Stimulation möglich ist. Durch das direkte Reiben an der Scheidenwand kann es jedoch Probleme bei fehlender Lubrikation geben, wenn also die Frau von einer Trockenheit der Scheide betroffen ist.
Manche beschnittene Männer fühlen sich bei der Masturbation eingeschränkt. Eine Beeinträchtigung wird jedoch abhängig von Art und Umfang der Beschneidung unterschiedlich erlebt. Besonders bei den radikaleren Beschneidungsvarianten kann die direkte Stimulation der trockenen Eichel mit der Hand als unangenehm bis schmerzhaft empfunden werden, ein großer Teil beschnittener Männer hat allerdings nach einer kurzen Gewöhnungsphase überhaupt keine Probleme bei der Masturbation.
Insgesamt betrachtet sind die Veränderungen, welche durch die Beschneidung hervorgerufen werden eher gering. Die gefundenen Effekte, ob positv oder negativ, sind statistischer Natur und nur bei größeren Stichproben zu finden. In den meisten Fällen hat die Beschneidung überhaupt keinen Einfluss auf die Sexualität[31].
[Bearbeiten] Durchführung der Beschneidung
Für die Beschneidung existieren unterschiedliche chirurgische Methoden. Bei der verbreitetsten Methode trennt der Chirurg die Vorhaut zirkulär mit einem Skalpell durch.
Vor allem in den USA sind verschiedene Methoden mit unterschiedlichen Klemmen und sogenannten „Circumcision-Kits“ in Gebrauch, die eine freihändige Beschneidung ersetzen sollen und vor allem die Naht überflüssig machen (die Klemme bleibt angelegt, bis unter ihr die Wunde verheilt ist).
In Deutschland finden nichtrituelle Beschneidungen auch bei Säuglingen nicht mehr ohne Anästhesie statt.
[Bearbeiten] Reguläre Beschneidung
In Europa ist es verbreitet, die über die Eichel vorgezogene und überstehende Vorhaut zunächst mit einer Klemme zu fassen und vor dieser die Eichel schützenden Ebene durch einen Schnitt abzutrennen. Häufig wird danach der zwischen diesem Schnitt und dem Eichelkranz verbliebene Hautring (inneres Vorhautblatt) zusätzlich eingekürzt. Je nach Wunsch des Patienten oder seiner Eltern bzw. je nach Empfehlung des Arztes kann dabei ein unterschiedliches Ergebnis hinsichtlich der verbleibenden Hautmenge bestimmt werden (siehe Abschnitt Beschneidungsstile). Eine weitere Methode besteht in der freihändigen zirkulären Durchtrennung der Haut an zwei vorher markierten Stellen. Auch diese Markierung dient der Festlegung, wie viel Haut abgetragen werden und wie weit von der Eichel entfernt die verheilte Narbe liegen soll. Danach wird die zwischen den beiden ringförmigen Schnitten liegende Haut abgetragen und werden die flankierenden Ränder zueinander geführt. Diese Art ist bei kurzem Präputium angezeigt, das nicht so weit vor die Eichel gezogen werden kann, dass es vor dieser übersteht. Bei beiden Methoden werden die Wundränder mit selbstauflösendem Material miteinander vernäht. Die Wunde heilt in der Regel innerhalb von zwei Wochen ab.
[Bearbeiten] Gomco clamp
Gomco Clamp ist ein Markenname der GOldstein Medical COmpany und wird vor allem in den USA zur Säuglingsbeschneidung eingesetzt. Dabei wird die Klemme zwischen Eichel und Vorhaut geschoben und danach geschlossen. Die Vorhaut wird dabei sanft abgeklemmt. Der Vorteil liegt in der relativ schnellen Durchführbarkeit sowie geringem Blutverlust.
[Bearbeiten] Plastibell
Hierbei wird ein Plastikring an die Vorhaut angelegt, welcher zusammengezogen wird. Die Vorhaut wird nicht vom Arzt durchtrennt, sondern fällt nach einigen Tagen von selbst ab. Das Verfahren kann als minimalinvasiv und relativ schmerzlos betrachtet werden, findet jedoch nicht vollständig unter ärztlicher Supervision statt, so dass dieser bei eventuellen Schwellungen nicht eingreifen kann.
