Zwölfer-Schia

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Übersicht über die geographische Verteilung der verschiedenen islamischen Richtungen. Die zwölferschiitischen Gebiete sind in dunklem Gelb getönt.

Die Zwölferschia oder Zwölfer-Schia (arabisch ‏الشيعة الإثنا عشرية‎, DMG aš-Šīʿa al-Iṯnā ʿašarīya) ist eine schiitische Gruppierung, die im frühen 10. Jahrhundert im Irak entstanden ist und nach deren Lehre es zwölf Imame gibt; der letzte von ihnen soll in der Verborgenheit leben, aber am Ende der Zeiten zurückkehren, um in Gerechtigkeit zu herrschen. Die Zwölferschiiten bilden heute die überwältigende Mehrheit der Schiiten. Aufgrund dessen werden die Zwölferschiiten häufig auch nur ganz allgemein als die Schiiten bezeichnet, obwohl die Schia noch viele andere Gruppen umfasst.

Anhänger der Zwölferschia leben in der Gegenwart vor allem in Iran, im Irak, in Aserbaidschan, Bahrain, Libanon, Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Syrien und in Indien. Die Zwölferschiiten werden auch als Imamiten bezeichnet, allerdings fallen die beiden Begriffe bedeutungsmäßig nicht völlig zusammen, denn im Mittelalter gab es neben der Zwölferschia noch verschiedene andere imamitische Gruppierungen.

Verbreitung[Bearbeiten]

  • Eines der wichtigsten Zentren der Zwölferschia ist der Irak. Mehr als die Hälfte der Iraker (etwa 60 Prozent), vor allem im Süden des Landes, sind Zwölferschiiten.
  • Das zweite wichtige Zentrum ist Iran. Mit 91 Prozent seiner Bevölkerung hat Iran den höchsten Anteil an Zwölferschiiten weltweit.

Zwölferschiiten gibt es daneben auch in:

Weltweit gibt es ca. 110 Millionen Zwölferschiiten.

Glaubenslehre[Bearbeiten]

Die zwölf Imame und die 14 Unfehlbaren[Bearbeiten]

Die 12 Imame der Zwölfeschia

Kerngedanke der zwölferschiitischen Lehre ist der Glaube an die zwölf Imame. Hierzu gehören:

  1. Ali ibn Abi Talib († 661)
  2. al-Hasan († 669)
  3. al-Husain († 680)
  4. Ali Zain al-Abidin († um 713)
  5. Muhammad al-Baqir († um 733)
  6. Dschafar as-Sadiq († 765), Begründer der dschafaritischen Rechtsschule
  7. Musa al-Kazim († 799)
  8. Ali ar-Rida († 818)
  9. Muhammad at-Taqi († 835)
  10. Ali an-Naqi († 865)
  11. al-Hasan al-Askari († 873)
  12. Muhammad al-Mahdi

Der zwölfte, verborgene Imam Muhammad al-Mahdi ist nach Ansicht der Zwölferschiiten nicht gestorben, sondern wurde bereits als Kind von Gott entrückt und lebt seitdem in der Verborgenheit. Die Zwölferschiiten glauben, dass er dereinst wiederkehren wird, um die Mission des Propheten zu vollenden und ein Reich der Gerechtigkeit auf Erden zu errichten. Dieser zwölfte Imam ist im Glauben der imamitischen Schiiten das einzig legitime Oberhaupt der Muslime. In der heutigen Verfassung des Staats Iran ist er deshalb auch eigentliches Staatsoberhaupt. Der Klerus herrscht nach dieser Auffassung nur in Stellvertretung des zwölften Imans (Wilayat-e Faqih) bis zu dessen Wiederkehr aus der Verborgenheit.

Zusammen mit Mohammed und seiner Tochter Fatima bilden die zwölf Imame die Vierzehn Unfehlbaren, die in vielen Überlieferungen als reine und unschuldige Lichtgestalten dargestellt werden. Die Zwölferschiiten beziehen sich dabei auf die Sure 33:33: „Siehe, Allah will euch von jedem Übel bewahren, o Leute des Hauses (Ahl al-Bait), und euch völlig reinhalten.“ Mit den Ahl al-bait seien die Vierzehn Unfehlbaren gemeint. Fātima soll kurz nach dem Propheten in tiefer Trauer um ihn verstorben sein. Vor ihrem Tod geriet sie in einen Konflikt mit den Kalifen Abu Bakr und ʿUmar. Dieses Leiden bewegt die Gemüter der Schiiten bis heute. Fātima spielt daher in der zwölferschiitischen Hagiographie eine herausragende Rolle.

