Farbenlehre (Goethe)

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Farbenkreis, aquarellierte Federzeichnung von Goethe, 1809, Original: Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum

Die auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgehende Farbenlehre ist in Goethes Werk Zur Farbenlehre enthalten. Er stellte darin seine während vieler Jahre gemachten Überlegungen, Literaturstudien und Versuche über das Wesen der Farbe dar. Goethe versuchte, das Phänomen Farbe in seiner Gesamtheit zu erfassen und zu beschreiben, also nicht einseitig physikalisch oder lediglich von einem ästhetischen oder praktisch-bezogenen Standpunkt aus beurteilt und erklärt. Anerkennung erreichte er jedoch nur mit dem Abschnitt „Physiologische Farben“, der die Erkenntnisse zur Farbwahrnehmung enthält. Er irrte speziell im Abschnitt „Physische Farben“, der von ihm als Widerlegung der vorwiegend von Isaac Newton stammenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gedacht war. Goethe selbst schätzte die Ergebnisse seiner Forschungen zur Farbe höher ein als die seines gesamten literarischen Schaffens.

Das Werk[Bearbeiten]

Kantenspektren
links: dunkler Streifen auf hellem Hintergrund
rechts: heller Streifen auf dunklem Hintergrund

Die Arbeit besteht aus einer Sammlung von Einzelarbeiten:

  • Beiträge zur Chromatik
    • Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken
    • Von den farbigen Schatten
  • Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt
  • Erfahrung und Wissenschaft
  • Entwurf einer Farbenlehre

1820 erschien noch ein Nachsatz:

Dieses umfangreichste seiner Werke schätzte Goethe mindestens so hoch wie sein poetisches Werk und er bemühte sich zeitlebens intensiv um die Verbreitung und wissenschaftliche Anerkennung seiner Farbenlehre, etwa durch Arthur Schopenhauer und Georg Christoph Lichtenberg. Doch während die Farbenlehre Goethes bei Künstlern wie Philipp Otto Runge und William Turner Anklang fand, konnten sich Goethes Ansichten gegen Isaac Newtons bereits etablierte Theorie des Lichtes in der Wissenschaft seiner Zeit nicht durchsetzen. Newton hatte Farben als Bestandteile des weißen Lichtes korrekt verstanden, dagegen versuchte Goethe zu zeigen, dass das weiße Licht nicht zusammengesetzt ist und sich Farben aus einer Wechselwirkung von Licht und Finsternis ergeben. In diesem Sinne deutete er die sogenannten Kantenspektren, die er beim Betrachten dunkler Streifen auf hellem Hintergrund und heller Streifen auf dunklem Hintergrund durch ein Prisma sah. Dieses Experiment war für ihn das entscheidende Erlebnis dafür, seine eigene Farbenlehre zu entwickeln.

Geistesgeschichtlich und wissenschaftshistorisch bedeutsam ist die Farbenlehre bis heute deshalb, weil sie Goethes ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung und seine Beobachtungsgabe dokumentiert. Sie belegt seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber der Abstraktion. Aus dieser Anschauung und dem subjektiven Empfinden leitete er auch die psychologischen Wirkungen der Farben auf den Menschen ab und entwickelte damit eine Art Farbenpsychologie.

Goethe nahm an vielen naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit regen Anteil und befand sich mit vielen Forschern seiner Zeit in brieflichem oder persönlichem Kontakt. Für das naturwissenschaftliche Interesse Goethes ist der Einfluss von Johann Gottfried Herder bedeutend.

Die Erstausgabe von Zur Farbenlehre erschien am 16. Mai 1810 in einer Auflage von 500 Stück auf weißem und 250 Stück auf grauem Papier in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung.[1]

Zum wissenschaftshistorischen Hintergrund[Bearbeiten]

Bereits in der Antike war die Lichtbrechung ein Thema, da deren Verständnis für die richtige Positionsbestimmung von Gestirnen in der Astronomie wichtig war. Als Begründer der modernen Optik kann Johannes Kepler mit seiner Schrift Paralipomena ad Vitellionem von 1604 gelten. Schon vor 1600 kam es zu verschiedenen Versuchen, die Entstehung der Farben des Regenbogens durch Brechung zu erklären – etwa bei Roger Bacon und Dietrich von Freiberg. Allerdings war eine exakte Formulierung erst mit dem Brechungsgesetz möglich, das durch Willebrord van Roijen Snell und René Descartes richtig formuliert wurde.

