Zwischenmenschliche Kommunikation
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Als Teil der sozialen Interaktion wird die zwischenmenschliche bzw. interpersonelle Kommunikation verstanden, welche aus soziologischer Sicht äußerlich sichtbare wechselseitige Aufeinanderwirken zwischen Individuen zum Zwecke der Abstimmung des Denkens und Verhaltens der Beteiligten bzw. des konkreten Handelns von Kooperationspartnern oder Feinden bezeichnet.
[Bearbeiten] Sonderbedingungen für menschliche Kommunikation
Kommunikative Interaktion ist in der belebten Natur bis hinauf zu den Primaten ein überwiegend automatisch ablaufendes, genetisches Programm. Ihre wesentlichen Systemkomponenten sind Homöostasen, Triebe, auf Reiz-Reaktionsmustern basierenden, bei höher entwickelten Tieren durch Erfahrungen bedingt konditionierbare Instinktreaktionen sowie Schutz- und Abwehrmechanismen gegen Bedrohungen der Lebensfähigkeit. Sie ermöglichen eine i. d. R. optimale Einpassung der Lebewesen in ihr jeweiliges äußeres Umfeld und funktionieren im Sinne ihrer lebensdienlichen Bestimmung außerordentlich eindeutig, verlässlich und störunanfällig [1]. Verglichen mit dieser, perfekt anmutenden Eingepasstheit, ist der Mensch vergleichsweise unzulänglich darauf vorbereitet, mit seinem Lebensumfeld zurechtzukommen. Dies findet seinen Ausdruck zunächst darin, dass der menschliche Organismus bei seiner Geburt noch weitgehend unfertig ist. Er ist vielmehr über viele Jahre hinweg auf Hege und Anleitung seiner Eltern oder Artgenossen angewiesen. Hinzu kommen die beim hochzivilisierten Menschen unzulänglich entwickelten Instinkte. Aufgenommene Reize lösen zumeist nicht automatisch bestimmten, lebensdienlichen Reaktionen aus [2]. Das menschliche Antriebsgefüge ist mithin nicht fest auf die Befriedigung spezifischer Lebensbedürfnisse fixiert, sondern weitgehend zieloffen. Dieser Zieloffenheit entspricht schließlich eine im Tierreich sonst nicht anzutreffende Reizoffenheit des menschlichen Sensoriums. Ist für Tiere nur das von Bedeutung, was ihren instinktgesteuerten Lebensbedürfnissen dient, kann für den Menschen alles bedeutsam werden. Dies korrespondiert in besonderer Weise mit einem Trieb, der sich bei Tieren, wenn überhaupt, meist nur übergangsweise zeigt: dem Explorationstrieb, ein auf Betätigung drängender Erregungszustand, der den Menschen zeitlebens im Wachzustand begleitet [3] Seine gegenüber den übrigen Lebewesen herausgehobene Stellung hat der Mensch vor allem vier, stark von kommunikativen Strukturen bestimmten Gegebenheiten zu verdanken.
[Bearbeiten] Nachhaltige Sozialisation
Das soziale Umfeld ist ein aus institutionell verfestigten menschlichen Lebensanschauungen und -formen sowie Techniken und Einrichtungen der Lebensbewältigung bestehendes Gefüge, in das der Mensch hineingeboren wird. Es sorgt für Schutz und Halt und bietet ihm vor allem Orientierung. Da sowohl die ein Neugeborenes umgebenden Personen von ihren Anlagen, und ihren eigenen Erfahrungen her sehr verschieden sein, als auch die Lebensumstände, mit denen sie jeweils zurechtkommen müssen, sich außerordentlich voneinander unterscheiden können, bekommt die Orientierung, die ein soziales Umfeld dem einzelnen gibt, einen stark individuellen Hintergrund. Im weiteren Leben differenzieren sich dann die sozialen Umfelder, in die der einzelne Mensch eingebunden wird, noch weiter aus. All dies bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Verständigung[4].
[Bearbeiten] Handelnder Umgang mit der Welt
Im zunächst spielerisch erprobenden Umgang mit Personen, Dingen und Geschehnissen, die er vorfindet, gewinnt der Mensch allmählich eine Fülle von Hinsichten auf diese, die er sich mehr und mehr gezielt zunutze machen kann. Angeregt und geleitet von Mustern des Umganges mit den Dingen und Geschehnissen, die sein soziales Umfeld ihm bietet, verinnerlicht er alle Eindrücke in emotionalen Bewertungsprozessen zu Verhaltensmustern. Sie übernehmen für ihn Funktionen, die bei anderen Lebewesen die Reiz-Reaktionsmuster erfüllen. Im Laufe der Entwicklung gewinnen sie jedoch eine situationsoffene Plastizität und kontextbezogene Variationsbreite, die bis zu einem kreativen Gestaltungsvermögen reichen. Was sich auf diese Weise im einzelnen Menschen an Erfahrungen des Umganges mit seiner Welt niederschlägt, trägt ebenfalls über weite Bereiche höchst individuelle Züge, die bei allen Bemühungen zu zwischenmenschlicher Verständigung in Rechnung gestellt werden müssen [5]..
