Zustimmung zum Nationalsozialismus

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Adolf Hitler in München, 1939, mit jubelnder Menge

Unter Zustimmung zum Nationalsozialismus wird diskutiert, ob und inwieweit der Nationalsozialismus bzw. das Regime von Adolf Hitler Zustimmung auch unter denjenigen Deutschen gefunden hat, die keine Mitglieder der NSDAP waren. Damit verbunden ist der Meinungsstreit um das Wesen des Nationalsozialismus und seinen Platz in der deutschen Geschichte. Die Zustimmungsthese hat wiederum Einfluss auf Konstrukte wie die „Kollektivschuld“ oder das deutsche „Tätervolk“.

Mangels geeigneter Quellen ist es schwierig, die Zustimmung angebbarer Bevölkerungsgruppen zum Nationalsozialismus genau zu bestimmen.

Forschungsproblem[Bearbeiten]

Eine moderne Meinungsforschung (Demoskopie) mit entsprechenden Umfragen, Wahlanalysen usw. entstand in Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Daher ist es bereits für die Zeit der Weimarer Republik schwierig, beispielsweise die Wahlerfolge der NSDAP seit 1930 genau einzelnen Bevölkerungsgruppen zuzuweisen. Man behilft sich daher mit dem Vergleich von demographischen Daten einzelner Wahlkreise.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es keine Meinungsfreiheit, weshalb Aussagen aus dieser Zeit unter Vorbehalt zu interpretieren sind. Rückblickende Aussagen nach 1945 sind ebenfalls problematisch, da sie zur Rechtfertigung der eigenen Taten dienen konnten.

Dem Historiker Peter Longerich zufolge gab es keine Öffentlichkeit im Dritten Reich, zumindest keine freie, sodass die Erforschung einer solchen überhaupt fragwürdig sei.[1] Ersatzweise verwendet man die NS-staatlichen „Meldungen aus dem Reich“ oder die Deutschlandberichte, die die Exil-SPD gesammelt hat. Auch erhaltene Tagebücher von Zeitzeugen wie Viktor Klemperer können konsultiert werden. Daneben wurde versucht, Indizien wie die Vergabe von Vornamen auszuwerten.

Hinweise bieten auch Wahlen und Abstimmungen von Deutschen, die nach 1933 außerhalb des Reichsgebietes befragt wurden (z. B. Saarland 1935, Wahlerfolge der Sudetendeutschen Partei 1935–1936). Allerdings sind die zur Abstimmung stehenden Fragen nicht allein als Zustimmung oder Ablehnung des Nationalsozialismus interpretierbar, auch gab es Einflüsse der deutschen Regierung.

Vertreter der Zustimmungsthese[Bearbeiten]

Einzelne Forscher oder Publizisten gehen davon aus, dass Hitlers Regime und seine Ziele großen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung gehabt hätten. Dadurch erklären sie, warum sich das Regime bis 1945 trotz unter anderem des Bombenkriegs halten konnte.

Daniel Jonah Goldhagen[Bearbeiten]

Der amerikanische Soziologe Daniel Goldhagen erregte 1996 in Deutschland großes Aufsehen mit seiner Dissertation Hitlers willige Vollstrecker, der zufolge die bisherige Forschung den „eliminatorischen Antisemitismus“ im deutschen Volk übersehen habe. Diese Form des Antisemitismus, die auf die Ausrottung der Juden zielte, sei bei der übergroßen Mehrheit der Deutschen verbreitet gewesen und die Triebkraft des Holocaustes.

Goldhagens Thesen wurden von der deutschen und internationalen Geschichtswissenschaft weitgehend abgelehnt, doch war sein Buch ein Bestseller (zur Kritik siehe den Artikel Daniel Goldhagen).

Robert Gellately[Bearbeiten]

Der kanadische Holocaust-Professor Robert Gellately schrieb 2002 in Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk davon, Hitlers Regime habe in erster Linie nicht auf Terror, sondern auf der Beliebtheit Hitlers bei den Deutschen beruht:

„Und in der Tat haben die Deutschen bis heute beim Rückblick auf die Diktatur freundliche Erinnerungen an deren ‚Leistungen‘, was die Rückbesinnung auf gesellschaftliche Werte, die Wiederherstellung der Ordnung und die Herbeiführung eines sozialen Friedens betrifft.“[2]

Gellately begrüßt „bei aller Problematik“ die von Goldhagen aufgeworfenen Fragen, lehnt aber dessen These vom eliminatorischen Antisemitismus als monokausal ab.[3] Gellately verweist unter anderem auf das Zuschauerinteresse bei öffentlichen Hinrichtungen (was er als Zustimmung wertet) und die Popularität von harten Strafen gegenüber Kriminellen.