Eine Besonderheit bei den Imamen ist ebenfalls ihre persische Abstammung. Späten islamischen Überlieferungen zufolge heiratete Hussein ibn Ali eine Tochter Yazdegerds III., des letzten sassanidischen Königs. Dieser Ehe, die in zeitgenössischen Quellen nicht erwähnt wird, soll Ali Zain al-Abidin entstammen. In diesem Fall wären die Imame der Schiiten nicht nur Nachkommen des Propheten Mohammed, sondern auch der persischen Könige. Diese waren Zoroastrier und hatten von sich selbst behauptet „Stellvertreter des Ohrmazd auf Erden“ zu sein – etwas, was die heutigen Schiiten ihren Imamen zuschreiben, wobei natürlich Allah an die Stelle von Ohrmazd rückt. Dies mag ein Grund dafür sein, warum der schiitische Islam im persischen Sprach- und Kulturkreis so stark vertreten ist. Nach Ansicht mancher Gelehrter ist aber auch umgekehrt möglich, dass die Geschichte von einer dynastischen Verbindung der Imame mit den Sassaniden gerade deshalb erzählt wurde, weil die Schia in Persien so verbreitet war.

Die kleine und die große Verborgenheit[Bearbeiten]

Der zwölfte Imam hat sich nach der zwölferschiitischen Lehre im späten 9. Jahrhundert noch als Kind von den Menschen zurückgezogen, aber den Kontakt zu seinen Anhängern in der ersten Zeit über Botschafter (sufarāʾ bzw. nuwwāb) aufrechterhalten. Diese übermittelten ihm Fragen und überbrachten heimlich seine Antworten. Insgesamt kennt die zwölferschiitische Lehre vier solcher Botschafter:

  • Abū ʿAmr ʿUṯmān b. Saʿīd b. ʿAmr al-ʿAmrī al-Asadī († 280/893)
  • Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. ʿUṯmān al-ʿAmrī († 305/917)
  • Abū al Qāsim al-Ḥussain b. Rūḥ an-Nawbaḫtī († 326/938)
  • Abū al-Ḥussain ʿAlī b. Muḥammad as-Samûrî († 329/941)

Da die Anhänger des Imams vermeiden wollten, dass seine Existenz bekannt wird, sprachen sie seinen Vornamen M-ḥ-m-d nicht aus, sondern verwendeten Epitheta wie:

  • al-mahdī („der Geleitete“)
  • Abu al-Qāsim
  • ṣāḥib az-zamān („Gebieter der Zeit“)
  • ṣāḥib hāḏā al-ʿamr („Gebieter dieses Befehls“)
  • ṣāḥib ad-dār („Gebieter des Hauses“)
  • ṣāḥib as-saif („Gebieter des Schwerts“)
  • imām az-zamān („Hüter der Zeit“)
  • imām al-ʿaṣr („Hüter der Zeit“)
  • ḥuǧǧat min āl muḥammad („Beweis aus der Familie Muhammads“)
  • al-qāʾim („der Sich Erhebende“)
  • al-ġāʾib („der Fremde“)In dieser Phase (260-329/873-941) soll der Imam Mahdi den Kontakt zu seinen Anhängern über 4

Nach dem Tod des vierten Botschafters (329/941) zog sich der Imam nach der zwölferschiitischen Lehre ganz von den Menschen zurück. Damit endete die Zeit der kleinen Verborgenheit (al-ġaiba al-ṣuġra) und es begann die Zeit der großen Verborgenheit (al-ġaiba al-kubrā), die bis heute andauert. In den Überlieferungen heißt es, dass der zwölfte Imam einst zurückkehren wird, um die Erde mit Wahrheit und Gerechtigkeit zu erfüllen. Dabei wird er die Armee des Zorns (ǧaiš al-ġaḍab) anführen, um seinen Befehl zu verwirklichen, aber auch, um Frieden und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Die Schia verharrt in messianischer bzw. mahdianischer Erwartung auf ihren Erlöser.

Rituelle und rechtliche Besonderheiten[Bearbeiten]

Zwölferschiitische Feste[Bearbeiten]

Selbstgeißelungen beim Aschura-Fest

Einer der wichtigsten zwölferschiitischen Gedenktage ist ʿĀšūrāʾ, der zehnte Tag des Monats Muharram. An ihm gedenken die Schiiten mit bestimmten Trauerritualen des Todes Husains in der Schlacht von Kerbela. Teilweise kommt es dabei zu blutigen Selbstkasteiungen und zu Auseinandersetzungen mit sunnitischen Gruppen. In den Passionsfeiern, die schon am Anfang des Monats beginnen, geißeln sich viele schiitische Gläubige und klagen über die unterlassene Hilfe, die Husain ibn Ali das Leben kostete. Die Passionsfeiern bilden den wichtigsten Teil des schiitischen Festkalenders. Charakteristisch ist hierbei der Gedanke des Büßertums.

