Zweiter Bildungsweg

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Abendgymnasium Hannover

Zweiter Bildungsweg ist die Bezeichnung für die Absolvierung eines Bildungsangebots, das nachträglich zu einem Schulabschluss führt, den der Betroffene vor dem Eintritt ins Berufsleben im Regelschulwesen nicht erworben hat.

Gängige Träger des Zweiten Bildungsweges sind Abendgymnasien, Abendrealschulen und Kollegs. Außerdem kann man in vielen deutschen Bundesländern eine Nichtschülerprüfung ablegen, mit der man den Hauptschul- oder Realschulabschluss erlangt, oder das Abitur vor dem Staatlichen Schulamt (siehe auch Begabtenabitur). An Stelle des Begriffes „Zweiter Bildungsweg“ wird in Kultusministerien auch der Name „Schule für Erwachsene“ (SfE) verwendet.

Allgemeines[Bearbeiten]

Institutionen wie Abendschulen, Volkshochschulen, Telekolleg, Fernschulen oder die Schule für Erwachsenenbildung Berlin bereiten ihre Schüler auf sogenannte „externe Abschlüsse“ (Nichtschülerprüfungen) vor oder prüfen ihre Schüler intern.

Von besonderer Bedeutung sind die Abendgymnasien und Kollegs. Hierbei handelt es sich im Unterschied zu privaten Trägern um kostenfreie staatliche allgemeinbildende Schulen, die unter vergleichbaren Bedingungen wie die gymnasiale Oberstufe organisiert sind. Berufstätige oder berufserfahrene Erwachsene können dort ihr Abitur (3-4 jährige Kurse) und die allgemeine Fachhochschulreife (2-3 jährige Kurse) nachholen. Man bezeichnet diese Schulen auch als Gymnasien für Erwachsene.

Traditionell ist der Zweite Bildungsweg ein Teil der Erwachsenenbildung, allerdings sind inzwischen auch viele Jugendliche ohne Schulabschluss von Ausbildungsmangel und Arbeitslosigkeit betroffen und auf entsprechende Angebote angewiesen, die sie unter anderem in ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen bekommen können. Angesichts dieser Situation unterliegen die auf dem Zweiten Bildungsweg erworbenen Abschlüsse in besonderem Maße dem Bildungsparadox und werden häufig nicht als gleichwertig zu „regulären“ Schulabschlüssen betrachtet.

Geschichte[Bearbeiten]

Die älteste Einrichtung im deutschen Sprachraum für das, was wir heute wie selbstverständlich den „Zweiten Bildungsweg“ nennen, ist das Studienheim St. Klemens/ Clementinum in Warstein-Belecke, das am 3. Mai 1922 durch den katholischen Priester Bernhard Zimmermann und sein Clemens-Hofbauer-Hilfswerk eröffnet und aufgrund großen Zulaufs 1928 in einen Neubau ins ostwestfälische Bad Driburg verlegt wurde. Hier wurde durch qualifiziertes Lehrpersonal in Vollzeitunterricht ein Studiengang zum Abitur angeboten, der speziell auf Erwachsene ausgerichtet war, die zuvor im Beruf gestanden waren und für die es bis dahin keine schulische Unterstützungsstruktur gab. Die Schule wurde 1932 dem Provinzialschulkollegium in Münster (Westfalen) unterstellt, erhielt 1946 die volle staatliche Anerkennung und bestand bis ins Jahr 1997 fort, das angeschlossene Studienheim existiert noch heute.[1]

Die älteste Abendschule für Lehrlinge und Berufstätige von 14 bis 40 Jahren ist die private Abendrealschule Berlin. Sie wurde im Jahr 1923 von dem Autodidakten und Pionier des Zweiten Bildungsweges Robert Frenzel (* 1888 in Berlin; † 1977 in Lüneburg) gegründet.[2] Die Schülerzahl stieg stetig, und im Jahre 1928 hatte die Schule 300 Schüler. Im Jahre 2001 erhielt Robert Frenzel eine Ehrentafel an der Schule Gipsstraße 23a durch die Stadt Berlin.[3] Diese private Abendrealschule bestand ca. 25 Jahre lang unter Robert Frenzels Leitung. Sie kam zwar – wenn auch unter größten Schwierigkeiten – durch die Zeit des Nationalsozialismus, wurde aber nach dem Krieg im Februar 1948 auf Anordnung der Machthaber des Berliner Ostsektors – als „Privatschule“ gebrandmarkt – geschlossen.

Robert Frenzels Abendschulgründung entstand aus seinem sozialen und pädagogischen Engagement. Er wollte im Besonderen für Arbeiterkinder, die lediglich einen Volksschulabschluss hatten, durch den Erwerb der mittleren Reife die Grundlage schaffen für berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und evtl. Abitur und Studium.