[Bearbeiten] Kategoriale Strukturierung der Welt
In kognitiven Prozessen einer kategorialen Erfassung der Lebenssachverhalte wird die Welt auf den Begriff gebracht. Mit ihr werden aus der an sich übergangslosen Fülle äußerer Erscheinungen und innerer Befindlichkeiten Einzelmerkmale herausgelöst, gegenüber anderen Merkmalen abgegrenzt, mit anderen Merkmalen verbunden und zu bestimmten neuen Merkmalsbündeln zusammengefügt. Die wichtigsten Resultate dieser kategorialen Prozesse sind Schemata und Scripts [6]. Schemata sind begrifflich gefasste Vorstellungen oder Erwartungen über bestimmte Gegebenheiten. Sie erlauben, in der inhaltlichen Fülle der andrängenden Lebenssachverhalte schon Bekanntes als vertraut wiederzuerkennen und in seinen Auswirkungen abzuschätzen. Scripts sind demgegenüber begrifflich gefasste Erwartungen über den Ablauf und die Umstände von Geschehnissen. Wie das Drehbuch eines Filmes skizziert ein kognitives Script die richtige Abfolge der in einem gegebenen Rahmen erwarteten Ereignisse [7].Schemata und Scripts erschließen sich dem Menschen nicht per se, sondern erst mit Hilfe weiterer kognitiver Strukturen, deren fundamentale und wichtigste die Kausalität ist. Sie ist ein Deutungsmuster, mit dem er sich verständlich machen kann, wie die Dinge und Abläufe zusammenhängen. Auch diese Prozesse haben einen starken individuellen Einschlag.
[Bearbeiten] Erweiterter Horizont der Menschenwelt
Einmal kategorial erfasste Lebenssachverhalte existieren für den Menschen unabhängig von ihrem aktuellen Gegebensein und sind ihm gedanklich jederzeit verfügbar. Dies führt zu einer gewaltigen Horizonterweiterung der Menschenwelt. Als rein gedankliche Vorstellung erweitert sie die Welt des Menschen über das Hier und Jetzt hinaus, örtlich an jeden denkbaren Platz außerhalb des gegenwärtigen Standorts, zeitlich in eine nicht mehr reale Vergangenheit oder eine Zukunft, die noch keine reale Gestalt angenommen hat. Die Mühelosigkeit des Umganges mit kategorial erfassten Lebenssachverhalten hat aber auch noch ganz andere Konsequenzen: Die der Erfindung von Welten, die es nur im Bewusstsein der Menschen gibt: Zunächst das nur Vorstellbare, das im Märchen und anderen Phantasien seinen Niederschlag findet. In ihnen können Hoffnungen und Ängste gegenüber der Realität zwar nicht aufgelöst werden, sich aber auf tröstende und damit entlastende Weise Luft machen. Auf einer nächst höheren Ebene wird ein Teil des nur Vorstellbaren zum Möglichen. In der Utopie verdichten sie sich zu Furcht- oder Wunschbildern, in denen sich bereits Verhaltensoptionen andeuten, die das Wünschbare anzustreben und das zu Fürchtende zu vermeiden suchen. Die nächste Ebene lässt sich als eine imperative beschreiben. In ihr wird Wünschbares zur Forderung. Dies findet seinen sprachlichen Niederschlag in sittlichen oder rechtlichen Normen. Sie bilden die entscheidenden Orientierungs- und Steuerungsmechanismen für das Verhalten des an richtungweisenden Instinkten so mangelhaft ausgestatteten Menschen, indem sie das Wünschenswerte zur Richtschnur erheben und vor dem Unerwünschten abzuschrecken suchen. In der religiösen Überzeugung schließlich erhält der gedankliche Griff über das Hier und Jetzt hinaus den Charakter einer Gewissheit, die auf eine Rückkoppelung mit der Realität nicht mehr angewiesen ist, aber in Trost und Halt gebender Weise wie eine solche erlebt wird[8].