Ein weiteres für die Zwölferschiiten wichtiges Fest ist das Ghadīr-Fest am achtzehnten Dhu l-hiddscha. Dieses Fest erinnert an die Einsetzung Ali ibn Abi Talibs als Nachfolger von Mohammed am Ghadir Chumm.

Heilige Stätten der Zwölferschia[Bearbeiten]

Das Mausoleum von Imam Hussein in Kerbela, eine der Heiligen Stätten der Zwölferschiiten

Die Zwölferschiiten haben auch mehrere Heiligtümer, die sie neben der Kaaba in Mekka als Wallfahrtsorte aufsuchen. Die meisten von ihnen stehen zu den von ihnen verehrten Imamen in Beziehung:

Rechtliche Besonderheiten[Bearbeiten]

Als Quelle des Rechts spielen in der Zwölferschia neben dem Koran und den Hadithen die Nachrichten (achbār) über die zwölf Imame eine wichtige Rolle. Sie sind in verschiedenen Sammlungen zusammengestellt worden, von denen die sogenannten vier Bücher kanonischen Rang haben. Sie sind jünger als die sunnitischen Sammlungen, auch wenn sie sich auf die Imame als Quellen beziehen können. Eine Besonderheit der zwölferschiitischen Rechtstheorie ist, dass sie den qiyās ablehnt, dafür aber den Vernunftbeweis (dalīl al-ʿaql) zulässt. Die zwölferschiitische Rechtsschule wird seit dem 18. Jahrhundert nach Dschaʿfar as-Sādiq als dschaʿfaritisch bezeichnet.

Hinsichtlich des Familienrechts ist eine bekannte Besonderheit der Zwölferschia, dass sie die zeitlich befristete Mutʿa-Ehe für zulässig hält.[1] Bei der rituellen Waschung bestehen die Sunniten auf dem Waschen der Füße, während die Schiiten das bloße Streichen über die Füßrücken für zulässig erklären.[2] Eine Besonderheit der Zwölferschiiten bei den Reinheitsbestimmungen besteht außerdem darin, dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen islamischen Gruppen den Austritt von Präejakulat (maḏy) nicht als ein Ereignis betrachten, das die rituelle Reinheit zerstört. Diese Sichtweise wird unter anderem mit einem Hadith begründet, wonach ʿAlī ibn Abī Tālib, der „ein Mann war, der sehr viel Präejakulat ausstieß“ (kāna raǧulan maḏḏāʾan), deswegen beim Propheten nachfragen ließ und jener darauf zur Antwort gab, dass dies nichts ausmache (laisa bi-š-šaiʾ).[3]

Bei den Hadd-Strafen gibt es die Besonderheit, dass nach der schiitischen Lehre bei der Amputation (qaṭʿ) der rechten Hand nicht die ganze Hand abgetrennt wird, sondern nur die vier Finger. Entsprechend werden bei der Kreuzamputation auch nur vier Finger und der Vorderfuß abgetrennt.[4]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Anfänge der zwölferschiitischen Lehre[Bearbeiten]

Die zwölferschiitische Lehre wurde Anfang des 10. Jahrhunderts in den Kreisen der persisch-schiitischen Naubachtī-Familie entwickelt, die gute Verbindungen zum Abbasidenhof hatte.[5] Sie stellte eine Antwort auf die allgemeine Verunsicherung (ḥaira) dar, die nach dem kinderlosen Tod von Hasan al-Askari bei den Imamiten eingetreten war. In dieser Zeit entstand eine Vielzahl von unterschiedlichen Lehrmeinungen über die Nachfolge im Imamat. Asch-Schahrastānī zählt insgesamt elf verschiedene Gruppen auf, die dazu eigene Lehrmeinungen hatten. Nach der zwölferschiitischen Lehre hatte der elfte Imam al-Hasan al-ʿAskarī doch einen Sohn hinterlassen, nämlich ein fünfjähriges Kind namens Muhammad, das der Vater jedoch aus Vorsicht (taqīya) vor dem Zugriff des Kalifen verborgen hatte, so dass es außer einigen Vertrauten niemand zu Gesicht bekam.