Zur Erklärung des Sehens und des Lichtes existierten bis in das 17. Jahrhundert im Wesentlichen drei verschiedene Modelle, die sich – je nach dem, welches Phänomen es zu erklären galt, und obwohl sich widersprechend – immer wieder nebeneinander (etwa bei Descartes) herangezogen wurden:

  • Sehstrahlen, die das Auge aussendet, tasten die Objekte in der Umgebung ab, ähnlich einem Blindenstock oder einem modernen Radar. Diese Auffassung war in der Antike verbreitet. Sie wurde um 1000 n. Chr. durch den arabischen Gelehrten Alhazen widerlegt. Allerdings fanden dessen Erkenntnisse im Abendland erst später durch die Vermittlung Keplers und Witelos Verbreitung. Die Herleitung der Prinzipien der Perspektive in der Renaissance fanden teilweise am Modell der Sehstrahlen statt.
  • Lichtäther als unendliches und fluides Medium ist nötig zur Erklärung der Welleneigenschaften des Lichtes, die sich bei Beugungsphänomenen zeigen, wie beim Prinzip nach Huygens. Die Vorstellung, dass sich von den Dingen beständig Abbilder lösen und im Auge die Dinge wiedergeben, waren bereits in der Antike vorhanden.
  • Die Korpuskeltheorie des Lichtes unterstellt, dass eine Menge sehr schneller Teilchen von einer Lichtquelle emittiert wird, vergleichbar mit Kanonenkugeln. Newton lieferte mit diesem Modell eine Erklärung der Aufspaltung des Lichtes im Prisma, so wie im Regenbogen, mittels Dispersion.

Zu Newtons Zeiten im 17. und 18. Jahrhundert gab es kontroverse Diskussionen, ob Licht korpuskularen oder wellenartigen Charakter besitzt. Das Rätsel der überzähligen Bögen beim Regenbogen veranlasste 1801 Thomas Young zur Durchführung seines berühmten Doppelspaltexperimentes. Er wies damit die Wellennatur des Lichtes nach und konnte im Gegenzug 1804 das Geheimnis durch die Betrachtung von Interferenzerscheinungen lüften.

1800 datiert als das Jahr der Entdeckung des Infrarots durch William Herschel, was nachweislich auch von Goethe beachtet wurde. 1802 folgte die Ultraviolettstrahlung durch Johann Wilhelm Ritter, den Goethe in dieser Zeit persönlich kennenlernte. Nicht belegt ist, ob sich Goethe und Ritter über diese Entdeckung unterhielten, auch wenn es wahrscheinlich ist. Zumindest führten sie wohl verschiedene optische Experimente gemeinsam durch.

Gemäß seinem Verständnis von der „Einheit der Natur“ stellte Goethe nicht nur physikalische Fragen, etwa nach der Natur des Lichtes, sondern fragte auch danach, wie es, insbesondere die Farben wahrgenommen werden. Letzteres ist keine rein physikalische Fragestellung. Goethe kam nicht in Widerspruch zur physikalischen Wissenschaft, weil er über deren Fragestellung hinausging, sondern weil er deren Antworten für falsch hielt und durch eigene falsche physikalische Schlüsse ersetzte. Anlass war sein Blick durch ein Prisma, von dem er irrtümlich die gleichen Ergebnisse erwartete wie Newton aus seinem Prismen-Experiment. Weil das nicht der Fall war, schloss er fahrlässig, „dass die Newtonische Lehre falsch sei.“

Das Prismen-Experiment[Bearbeiten]

Newton hatte einen durch ein Loch fallenden engen Lichtstrahl durch ein Prisma geleitet und dabei die im weißen Licht enthaltenen farbigen Lichter – die Spektralfarben – getrennt sichtbar gemacht.