[Bearbeiten] Kommunikationsmedium: Sprache
Die meisten Primaten und wahrscheinlich auch viele Arten in anderen Säugetierordnungen besitzen die Fähigkeit, Einzelerfahrungen zu kategorisieren, sie gleich zu behandeln oder als Ursache und Folge aufeinander zu beziehen. Und sie können dies, beispielsweise beim gemeinschaftlichen Jagen, kommunikativ einsetzen. Aber keine andere Art verfügt über ein symbolisches Zeichensystem von so differenzierten, subtilen und dabei kreativ-erfahrungsoffenen Ausdrucksmöglichkeiten, wie sie der Mensch hat entwickeln können. In Sprache gefasst erhalten die kategorial erfassten Lebenssachverhalte eine in der belebten Welt herausragende, einmalige Qualität. Mit der Entwicklung der Sprache tat der Mensch einen entscheidenden Schritt in seiner Evolution. Die vielen dadurch gewonnenen Informations-Chancen überdecken aber nicht die instinkthaften und nonverbal übertragenen Signale. Dies gilt auch in schriftlicher Kommunikation, die trotz der Sprache auch immer archetypisches Verhalten zeigt.
[Bearbeiten] Reduktion komplexer Sachverhalten auf ein symbolisches Zeichensystem
Sprache reduziert die kategorial erfassten Lebenssachverhalte und verläufe auf ein symbolisches Zeichensystem, das sie besonders einfach aufrufbar und damit verfügbar macht. Worte und syntaktisch verknüpfte Wortverbindungen treten an die Stelle der kategorial erfassten Lebenssachverhalte. Sind Kategorisierungsprozesse aber erst einmal in Wörter gefasst, dann wird die in ihnen enthaltene Bedeutung kommunizierbar. Da semantisch die Art der Beziehung zwischen Benennung und Gegenstand bei allen, die Wörter gebrauchen, gleich ist, sind kategorial erfasste und sprachlich gefasste Lebenssachverhalte als Erfahrung vermittelbar und sogar deren weitgehende gegenseitige Übersetzbarkeit und damit das Verstehen über spezifische Sprachgrenzen hinaus möglich [9]. Der sonst mühselige Prozess einer kategorialen Durchdringung der Welt und ihrer Sachverhalte wird damit erheblich erleichtert und verkürzt. Der Mensch muss nicht mehr alle notwendigen Erfahrungen selber machen, sondern er kann viele sprachlich gefasste Erfahrungen anderer Menschen unmittelbar übernehmen und in sein Arsenal der Lebensbewältigung einbauen [10].
[Bearbeiten] Sprache als Werkzeug der Erfahrungsvermittlung
Mit Hilfe der Sprache kann sich der Mensch mühelos, schnell und meist ohne große Umwege bereits erprobte Hinsichten anderer Menschen auf Lebenssachverhalte aneignen, die ihm den Umgang mit ihnen erleichtern. Sobald die Adressaten verbaler Kommunikation über ein hinreichend großes und dichtes Koordinatensystem sprachlich gefaßter Begrifflichkeit verfügen, sind sie auch in der Lage, in Wörtern und Wortverbindungen deren kategoriale Bedeutung zu erfassen und sie als neue Hinsichten auf Lebenssachverhalte in ihr eigenes Begriffssystem einzuordnen, ohne sie aus eigenem Umgang mit den betreffenden Lebenssachverhalten gewonnen haben zu müssen. Damit wird die Sprache zugleich über weite Teile prägend für das Denken des Einzelnen selbst. Denn mit ihr übernimmt er – wenn auch mit einigen Unschärfen und Unsicherheiten verbunden – Betrachtungsweisen, Hinsichten und damit kategoriale Strukturen, die von anderen Menschen entwickelt worden sind [11].
[Bearbeiten] Sprache als Speicher für Welterfahrung
Sprache erlaubt nicht nur den Austausch von und über kategorial erfasste Lebenssachverhalte, sondern auch deren Konservierung. Nachdem die Sprache dem Menschen nicht mehr nur als ein flüchtiges akustisches Medium, sondern auch in dauerhaft fixierbaren Formen, wie der Schrift, sowie der Ton- und Bildaufzeichnung zur Verfügung steht, verfügt er über ein immer größer werdendes Arsenal von kategorial erfassten Zugängen zur Welt. Dies ermöglicht eine Ansammlung von Wissen, auf der später aufgebaut werden kann, ohne dass sich die Menschen alles Wissen merken müssen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg war zur Verbreitung von geschriebener Sprache entscheidend. Sprache ist damit ein riesiger und immer größer werdender Speicher an Weltwissen und Welterfahrung, auf den jeder, der dieses Mediums in allen seinen Möglichkeiten mächtig ist, zugreifen kann, das für den Einzelnen aber nicht mehr überschaubar ist, sich ihm vielmehr nur in individuell unterschiedlichen Ausschnitten erschließt [12].