[Bearbeiten] Erstreckung der Beschneidung auf das Vorhautbändchen
Darüber hinaus ist das Vorhautbändchen (Frenulum praeputii, siehe „Vorhaut“), eine individuell sehr unterschiedlich ausgeprägte, mehr oder weniger straffe Hautbrücke an der Unterseite des Penis, gespannt zwischen Harnröhrenöffnung und Schafthaut, häufig ebenfalls Gegenstand der Beschneidung. Dabei wird das Bändchen, unabhängig von dem vorgeschriebenen Maß der Abtragung von innerem und äußeren Vorhautblatt, entweder nur durchtrennt und danach zumeist an den Wundrändern wieder quer vernäht, oder es wird vollständig ausgeschnitten. Insbesondere ein kurzes Frenulum (Frenulum breve) kann die Eichel am erigierten Glied herunterziehen und die Erektion damit verkrümmen und schmerzhaft werden lassen. Dieser Effekt wird durch eine Beschneidung, insbesondere eine radikale, entscheidend verstärkt. Deshalb ist es besonders bei „tight“-Beschneidungen zumeist angezeigt, das Frenulum zumindest zu durchtrennen (Frenulotomie), in der Regel sollte – oder muss – es sogar ganz ausgeschnitten werden (Frenulektomie).
[Bearbeiten] Rituelle Beschneidung
Bei der rituellen jüdischen Beschneidung, der „Brit Mila“, wird der Eingriff von einem speziell ausgebildeten Kleriker, dem so genannten Mohel durchgeführt, ebenso bei der rituellen muslimischen Beschneidung, dem sogenannten Sünnet. Dieser wird vom Sünnetci durchgeführt. Sofern der zu Beschneidende das für den jeweiligen Ritus übliche Lebensalter hat (acht Tage für Juden; bis etwa zwölf Jahre bei Muslimen), ist der Blutverlust so gering, dass auf ein Vernähen der Wundränder verzichtet wird.
Traditionell bestand die jüdische Beschneidung aus drei einzelnen Vorgängen: Zunächst wurde die Vorhaut vor der Eichel mit einer sichelförmigen Klemme gefasst und mit einem Messer abgetrennt; sodann wurde das verbliebene innere Vorhautblatt durch Einreißen abgetragen; und schließlich saugte der Mohel mittels eines Glasröhrchens das Blut aus der Wunde und benetzte diese – zur Reinigung – abschließend mit etwas Wein. Heute wird auch die rituelle jüdische Beschneidung zumeist auf den ersten Teil, auf das Abtragen der Vorhaut selbst, beschränkt; zahlreiche Mohelim sind heutzutage zudem Ärzte. An bereits beschnittenen Männern und Jungen, die zum Judentum übertreten, muss nach orthodoxem Verständnis ein den religiösen Akt der Brit Mila symbolisierender Vorgang vollzogen werden, denn eine bereits vollzogene weltliche Beschneidung wird diesem Anspruch nicht gerecht; bei dieser symbolischen Handlung ist durch eine kleine Hauteröffnung zumindest ein Tropfen Blut hervorzubringen. Nach liberalem Verständnis kann auf diese Handlung im Zuge der Konversion verzichtet werden.
[Bearbeiten] Beschneidungsstile und Formen
Beim Mann wird bei einer Beschneidung die Vorhaut teilweise oder vollständig entfernt. Die Beschneidungsvarianten variieren daher in Hinsicht auf Straffheit und Platzierung der Narbe: Man unterscheidet „low“, mit nah an der Eichel liegender Narbe und „high“ mit der Narbe am Schaft, weiter entfernt von der Eichel. Bei einer Beschneidung „low“ wird das innere Vorhautblatt nahezu vollständig entfernt. Nach der Straffheit der Schafthaut unterscheidet man zwischen „loose“, wobei die Eichel im nicht erigierten Zustand noch teilweise bedeckt sein kann und „tight“, wobei die Eichel immer freiliegt und die Schafthaut bei einer Erektion nur sehr wenig oder keinen Bewegungsspielraum mehr hat. Daraus ergeben sich die Beschneidungsstile „high & tight“, „high & loose“, „low & tight“ und „low & loose“. Wenn sowohl inneres als auch äußeres Vorhautblatt so weit entfernt werden, dass die Eichel immer, auch im nichterigierten Zustand, freiliegt und nur noch ein Rest von wenigen – bis zu zehn – Millimetern innerer Vorhaut verbleibt, spricht man generell von einer "radikalen Zirkumzision"; dies auch als Indikation, sofern die vollständige Abtragung der Vorhaut medizinisch angezeigt ist. Während das Beschnittensein des Gliedes bei den „high“-Stilen meist durch eine unterschiedliche Farbtönung der Haut ober- und unterhalb der Beschneidungsnaht deutlich zu erkennen ist, ist dies bei den „low“-Varianten wegen des weitgehenden Fehlens des helleren Innenblattes der Vorhaut nur in einem schmalen Streifen an der Eichelfurche oder auch gar nicht der Fall; der Penis wirkt dann, wenn sich die Narbe direkt hinter der Eichel befindet, unter Umständen wie „ohne Vorhaut geboren“. Zudem weicht die Färbung der Beschneidungsnarbe selbst oftmals von der umgebenden Haut ab, was ebenfalls bei den „high“-Stilen deutlicher hervortritt.