Zeitgenössische Meinungen[Bearbeiten]

Thomas Mann war am 17. Juli 1944, im Exil, im Rückblick folgender Ansicht über die ersten NS-Jahre:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, daß der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren seelischen Investierung von Glauben und Begeisterung war.[4]

Zu diesem Zitat meint Ralph Giordano:

Das ist die Wahrheit, und alles andere, sage ich als Augenzeuge, ist Lüge. Die Verschmelzung war, bis auf Reste, total.[5]

Kritik[Bearbeiten]

Kritiker der Zustimmungsthese erwähnen das Problem der Verallgemeinerung und der Interpretation; so fehle ein allgemeiner Maßstab dafür, ob beispielsweise der Antisemitismus in Deutschland radikaler oder weiter verbreitet war als in anderen Ländern. Als problematisch werden auch Ausdrücke wie die Deutschen, viele oder eine Mehrheit gesehen, die kaum zu quantifizieren sind.

Vor allem kann die unterstellte allgemeine Zustimmung der Deutschen zum Nationalsozialismus nicht erklären, warum der Nationalsozialismus „erst“ 1933 an die Macht gekommen ist, und warum nach 1945 neonazistische Parteien nur eine kleine Rolle gespielt haben. Goldhagen weist bezüglich letzterem der alliierten Umerziehungspolitik das Verdienst zu, den eliminatorischen Antisemitismus den Deutschen ausgetrieben zu haben. Daher seien die meisten heutigen Deutschen keine Antisemiten mehr. Kritiker sehen darin die Umerziehung (Reeducation) stark überbewertet.

Ideologische Zustimmung[Bearbeiten]

Antisemitismus[Bearbeiten]

Die Ausstellung Der ewige Jude (1937/1938) gehört zur Vorgeschichte der Novemberpogrome 1938.

Es gilt in weiten Teilen der Forschung als gesichert, dass es in Deutschland (wie auch in anderen Ländern) Antisemitismus gab, dass der „eliminatorische“, radikale Antisemitismus aber einer kleinen Minderheit vorbehalten war.

Zwar war es bekannt, dass führende Nationalsozialisten antisemitisch waren und Maßnahmen gegen die Juden im Wirtschaftsleben durchsetzen wollten, dies wurde von den Wählern 1930–1933 aber anscheinend nicht ernst genommen oder in Kauf genommen. Jedenfalls verzichtete Hitler in dieser Phase weitgehend, mit antisemitischen Parolen Wahlkampf zu betreiben. Der „Judenboykott“ von April 1933 wurde abgebrochen, da die Bevölkerung darauf nicht genügend positiv im Sinne des Regimes reagierte. Die Nürnberger Gesetze von 1935 konnten vermuten lassen, damit sei die antijüdische Gesetzgebung abgeschlossen und „Schlimmeres“ nicht zu erwarten.

Maßnahmen wie die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben fanden nicht nur bei ausdrücklichen Antisemiten Zustimmung, sondern auch bei denen, die persönlich von den Auswirkungen profitierten, etwa arbeitslose Anwälte, die die Kanzleien oder Mandanten von Juden übernahmen. Zu diesem Prozess gehört auch die „Arisierung“ und letztlich auch das „Freiräumen“ von Wohnungen, deren jüdische Bewohner deportiert wurden. Für die eigentliche „Endlösung der Judenfrage“ bemühten sich die Nationalsozialisten um Geheimhaltung.

Volksgemeinschaft[Bearbeiten]

Der vom Regime propagierte Begriff der „Volksgemeinschaft“ überzeugte diejenigen, welche die pluralistische Demokratie ablehnten und in den anderen Parteien nur die Vertreter von Einzelinteressen sahen. Der Nationalsozialismus behauptete, Klassengegensätze zu überwinden. In selektiver Wahrnehmung konnten die sozialpolitischen Erfolge und Aufstiegschancen in der Volksgemeinschaft zum Vergessen bringen, dass „Andersrassige“ und politische Gegner ausgegrenzt wurden.