[Bearbeiten] Kommunikation als Ver- und Entschlüsselungsprozess
Welche Vorstellungen ein Mensch in sich trägt, was er denkt, fühlt und welche Absichten er hegt, ist für andere nicht unvermittelt wahrnehmbar. Um anderen etwas darüber mitzuteilen, muss er sie zunächst in vernehmbare Zeichen, in Sprache, Gesten, Mimik oder ein sonstiges Verhalten übersetzen.
[Bearbeiten] Konventionen als Basis der Verständigung
Solche vernehmlichen Zeichen und syntaktisch verknüpften Zeichenfolgen sind kommunikationstauglich, also verstehbar für andere Menschen, sofern zwischen ihnen und dem Aussender der Zeichen eine Übereinkunft darüber besteht, was jeweils gemeint sein soll, wenn sich jemand mittels dieser oder jener Zeichen ausdrückt [13]. Verstehen funktioniert also in dem Maße, in dem in den Gehirnen der Partner dieselben oder ähnliche Erfahrungskontexte existieren oder aktuell konstruiert werden, was meist unbewusst geschieht. In sie hinein geraten die ausgetauschten Kommunikationssignale und erhalten dann dieselben oder zumindest sehr ähnliche Bedeutungen. Abgesehen von wenigen angeborenen Lautäußerungen, Mimik- und Gestiksignalen gibt es beim Menschen keine 'genetisch garantierten' Bedeutungen von Zeichen, Wörtern und Sätzen[14]. Differenzierte Konventionen der Verständigung bilden sich erst in Gemeinschaften von Menschen aus, die in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt aufeinander angewiesen sind. Derartige Gemeinschaften bestehen auf unterschiedlichen Ebenen, ausgehend von intimen Zweierbindungen in Liebe oder Freundschaft über die Familie, die Sippe, Zweckverbände, Klassen, Völker bis hin zu ganzen Völker- oder Glaubensgemeinschaften. Zeichen, in denen Nachrichten kodiert werden, stehen somit meist im Kontext gruppenspezifischer Konventionen [15].
[Bearbeiten] Deutungsprobleme
Welche Bedeutung den für Vorstellungen, Gedanken, Gefühlen oder Absichten stehenden Zeichen zukommt, wird vom einzelnen Angehörigen der jeweiligen Gemeinschaft – mehr oder weniger gut – im Zuge seiner Sozialisation erlernt. Hier findet jeweils eine Verknüpfung der individuellen Wahrnehmung von und der Erfahrung mit sich und der Welt mit den in seinem Lebensumfeld bestehenden Konventionen über ihre Mitteilbarkeit statt. Und so, wie der Einzelne die konventionalisierten Zeichen selbst zu gebrauchen gelernt hat, so deutet er sie auch, wenn er die in Zeichen verschlüsselten Nachrichten anderer aufnimmt. Es sind aber immer nur Zeichen die zum Empfänger 'auf die Reise' geschickt werden. Was hingegen nicht mit auf die Reise gehen kann, das sind die Bedeutungen, die der Sender mit diesen Zeichen verbindet [16]. Und der Empfänger der Zeichen kann diese immer nur mit Hilfe seiner eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen deuten. Ob und inwieweit sich die mit den Zeichen verbundenen Bedeutungen bei Sender und Empfänger wirklich decken, ist, wie jeder aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen kann, ungewiss. Diese Erfahrungen geben deshalb immer wieder Anlass, die Ergebnisse von Kommunikationsbemühungen zu überprüfen.
[Bearbeiten] Interdisziplinärer Anteil
Verschiedene Wissenschaftsbereiche befassen sich mit dem menschlichen Bereich der sozialen Kommunikation:
- Kommunikationswissenschaft
- Rhetorik
- Informationswissenschaft
- Medienwissenschaft
- Informationstheorie
- Sprechakttheorie
- Linguistik
- Semiotik
Die enorme Überschneidung verschiedener Wissenschaftsbereiche auf dem Feld der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion macht die eindeutige Zuordnung einer Leitdisziplin schwer. Eine über psychische Tätigkeit wechselseitige Beeinflussung von Individuen innerhalb einer Gruppe wird als ein Aspekt der sozialen Wechselwirkung (Interaktion), gleichzeitig aber auch als bestimmendes Element der Psychologie betrachtet (siehe Bewusstsein, Wahrnehmung und Gedächtnis, sowie Emotion, Motivation und Psycholinguistik). Das soziologische Verständnis von Kommunikation kann wiederum nicht auf direkte Interaktion beschränkt werden und diese ist nicht allein aus sich selbst verständlich, da sie von dem Gebrauch der Massenmedien und deren ökonomischen und technischen Voraussetzungen geprägt ist und in der Regel innerhalb von Institutionen stattfindet.