Goethe gab selbst eine Beschreibung, wie er sein Experiment zur Zerlegung des Lichts durch ein Prisma durchführte:

„Eben befand ich mich in einem völlig geweißten Zimmer; ich erwartete, als ich das Prisma vor die Augen nahm, eingedenk der Newtonischen Theorie, die ganze weiße Wand nach verschiedenen Stufen gefärbt, das von da ins Auge zurückkehrende Licht in so viel farbige Lichter zersplittert zu sehen.
Aber wie verwundert war ich, als die durchs Prisma angeschaute weiße Wand nach wie vor weiß blieb, dass nur da, wo ein Dunkles dran stieß, sich eine mehr oder weniger entschiedene Farbe zeigte, dass zuletzt die Fensterstäbe am allerlebhaftesten farbig erschienen, indessen am lichtgrauen Himmel draußen keine Spur von Färbung zu sehen war. Es bedurfte keiner langen Überlegung, so erkannte ich, dass eine Grenze notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische Lehre falsch sei.“

Goethe: Zur Farbenlehre, Historischer Teil, Von Dollond bis auf unsere Zeit, Konfession des Verfassers, 1810[2][3]

Seine weiße Wand war eine ausgedehnte Lichtquelle. Jeder einzelne Lichtstrahl wird zwar beim Prismendurchgang in ein Büschel farbiger Strahlen zerlegt. Aber jeder dieser farbigen Einzelstrahlen wird von Einzelstrahlen aller anderen Farben, die von den benachbarten eintretenden Strahlen stammen, überlagert. In der Summe verlassen wieder weiße Strahlen das Prisma, außer wenn keine benachbarten weißen Strahlen eintreten. Dann fehlen mehr oder weniger der anderen Teilstrahlen in der Überlagerung und ein farbiger Eindruck entsteht. Goethes Spektren entstanden dort, wo die eintretenden Nachbarstrahlen fehlten oder sehr lichtschwach waren, nämlich zum Beispiel an den Kanten der Fensterstäbe. Sie bildeten einen Halbspalt und erzeugten ein Kantenspektrum. Newton machte sein Experiment konsequenter, indem er nicht nur einen ganzen Spalt, sondern sogar ein Loch verwendete und so die störenden Nachbarstrahlen rundum zurückhielt. Dass es in seinem Labor rund um den Versuchsaufbau dunkel sein musste, verspottete Goethe zum Beispiel mit den Zeilen:[4]

„Freunde, flieht die dunkle Kammer,
Wo man euch das Licht verzwickt, ... .“

Goethe: Xenien, 6. Buch[5]

Wissenschaftliche Rezeption[Bearbeiten]

Noch im hohen Alter sagte Goethe zu Johann Peter Eckermann: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. […] Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute […].“[6]

Goethes Polemik gegen Newton und die Physik im Allgemeinen angesichts seiner physikalischen Irrtümer trug dazu bei, dass ihm zu Lebzeiten die generelle wissenschaftliche Anerkennung seiner Arbeit über die Geschichte der Farbenlehre und insbesondere über die psychologische Wahrnehmung und Beurteilung der Farben durch den Menschen versagt blieb. Der spätere Helmholtz verteidigte Goethes Farbenlehre, die „als Versuch betrachtet werden muss, die unmittelbare Wahrheit des sinnlichen Eindrucks gegen die Angriffe der Wissenschaft zu retten.“[7] Eine neuzeitliche Auseinandersetzung regte Heisenberg 1941 mit seiner Aussage an,[8] dass die Einteilung der Welt in eine objektive, durch Naturwissenschaft erforschbare, und eine subjektive, unserem ursprünglichen Welterleben zugängliche Wirklichkeit vom Standpunkt der modernen Physik nicht haltbar sei. [9]

Vorarbeiten zur Farbenlehre[Bearbeiten]