Während in den USA vornehmlich „high & tight“ beschnitten wird, sind im europäischen Raum eher die „low“-Stile verbreitet.
Bei der Wahl der Beschneidungsart sollte immer bedacht werden, dass bei einer Teilbeschneidung und unter Umständen auch schon bei einer „loose“-Beschneidung immer die Gefahr besteht, dass eine Narbenphimose auftritt. Daher sollten diese Beschneidungsarten sehr gut durchdacht werden, da die Narbenphimose unweigerlich zu einer zweiten Beschneidung führt, welche dann radikaler ausfallen wird bzw. muss.[32]
Neben den erwähnten Formen existieren weitere Formen der Vorhautbeschneidung. Diese sind in der Regel nur regional begrenzt anzutreffen und spielen eine untergeordnete Rolle. Beispielhaft hierfür wäre der dorsal slit, wobei die Vorhaut nicht abgetrennt wird, sondern nur teilweise eingeschnitten wird[33].
[Bearbeiten] Mögliche Komplikationen durch die Beschneidung
Die dorsale Vene (Vena dorsalis penis superficialis), die beim Mann an der Spitze der Vorhaut beginnt, wird bei der Beschneidung in der Regel, jedoch nicht notwendigerweise, durchtrennt und verästelt sich mit der Zeit neu. Dies kann Knoten entstehen lassen. Erfahrene Operateure klemmen diese Vene deshalb im Zuge der Beschneidung gesondert ab und vernähen ihren Stumpf, um solchen Knoten vorzubeugen.
Weiterhin kann es zu einer Verwachsung zwischen der Haut der Eichel mit der umliegenden Penishaut kommen, wodurch eine Hautbrücke entsteht, die bei Bedarf eine ambulant-operative Nachkorrektur erforderlich macht.[34] Eine solche Korrektur ist ebenfalls dringend angeraten, wenn die verbleibende Schafthaut im Zuge der Beschneidung nach dem Abtragen des inneren Vorhautblattes eng an oder sogar auf den Eichelkranz genäht wird, was vor allem bei Kleinkindbeschneidungen durch wenig geübte Operateure gelegentlich vorkommt. Die dadurch möglicherweise entstehenden Hauttaschen können zu Entzündungen und vor allem zu Behinderungen beim Geschlechtsverkehr führen. Zudem ist das Ergebnis, selbst nach operativer Korrektur, eine Beschädigung des Eichelkranzes, die sich sowohl in der Sensibilität, als auch im kosmetischen Ergebnis irreversibel negativ auswirkt.
Unmittelbar nach der Operation kann sich störendes Reiben an der Kleidung bemerkbar machen; nach einigen Tagen wird es aber in der Regel kaum noch bemerkt und nach ein paar Wochen ist es zumeist kaum mehr wahrzunehmen.
[Bearbeiten] Geschichte der Beschneidung
[Bearbeiten] Frühgeschichte
Der Ursprung des Brauchs der Beschneidung ist weitgehend ungeklärt.
Eine mythologische Erklärung kann in der Ablösung vom Menschenopfer gesehen werden. In vorgeschichtlicher Zeit wurden den Göttern, die besänftigt und milde gestimmt werden sollten, Menschen als Opfer dargebracht. Im Zuge religiöser Umbrüche opferte man schließlich nurmehr etwas von jenem Teil des Mannes, der für die Weitergabe des Lebens zuständig und sogar der Ursprungsort für neues Leben war und damit Gott beziehungsweise den Göttern am nächsten stand. Diese Reform war ein Pars pro toto-Opfer, das vermutlich als erster Abraham mittels einer heiligen Axt vornahm.
Vermutlich haben patriarchale Stammesgesellschaften die Beschneidung beider Geschlechter eingeführt. Älteste Überlieferungen des Rituals deuten auf Volksgruppen, die in ariden, wüstenähnlichen Regionen lebten. Die Nomaden insbesondere Nord- und Ostafrikas sowie Australiens und deren Nachfolgereligionen sind auch heute noch die Träger der religiösen Beschneidung.
Im Verlauf der Geschichte der Menschheit geriet der ursprüngliche mythologische Sinn der Beschneidung in Vergessenheit und die Beschneidung wurde nur noch als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben angesehen.