Es war Ibn Rauh an-Naubachtī, der in dieser Zeit mit dem Anspruch hervortrat, der dritte „Botschafter“ (safīr) des Imams zu sein und als dieser die Verbindung zwischen ihm und der Gemeinde seiner Anhänger herstellen zu können. Die beiden ʿAmrīs sind wahrscheinlich erst posthum in seinem Kreis zu "Botschaftern" erhoben worden, um auf diese Weise eine Kontinuität des Amtes seit der Verborgenheit des Imams nachzuweisen.[6]

Die Zwölferschia unter den Bujiden und den Seldschuken[Bearbeiten]

In den 930er Jahren eroberten die Bujiden, eine aus Dailam stammende Militärfamilie, große Gebiete Westirans. 946 besetzten sie Bagdad und übernahmen die militärische und administrative Gewalt im Abbasidenreich. Die Bujiden waren zwar zaiditische Schiiten, doch nahmen sie auch die Zwölferschiiten unter ihren besonderen Schutz. Anti-schiitische Rädelsführer wurden in dieser Zeit in die Verbannung geschickt. Außerdem wurde den Zwölferschiiten in den 960er Jahren zum ersten Mal erlaubt, die eigenen Feste (das Aschura-Fest und das Ghadir-Fest) öffentlich zu begehen. Desgleichen bemühten sich die Buyiden um den Schutz und die Ausstattung der Gräber der schiitischen Imame in Nadschaf, Kerbela und im Norden von Bagdad.[7]

Die Zeit der Buyiden stellt die eigentlich formative Periode der Zwölferschia dar. In dieser Zeit erfolgte die wirkliche Ausarbeitung der zwölferschiitischen Lehre. Die Konzeption des „Botschafteramtes“ (sifāra) wurde aufgegeben und die Lehre von der „großen Verborgenheit“ (al-ġayba al-kubrā) entwickelt. So wie sich bei den Sunniten im 9. Jahrhundert das Bedürfnis gezeigt hatte, die zahllosen umlaufenden Prophetenworte zu sammeln und die mutmaßlich echten von den gefälschten zu unterscheiden, so stellten nun auch die Zwölferschiiten die Nachrichten (aḫbār) über die Imame in Kompendien, die nach Sachgebieten gegliedert waren, zusammen.[8]

Der berühmteste Sammler Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. Yaʿqūb al-Kulainī († um 328/940) verfasste die Sammlung al-Kāfī, die ca. 17.000 Überlieferungen enthält. Ihm folgte Muḥammad b. ʿAlī b. Bābawaih aṣ-Ṣadūq († um 381/991), der mit seinem vielsagenden Titel Man lā yaḥḍuruhu al-faqīh bereits die Metamorphose des schiitischen Gelehrten vom Traditionarier zum Juristen vorausahnen ließ. Der dritte Sammler nannte sich Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. Ḥasan aṭ-Ṭūsī († 460/1067) und verfasste zwei Werke: al-Istibṣār fī mā ḫtulifa min al-aḫbār und Tahḏīb al-aḥkām. Die älteste dieser Sammlungen, die noch heute in Gebrauch ist, ist al-Kāfī fī ʿilm ad-dīn, „der das in der Religionswissenschaft erforderliche Leistende“ von al-Kulainī (st. 941). Zusammen mit drei weiteren Büchern aus dem 10. und 11. Jahrhundert gehört sie zu den vier Bücher der kanonischen Traditionssammlungen der Imamiten.

Im Staat der Seldschuken wurden die Zwölferschiiten zunächst verfolgt, ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurden sie jedoch in den Staat integriert. Schiitische Beamte und Höflinge traten von nun an als Gönner und Mäzene der zwölferschiitischen Minderheit auf, sie unterstützten nicht nur Sayyid-Familien und förderten zwölferschiitische Gelehrte, sondern bedachten auch die Schreine der Imame mit reichen Stiftungen.[9] Ein besonders eifriger Förderer der schiitischen Pilgerstätten war der schiitische Finanzminister Madschd al-Mulk al-Balasānī (st. 1099). Er ließ unter anderem auf dem Baqīʿ-Friedhof in Medina eine Kuppel über den Gräbern der vier Imame al-Ḥasan, ʿAlī Zain al-ʿĀbidīn, Muhammad al-Bāqir und Dschaʿfar as-Sādiq errichten.

Die Aufspaltung in Usūlīs und Achbārīs[Bearbeiten]

Während der Zeit der Safawiden kam es zu einer Aufspaltung der Zwölferschiiten in Usūlis und Achbārīs.

