Zohar

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Zohar (Begriffsklärung) aufgeführt.
Der Zohar – Titelseite des Erstdrucks 1558

Der Zohar, häufig auch Sohar, hebräischזֹהַר‎, gilt als das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala. Der Name bedeutet „(strahlender) Glanz“ und geht zurück auf biblische Texte bei den Propheten Ezechiel (Ez 1,28; 8,2) und Daniel (Dan 2,31; 12,3). Das in einem künstlich altertümlichen Aramäisch (wohl, um das Alter der Schrift zu beweisen)[1], zu geringen Teilen in Hebräisch verfasste Werk der jüdischen Mystik enthält vor allem Kommentare zu Texten der Tora in Form von homiletischen Meditationen, Erzählungen und Dialogen.

Entstehung[Bearbeiten]

Der Zohar ist eine Sammlung von Texten in zumeist fünf Bänden. Als Autor wird Schimon ben Jochai genannt, ein bedeutender talmudischer Rabbiner des zweiten Jahrhunderts (Tannait), der auch die wichtigste handelnde Person ist. Schimon ben Jochai gilt zwar historisch als „Vater der Kabbala“, seine tatsächliche Autorschaft für den Zohar ist jedoch vor allem aus sprachlichen Gründen fraglich, so dass von einem pseudepigraphischen Charakter der Schrift ausgegangen werden muss. Der Zohar tauchte zuerst gegen Ende des 13. Jhdts. in Spanien auf (Herausgabe in „Teillieferungen“ zwischen 1280 und 1286). Um seine Herausgabe und Verbreitung hat sich der Kabbalist Mosche ben Schemtow de León verdient gemacht, der bis 1305 in Kastilien, zuletzt in Ávila lebte. Aufgrund literarischer, sprachlicher und quellentheoretischer Beobachtungen wurde de León historisch auch die Autorschaft des Zohar zugeschrieben. Dem Tagebuch des Kabbalisten Isaak ben Samuel aus Akko zufolge soll die Witwe von Mosche de León zugegeben haben, dass der Zohar von ihrem Mann geschrieben worden sei; Isaak aus Akko sprach jedoch nicht selbst mit der Witwe, sondern erzählt aus dritter Hand.[2]

Inhalt[Bearbeiten]

Der Zohar versucht das Wesen Gottes zu erfassen und dieses dem Menschen mitzuteilen. Da Gott verborgen ist, kann dies nur in höchst spekulativer und kontemplativer, nicht in beschreibender oder lehrhafter Form geschehen. Dabei steht immer die Auslegung der Tora, als wesentliches religiöses Fundament, im Vordergrund. Der Zohar erkennt für die biblische Exegese vier Stufen des Verständnisses:

  1. der wortwörtliche Text (Literalsinn, hebr. pschat)
  2. die übertragene Bedeutung (Allegorie, hebr. remez)
  3. die Bedeutung im Leben (Auslegung, Auskunft, hebr. drasch)
  4. die mystische Bedeutung (Geheimnis, hebr. sod)

Die Anfangsbuchstaben dieser vier hebräischen Wörter bilden den Begriff PaRDeS (‚Obstgarten‘, verwandt mit dem deutschen Wort Paradies), wodurch der Sinn des Schriftstudiums angedeutet wird als Gang durch einen blühenden Garten. Dieser Gang wird auch interpretiert als geistiger Gang durch die verschiedenen Hallen des jüdischen Tempels.

Der Zohar nimmt die kabbalistischen Vorstellungen der zehn Sefirot auf als Sphären der Manifestation Gottes. Als letzter Ausdruck göttlichen Seins wird darüber das Unendliche (hebr. En Sof) erkannt. Aus dem en-sof entsteht das Sein wie in einem einzigen Punkt, der sich in der Bewegung ausfächert zu den vielen Erscheinungen des Lebens.

In der Ethik vertritt der Zohar als höchsten Wert die tätige Liebe zu Gott (hebr. debekut), die sich auch in der sozialen Hinwendung zum Mitmenschen äußert. Daneben vertritt der Sohar ein starkes Armutsideal. Der gerechte Mensch (hebr. Tzaddik) ist sowohl ein Tora-Gelehrter und Gottsucher, als auch der Wohltäter, der seine eigenen Bedürfnisse hinter die Sorge für den Nächsten radikal zurückstellt.

Der Zohar ist laut Johann Maier, verglichen mit dem „vergleichsweise klar formulierte[n] und geradezu didaktisch aufgebaute[n] Hauptwerk“ Josef Gikatillas Scha’are Orah, weniger durchorganisiert und sprachlich und inhaltlich weit schwieriger, gehört aber noch zu den Texten, die „vergleichsweise verständlich geschrieben sind und auch in Übersetzung noch verständlich bleiben, was für kabbalistische Literatur ansonsten durchaus nicht selbstverständlich ist“.[3]

Bedeutung[Bearbeiten]

Schon bald nach seiner Entstehung hat der Zohar eine außergewöhnliche Bedeutung zuerst unter Kabbalisten, dann auch im Judentum allgemein gewonnen, wobei jedoch die übrigen kabbalistischen Schriften „in den Hintergrund gedrängt“ wurden und teils verloren gingen.[4] Seine Verbreitung nahm insbesondere nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) stark zu. Vor allem für die chassidische Tradition im osteuropäischen Judentum erlangte der Zohar geradezu kanonisches Ansehen.