Vier Jahre nach Gründung der ersten Berliner Abendrealschule wurde im Jahre 1927 das erste Berliner Abendgymnasium gegründet.[4] Peter A. Silbermann wurde der 1. Leiter dieser Schule bis zu seiner erzwungenen Emigration 1933. Auch das Abendgymnasium überstand die Zeit des Nationalsozialismus und existiert heute noch als Peter-A.-Silbermann-Schule in Berlin-Wilmersdorf. Die Ideen der beiden Berliner Einrichtungen wurden nach 1945 in großem Umfang wieder aufgenommen.

Nach Schließung seiner Schule in Berlin gründete Robert Frenzel am 20. April 1948 die Abendoberschule Lüneburg unter dem damaligen Oberstadtdirektor Werner Bockelmann. Robert Frenzel leitete diese Schule – wieder in privater Regie – bis 1971. Erst dann ging sie in die Hände der Stadt über.

Auch in anderen Städten wurden nach dem Krieg die Angebote des Zweiten Bildungsweges größer. Dadurch hatten viele junge Menschen – z.T. auch durch den Krieg aus der Bahn geworfen – die Chance, Allgemeinbildung und nötige Abschlüsse zu erwerben. Eine zweite Gründungswelle von Schulen des Zweiten Bildungswegs erfolgte seit 1967 im Zuge der allgemeinen Bildungsexpansion.

Förderung[Bearbeiten]

Der Zweite Bildungsweg ist frei von Gebühren, und die Förderung durch das BAföG ist möglich. Unterschiede gibt es innerhalb der Schulformen des Zweiten Bildungswegs. Während man etwa beim Abendgymnasium erst ab dem vierten Semester elternunabhängiges Schüler-BAföG beantragen kann (dafür aber auch einen im Stundenumfang geringeren Stundenplan hat) kann auf einer Kollegschule bereits ab dem ersten Semester BAföG beantragt werden. Hat man auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur erlangt, kann man prinzipiell für ein Studium BAföG beantragen.

Probleme[Bearbeiten]

Einen Nachteil erleben Studenten, die bei Aufnahme eines Studiums über 30 Jahre alt sind. Formulierungen in Krankenkassen-Infos und dem Text des BAföG sind in Bezug auf den zweiten Bildungsweg widersprüchlich, insofern dieser lediglich berücksichtigt wird, wenn der Student das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Ist dies der Fall

  • muss der volle Krankenkassenbeitrag gezahlt werden
  • wird das BAföG nur auf besonderen Antrag gewährt
  • wird in einem Master-Studiengang keine Leistung nach dem BAföG gewährt

Nach Aussage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist das BAföG eine „jugendpolitische Maßnahme. Es dient nicht dazu, Weiterbildung oder lebenslanges Lernen zu fördern“. Es bleibe bei der jetzigen Regelung, auch für die so genannten aufeinander folgenden Studiengänge.[5]

Der Erwerb des Abiturs dauert im Zweiten Bildungsweg etwa drei Jahre und ein halbes. Ein Bachelor-Studiengang kostet dann etwa drei weitere Jahre. Um als Master-Student überhaupt noch durch BAföG gefördert zu werden, muss man also spätestens als 23-Jähriger mit diesem Bildungsweg beginnen. Allerdings kann durch Überspringen des Vorkurses oder einen späteren Quereinstieg das Abitur etwas schneller erworben werden. Der Schulbesuch kann aber auch durch Wiederholung eines Jahrgangs länger als geplant dauern.

Österreich und Schweiz[Bearbeiten]

In Österreich haben Aufbauschulen sowie Schulen für Berufstätige die Aufgaben des Zweiten Bildungsweges. In der Schweiz existieren ebenfalls Abendschulen für Berufstätige.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Rainer Hohmann, Ulrich Schulz (Hrsg.): Das Studienheim St. Klemens für Priesterspätberufene Bad Driburg, Belecke, Aschaffenburg und Paderborn (1922-2010). Zur Geschichte der ersten Schule des Zweiten Bildungswegs zum Abitur im deutschen Sprachraum. Paderborn 2012.
  2.  Jens Nydahl (Hrsg.): Das Berliner Schulwesen. 1928, S. 197-199.
  3.  Constance Döhrer: Spuren der Geschichte - Neue Gedenktafeln in Berlin-Mitte. 2012 S. 127-129.
  4.  Jens Nydahl (Hrsg.): Das Berliner Schulwesen. 1928, S. 194-196.
  5. Artikel im Webwecker vom 8. März 2006.