Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke

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Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke
Teil von: Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg
Chinesische Soldaten verteidigen die Brücke
Chinesische Soldaten verteidigen die Brücke
Datum 7. Juli 1937
Ort Marco-Polo-Brücke,
15 km südwestlich von Peking
Ausgang Japanischer Sieg
Territoriale Änderungen die gesamte Mandschurei wird von Japan besetzt
Konfliktparteien
China Republik 1928Republik China China Japanisches KaiserreichJapanisches Kaiserreich Japan
Befehlshaber
China Republik 1928Republik China Song Zheyuan Japanisches KaiserreichJapanisches Kaiserreich Kanichiro Tashiro

Der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke am 7. Juli 1937 war ein Feuergefecht zwischen Soldaten der Kaiserlich Japanischen Armee und der Nationalrevolutionären Armee der Republik China. Dieses Ereignis wird allgemein als auslösend für den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg angesehen.

Namensgebung[Bearbeiten]

Der Zwischenfall ist international unter vielen verschiedenen Namen bekannt. Neben dem in der westlichen Literatur üblichen Namen Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke beziehungsweise auf englisch Marco Polo Bridge Incident wird auch der Name Schlacht an der Lugou-Brücke beziehungsweise Battle of Lugou Bridge verwendet.

In China werden hauptsächlich drei verschiedene Namen für den Vorfall verwendet.

  • Zwischenfall des 7. Juli (chinesisch 七七事變 / 七七事变Pinyin Qīqī Shìbiàn)
  • Zwischenfall an der Lugou-Brücke (chinesisch 盧溝橋事變 / 卢沟桥事变Pinyin Lúgōuqiáo Shìbiàn)
  • Zwischenfall des 7. Juli an der Lugou-Brücke (chinesisch 七七盧溝橋事變 / 七七卢沟桥事变Pinyin Qīqī Lúgōuqiáo Shìbiàn)

In Japan wurde der Zwischenfall genauso wie die sich im Anschluss ausbreitenden Kampfhandlungen anfangs als Nordchina-Zwischenfall (jap. 華北事變, Kahoku jihen) und nach dem Übergreifen der Kämpfe auf Shanghai als China-Zwischenfall (jap. 支那事変, Shina jihen) bezeichnet. Die Schreibweise 支那 (Shina) war dabei eine vom westlichen Begriff China abgeleitete, abwertende Bezeichnung für das Land. Da dieser Name jedoch später für den gesamten Konflikt verwendet wurde, setzte sich für das Gefecht an der Brücke später in Japan der Name Zwischenfall an der Rokō-Brücke (jap. 盧溝橋事件, Rokōkyō jihen) durch.

Ablauf[Bearbeiten]

Am Abend des 7. Juli begab sich eine Kompanie der südwestlich von Peking stationierten japanischen Truppen auf ein nächtliches Manöver in Richtung Longwangmiao, nördlich der Marco-Polo-Brücke. Nach unterschiedlichen Angaben erklangen zwischen 22:30 Uhr und 23:40 Uhr Schüsse aus Richtung des Flusses Yongding He. Bei einem Appell nach Verklingen der Schüsse wurde festgestellt, dass ein Soldat fehlte und dieser als womöglich gefallen oder von Chinesen verschleppt an die nächsthöhere Stelle gemeldet. Als der Soldat nach kurzer Zeit wieder auftauchte, wurde es jedoch versäumt, dies ebenfalls weiterzugeben, weshalb der Bataillonsstab von den Einheiten der nahe stationierten chinesischen 37. Division verlangte, die Garnisonsstadt Wanping nach dem Vermissten durchsuchen zu dürfen. Nachdem dies jedoch abgelehnt wurde, befahl der japanische Stab die Erstürmung des Ortes, was aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit scheiterte und in Scharmützeln endete, die sich bis in den Morgen des 8. Juli hinzogen. Später an diesem Tag wurde zwischen den örtlichen chinesischen und japanischen Truppen ein Waffenstillstand ausgehandelt.

Spekulationen über die Herkunft der Schüsse[Bearbeiten]

Es konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden, wer in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1937 die Schüsse am Fluss abfeuerte, ob diese auf die Japaner gerichtet waren oder ob es sich überhaupt um scharfe Munition handelte. Inzwischen werden vor allem vier mögliche Szenarien in Betracht gezogen:

  • Aus der Waffe eines zurückgefallenen japanischen Soldaten der Kompanie löste sich durch Zufall ein Schuss.
  • Provokateure der Kommunistischen Partei Chinas schossen auf die Japaner, um einen größeren Zwischenfall auszulösen und damit die nationalchinesische Kuomintang zu schwächen.
  • Die Schüsse wurden vom chinesischen Kriegsherrn Feng Yuxiang angeordnet, um einen Zwischenfall zu provozieren, der die Kuomintang und die Kommunisten in China zu einer erneuten Zusammenarbeit wie in der ersten Einheitsfront drängen würde.
  • Der Militärgeheimdienst der in Nordchina stationierten Kwantung-Armee hat den Vorfall provoziert.

Folgen[Bearbeiten]

Die ersten Reaktionen auf den Zwischenfall kamen vom Zentralkomitee der KPCh am 8. Juli mit einer Deklaration, in der alle Chinesen zum Widerstand gegen die japanischen Aggressoren aufgerufen wurden. Die Schnelligkeit, mit der diese Deklaration veröffentlicht wurde, wird von einigen Historikern als Indiz dafür gewertet, dass die Kommunisten den Zwischenfall entweder provoziert oder zumindest von der Provokation gewusst hatten.

Die japanische Regierung unter Premierminister Konoe Fumimaro reagierte zögerlich auf die Nachricht vom Gefecht, war jedoch grundsätzlich davon überzeugt, die Situation nicht weiter eskalieren lassen zu dürfen, da Japan für einen ausgewachsenen Konflikt in China nicht gerüstet sei. Dem gegenüber stand die Kwantung-Armee, die bereits bei der japanischen Besetzung der Mandschurei eine starke Eigeninitiative entwickelt hatte und die sich für eine Eskalation der Kämpfe bereit fühlte.

So kam es, dass sich einerseits japanische und chinesische Offiziere zu Gesprächen über einen Waffenstillstand einigten, andererseits der japanische Generalstab auf die Entsendung weiterer Divisionen aus Chōsen und Japan hinarbeitete. Dieser konnte sich schließlich durch die Argumentation durchsetzen, die wenigen japanischen Truppen in Nordchina befänden sich in akuter Gefahr, und man werde den Konflikt nicht ausweiten.

Diese Truppenaufstockung, zusätzlich mit dem Heranziehen neuer chinesischer Truppen, führten schließlich zum Ausbruch neuer Kämpfe, die sich mit der Zeit zum Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg ausweiteten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Kuhn: Die Republik China von 1912 bis 1937: Entwurf für eine politische Ereignisgeschichte (2 Bände). 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Edition Forum, Heidelberg 2007, ISBN 3-927943-25-8 (= Würzburger Sinologische Schriften, Online als PDF, 5,34 MB, 726 S.).
  • Thomas Weyrauch: Chinas unbeachtete Republik. 100 Jahre im Schatten der Weltgeschichte. Band 1, 1911–1949. Longtai, Gießen 2009, ISBN 978-3-938946-14-5.