Die Usūlis und der Idschtihād[Bearbeiten]

Die Uṣūlis („Prinzipialisten“) sind bis heute die beherrschende Strömung im Schiismus. uṣūl ist der Plural von aṣl, was im übertragenen Sinne soviel wie „Prinzip“ bedeutet. In den islamischen Wissenschaften spricht man von den Usūl al-fiqh, den (rationalen) „Prinzipien der Rechtsfindung“, wobei sich der Begriff und die Prinzipien in den sunnitischen Wissenschaften Jahrhunderte früher durchsetzte, als Abū Hanīfa (699-767) und Šāfiʿī (776-820) die sunnitischen Rechtsschulen begründeten. Als Begründer der schiitischen Uṣūlis kann Šaiḫ Muḥammad b. Nuʿmān al-Mufīd († 413/1022), ein Schüler von Šaiḫ aṣ-Ṣadūq († 381/991f.), gelten, der zu seiner Zeit ein Buch mit dem Titel Kitāb uṣūl al-fiqh verfasste, das von seinem Schüler Muḥammad Abū al-Fatḥ al-Karagaki († 449/1057) in dessen Buch Kanz al-fawaʾid überliefert ist. Vermutlich nahm Mufīd die Vernunft (ʿaql) in die Quellen des schiitischen Rechts mit auf. Die Theorie des iǧtihād wurde später von ʿAllāmāh al-Ḥillī (1250–1325) begründet. Diese Theorie ermöglichte es den Gelehrten, aus ihrer Vernunft Entscheidungen zu treffen, auch wenn der Koran und die Überlieferung zu einer Frage schweigen. Bereits Ḥillī band die Qualifikation (ʿiǧāzah) für den iǧtihād an eine Gelehrtenausbildung, die den Gelehrten zum muǧtahid qualifizieren sollte. Der unausgebildete Laie, der die Prinzipien der Rechtsfindung (uṣūl al-fiqh) nicht an einem Seminar (hauzah) studiert hatte, war damit auf Kleriker angewiesen, denen er folgen musste (taqlīd).

Die Achbārīs und ihre Kritik am Idschtihād[Bearbeiten]

Die Achbārīs („Traditionarier“) beharrten auf den schriftlichen Grundlagen (naql) der Religion und gestanden der Vernunft (ʿaql) keine Beweiskraft zu. aḫbār ist die Mehrzahl von ḫabar und wird synonym für den ḥadīṯ, also die Überlieferung gebraucht. Die Aḫbārīs privilegierten die Überlieferungstradition und akzeptierten angeblich viele Isnade, die von den Usūlis abgelehnt worden waren wie zum Beispiel Überlieferungen, die die Koranfälschung betreffen (vgl. Brunner 2001). Sie kritisierten die Uṣūlis für ihren iǧtihād, weil sie ungeklärte Fragen dem Imam der Zeit überlassen wollten, der als einziger die richtigen Antworten geben könne. Die Aḫbārīs waren vor allem in abgelegenen schiitischen Zentren (z. B. Bahrain) vertreten, besaßen aber zum Beispiel auch in der irakischen Schiitenhochburg Karbala einige Jahre die Oberhand.

Die Achbārī-Gelehrten versuchten, aus den vier kanonischen Hadith-Sammlungen eine einzige Sammlung zu machen. Diese Periode begann mit (Muḥsin) Muḥammad b. Maḥmūd al-Kāšānī „Faid“ al-Aḫbārī († 1091/1680) und seinem Werk al-Wafī. In gleicher Weise verfuhr Muḥammad Ḥurr al-ʿĀmilī († 1104/1692-93), der in seinem Wasāʾil aš-Šiʿah noch über die vier kanonischen Sammlungen hinausging. Zum Höhepunkt kam diese Periode mit Muḥammad Bāqir al-Maǧlisī (1024–1100/1616–1689), dessen 110-bändiges Monumentalwerk Biḥār al-Anwār alle schiitischen Traditionen enthalten will. Daneben gibt es noch ähnlich umfangreiche Enzyklopädien, die jedoch niemals erschienen sind. So verfasste ʿAbdullah b. Nūrillah Baḥrānī, ein Zeitgenosse von Maǧlisī, der nicht den gleichen Einfluss bei Hofe hatte, al-Awalim, eine umfangreiche Sammlung, die ebenfalls 100 Bände umfasst.

Parallel wurden in dieser Periode die ersten Bücher verfasst (ca. ab 1621), die sich kritisch mit den Überlieferungsketten (isnād) und den Überlieferern (riǧāl) auseinandersetzen (dirāyat al-ḥadīṯ).