Die rituelle oder religiöse Beschneidung in der Pubertät stellt bei beiden Geschlechtern einen Initiationsritus dar. Der heranwachsende Mensch wird in die Gemeinschaft aufgenommen, indem er bewusst in eine Krisensituation gebracht wird, in der er „sich bewähren“ und als „vollwertiges Mitglied“ erweisen soll. Oft muss er dabei eine Reihe von schmerzhaften oder demütigenden Prüfungen ablegen.
Neben der Beschneidung der Vorhaut des Mannes gibt es verschiedene Formen von operativen Eingriffen am Penis, die im Rahmen derartiger Initiationsriten bei verschiedenen Naturvölkern auch heute noch praktiziert werden. Bei den Aborigines, den australischen Ureinwohnern, sowie auf mehreren Inseln des Westpazifischen Ozeans ist es Brauch, jungen Männern einige Wochen nach Entfernung der Vorhaut den Penis aufzuschlitzen, was eine vollständige oder partielle Spaltung der Harnröhre bewirkt, die sogenannte Subinzision. In Indonesien werden den Jungen zu Beginn der Pubertät Bambus- oder Metallkugeln, so genannte Implants, in den Penisschaft oder die Eichel eingesetzt.
[Bearbeiten] Altertum
Medizinhistoriker vermuten, dass bereits im Altertum die Beschneidung zur Kontrolle des Geschlechtslebens der Sklaven und der Unterschicht dienen sollte, ohne gleichzeitig die Fruchtbarkeit zu beeinflussen.
Die älteste bekannte Darstellung einer Beschneidung ist ein ägyptisches Relief aus dem Jahr 2420 v. Chr..
Die Ägypter beschnitten ihre Sklaven, um sie herabzuwürdigen und als Sklaven kenntlich zu machen. Alle Nachkommen der Sklaven wurden ebenfalls beschnitten. Nach der Bibel (Gen. 17, 10–14) wurde die Beschneidung unter den Israeliten schon von ihrem Stammvater Abraham eingeführt, der meist auf etwa 1800–1600 v. Chr. datiert wird. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass erst unter Mose, also etwa 1400–1200 v. Chr. beziehungsweise erst während der babylonischen Gefangenschaft um etwa 600 v. Chr. die Juden diese Praktik übernahmen und ritualisierten. Dadurch wurde die Beschneidung von Neugeborenen („Brit Mila“), die am achten Tag nach der Geburt stattzufinden hat, zur Pflicht.
Eine andere Theorie besagt, dass die Ägypter einen anderen Grund für die Beschneidung hatten: Für die alten Ägypter war die Schlange ein unsterbliches Tier, weil sie ihre Haut abwerfen und sich damit immer wieder erneuern konnte. Bei der Beschneidung eines Mannes wurde symbolisch die Häutung der Schlange imitiert und somit die menschliche Seele unsterblich. Nach Ansicht mancher Forscher ist das ein kulturhistorischer Aspekt, der noch heute wirkt. Da man bei der Frau diese Vorhaut nicht beschneiden konnte, waren – und sind – manche der Auffassung, Frauen hätten keine Seele.
Im frühen Christentum sprach sich dann vor allem Paulus von Tarsus, selbst ein beschnittener Judenchrist, für die neubekehrten Heidenchristen deutlich gegen eine Pflicht zur Beschneidung aus. Entscheidend war für ihn nicht die körperliche Beschneidung, sondern die bereits im Judentum zunehmend betonte „Beschneidung des Herzens“, also der demütige Glaube. Wer glaube, durch körperliche Beschneidung heilig zu werden, sei auf einem Irrweg. Mit dem Ende des antiken Judenchristentums als eigener Strömung verschwand dann die Beschneidung im Christentum zunächst fast ganz, außer bei einigen orientalischen und afrikanischen Völkern, die die Beschneidung aus ihrem vorchristlichen Glauben übernommen hatten.
[Bearbeiten] Islam
Der Prophet Mohammed kam laut einer Überlieferung ohne oder zumindest mit einer sehr kurzen Vorhaut zur Welt. Dem bereits vor-islamischen Brauch auf der arabischen Halbinsel entsprechend, wird die Beschneidung heute noch bei Muslimen als ein Zeichen der Religionszugehörigkeit im Kindesalter – bis zum Alter von 13 Jahren – durchgeführt. Oft ist dieses Ereignis ein großes Familienfest.
Männer, die sich erst als Erwachsene zum Islam bekennen, lassen sich nicht immer beschneiden. Das Beschnittensein ist somit kein Definitionskriterium dafür, wer Muslim ist. Dies ist allein das bewusste Glaubensbekenntnis, die Schahada. Daher ist der Brauch der Beschneidung auch nicht mit dem Ritus der christlichen Taufe vergleichbar.