Goethes intensive Beschäftigung mit dem Thema Farbe begann spätestens 1777, als er farbige Schatten in der Abendsonne auf Schnee am Brocken wahrnahm. Etwa 1790 sah er bei einem zufälligen Blick durch ein Prisma Kantenspektren (siehe Prismenexperiment), deren etablierter naturwissenschaftlicher Deutung er seine eigene Auffassung über die Natur des farbigen Lichtes unter dem Titel Beiträge zur Chromatik entgegensetzte. Sie steht am Anfang der 1810 erschienenen und 1820 erweiterten Schrift Zur Farbenlehre, wurde aber schon 1791/95 unter dem Titel Beiträge zur Optik vorab veröffentlicht.

Ein Zitat zu seiner Harzreise (29. November bis 16. Dezember 1777) erschließt die emotionale Basis für das Interesse Goethes an den Farben.

„Auf einer Harzreise im Winter stieg ich gegen Abend vom Brocken herunter, die weiten Flächen auf- und abwärts waren beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, alle zerstreut stehenden Bäume und vorragenden Klippen, auch alle Baum- und Felsenmassen völlig bereift, die Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche hinunter.
Waren den Tag über, bei dem gelblichen Ton des Schnees, schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so mußte man sie nun für hochblau ansprechen, als ein gesteigertes Gelb von den beleuchteten Teilen widerschien. Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter Strahl die ganze, mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün verglichen werden konnte.
Die Erscheinung ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue Dämmerung und nach und nach in eine mond- und sternhelle Nacht verlor.“

Rückblick

Derartige Beobachtungen finden sich gleichfalls auf der Reise nach Italien. Hier beschäftigte er sich wohl während seiner Italienreise (1786–88) aus künstlerischem Interesse mit dem Kolorit in der Malerei. Er aquarellierte selbst und studierte die italienische Landschaftsmalerei.

Erste wissenschaftliche Vorarbeiten zur späteren Farbenlehre stellen die Beiträge zur Chromatik dar, die 1791 und 1792 zunächst noch als Beyträge zur Optik im Verlag des Industrie-Comptoirs Weimar erschienen und in den Entwurf einer Farbenlehre dann Eingang fanden.

Im Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken, einem Manuskript aus dem Jahre 1794, eruiert Goethe die „ Schwierigkeit, sich zu erklären und zu vereinigen, was man unter Weiß verstehe [2, 90]. … Newton sagt, die weißen und alle grauen Farben zwischen Weiß und Schwarz können aus Farben zusammengesetzt werden.“ (2, 87) Das Problem der Entstehung von Weiß stellt für Goethe auch später den Schlüssel zum Verständnis der Farben dar und er führt eine Reihe von Sachverhalten an.

„Wir haben aber noch auf einen merkwürdigen Umstand acht zu geben. Sobald wir alle Farben des Schemas in einer gewissen Proportion zusammenmischen, so entsteht eine Unfarbe daraus …, welche auf weißes Papier gestrichen, uns völlig den Begriff von Grau ergibt (2, 83)“ … und widerspricht damit Newton: „Ich darf dreist sagen: man erdenke sich Versuche, von welcher Art man wolle, so wird man niemals imstande sein, aus farbigen Pigmenten ein weißes Pigment zusammenzusetzen, das neben oder auf vollkommen reinem Schnee oder Pulver nicht grau oder bräunlich erscheine.“

2,86

Dieser Disput beruhte auf den unterschiedlichen Annahmen beider. Während Newton die additive Farbsynthese von Licht untersuchte, beschäftigte Goethe sich mit der subtraktiven Farbsynthese der Farbmittel. Der Aufsatz Von den farbigen Schatten, eine weitere Vorarbeit zur Farbenlehre, stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1792.

Als eine methodische und programmatische Vorarbeit im weiteren Sinne kann der Aufsatz Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt gelten, der erst 1823 im Druck vorlag. Obwohl Goethe sich als schlechten Mathematiker bezeichnete, hat sein Vorgehen durchaus die methodische Strenge der Mathematik.