Nach Talcott Parsons muss ein Individuum, das in eine soziale Interaktion eintritt, sich für eines der von ihm beschriebenen Verhaltensmuster entscheiden. In der Systemtheorie nach Niklas Luhmann entsteht ein Interaktionssystem aus dem aufeinander bezogenen Verhalten von Anwesenden (siehe Kommunikation (Systemtheorie)). Voraussetzung dafür ist wechselseitige Beobachtbarkeit. Unter dieser Bedingung kann man nicht verhindern, dass (der oder die) andere(n) das eigene Verhalten als Kommunikation verstehen. Das geschieht genau dann, wenn dem Verhalten einer Person von einem Beobachter eine Information abgewonnen/zugeschrieben wird und es damit als Mitteilungshandeln interpretiert wird. Ruth Cohn entwickelte das System der Themenzentrierten Interaktion, das Interaktionsprozesse in Gruppen verstehen und gestalten hilft.
[Bearbeiten] Kommunikationsmotive
Das Bestreben von Menschen, miteinander zu kommunizieren, entspringt drei Motiven: den Bedürfnissen, sich in ihrer Welt zu orientieren, zwischenmenschliche Nähe und Vertrautheit herzustellen und zu halten sowie andere Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen zu veranlassen. Genetisch höchst unzulänglich in seine Umgebung eingepasst und damit extrem orientierungslos, ist der Mensch darauf angewiesen, sich die notwendigen Umgangserfahrungen mit der ihn umgebenden Welt erst anzueignen, die den anderen Lebewesen bereits von Geburt an weitgehend auf den Weg mitgegeben worden sind. Den weitaus größeren Teil dieses Wissens und Könnens gewinnt er aus den Erfahrungen, die andere Menschen bereits gemacht haben. Medium dieses Erfahrungstransfers sind alle Formen der verbalen und nonverbalen Kommunikation. Bilden die mitmenschlichen Umgangserfahrungen mit der Welt die wichtigste Quelle für die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten der eigenen Lebensbewältigung, wird verständlich, weshalb der Mensch von frühester Kindheit an so stark auf die Nähe zu anderen Menschen fixiert ist. Dies gilt zunächst einmal für die beim Menschen so außergewöhnlich lange Zeit, in der das eigene Vermögen zur Bewältigung des Lebens noch nicht ausreicht. Auch wenn es mit fortschreitender Lebenstüchtigkeit ein Widerlager in einem mehr oder weniger ausgeprägten, antagonistischen Bedürfnis nach einer, die innere Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der eigenen Person wahrenden Distanz zu anderen Menschen findet, bleibt doch ein starkes Bedürfnis zu mitmenschlicher Nähe und Vertrautheit bestehen, das in der Pflege zwischenmenschlicher Kommunikation seinen Ausdruck findet. Ausschlaggebend für die Fortdauer dieses Kontaktbedürfnisses zu anderen ist eine Erkenntnis, die sich zusammen mit der tief verwurzelten Grunderfahrung eines jeden Menschen herausbildet, ohne einen engen und anhaltenden Kontakt zu anderen Personen gar nicht überlebensfähig werden zu können: die fundamentale Erfahrung, dass andere Menschen für die Befriedigung eigener Lebensbedürfnisse sehr hilfreich sein und bleiben können, und dass man sie mit den Mitteln verbaler wie nonverbaler Kommunikation zu einem Tun oder Unterlassen im Sinne eigener Ziele und Zwecke bewegen kann. Alle drei Motive bilden zumeist ein eng mit einander verwobenes und deshalb kaum zu entwirrendes Motivationsbündel. Welches der Motive dabei jeweils maßgebend ist, ob es in einem kommunikativen Kontakt also in erster Linie um Orientierung, um persönliche Nähe oder um eine Instrumentalisierung des Kommunikationspartners geht, ist deshalb oft schwer einzuschätzen [17].