Die Beschneidung wird im Koran nicht explizit erwähnt und lässt sich lediglich aus der Anweisung, der Religion Abrahams zu folgen, ableiten:
„Sprich:‚Was Gott sagt, ist die Wahrheit. Folgt dem Weg Abrahams, des Hanifen! Er glaubte innig an Gott, Dem er keine anderen Gottheiten zugesellte.‘“
– Koran 3:95
Die Beschneidung ist aber ausdrücklich in der Sunna beschrieben und wird heute meist als integraler Bestandteil des Islams angesehen, da sie für die rituelle Reinheit (Tahāra) unverzichtbar ist. Die Gültigkeit ritueller Handlungen, wie etwa des fünfmal täglichen Gebets (Salat), hängt von der rituellen Reinheit des Betenden ab. Die islamischen Rechtsschulen haben die männliche Beschneidung zur Pflicht (wadschib) erklärt.
Aussage des Propheten in einem Hadith:
„Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürlichen Veranlagung) gehören fünf Dinge: Die Beschneidung (der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.“
– Sahih Muslim: Buch 2, Nummer 495, 496[35]
[Bearbeiten] Neuzeit
Rabbi Moses Maimonides hat bereits im Mittelalter einen weiteren Grund für die Beschneidung genannt: Die Geschlechtsorgane sollten so verletzt und geschwächt werden, dass sie zwar noch funktionieren, aber keine „überschüssige“ Lust mehr zulassen. Die Geschlechtsorgane bedürften keiner Perfektionierung, es gehe nicht um die Korrektur eines angeborenen, sondern eines moralischen Makels.
Diese sexualfeindliche Begründung für die Beschneidung wurde im 18. Jahrhundert in Europa wieder entdeckt. So empfahl der Schweizer Arzt Dr. Samuel Tissot die Beschneidung von Jungen und Mädchen als Kur gegen Masturbation, die er als Ursache für „jugendliche Rebellion“ und Krankheiten wie Epilepsie, „Erweichung von Körper und Geist“, Hysterie und Neurosen ansah. Zu einer allgemeinen Einführung der Beschneidung kam es dennoch nicht, stattdessen wurden, neben der Methode der Infibulation, aus heutiger Sicht merkwürdige Apparaturen und Vorrichtungen zur Verhinderung der Masturbation propagiert.
Eine Ausnahme bildete lediglich das viktorianische England. Dort fand die chirurgische Methode vor allem bei der Oberklasse breite Zustimmung, um die Knaben und Mädchen zu „keuschem Verhalten“ anzuhalten. Durch das britische Imperium (Commonwealth) verbreitete sich die Beschneidung schließlich auch in anderen Ländern, wie den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika und Indien.
Im 20. Jahrhundert ließen sich derart radikale Forderungen nach Zwang zu sexueller Enthaltsamkeit in den meisten Ländern nicht mehr aufrecht erhalten, und so wurde etwa in den USA, Südkorea und Teilen der islamischen Welt der Wunsch nach moralischer Reinheit umgeformt auf den Begriff der Hygiene. Die hier bei Jungen angeführten „hygienischen Gründe“ halten jedoch einer sachlichen Betrachtung genau so wenig stand wie bei den Frauen in Afrika.
[Bearbeiten] Gegenwart
In den USA wurden gemäß einem Bericht der Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) im Jahr 2005 landesweit 56 % der männlichen Neugeborenen vor der Entlassung aus der Klinik beschnitten. Im Mittleren Westen lag der Anteil dabei mit 75 % erheblich höher als im Westen mit 31 %.[36][37] Über die Entwicklung gehen die Quellen auseinander. Während der Bericht der AHRQ eine weitgehend stabile Rate innerhalb der letzten 10 Jahre ausweist[37] stellen andere Erhebungen eine Abnahme[38] oder eine Zunahme[39] fest.
Die Beschneidung ist außerdem in den englischsprachigen Ländern Afrikas sowie der arabischen Welt weit verbreitet. Dort liegt der Anteil bei über 80 % der Bevölkerung. In Europa ist die Quote generell eher gering, in Westeuropa nimmt sie jedoch stetig zu. Insbesondere in Großbritannien und Deutschland entscheiden sich zunehmend erwachsene Männer zu einer Beschneidung[40][41].