Die heutige Organisation des zwölferschiitischen Klerus[Bearbeiten]

Die verschiedenen Autoritätsstufen[Bearbeiten]

Der zwölferschiitische Klerus kennt folgende Stufen:

  1. Marja-e taqlid-e motlaq (Absolute Instanz der Nachahmung)
  2. Großajatollah
  3. Ajatollah
  4. Hodschatoleslam (Autorität des Islam)
  5. Einfache Geistliche, Studenten

Der Aufstieg zu einem Großajatollah ist für einen schiitischen Geistlichen ein langer und beschwerlicher Weg. Als Student durchläuft man drei Stufen. Die muqaddima-Stufe (4-5 Jahre; Arabisch lernen, islamisches Recht), die sath-Stufe (5 Jahre; islam. Rechtswissenschaft (Fiqh), Philosophie) und die kharij-Stufe (ca. 8 Jahre). Erst wenn ein Lehrmeister den Reifestatus erteilt, wird man zur Autorität des Islam. Weitere Jahrzehnte vergehen mit dem Studium der Rechtswissenschaften auf dem Weg zum Großajatollah. Die Geistlichen sind die Rechtsprecher der Schiiten, wobei der Spruch eines Großajatollah nur von einem Marja nichtig gemacht werden kann. Jeder Gläubige sucht sich einen Großajatollah als „Quelle der Nachahmung“ und lebt dessen Rechtsauslegung. Diese Wahl ist allerdings nicht bindend. Missfällt der Spruch eines Ajatollah, so ist es legitim, sich einen anderen zu suchen. Stirbt eine „Quelle der Nachahmung“, so werden all ihre Rechtssprüche unwirksam. Die Gläubigen entrichten einen Teil ihres Geldes an ihren Ajatollah, womit u.a. die Lehre bezahlt wird. Die Macht eines Geistlichen misst sich an der Anzahl der Gläubigen, die ihm folgen. Die Besetzung der höchsten Würde unterhalb des Propheten und der Imame, des Postens eines Mardscha-e taqlid kommt nur vor, wenn alle Großajatollah einen aus ihrer Mitte einstimmig als höher in Frömmigkeit und Weisheit ansehen. Zuletzt besetzte Großajatollah Borudscherdi († 1962) dieses Amt.

Die Mardschaʿīya[Bearbeiten]

Die heutigen Schiiten richten sich nach einem religiösen Würdenträger, einem sogenannten „Mardscha“ (marǧaʿ, Plural: marāǧaʿ). Die Bezeichnung leitet sich aus der arabischen Verbwurzel r-ǧ-ʿ ab, was wörtlich „zurückkehren“ bedeutet. Ein Mardscha ist eine religiöse Autorität, die von ihren Anhängern in religiösen Fragen um Rat gebeten wird. Das Verhältnis zwischen dem Mardscha und seinem Anhänger wird dabei auch als „Nachahmung“ (taqlīd) bezeichnet, wobei der Mardscha die Rolle des „Nachgeahmten“ (muqallad) und der Anhänger die Rolle des „Nachahmenden“ (muqallid) innehaben.

In der Regel findet der Kontakt über ein Büro oder einen lokalen Repräsentanten (wakīl) des Mardschas statt – in selteneren Fällen durch eine persönliche Audienz beim Mardscha selbst. Die Frage wird von dem Anhänger entweder telefonisch oder schriftlich übermittelt, wobei das Internet (E-Mail) eine zunehmend größere Rolle spielt.

In der Hierarchie des schiitischen Klerus nehmen diese religiösen Autoritäten meist den Titel eines Großajatollahs (āyatullāh al-ʿuẓmā) oder einer Eminenz (samāḥah) ein.

Die Ausbildung der Mardschas beginnt bereits im Kindesalter. Viele Mardschas stammen selbst aus Gelehrtenfamilien oder führen ihre Abstammung auf den Propheten zurück (sayyid). In der Regel wird es in der späteren Biographie eines Mardschas hervorgehoben, wenn er einen solchen traditionellen Hintergrund hat, wie es auch hervorgehoben wird, wenn ein Mardscha aus besonders einfachen Verhältnissen stammt, aus denen er sich hochgearbeitet hat. Der stetige Fleiß ist ein Topos, der in allen Mardscha-Biographien auftaucht: Einem Mardscha wird von Kind auf der Nimbus eines Klassenbesten zugeschrieben.

Nach einem Unterricht bei einem bekannten Gelehrten und dem allgemeinen Schulabschluss schließt sich ein langjähriges Studium an einer traditionellen schiitischen Religionshochschule (hauzat/Hauwza) an, meist im iranischen Ghom oder im irakischen Nadschaf. Den Abschluss einer Ausbildung bildet ein Zertifikat (īǧāzah), das einem Studenten nach Ansicht des lehrenden Dozenten selbstständige Rechtsurteilen (iǧtihād) erlaubt. Ein Gelehrter, der höher hinaus will, sucht sich dann den nächsten Dozenten, um nacheinander Reputation zu sammeln.

Die Marǧaʿīya steht in der Tradition der uṣūlīs, da der iǧtihād und ihr Kleriker-Status ihre hohe Stellung begründen. So betonen sämtliche Mardschas die Rolle, die die Vernunft (ʿaql) in ihrer Urteilsfindung spielt.