[Bearbeiten] Instrumentarium menschlichen Kommunizierens
Den besonderen Voraussetzungen für menschliche Kommunikation entspricht ein sehr komplexes Instrumentarium, dessen sich der Mensch bedient, wenn er sich mit anderen verständigt. Es lässt sich ordnen unter den Begriffen Kommunikationsformen, Kommunikationsebenen, Ausdrucksweisen und Prozesse kommunikativer Interaktion.
[Bearbeiten] Kommunikationsformen
Neben der Sprache in mündlicher und schriftlicher Form bedient sich der Mensch vielerlei Formen nonverbaler Kommunikation durch seine körperliche Beschaffenheit und Ausstrahlung, durch Mimik und Gestik Gebärdenunterstützte Kommunikation, durch Tonfall und Rhythmus, die der Sprache unterlegt werden Vokale Kommunikation, durch die Herstellung von Nähe und Berührung oder durch Wahrung von Distanz Proxemik, den Einsatz von bildlichen oder klanglichen Demonstrationsmitteln, das Hervorbringen unterschwelliger Resonanzen bei anderen bzw. das Ansprechen hierauf Empathie sowie schließlich sein Verhalten. Nonverbale Kommunikation kann sprachliche Verständigung unterstützen, sprachlich vermittelte Inhalte aber auch bis zur Aufhebung hin relativieren und insbesondere auf emotionaler Ebene sprachliche Verständigung weitgehend ersetzen. Die vom Menschen ausgehenden (nicht)verbalen Signale tragen ständig zur Kommunikation mit den Mitmenschen bei. So lautet eines der Axiome von Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren.
[Bearbeiten] Kommunikationsebenen
Zwischenmenschliche Kommunikation findet zumeist auf mehreren Ebenen statt. Schulz von Thun bezeichnet diese als die vier Seiten einer Nachricht und führt als Bild dafür das Nachrichtenquadrat mit seinen vier Seiten ein: einer Sachdimension, einer Dimension der Selbstkundgabe, einer Beziehungsdimension und einer Dimension der Einflussnahme Vier-Seiten-Modell.
- Nachrichten enthalten zumeist eine Information über einen Sachverhalt, über den eine Verständigung herbeigeführt oder eine Auseinandersetzung geführt werden soll[18].
- In Informationen über Sachinhalte hinaus stecken zudem immer auch Informationen über die Person des Senders, ein Stück Selbstoffenbarung, die neben Merkmalen wie beispielsweise Sachorientiertheit oder Beteiligung auch (gewollte) Selbstdarstellung oder (ungewollte) Selbstenthüllung erkennbar werden lassen können [19].
- Neben Hinweisen auf die Person des Senders gibt eine Nachricht auch einigen Aufschluss darüber, wie der Sender seine Adressaten sieht, wie er sie einschätzt, was er von ihnen hält sowie darüber, wie er zu ihnen steht, welches Verhältnis sie seiner Meinung nach zueinander haben und wie er meint, dass man miteinander umgehen solle [20].
- Fast alle Nachrichten haben schließlich die Funktion, auf ihre Empfänger Einfluss zu nehmen, sie zu veranlassen, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen, zu denken oder zu fühlen [21]. In ihnen steckt ein Appell.
[Bearbeiten] Ausdrucksweisen
Nachrichten können in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck gebracht werden:
- Die eine Alternative besteht darin, Nachrichten entweder explizit oder implizit auszusenden. Beispiele für explizite Aussagen sind auf der Sachebene. "Es ist sehr heiß draußen ", auf der Ebene der Selbstoffenbarung" Ich schäme mich", auf der Beziehungsebene: "Du gefällst mir", auf der Ebene der Beeinflussung: Hol ein Bier!". Implizit könne die gleichen Aussagen ihren Ausdruck darin finden, dass der einen Raum betretende Sender sich die feuchte Stirn abwischt, verlegen dem Blick des anderen ausweicht, seinen Gegenüber umarmt oder verlauten lässt, das Bier sei alle [22].
- Die andere Alternative sind Ausdrucksweisen, bei denen verbale und nonverbale Äußerungsformen entweder kongruent oder inkongruent sind. Kongruent sind Nachrichten, wenn sie in sich stimmig sind, wenn also alle ausgesandten Signale in die gleiche Richtung weisen. Von inkongruenten Nachrichten spricht man, wenn sprachliche und nichtsprachliche aber auch verschiedene nichtsprachliche Signale nicht zueinanderpassen, also in einem Widerspruch zueinander stehen[23]. An den vorgenannten Beispielen anknüpfend wären Nachrichten unstimmig, wenn der die Hitze beklagende mit hochgeschlagenem Mantelkragen einträte, der vermeintlich Beschämte sein Gegenüber unverfroren mustert, der Sympathie Bekundende deutlich Distanz hält oder der einen Mangel an Bier Beklagende noch einige Flaschen neben sich auf dem Bodes stehen hat.