Im Rahmen des Programms der Vereinten Nationen zur Prävention von Aids wird die Zirkumzision als einen von mehreren Maßnahmen zur Verringerung des Infektionsrisikos angesehen.[42]
[Bearbeiten] Kritik an der Neugeborenenbeschneidung
Die Beschneidung von Jungen ist weiter verbreitet als die Beschneidung von Mädchen. In keiner Kultur findet eine weibliche Beschneidung statt, in der nicht auch die Jungen diesem Ritual unterworfen sind. In vielen Kulturen, welche die männliche Beschneidung praktizieren, gilt der Eingriff und das damit verbundene Ritual als Eintritt in das Erwachsenendasein und zur Heiratsfähigkeit. Die Beschneidung von Jungen stellt objektiv eine körperliche Verletzung dar, die ohne Betäubung starke Schmerzen verursacht und in seltenen Fällen dauerhafte Schäden oder gar den Tod nach sich ziehen kann. In Ländern der Dritten Welt, etwa in Afrika, Vorderasien und Indonesien oder bei den Aborigines in Australien wird die Beschneidung in den seltensten Fällen mit Betäubung und sterilisierten chirurgischen Instrumenten vorgenommen.
Ein Strafrechtler von der Ruhr-Universität Bochum kommt zu folgender Betrachtung der Situation in Deutschland [43]: Bei einer medizinisch nicht indizierten Zirkumzision (etwa bei einer rituellen oder religiösen Beschneidung) an einem nicht einwilligungsfähigen Jungen handele es sich um kein sozialadäquates Verhalten, weshalb der Tatbestand der Körperverletzung gemäß § 223 des Strafgesetzbuchs (StGB) erfüllt sei. In diesem Fall wirke die Einwilligung der Personensorgeberechtigten nicht rechtfertigend, weil ihnen die Dispositionsbefugnis über das Rechtsgut „körperliche Integrität“ fehle, da eine medizinisch nicht indizierte Zirkumzision nicht im „Kindeswohl“ liege.; Ein Operateur mache sich folglich trotz einer formellen Einwilligung strafbar nach § 223 StGB (Körperverletzung), ebenso auch die Sorgeberechtigten (wegen Anstiftung oder Beihilfe zur Körperverletzung). Diese Ansicht hat jedoch (noch) kein Echo in der Rechtsprechung gefunden. Die rechtliche Situation im Spannungsfeld zwischen den Grundrechten auf körperliche Unversehrtheit, elterliches Erziehungsrecht und freie Religionsausübung wurde bisher kaum eingehend thematisiert. Vielmehr galt die Frage bisher als "eher randständig".[44] Allerdings soll die Strafbarkeit nach der wohl herrschenden Meinung im Schrifttum bereits daran scheitern, dass Beschneidung aufgrund der Sozialadäquanz nicht den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen soll.[45] Auch bisher bekannt gewordene Urteile basierten immer auf der Verletzung anderer Rechtsnormen und gingen offenbar von der grundsätzlichen Straflosigkeit der rituellen Beschneidung aus. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, Ulrich Hofmann, hat im Jahr 2008 mit Blick auf die aus seiner Sicht rechtlich ungeklärte Situation dazu aufgerufen, "die Indikation zur Circumcision sehr streng zu stellen und den sog. Wahleingriff zur Circumcision nicht anzubieten“ [46].
Hanny Lightfoot-Klein, ursprünglich eine der Vorkämpferinnen gegen die weibliche Beschneidung, ruft inzwischen dazu auf, das Thema als Ganzes zu sehen und die Verstümmelung beider Geschlechter als eng verwandt zu betrachten.
Eine medizinische Notwendigkeit, die Vorhaut zu entfernen, wird inzwischen in den meisten Ländern mit hohem medizinischem Standard, wie etwa Norwegen, Frankreich, Schweden, Finnland, Dänemark, Japan und England bestritten.
In Großbritannien erschien 1949 im British Medical Journal die Abhandlung „The Fate of the Foreskin“ von Dr. Douglas Gairdner, die zum ersten Mal die Funktionen der Vorhaut beschrieb und die routinemäße Beschneidung als überflüssig und nachteilig darstellte. Daraufhin lehnten es die britischen Krankenkassen ab, weiterhin für unnötige Beschneidungen zu zahlen. In der Folge sanken die Beschneidungsraten in Großbritannien innerhalb kurzer Zeit drastisch von ursprünglich 50 % im Jahre 1950 auf heute unter 0,5 %.
1996 ist in den Richtlinien der British Medical Association unter „Beschneidung männlicher Neugeborener“ zu lesen: „Zu therapeutischen Zwecken eine Beschneidung vorzunehmen, obwohl die medizinische Forschung andere Techniken erbracht hat, die mindestens so effektiv und weniger einschneidend sind, wäre unangebracht und unethisch.“
Auch in Kanada zahlen die Krankenkassen den für überflüssig erachteten Eingriff nicht mehr. Die Beschneidungsrate ist entsprechend stark gesunken.
