Zweiquellentheorie

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Die Zweiquellentheorie der synoptischen Evangelien besagt, dass die Evangelisten Matthäus und Lukas zwei Quellen verwendet haben, nämlich das Markusevangelium und eine nicht erhaltene, erschlossene Quelle, die so genannte Logienquelle, abgekürzt Q. Neben diesen beiden Hauptquellen hätten ihnen jeweils eigene mündliche und schriftliche Quellen zur Verfügung gestanden, das so genannte Sondergut.

Schaubild

Die Zweiquellentheorie wurde im 19. Jahrhundert zeitgleich von Christian Gottlob Wilke (1838) und Christian Hermann Weisse (1838/umgearbeitet 1856) entworfen und von Heinrich Julius Holtzmann (1863) wirksam vertreten.[1] Sie ist die heute am weitesten verbreitete literarkritische Hypothese zum Neuen Testament, allerdings sind in den USA v. a. die Zwei-Evangelien-Theorie und in Großbritannien v. a. die Farrerhypothese ernstzunehmende Konkurrentinnen.

Ursprung[Bearbeiten]

Folgende Beobachtungen bei den synoptischen Evangelien haben dazu geführt, dass die Zweiquellentheorie breite Anerkennung gefunden hat:

  • Mehrfachüberlieferung: In den synoptischen Evangelien gibt es Perikopen, die in allen drei Evangelien stehen (triplex traditio), andere, die in zwei Evangelien stehen (duplex traditio), wieder andere, die nur in einem der Evangelien stehen (simplex traditio). Bei der duplex traditio kommen alle Kombinationen vor: Mt-Mk, Mt-Lk und Mk-Lk.
  • Wortlaut-Übereinstimmung: Dass die Perikopen zum Teil bis in den Wortlaut hinein übereinstimmen, spricht für eine literarische Abhängigkeit, d.h. Abschreiben und nicht bloßes Schöpfen aus der gleichen (mündlichen) Überlieferung.
  • Stoffquantum und Reihenfolge: Nur wenige Stücke des Markusevangeliums fehlen sowohl bei Matthäus als auch Lukas (5 % des Textes), es gibt also wenig markinisches Sondergut. Außerdem zeigt sich bei der dreifachen Überlieferung, dass Matthäus und Lukas nie beide von der Reihenfolge bei Markus abweichen, sondern immer nur einer. Beide Beobachtungen sprechen für die Markuspriorität, d.h. für die Annahme, dass das Markusevangelium das älteste der drei Evangelien ist und den beiden anderen als Vorlage diente. Und für die Unabhängigkeit von Matthäus und Lukas untereinander, zumindest bei der Dreifachüberlieferung.
  • Mt/Lk-Übereinstimmungen: Matthäus und Lukas haben gemeinsame nichtmarkinische Stücke, vor allem Redestücke. Diese gemeinsamen Stücke finden sich jeweils an ganz verschiedenen Stellen. Daher nimmt man für diese gemeinsamen Stücke eine zusätzliche, von beiden genutzte Quelle an, die Spruchquelle oder Logienquelle Q.

Varianten[Bearbeiten]

Die Zweiquellentheorie vermag viele, aber nicht alle literarkritischen Beobachtungen bei den synoptischen Evangelien befriedigend zu erklären. Kritiker äußern, dass die Zweiquellentheorie mehr Fragen aufwerfe, als sie beantworte. Aus diesem Grund wurden Varianten entworfen, welche die Zweiquellentheorie zu Grunde legen, aber in die eine oder andere Richtung erweitern.

  • Urmarkus-Hypothese: Diese Hypothese besagt, Matthäus und Lukas hätten nicht das uns heute vorliegende Markusevangelium verwendet, sondern eine frühere Fassung, einen sogenannten „Urmarkus“, der später erweitert worden sei. Möglicherweise habe beiden auch nicht die gleiche Markus-Fassung vorgelegen. Diese Hypothese beruft sich darauf, dass sich so das Markus-Sondergut und die lukanische Lücke, also die Tatsache erklären lasse, dass im Lukasevangelium der Komplex Mk 6,45 EU – 8,26 EU fehlt.
  • Vierquellentheorie: Zusätzlich zu Markus und Q hätten sowohl Matthäus als auch Lukas jeweils eine weitere Quelle benutzt, die keiner der anderen Evangelisten kenne. Aus dieser Quelle hätten sie das Sondergut geschöpft. Die Vierquellentheorie (und andere Mehrquellentheorien) krankt daran, dass es sehr schwierig zu begründen ist, warum es sich um literarische Quellen und nicht um mündliche Überlieferung handeln sollte.