[Bearbeiten] Mechanismen kommunikativer Interaktion
In der kommunikativen Interaktion zwischen Menschen kommen Mechanismen zum Tragen, die sich nachhaltig auf den Nachrichtenaustausch auswirken können. Dies sind zum einen meist unbewußte emotionale Resonanzen, zum anderen Kreisprozesse positiver Rückkoppelung.
- Wenn Menschen miteinander kommunizieren, steht in ihrer Wahrnehmung der bewusste, verbal reflektierte Nachrichtenaustausch im Vordergrund. Hierdurch wird verdeckt, dass er von vielerlei Reaktionsweisen begleitet wird, die auf die Kommunikation einwirken, ohne den Kommunizierenden bewusst zu werden. Ihre Quellen haben sie in noch stammesgeschichtlich verankerten Signalen, die mehr oder weniger instinktive, reflexartige Reaktionen auslösen weiterhin in Erfahrungen, die der Mensch vor der vollen Ausreifung seines assoziativen Kortex gemacht hat, weiterhin Erfahrungen, die zu nicht mehr überprüfungsbedürftigen Routinen geworden und damit aus dem Speicher bewusst abrufbaren Erinnerns herausgefallen sind sowie schließlich Erfahrungen, deren Erinnerung durch Verdrängung blockiert worden ist[24]. So erhält zwischenmenschliche Verständigung häufig ermutigende, belebende und verstärkende Impulse dadurch, dass sie von Gefühlen der Sympathie und des Zutrauens für den gegenüber begleitet ist. Man hat das Empfinden, sich mit dem anderen auf einer gleichen Wellenlänge zu befinden, ohne recht sagen zu können, warum. Die hieraus resultierenden, meist stimmungsmäßigen Einfärbungen haben wesentlichen Einfluss auf die Anknüpfung, Aufrechterhaltung und das Erleben des Kontaktes. Stimmen sie überein, fördern und stabilisieren sie die Beziehung. Genauso aber können sie, wenn sie nicht übereinstimmen, zur Ursache von schwer nachvollziehbaren Verständigungsproblemen werden[25].
- Im Hin und Her von Äußerung und Antwort, von Aktion des Senders und Reaktion des Empfängers, die ihrerseits wieder eine Aktion darstellt, auf die dann der Sender reagiert, bilden sich oftmals Kontaktmuster heraus, die dem Nachrichtenaustausch zwischen bestimmten Personen über den konkreten Einzelanlass hinaus ein besonderes Gepräge geben. Zum Teil erklärt sich dies aus der Sozialisation, innerhalb derer jedem Einzelnen auch im Verhältnis zu anderen Menschen bestimmte, status- oder funktionsbedingte Rollen zugewiesen werden mit der Erwartung, dass der Einzelne ihnen entspricht. Sie werden erlernt und funktionieren auf der Basis gesellschaftlicher Übereinkunft[26]. Darüber hinaus spielen aber auch individuelle Bedürfnisse, Neigungen, Interessen und Ziele eine wichtige Rolle. Sie können übereinstimmen und so zu einer gemeinsamen kommunikativen Basis werden: Gleich und gleich gesellt sich gern! Aber auch gegensätzliche Bedürfnisse, Neigungen, Interessen und Ziele können einem zwischenmenschlichen Kontakt besonderen Halt geben, wenn sie sich gegenseitig ergänzen: Gegensätze ziehen sich an![27]. Charakteristisch für all diese Kommunikationsformen sind kreisförmige Prozesse positiver Rückkoppelung: A löst mit einer bestimmten, seinem Naturell oder seinen Interessen in besonderer Weise entsprechenden Verhaltensweise – einem Reiz-Reaktionsmuster nicht ganz unähnlich – eine entweder symmetrische, d.h. von einer gleichen Interessenlage oder eine komplementäre, will sagen, von sich ergänzenden Interessenlagen gekennzeichneten Verhaltensweise bei B aus, die ihrerseits wieder A bestärkt, in dem mit B begonnenen Umgang fortzufahren und damit zugleich ein bei B bestehendes Bedürfnis weiter zu bedienen [28]. Solche positive Rückkoppelungen verleihen einer kommunikativen Beziehung Stabilität. Sie liegt in der von ihnen erzeugten symbiotischen Beziehung, die wechselseitig bestimmte Bedürfnisse beim jeweiligen Gegenüber zu befriedigen vermag. Sie bergen indessen auch eine nicht zu unterschätzende, zerstörerische Sprengkraft in sich.