Entwurf einer Farbenlehre[Bearbeiten]

Das Hauptwerk zu Goethes Farbenlehre stellt der Entwurf einer Farbenlehre von 1810 dar. Das Werk besteht im Wesentlichen aus drei Hauptteilen: einem didaktischen, der seine eigenen Erkenntnisse präsentiert, einem polemischen, der sich gegen Newtons Farbenlehre wendet, und einem historischen, der die verschiedenen historischen Theorien zu Farbe und Licht rekapituliert.

Alle folgenden Zitate nach Ott, Proskauer, 1992 werden in diesem Artikel in der Form (– Band, Seite) angegeben. Das Buch enthält 15 teilweise farbige Tafeln, die das Verständnis des Textes unterstützen (2, 231–276).

I. Didaktischer Teil[Bearbeiten]

Goethe unterscheidet zunächst drei Arten von Farbe und Farbwirkung.

Physiologische Farben

Physiologische Farben werden nach Goethe

„bemerkt als flüchtige Wirkung und Gegenwirkung des Auges selbst.“

1, 250

Er schreibt weiter:

„Diese Farben, welche das Fundament der ganzen Lehre machen … wurden bisher … als Täuschung und Gebrechen betrachtet.“

1, 63

Zunächst werden Scheinfarben, Augentäuschungen, Gesichtsbetrug und pathologische Farben (1, 64) besprochen.

Physische Farben

Physische Farben versteht Goethe

„als vorübergehende Wirkung farbloser, durchscheinender, durchsichtiger, undurchsichtiger Körper auf das Licht.“

1, 250

Er leitet die Abteilung über physische Farben wie folgt ein

„Dergleichen Farben werden also in unserm Auge durch solche äußere bestimmte Anlässe erzeugt.“

1, 104

und erläutert seinen Begriff „das Trübe“ – als unendlich viele Graustufen auf der Schwarz-Weiß-Skala.

Eine Vielzahl von Experimenten wird beschrieben, die mit Pergamentpapier, Opalglas, konkaven und konvexen Linsen, Prismen – teilweise mit Wasserfüllung, schwarzen Scheiben, verschiedenen einfarbigen Vierecken und auch Öffnungen im Fensterladen sowie Seifenblasen bei reflektiertem oder auch durchfallendem Licht anzustellen sind.

Chemische Farben

Körperfarben herrschen nach Goethe vor,

„wo wir sie als dauernd, als den Körpern wirklich einwohnend zuversichtlich ansprechen können.“

1, 250

„Das Gelb und Gelbrote widmet sich den Säuren, das Blau und Blaurote den Alkalien.“

1, 203

II. Gegen die Newtonsche Optik[Bearbeiten]

Schon beim Erscheinen des Werkes gab es in der zeitgenössischen Fachwelt einen konträren Disput über die Ansichten von Goethe und Newton. Für Newton besteht das weiße Licht aus einzelnen Bestandteilen, die durch die Spektralfarben charakterisiert sind. Newton sagte aber auch: “The rays are not coloured.” Für Goethes Streben nach Einheit der Welt ist auch das Licht eine Einheit, Farben als Eigenschaft des Lichtes können damit nur das Ergebnis der Mischung von Helligkeit und Dunklem sein.

Die grundlegende Frage war also: Ist das Licht nach Newton ein zusammengesetztes Phänomen und verschiedene Qualitäten führen zur Farbe oder ist Licht eine „Einheit“, wie Goethe es vertrat, und Farbe ist ein Phänomen verschiedener Qualität.