Zustimmung zu einzelnen Politikfeldern oder Handlungen[Bearbeiten]

Zu den größten Propagandaerfolgen der Nationalsozialisten gehört die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die freilich durch eine versteckte Staatsverschuldung erkauft war (und später durch Eroberungskriege finanziert werden sollte). Sozialpolitische Maßnahmen waren ebenfalls beliebt, sowie technische und Bauprojekte wie das System der Autobahnen.

In Teilen der Bevölkerung kam auch der Antikommunismus gut an, den die Nationalsozialisten besonders radikal verwirklichten.

Häftlinge im KZ Dachau, 1938

Eugen Kogon weist in seinem Buch Der SS-Staat darauf hin, dass die ersten KZ-Insassen mehrheitlich nicht etwa Regimegegner waren, sondern Kriminelle. Die KZ-Haft war nicht die Bestrafung für deren Verbrechen, sondern wurde erst nach Verbüßung der regulären Gefängnis- oder Zuchthausstrafe angetreten und lief unter dem Etikett der „Umerziehung“. Die grausame Behandlung von Verbrechern und „Asozialen“ wurde in der NS-Propaganda verharmlosend als „harte Strafe“ dargestellt.

Bereits Weimarer Politiker bemühten sich – auf unterschiedliche Weise – um die Revision des Versailler Vertrages und waren dabei weit gekommen. Hitler wagte allerdings, auch im Zusammenhang mit der Aufrüstung Deutschlands, riskantere Schritte wie die Rheinlandbesetzung. Der Anschluss Österreichs wurde sogar von Regimegegnern wie dem österreichischen Sozialdemokraten Karl Renner prinzipiell begrüßt. Auch wenn der Zweite Weltkrieg keine Begeisterung auslöste – nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Lasten –, so gilt der Sieg über Frankreich 1940 als Zeitpunkt von Hitlers höchster Popularität.

Die katholischen Bischöfe hatten sich vor 1933 zwar gegen Hitler ausgesprochen, doch das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 stellte viele Kritiker des Nationalsozialismus aus dem politischen Katholizismus vorläufig ruhig.

Andere Motive[Bearbeiten]

Neben der Zustimmung mancher Bevölkerungsgruppen zu einzelnen Themen waren die wichtigsten Motive, das Regime hinzunehmen, Furcht vor Terror, dazu Opportunismus (etwa in beruflicher Hinsicht), politisches Desinteresse oder der Glaube an die Propaganda, oder eine Mischung aus mehreren Motiven. Auch die Unzufriedenheit mit der Weimarer Republik spielte eine Rolle. Hitler erschien als unverbrauchter Politiker.

So konnten also verschiedene Einstellungen dazu führen, dass viele Deutsche, ohne die nationalsozialistische Weltanschauung voll zu bejahen, de facto doch zur Unterstützung des Systems beitrugen. Sie konnten z.B. Opportunisten oder Sympathisanten sein, oder Befehlsempfänger, die von oben erhaltene Weisungen aus Prinzip, ohne Hinterfragung der jeweiligen Ideologie, sorgfältig ausführten.[6] Und nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft konnten sie sich leicht auf die neuen Verhältnisse einstellen. Der Wechsel der herrschenden Weltanschauung bereitete ihnen dabei keine großen Probleme.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. 2. Auflage, Siedler, München 2006, S. 24–27.
  2. Robert Gellately: Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk. dtv, München 2004, S. 16
  3. Robert Gellately: Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk. dtv, München 2004, S. 17.
  4. in: Tagebücher 1944 - 1. 4. 1946, Hg. Inge Jens, S. Fischer, Frankfurt 1986 ISBN 3100481984 S. 78 (auch als Fischer TB, ebd. 2003)
  5. in: Die zweite Schuld, oder: Von der Last Deutscher zu sein, Rasch & Röhring, Hamburg 1987, Anfang des Buches. Häufige Neuaufl..- Mit Verschmelzung meint er eine Identifikation des deutschen Volks mit der NS-Führungsgruppe
  6. Anhand einiger Wissenschaftler veranschaulicht von Franz Graf-Stuhlhofer: Opportunisten, Sympathisanten und Beamte. Unterstützung des NS-Systems in der Wiener Akademie der Wissenschaften, dargestellt am Wirken Nadlers, Srbiks und Meisters. In: Wiener Klinische Wochenschrift 110 (1998) Heft 4-5 (= Themenheft „Zum 60.Jahrestag der Vertreibung der jüdischen Kollegen aus der Wiener medizinischen Fakultät“), S.152-157.