Kritik[Bearbeiten]

Wegen der ungelösten Probleme bei Zugrundelegung der Zweiquellentheorie werden weiterhin Alternativlösungen entwickelt, diskutiert und vertreten. Für eine Übersicht siehe den Artikel Synoptisches Problem.

Die hauptsächlichen Probleme der Zweiquellentheorie sind:

  • Kein durchgehender Erzählfaden: Die grundlegende Behauptung, dass es „einen gemeinsam durch alle drei Evangelien gleichmäßig sich hindurchziehenden Faden der Erzählung“ gebe (C. H. Weisse),[2] ist nicht haltbar.[3] Der angebliche Erzählfaden wird öfters durchschnitten, z. B. in Mt 8,1-9,26 dreimal gegenüber Mk 1,40ff. Außerdem hat Mk 6,45 – 8,26 bei Lukas keine Entsprechung.[4]
  • Sondergut im Markusevangelium: Die von Matthäus und Lukas ausgelassenen Markustexte (ca. 5 % des Textes), hauptsächlich Heilungen von Tauben und Blinden stellen ein Problem dar. Denn die Auslassungen können nicht immer als redaktionelle Bearbeitung durch Matthäus und Lukas erklärt werden.
  • Umfangreiche Auslassungen markinischer Formulierungen: Matthäus hätte ca. 18 % und Lukas ca. 34 % der Formulierungen der Markusvorlage weggelassen. Damit ist die literarische Abhängigkeit in Frage gestellt.[5]
  • Minor Agreements („kleinere Übereinstimmungen“): Dabei handelt es sich um rund 700, zumeist kleinere Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas gegen Markus im Markusstoff.[6] Die Annahme, Matthäus und Lukas hätten an vielen Stellen unabhängig voneinander die gleiche Änderung (Textvariante, Zufügung oder Auslassung) am Markustext vorgenommen, ist unglaubwürdig. Rund zwanzig minor agreements sind nicht als zufällige Übereinstimmungen erklärbar.[7] Daher wird in neueren Lösungsansätzen angenommen, dass Matthäus und Lukas nicht auf das uns überlieferte Markusevangelium zurückgegriffen haben, sondern auf eine ältere Form („Ur-Markus“) oder auf eine bearbeitete Form, die Deuteromarkus („Zweiter Markus“) genannt wird.
  • Passion und Auferstehung Jesu in Q und Sondergut: Wie oben geschildert bestünden das Sondergut und Q aus den Texten, die übrigbleiben, wenn man die Texte von Matthäus und Lukas zusammennimmt und die ursprünglich Markus zugeschriebenen Texte abzieht. Die übrigbleibenden Texte würden dann aber keinerlei Aussagen über Jesu Passion und Auferstehung enthalten: Ob eine christliche Schrift aus dem ersten Jahrhundert diese Themen auslassen könnte, ist fraglich. Bei Passion und Auferstehung müssten – dieser Auffassung zufolge – zumindest die Reden (Logien) beim Abendmahl vorhanden sein.
  • Hypothetischer Charakter: Die Logienquelle Q ist eine erschlossene, rein hypothetische Größe. Es existieren von ihr keine Handschriften. Das Gleiche gilt für die Sondergutsquellen in der Vierquellentheorie. Zudem werden die (vermuteten) Quellen nirgends durch antike Autoren erwähnt, obwohl sie sie gekannt oder gar benutzt haben könnten oder müssten. Die Zwei- bzw. Vierquellentheorie bleiben daher Hypothesen.

Anhänger der Traditionshypothese erklären die Gemeinsamkeiten der Evangelien durch mündliche Tradition und kritisieren damit nicht nur spezifisch die Zweiquellentheorie, sondern grundsätzlich jede Form einer Benutzungshypothese, die von literarischer Abhängigkeit der Evangelien ausgeht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Roland Deines: Die Gerechtigkeit der Tora im Reich des Messias, Mohr: Tübingen 2004, S. 1. ISBN 3-16-148406-1
  2. Christian Hermann Weisse: Die Evangelienfrage in ihrem gegenwärtigen Stadium, Leipzig 1856, zit. nach H.-H. Stoldt, Geschichte, S. 126.
  3. So Burnett H. Streeter: The four Gospels, 1924/1930, S. 167f. Ähnlich Rudolf Bultmann: Die Geschichte der synoptischen Tradition, Tübingen 3. Aufl. 1957, S. 347: „In der Ineinanderfügung der Quellen ist Lukas anders verfahren als Matthäus. Er legte nicht den Markus-Aufriß zu Grunde.“
  4. Hans-Herbert Stoldt: Geschichte und Kritik der Markushypothese, Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen 1977, Brunnen: Gießen 21986, S. 126. ISBN 3-7655-9324-9
  5. Eta Linnemann: Gibt es ein synoptisches Problem?, VTR, Nürnberg 1998 (3. überarb. Auflage), S. 96.
  6. Bibelwissenschaft.de zum Thema
  7. Robert L. Thomas: An investigation of the agreements between Matthew and Luke against Mark (PDF; 1,0 MB), Journal of the Evangelical Theological Society (JETS) Vol. 19-2 (1976), S. 103.