Die heutigen Mardschas sind – verglichen mit den Religionsgelehrten anderer Konfessionen – relativ betagt. Einige Mardschas sind bereits bei ihrer Berufung über 80 Jahre alt. Die Laufbahn endet dann meist durch den Tod, der bei vielen bekannten Mardschas erst in hohem Alter, oft von über 100 Jahren eintrat.

Historisch entwickelte sich die Marǧaʿīyah im 19. Jahrhundert. Die bekanntesten Vorbilder für spätere Gelehrten waren Scheich Murtaḍā al-Anṣārī und Mirzā Muḥammad Ḥasan Širāzī (* 1815; † 1895), die beide in ihrer Zeit als unumstrittene religiöse Autoritäten akzeptiert worden waren. Der Erstere war vor allem ein ideologisches Vorbild, da sich auch die heutigen Mardschas noch an der Gliederung seiner Fatwa-Sammlungen orientieren. Letzterer wurde vor allem durch seine „Tabak-Fatwa“ bekannt, mit der er erfolgreich das Tabakmonopol der britischen Kolonialherren im Iran zu Fall brachte.

Ursprünglich sollte es nur einen Mardscha geben, den Meistwissenden (aʿlam), der sich in der heutigen Zeit nicht ermitteln lässt. Die Zahl der Mardschas liegt heute bei ca. 40-60 Personen, die von ihren Anhängern um Rat gefragt werden.

Seit der islamischen Revolution im Iran im Jahre 1979 beansprucht außerdem der sog. Expertenrat (maǧlis-e-ghubra), ein staatliches Gremium die Hoheit über die Berufung von Mardschas. Da es sich um ein rein iranisches Gremium handelt, dessen Hauptaufgabe in der Wahl (und Verteidigung) des iranischen Revolutionsführers besteht, ist ihre Rolle dabei nicht unumstritten. Jedoch mischen sich viele traditionellen Mardschas nicht in politischen Angelegenheiten ein, was ihnen in der zunehmend unruhigen Region immer schwieriger fällt. Sowohl die Islamische Revolution im Iran als auch die US-Invasion im mehrheitlich schiitischen Irak veranlassten viele unpolitische Mardschas, ihre Position neu zu definieren.

Die Zwölferschia und die Politik[Bearbeiten]

Politische Autorität in der zwölferschiitischen Geschichte[Bearbeiten]

Da die Herrschaft nur in den Händen des Imams liegt, auch wenn dieser in der Verborgenheit weilt, haben viele Schiiten ein gespanntes Verhältnis zu weltlichen Herrschern, das sich mal in politischem Quietismus, mal in Aufständen offenbart. Zusätzlich sind die Schiiten außerhalb des Irans geprägt von ihren Erfahrungen als unterdrückte, konfessionelle Minderheit, die „Verstellung“ (taqīya) üben muss. Bis heute ist die Ausübung des schiitischen Glaubens in vielen muslimischen Ländern verboten.

Bis zur iranischen Revolution 1979 entstanden schiitische Staaten nicht auf Initiative von Gelehrten oder des schiitischen Volkes, sondern der Schiismus wurden von den weltlichen Herrschern privilegiert, um sich gegenüber sunnitischen Kalifen abzugrenzen und die politische Stellung zu festigen, so geschehen bei den Bujiden, die den schiitischen Volksglauben förderten und einige Rituale erst einführten. Jedoch erst die Safawiden führten 1501 den Schiismus als „Staatsreligion“ im mehrheitlich sunnitischen Iran ein. Über die Zeit gewann die Schia eine kontinuierlich wachsende Beteiligung an der politischen Herrschaft.

So konnten sich die Safawiden noch – mehr oder weniger glaubhaft – selbst als Angehörige des Prophetenhauses inszenieren, um das Erwachen der Schia für sich und ihre politische Autorität zu nutzen. Den (turkmenischen) Kadscharen war es nun auf Grund ihrer Herkunft nicht mehr möglich, sich als Prophetenangehörige zu stilisieren, weshalb ihr Einfluss schwand. Gleichzeitig wuchs der Einfluss der Gelehrten, die von den Herrschern als Berater zu Hofe und als Richter eingesetzt wurden. Ihr Ende erhielt diese Klerikalisierung der politischen Herrschaft vorerst mit der iranischen Revolution im Iran im Jahre 1979, als eine Gruppe von Klerikern selbst(!) die politische Herrschaft übernahm.