In den USA lehnen seit den 1980er Jahren immer mehr Eltern die in den amerikanischen Krankenhäusern früher routinemäßig durchgeführten Beschneidungen ab. Gegenwärtig liegt der Anteil der Beschneidungen bei Neugeborenen, die auch heute noch überwiegend ohne Betäubung vorgenommen werden, in den USA im Durchschnitt um 65 %, mit fallender Tendenz, auch durch den steigenden Anteil an Hispanics, die ihre Kinder üblicherweise nicht beschneiden lassen. Regional und durch die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist die Situation in den USA jedoch besonders uneinheitlich; somit können auch gegenläufigen Strömungen und höhere Prozentangaben lokalisiert werden. 1999 sprach sich, nach dem kanadischen, auch der US-amerikanische Verband der Kinderärzte gegen die routinemäßige Beschneidung von Jungen aus.
Ende des gleichen Jahres hat das Parlament in Finnland eine Erklärung bezüglich ritueller Beschneidung abgegeben. Ombudsman Riitta-Leena Paunio bemerkte, dass diese Operation ohne medizinische Begründung nicht zu empfehlen sei, die betroffenen Kinder sollten vorher befragt werden und ihre Zustimmung dazu geben. Sie sagte, das finnische Parlament müsse die religiösen Rechte der Eltern abwägen gegen die Verpflichtung der Gesellschaft, ihre Kinder vor rituellen Operationen ohne unmittelbaren Vorteil für sie zu schützen. Dort ist seither die schriftliche Zustimmung beider Elternteile erforderlich.
Am 1. Oktober 2001 trat in Schweden – nach einer längeren öffentlichen Debatte wegen des Todes mehrerer Babys durch Beschneidungen – ein neues Gesetz in Kraft, das Beschneidungen ohne medizinische Begründung bei Jungen, die älter als 2 Monate sind, generell verbietet. Beschneidungen an jüngeren Babys dürfen nur noch unter Betäubung und in Anwesenheit eines Arztes vorgenommen werden. Schweden ist damit das erste Land der Welt, das rituelle Beschneidungen, die ohne Zustimmung der Betroffenen vorgenommen werden, durch Gesetz ausdrücklich eingeschränkt hat.
[Bearbeiten] Literatur zur Rechtslage in Deutschland
- Holm Putzke: Die strafrechtliche Relevanz der Beschneidung von Knaben. Zugleich ein Beitrag über die Grenzen der Einwilligung in Fällen der Personensorge, in: H. Putzke u.a. (Hrsg.), Strafrecht zwischen System und Telos, Festschrift für Rolf Dietrich Herzberg zum siebzigsten Geburtstag am 14. Februar 2008 , Mohr Siebeck: Tübingen 2008 (erschienen am 14.2.2008), S. 669–709
- Günter Jerouschek: Beschneidung und das deutsche Recht - Historische, medizinische, psychologische und juristische Aspekte, in: Neue Zeitschrift für Strafrecht (NStZ) 6/2008 (erschienen am 15.6.2008), S. 313–319
- Maximilian Stehr, Holm Putzke, Hans-Georg Dietz: Zirkumzision bei nicht einwilligungsfähigen Jungen: strafrechtliche Konsequenzen auch bei religiöser Begründung; in: Deutsches Ärzteblatt 2008 (Heft 34/35), A 1778–1780
[Bearbeiten] Darstellung in der Kunst
- Orazio Gentileschi (1563–1639): Circumcision; Tafelbild, Öl auf Leinwand, 390×252 cm, um 1606 (Church of Gesù, Ancona, dep. Pinacoteca Communale).
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Male circumcision: assessment of health benefits and risks - S. Moses, R. C. Bailey, and A. R. Ronald
- ↑ Beschnittene Männer - Schutz vor Gebärmutterhalskrebs
- ↑ Further Fate of the Foreskin
- ↑ Circumcision Policy Statements
- ↑ H A Weiss, S L Thomas, S K Munab2, R J Hayes, Male circumcision and risk of syphilis, chancroid, and genital herpes: a systematic review and meta-analysis. Sexually Transmitted Infections 2006;82:101-110
- ↑ How does male circumcision protect against HIV infection? - British Medical Journal
- ↑ Male circumcision: assessment of health benefits and risks - S. Moses, R. C. Bailey, and A. R. Ronald
- ↑ Cancer of the Cervix in Reference to Circumcision and Marital History
- ↑ Castellsagué X, Bosch X, Munoz N, Meijer C, Shah K, De Sanjosé S, et al. Male circumcision, penile human papillomavirus infection, and cervical cancer in female partners. N Engl J Med 2002;346:1105-12.
- ↑ History of circumcision, medical conditions, and sexual activity and risk of penile cancer.