Literatur[Bearbeiten]

Einführungen
  • Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, 2005, ISBN 3-525-03238-2
  • Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament. Bd 1. Die synoptischen Evangelien, die Apostelgeschichte und die johanneische Literatur. Die neue Echter-Bibel. Ergänzungsband 2/I zum NT. Echter, Würzburg 1998, 2001. ISBN 3-429-02316-5
  • Werner Georg Kümmel: Einleitung in das Neue Testament. 21. Aufl. Quelle & Meyer, Heidelberg 1983, 1989, S. 13–53. ISBN 3-374-00459-8 (zur synoptischen Frage).
  • Ferdinand R. Prostmeier: Kleine Einleitung in die synoptischen Evangelien, Herder, Freiburg u.a. 2006, ISBN 3-451-29056-1
Detailliertere Studien
  • David Laird Dungan: A History of the Synoptic Problem. The Canon, the Text, the Composition, and the Interpretation of the Gospels. The Anchor Bible Reference Library. Doubleday, New York 1999. ISBN 0-385-47192-0
  • Burnett Hillman Streeter: The Four Gospels. A Study of Origins, Treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship, and Dates. Macmillan, London 1924, St. Martin's Press, New York 1956, 1964. (verhalf der Zweiquellentheorie im engl. Sprachraum zum Durchbruch)
  • Arthur J. Bellinzoni, Jr. (Hrsg.): The Two-Source Hypothesis. A Critical Appraisal. Mercer, Macon 1985. ISBN 0-86554-096-9 (Sammelband mit Artikeln aus 60 Jahren für und gegen die Mk-Priorität sowie für und gegen Q; aus der Sicht der Griesbachhypothese)
  • Andreas Ennulat: Die „Minor Agreements“. Untersuchungen zu einer offenen Frage des synoptischen Problems. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Bd 2,62. Mohr, Tübingen 1994. ISBN 3-16-145775-7 (die Minor Agreements erfordern wohl eine Modifikation der Zweiquellentheorie; man postuliert einen Deuteromarkus bzw. Urmarkus)
  • Thomas Bergemann: Q auf dem Prüfstand. Die Zuordnung des Mt/Lk-Stoffes zu Q am Beispiel der Bergpredigt. FRLANT. Bd. 158. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993. ISBN 3-525-53840-5
Kritik
  • Hans-Herbert Stoldt: Geschichte und Kritik der Markushypothese. 2. Aufl. Vandenhoeck und Ruprecht, Goettingen 1977, Brunnen, Gießen 1986. ISBN 3-7655-9324-9
  • Eta Linnemann: Auf dem Prüfstand. Die Zweiquellentheorie. In: Eta Linnemann: Bibelkritik auf dem Prüfstand. Wie wissenschaftlich ist die „wissenschaftliche Theologie“? Nürnberg 1998, S. 173 u.a. ISBN 3-933372-19-4
  • Eta Linnemann: Gibt es ein synoptisches Problem? VTR, Nürnberg 1999. ISBN 3-933372-15-1
  • Werner Kahl: Vom Ende der Zweiquellentheorie – oder: Zur Klärung des synoptischen Problems, in: Transparent-extra 75 (2004), Frankfurt 2004, S. 1–36. Als PDF online.

Weblinks[Bearbeiten]

  • The Synoptic Problem (Sehr gute Internet-Einführung, mit Grafiken und ausführlicher Literaturliste)
  • New Testament Gateway (Internetportal für das Neue Testament mit Online-Artikeln und Links zum synopt. Problem eines Vertreters der Farrer-Hypothese)
  • Synoptic-L (Usenetgruppe mit Tausenden von Diskussions-Beiträgen)