Goethe stellt seine eigene Farbenlehre der Farbentheorie von Newton im Kapitel Enthüllung der Theorie Newtons gegenüber (3, 208/209):

Eigenschaft des weißen Sonnenlichts Newton Goethe
Homogenität Licht ist zusammengesetzt (heterogen). Licht ist eine Einheit (homogen).
Spektrum Weißes Licht ist aus farbigen Lichtern zusammengesetzt. Weißes Licht ist das Primäre. Das Helle kann nicht aus Dunkelheit zusammengesetzt sein.
Wechselwirkung mit Materie Das Licht wird durch Refraktion, Inflexion und Reflexion dekomponiert. Refraktion, Inflexion und Reflexion können ohne Farberscheinungen existieren.
Analyse [Weißes Licht] wird in sieben [reine], vielmehr in unzählige Farben dekomponiert. Es gibt nur zwei reine Farben, Blau und Gelb. Das übrige sind Stufen dieser Farben oder unrein.
Synthese Wie es [das weiße Licht] dekomponiert worden, kann es wieder zusammengesetzt werden. Weder kann aus apparenten [sichtbaren] Farben farbloses Licht, noch kann aus farblosen Pigmenten ein weißes zusammengesetzt werden.

III. Historischer Teil[Bearbeiten]

Goethe hat die der gelehrten Welt seinerzeit greifbare Literatur zur Farbenlehre intensiv studiert und teilweise kommentiert. Darüber hinaus hat er die Arbeiten großer Naturwissenschaftler (Galilei, Kepler, Descartes …) zum Thema durchforscht und manchmal sogar Aussagen zum menschlichen Charakter des jeweiligen Wissenschaftlers gewagt.

Es war üblich, wenn sich ein Werk als grundlegend verstand, die Ansichten der bisherigen Autoritäten zu referieren – oft in der Antike beginnend. So wies sich der Autor zum einen als Fachmann seines Gebiets aus und zum anderen ermöglichte es ihm, seine Ansichten durch die Autorität anerkannter Forscher zu stützen.

René Descartes' Farbentheorie der Lichtkügelchen beschäftigt Goethe. Eine Beschreibung des Lichts als unteilbare Teilchen wird auch in der modernen Physik (Photon) neben der Wellenbeschreibung verwendet, beobachtbar ist dieser Teilchencharakter jedoch erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Athanasius Kirchers, Nikolaus Malebranches und Robert Boyles Werk werden besprochen. Markus Marcis Werk über den Regenbogen zeugt nach Goethe

„von dem Ernst, Fleiß und Beharrlichkeit des Verfassers; [aber es habe] im ganzen etwas Trübseliges.“

Hookes Werk hat Goethe zwar auf dem experimentellen, nicht aber auf dem theoretischen Gebiet weitergeholfen (4, 251). Die Versuchsauswertung in Johann Christoph Sturms Farbenlehre kann vor Goethe nicht bestehen.

Goethe bespricht die Schriften zur Farbenlehre von Thomas Sprat, Edme Mariotte, Voltaire, Tobias Mayer, Johann Heinrich Lambert, Benjamin Franklin, Joseph Priestley, Jean-Paul Marat, Anton Raphael Mengs, Christian Westfeld und Robert Blair. Letztlich werden noch die Verteidigung der Farbenlehre Newtons durch den Physikprofessor Johann Theophilus Desaguliers (5, 356 – 362) und die Lobrede Bernard le Bovier de Fontenelles (5, 386 – 392) auf Newton erörtert.

Ergänzungen zur Farbenlehre. Entoptische Farben[Bearbeiten]

Diese Arbeit stammt aus dem Jahre 1820. Goethe ersinnt raffinierte Versuchsanordnungen und beobachtet

„[…] durch das höchst interessante Seebeckische Doppelspatprisma [die entoptischen Farben] bei der Doppelrefraktion des Sonnenlichts. Diese Farben wurden entoptische genannt, weil sie innerhalb gewisser Körper zu schauen sind.“

2, 167

Das allereinfachste Experiment zu dieser doppelten Strahlenbrechung wird, lapidar gesagt, so vorbereitet

„Man zerschneide eine mäßig starke Spiegelscheibe in mehrere anderthalbzöllige Quadrate, diese durchglühe man und verkühle sie geschwind. Was davon bei dieser Behandlung nicht zerspringt, ist nun fähig, entoptische Farben hervorzubringen.“

2, 168

Die ganze Versuchsanordnung findet sich auf Seite (2, 217) skizziert.