- ↑ Circumcision for the prevention of urinary tract infection in boys: a systematic review of randomised trials and observational studies
- ↑ CLINICAL REVIEW Medical aspects of male circumcision
- ↑ AIDS: WHO empfiehlt Beschneidung von Männern
- ↑ WHO | WHO and UNAIDS announce recommendations from expert consultation on male circumcision for HIV prevention
- ↑ New York empfiehlt Beschneidung von Männern - Der Spiegel
- ↑ Ein Mann, ein Messer - Der Spiegel
- ↑ HIV-Screening vor Circumcision ist nicht nötig. Die Circumcision ist Teil der Strategie, die HIV-Übertragungen in Afrika einzudämmen. Vor dem Eingriff muss der Infektionsstatus nicht bestimmt werden. – Ärztezeitung
- ↑ Studie zur HIV-Ansteckung sowie [1]
- ↑ H A Weiss, S L Thomas, S K Munab2, R J Hayes, Male circumcision and risk of syphilis, chancroid, and genital herpes: a systematic review and meta-analysis. Sexually Transmitted Infections 2006;82:101-110
- ↑ http://www.stern.de/wissenschaft/medizin/:M%E4nnliche-Beschneidung-Operation-Vorhaut/588050.html Operation Vorhaut - Stern
- ↑ Williamson ML, Williamson PS. Women's preferences for penile circumcision in sexual partners. J Sex Educ Ther 1988; 14: 8. Online unter circs.org.
- ↑ Die Beschneidung beim Mann – Dr. med. Britta Bürger, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
- ↑ Non-Oncological and Non-Infectious Diseases of the Penis (Penile Lesions) - F. van Dijk, H.B. Thio and H.A.M. Neumann
- ↑ Pearly Penile Papules
- ↑ Why circumcision is a biomedical imperative for the 21st century
- ↑ Does circumcision impact sexual pleasure and satisfaction?
- ↑ Blackwell Synergy - BJU Int, Volume 99 Issue 4 Page 864-869, April 2007 (Article Abstract)
- ↑ Adult Male Circumcision: Effects on Sexual Function and Sexual Satisfaction in Kisumu, Kenya.
- ↑ Adult Circumcision Outcomes Study: Effect on Erectile Function, Penile Sensitivity, Sexual Activity and Satisfaction
- ↑ Die Beschneidung beim Mann – Dr. med. Britta Bürger, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
- ↑ The effect of male circumcision on sexual satisfaction and function, results from a randomized trial of male circumcision for human immunodeficiency virus prevention, Rakai, Uganda.
- ↑ Circumcision Styles
- ↑ DORSAL-SLIT HISTORY
- ↑ Office Management of Penile Skin Bridges with Electrocautery
- ↑ USC-MSA Compendium of Muslim Texts
- ↑ Statistical Brief #45: Circumcisions Performed in U.S. Community Hospitals, 2005
- ↑ a b Health News: Circumcision rates vary by region (abgerufen am 12.09.2008)
- ↑ Normal versus Circumcised: U.S. Neonatal Male Genital Ratio - 2001 (abgerufen am 12.09.2008)
- ↑ Nelson CP, Dunn R, Wan J, Wei JT. The increasing incidence of newborn circumcision: data from the nationwide inpatient sample. J Urol. 2005;173:978 –981 (abgerufen am 12.09.2008)
- ↑ Stern: Operation Vorhaut (abgerufen am 12.09.2008)
- ↑ Kleiner Schnitt kommt in Mode - die tageszeitung
- ↑ http://www.unaids.org/en/KnowledgeCentre/Resources/FeatureStories/archive/2007/20070226_MC_pt1.asp (abgerufen am 07.10.2008)
- ↑ Holm Putzke: Die strafrechtliche Relevanz der Beschneidung von Knaben. Zugleich ein Beitrag über die Grenzen der Einwilligung in Fällen der Personensorge, in: H. Putzke u.a. (Hrsg.), Strafrecht zwischen System und Telos, Festschrift für Rolf Dietrich Herzberg, Mohr Siebeck: Tübingen 2008 (erschienen am 14.2.2008), S. 669–709; zustimmend G. Jerouschek, Beschneidung und das deutsche Recht, in: Neue Zeitschrift für Strafrecht 2008 (erschienen am 15.6.2008), S. 313 ff.
- ↑ http://www.strafrecht-online.de/startseite/aktuelles/?aktuelles_id=140300
- ↑ Fischer, Strafgesetzbuch, 55. Aufl., München 2008, § 223 Rn. 6
- ↑ European Journal of Pediatric Surgery 4/2008, S. 289
[Bearbeiten] Weblinks
- Netdoktor.de: Die Beschneidung beim Mann
- Geburtskanal.de zur Beschneidung von Neugeborenen
- IRIN News-Dossier über Beschneidung von Männern und HIV/Aids in Afrika (englisch)
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