Auch unter christlichen Gelehrten hat der Zohar einige Resonanz hervorgerufen, insbesondere in der Neuzeit durch die lateinische Übersetzung im zweiten Teil von Christian Knorr von Rosenroths Kabbala denudata.[1] Die spekulative Kraft seiner Sprache hat sogar dazu geführt, thematische Verbindungslinien zur christlichen Lehre zu ziehen bis hin zu Ähnlichkeiten im Wesen des dreifaltigen Gottes. Andererseits wird auch der Zohar Elemente eines esoterischen Christentums im Südeuropa des 12. Jhdts. integriert haben, so dass eine klare Bewertung von Ursachen und Wirkungen schwerfällt. Grundsätzlich zeigen sich in mystischen Traditionen die stärksten und fruchtbarsten Verbindungen zwischen den Religionen.

Die modernen Übersetzungen (Stand 1995) decken nicht die Gesamtheit des Zohar ab und „lassen sehr zu wünschen übrig“. Am besten steht es laut Maier mit englischen Übertragungen, „während die französische von de Pauly kaum brauchbar ist“.[1] Jean de Paulys verfälschte Zohar-Übersetzung und die darauf zurückgehenden Fehler in Arthur Edward Waites The Secret Doctrine in Israel hatte auch Gershom Scholem kritisiert.[5]

Aufbau[Bearbeiten]

Die fünf Bände des Zohar bestehen aus folgenden Teilen:

  • Zohar (Hauptteil, Kommentar zur Tora gemäß den Abschnitten der synagogalen Wochenlesungen)
  • Sifra di-Tzeniutha (‚Buch der Verborgenheit‘, ein dunkler Kommentar zu den ersten 6 Kapitel des Buches Genesis)
  • Idra Rabba (‚Große Versammlung‘, ekstatische Vorträge des Schimon ben Jochai und seiner Schüler zu Themen der Schöpfung)
  • Idra Sutta (‚Kleine Versammlung‘, Erzählung vom Tode Schimon ben Jochais und seiner Vermächtnisrede)
  • Hechalot (‚Hallen‘, Beschreibung der Hallen des Tempels, die von den Seelen der Frommen durchschritten werden)
  • Rasa de-Rasin (‚Das Geheimnis der Geheimnisse‘, Abhandlungen über die Verbindung von Seele und Körper)
  • Saba (‚Der Greis‘, Erkenntnisse eines greisen Kabbalisten über die Seele und die Seelenwanderung)
  • Jenuka (‚Das Kind‘, Erkenntnisse eines Wunderkindes über die Tora)
  • Rab Methibtha (‚Das Haupt der Schule‘, Visionärer Gang durch das Paradies mit Betrachtungen über das Schicksal der Seelen)
  • Sitre Tora (‚Geheimnisse der Tora‘, Deutungen verschiedener Abschnitte der Tora)
  • Matnitin (Auslegungen zur Tora im Stil der Mischna).
  • Zohar zum Hohenlied
  • Kaw ha-Midda (‚Das Maß des Maßes‘, Auslegungen zum Schma Jisrael, einem der Hauptgebete des Judentums)
  • Sitre Otiot (‚Geheimnisse der Zeichen‘, Deutungen zu den Buchstaben des Gottesnamens und des Textes der Schöpfungsgeschichte)
  • Midrasch ha-ne'elam zur Tora (mystischer Kommentar zur Tora)
  • Midrasch ha-ne'elam zum Buch Rut
  • Ra'ja Mehemna (‚Der treue Hirte‘, Deutung der Gebote und Verbote der Tora)
  • Tikkune Zohar (‚Vollendung des Zohar‘, ein weiterer Kommentar zu den ersten sechs Kapiteln der Tora)

Vom Hauptteil umschlossenes „Messianisches Epos“[Bearbeiten]

Gelehrte wie Gershom Scholem und Isaiah Tishby hatten im Zohar anders als in der lurianischen Kabbala keine messianische Thematik gefunden. Yehuda Liebes hingegen meinte, in den Idrot messianische Ereignisse erkennen zu können.[6] Gängig war es bis dahin, den erzählerischen Rahmen mit Berichten über die Treffen von zehn Mystikern und ihren Austausch über die Geheimlehren der Kabbala als Mittel für das Zusammenbinden der homiletischen Midraschim und Einzeltraditionen zu sehen.[7] Liebes legte jedoch dar, dass die in die Idra Rabba und Idra Sutta eingeflochtenen Reden nicht bedeutender waren als die Erzählung selbst.[8] Neue Forschung, wie jene von Ronit Meros, geht davon aus, dass die Entstehung des Gesamt-Sohar sich von 1370 bis 1410 erstreckte und die Arbeit von literarischen Lehrer- und Schüler-Generationen sich in fünf unterscheidbaren „Schichten“[9] niederschlug. Davon die letzte, die „epische Schicht“, unterwarf die Gesamtredaktion des Zohar zum Schluss ebenso wie die anderen literarischen Gattungen der vollständigen Form eines Midrasch und entledigte sie damit Ihrer Originaldynamik und Struktur insgesamt. Der Weg zum Verständnis führt daher nach Meros über ein Saparieren der Schichten und der Betrachtung im Einzelnen.[10] Eine derartige Schicht lässt sich bilden, indem alle in sich abgeschlossenen, homiletische Midraschim enthaltende Erzählungen herausgefischt werden, in denen die Helden der Zehnergruppe um Schimon ben Jochai angehören.[8] Wiederum zusammengesetzt, ergeben diese „Szenen“ ein „Messianisches Epos“, ein Drama mit folgenden drei Akten:

  1. Bericht über das Entstehen einer Bruderschaft, der zuerst ein Rabbi Pinchas ben Jair vorsteht. Als gleichrangig betrachtet er aber Schimon ben Jochai, den die römische Religionsverfolgung zu einem dreizehnjährigen Aufenthalt in einer Höhle zwingt, die Zeit seiner Vollendung. Ihm wird die Führerrolle zugeteilt, sie festigt sich, und eine in diesem Zusammenhang genannte Feuersäule von der Erde bis zum Himmel kann als Zeichen für das Herannahen des Messias gewertet werden.
  2. Zwisch dem Auszug des Schimon ben Jochai aus der Höhle und dessen Sterben in Ekstase liegt die Zeit seiner Leitung der Bruderschaft. Er vollbringt zahlreiche Wunder und kosmische Tikkunim (Strukturierungen), bleibt aber der leidende Messias, befleckt und in Niedrigkeit, damit aber auch identifizierbar mit der Schechina.
  3. Zuletzt setzt sich die verstört zurückgebliebene Bruderschaft mit dem Tod ihres Meisters auseinander. Dessen Mission scheint noch nicht erfüllt, und so wird Rabbi Schimon selbst als Messias zurückerwartet.[11]

Erstdrucke[Bearbeiten]

  • Mantua und Cremona (1558-1560)

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Der Sohar - Das heilige Buch der Kabbala. Aus dem Hebräischen übertragen und hrsg. von Ernst Müller, 5.Aufl. 2011, Diederichs-Verlag München (auf Grundlage der Wiener Ausgabe 1932 neu editiert). ISBN 978-3-7205-2643-2
  • Zohar. Vol. 1-23 (Aramäisch-Hebräisch). Hg. von Rav Michael Berg. Kabbalah Publishing 2001. ISBN 1-57189-199-4.
  • Zohar. Vol. 1-23 (Englisch). Rav Yehuda Ashlag, Michael Berg (Editors). Kabbalah Publishing 1993. ISBN 1-57189-239-7.
  • The Zohar. Pritzker Edition by Daniel C. Matt (Übersetzer). Stanford 2004-2013. (engl.). ISBN 0-8047-4747-4, bis jetzt erschienen: Bde. 1-7.
  • Der Sohar - Das heilige Buch der Kabbala. Nach dem Urtext hrsg. von Ernst Müller. Wien 1932; es handelt sich hierbei lediglich um übersetzte Ausschnitte des Originals.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gershom Scholem: Der Sohar I + II. In: ders.: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt 1980, ISBN 3-518-07930-1, S. 171–266.
  • Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie – Philosophie – Mystik. Band 2: Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, S. 463–618.

Weblinks[Bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten]

  1. a b c  Johann Maier: Die Kabbalah. Einführung – Klassische Texte – Erläuterungen. Verlag C.H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39659-3, S. 13f.
  2.  Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (= suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 330). 1 Auflage. suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Originaltitel: Major Trends in Jewish Mysticism, übersetzt von Gershom Scholem und Nettie Katzenstein-Sutro), S. 174, 204-223.
  3.  Johann Maier: Die Kabbalah. Einführung – Klassische Texte – Erläuterungen. Verlag C.H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39659-3, S. 12f.
  4.  Johann Maier: Die Kabbalah. Einführung – Klassische Texte – Erläuterungen. Verlag C.H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39659-3, S. 15.
  5.  Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (= suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 330). 1 Auflage. suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Originaltitel: Major Trends in Jewish Mysticism, übersetzt von Gershom Scholem und Nettie Katzenstein-Sutro), S. 232, 419.
  6. K. E. Grözinger: Jüdisches Denken. Band 2. 2005, S. 520.
  7. K. E. Grözinger: Jüdisches Denken. Band 2. 2005, S. 509.
  8. a b K. E. Grözinger: Jüdisches Denken. Band 2. 2005, S. 510.
  9. Ronit Meros: Mivnehu schel Sefer ha-Sohar, Vortrag auf dem 12. Weltkongress für Jüdische Studien, 1997. Zitiert nach K. E. Grözinger: Jüdisches Denken. Band 2. 2005, S. 474.
  10. K. E. Grözinger: Jüdisches Denken. Band 2. 2005, S. 475.
  11. K. E. Grözinger: Jüdisches Denken. Band 2. 2005, S. 511 f.