Einige Autoren (z. B. Falaturi 1968) haben darauf hingewiesen, dass es zusätzlich immer starke Interessenkonflikte zwischen den Gelehrten und den Schiiten selbst, das heißt ihren Anhängern, gab. Da die Gelehrten von den religiösen Geldern ihrer Anhänger, besonders dem „Fünft“ (ḫums), abhängig sind, sind sie nicht völlig frei in ihren Entscheidungen. So ergeben sich für die schiitische Geschichte vier Gruppen, die sich die politische Autorität wechselseitig zuwarfen bzw. denen sie zugeworfen wurde:

  • Gelehrte
  • weltliche Herrscher
  • Anhänger der Schia
  • Imam Mahdi

Die Islamische Revolution und die Wilāyat al-faqīh[Bearbeiten]

Siehe zur Islamischen Revolution im Jahre 1979 den entsprechenden Artikel.
Siehe zur Regierungsform Wilāyat al-faqīh die beiden Artikel Oberster Rechtsgelehrter und Politisches System Irans.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Brunner, Werner Ende (Hrsg.): The twelver Shia in modern times. Religious culture & political history (= Social, economic and political Studies of the Middle East. Bd. 72). Brill, Leiden u. a. 2001, ISBN 90-04-11803-9.
  • Abdoldjavad Falaturi: Die Zwölfer-Schia aus der Sicht eines Schiiten. Probleme ihrer Untersuchung. In: Erwin Gräf (Hrsg.): Festschrift Werner Caskel. Zum siebzigsten Geburtstag, 5. März 1966, gewidmet von Freunden und Schülern. Brill, Leiden 1968, ISBN , S. 62-95.
  • Heinz Halm: Die Schia. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-03136-9.
  • Heinz Halm: Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution (= Beck'sche Reihe. Bd. 1047). Beck, München 1994, ISBN 3-406-37437-9.
  • Heinz Halm: Die Schiiten. (= Beck'sche Reihe. Bd. 2358). Beck, München 2005, ISBN 3-406-50858-8.
  • Verena Klemm: Die vier sufarāʾ des Zwölften Imām. Zur formativen Periode der Zwölferšīʿa. In: Die Welt des Orients. Bd. 15, 1984, ISSN 0043-2547, S. 126–143.
  • Harald Löschner: Die dogmatischen Grundlagen des si'itischen Rechts. Eine Untersuchung zur modernen imāmitischen Rechtsquellenlehre (= Erlanger juristische Abhandlungen. Bd. 9). Heymann, Köln u. a. 1971, ISBN 3-452-17171-X.
  • Moojan Momen: An Introduction to Shiʿi Islam. The History and Doctrines of Twelver Shi'ism. Yale University Press, New Haven u. a. 1985, ISBN 0-300-03499-7.
  • Vali Nasr: The Shia Revival. How Conflicts Within Islam Will Shape the Future. Norton & Company, New York NY u. a. 2006, ISBN 0-393-06211-2.
  • Nader Purnaqcheband: Das Leiden der Imame aus der Sicht der Zwölferschia. In: Andreas Renz, Hansjörg Schmid, Jutta Sperber, Abdullah Takım (Hrsg.): Prüfung oder Preis der Freiheit? Leid und Leidbewältigung in Christentum und Islam (= Theologisches Forum Christentum – Islam.). Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2113-2, S. 140–155.
  • Abdulaziz Sachedina: Al-Khums: The Fifth in the Imāmī Shīʿī legal system. In: Journal of Near Eastern Studies. Bd. 39, Nr. 4, 1980, ISSN 0022-2968, S. 275–289.

Siehe auch[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Halm: Die Schia. 1988, S. 176.
  2. Vgl. Halm: Die Schia. 1988, S. 175.
  3. Vgl. al-Ḥasan Ibn-Yūsuf Ibn-al-Muṭahhar al-Hillī: Muntahā al-maṭlab fī taḥqīq al-maḏhab. Band 1. Maǧmaʿ al-Buḥūṯ al-Islāmīya, Mašhad 1412q (= 1992), S. 190 f. (al-maqṣad aṯ-ṯānī fī l-wuḍūʾ).
  4. Vgl. Rudolph Peters: Crime and Punishment in Islamic Law. Theory and Practice from the Sixteenth to the Twenty-first Century. Cambridge: Cambridge University Press 2005. S. 36.
  5. Vgl. dazu Klemm: Die vier sufarāʾ des Zwölften Imām. Zur formativen Periode der Zwölferšīʿa. In: Die Welt des Orients. Bd. 15, 1984, S. 126–143.
  6. Vgl. Halm: Die Schia. 1988, S. 44.
  7. Vgl. Halm: Die Schia. 1988, S. 56–59.
  8. Vgl. Halm: Die Schia. 1988, S. 50.
  9. Vgl. Halm: Die Schia. 1988, S. 73–79.