„Äußere Grundbedingung [ist eine] reine, wolkenlose, blaue Atmosphäre […]. Zu Johanni um die Mittagsstunde ist der hellste Moment. Bei Kulmination der Sonne erscheint ein weißes Kreuz rings um den Horizont.“

2, 169 und 2, 174

Wie stellen wir uns dieses weiße Kreuz vor?

„Alle geistreiche, mit Naturerscheinungen einigermaßen bekannte Personen, sobald sie unsern entoptischen Kubus zwischen den Spiegeln erblickten, riefen jedes mal die Ähnlichkeit mit den Chladnischen Figuren, ohne sich zu besinnen, lebhaft aus.“

2, 199

Literatur[Bearbeiten]

  • Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre. 2 Bde. Cotta, Tübingen 1810.
  • Rupprecht Mathaei u.a. (Hrsg.): Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft. Hermann Böhlaus Nachf., Weimar 1951, Vollständige mit Erläuterungen versehene Ausgabe herausgegeben im Auftrage der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. ISBN 978-3-7400-0024-0
    • Dritter Band: Beiträge zur Optik und Anfänge der Farbenlehre, 1961
    • Vierter Band: Zur Farbenlehre, Didaktischer Teil und Tafeln, 1973
    • Fünfter Band: Zur Farbenlehre, Polemischer Teil, 1958
    • Sechster Band: Zur Farbenlehre, Historischer Teil, Ergänzungen und Erläuterungen, 1959
    • Siebenter Band: Zur Farbenlehre, Tafelband
  • Gerhard Ott / Heinrich O. Proskauer (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe: Farbenlehre. Stuttgart 1992, ISBN 3-7725-0702-6 (Bd. 1–3), ISBN 3-7725-0838-3 (Bd. 4–5).
  • Wolfgang Buchheim: Der Farbenlehrestreit Goethes mit Newton in wissenschaftsgeschichtlicher Sicht. Berlin 1991, ISBN 3-05-501275-5 (Bd. 123, H. 1).
  • Wilfried Liebchen: Goethes Farbenlehre. Sandberg-Kilianshof 1999, ISBN 3-9802142-6-5.
  • Felix Höpfner: Wissenschaft wider die Zeit. Goethes Farbenlehre aus rezeptionsgeschichtlicher Sicht. Heidelberg 1989.
  • M. Martin: Die Kontroverse um die Farbenlehre. Novalis 1979
  • Albrecht Schöne: Goethes Farbentheologie. München 1987, ISBN 3-406-32361-8.
  • Reinhold Sölch: Die Evolution der Farben – Goethes Farbenlehre in neuem Licht. Ravensburger Verlag, 1998, ISBN 3-363-00699-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Goethe-Gesellschaft (Weimar): Goethe-Jahrbuch, Band 123, Seite 120
  2. Zitiert nach 1810 Farbenlehre – Historischer Teil. In: Kunstzitate. Abgerufen am 18. März 2013.
  3. Zitiert nach Konfession des Verfassers. In: Farben-Welten: Zu Goethes Farbenlehre. Johannes Onneken, abgerufen am 18. März 2013.
  4. Vgl. auch Lutz Wenke u.a.: Sonne und Wahrheit frei nach Goethe (PDF; 305 kB)
  5. Zitiert nach Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info 24. Zahme Xenien. Abgerufen am 18. März 2013.
  6. Zitiert nach Hans Wohlbold (Herausg.): Goethes Farbenlehre. Eugen Diederichs, Jena 1928.
  7. Heisenberg zitiert Helmholtz, vgl. Maurice Martin: Die Kontroverse um die Farbenlehre, Novalis Verlag, 1979, S. 89
  8. Werner Heisenberg: Die Goethesche und die Newtonsche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik. In: Geist der Zeit, 19 (1941), ab S. 261. In: Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft. Hirzel, Stuttgart 1959
  9. Martin zitiert indirekt Heisenberg, vgl. Marice Martin: Die Kontroverse um die Farbenlehre, Novalis Verlag, 1979, S. 88