[Bearbeiten] Personale Komponenten menschlichen Kommunizierens
Nachrichten entstehen als eine mögliche Reaktion angeborener Dispositionen, sozialer Prägungen und individuell verarbeiteter Erfahrungen auf äußere Umstände oder innere Befindlichkeiten. Jede Nachricht hat mithin einen sehr persönlichen Hintergrund. Dieser bildet gewissermaßen den spezifisch geformten Projektionsspiegel, in dem die Nachrichten fokussiert und mit einer je individuellen Modulation ausgesandt werden. Die Empfänger der Nachrichten ihrerseits bilden Projektionsflächen, die aus denselben Gründen individuell geformt sind und deshalb deren Inhalte auf spezifische Weise auffassen[29]. Um Nachrichten eines anderen richtig zu verstehen, genügt es deshalb nicht, die mit ihnen getroffenen Aussagen als solche zu betrachten, sondern auch deren jeweiligen personalen Hintergrund, vor dem sie abgegeben worden ist. Hierzu gehört das Wissen,
- dass verschiedene Menschen auf die Sachverhalte, über die sie kommunizieren, jeweils unterschiedlich ansprechen, weil sie sie aufgrund ihrer Anlagen, Prägungen, Erfahrungen und augenblicklichen Befindlichkeiten unterschiedlich erleben;
- dass Menschen ihre Verständigung mit anderen vielfach an Rollen ausrichten, die sie ihnen gegenüber einnehmen oder glauben einnehmen zu sollen und in der sie ihr Gegenüber sehen. So erhalten gleiche Mitteilungen eine unterschiedliche Einfärbung, ob sie beispielsweise jeweils aus der Rolle einer Arbeitskraft gegenüber seinem Vorgesetzten, einem Kollegen oder einem ihr nachgeordneten Mitarbeiter gegenüber geäußert werden.
- dass dieselben Menschen auf gleiche Sachverhalte zu verschiedenen Zeitpunkten und unter veränderten Umständen jeweils anders reagieren und entsprechend kommunizieren können. Eine wesentliche Ursache dafür liegt darin, dass es zu vielen Fragen, die den Einzelnen berühren verschiedene Bewertungsoptionen gibt, ohne dass sich eindeutig sagen ließe, was gut und richtig ist. Die Folge ist, sich zwischen verschiedenen Optionen hin und hergerissen zu fühlen. Für die hieraus resultierende Nachrichtenbildung hat Friedemann Schulz von Thun die Metapher vom 'inneren Team' der Regungen und Gesichtspunkte gebildet, die dabei in Einzelnen im Widerstreit miteinander liegen und um eine 'Meinungsführerschaft' ringen[30]. Gemanagt wird die jeweilige Meinungs- und Nachrichtenbildung durch das Selbst, welches sich aus den Komponenten Selbstbewusstsein, Selbstbild und Selbstkonzept zusammensetzt. Nach welcher Seite sich in solchen Konflikten die innere Waage neigt und zu welchen, nicht selten mehrdeutigen Äußerungen es dabei kommt, ist oft nicht vorhersehbar und erscheint nicht selten inkonsequent[31].
[Bearbeiten] Grenzen verlässlicher Kommunikation
Die Komplexität und von daher vielerlei Einflüssen und Interventionsmöglichkeiten ausgesetzte zwischenmenschliche Kommunikation hat zur Folge, dass die Verständigung mit anderen vielerorts an Grenzen stößt, jenseits deren es zunehmend unsicher, wenn nicht unmöglich wird, sich zuverlässig über Sachverhalte und Befindlichkeiten, denen Menschen sich ausgesetzt sehen, mitzuteilen und entsprechende Mitteilungen anderer richtig zu deuten. Dieses Problem zeigt sich – in jeweils unterschiedlicher Weise – auf allen Ebenen menschlicher Kommunikation. Will man ihnen nicht zum Opfer fallen, ist es wichtig, sie bei allen Verständigungsbemühungen im Blick zu behalten[32].
[Bearbeiten] Kognitive Ebene
Grenzen verlässlicher Kommunikation und damit Quellen von Missverständnissen ergeben sich in diesem Bereich
- aus der genetischen Einmaligkeit jedes Menschen. Von seinen Anlagen her jeweils anders beschaffen, wirkt er damit unweigerlich anders in seine Welt hinein und spricht ebenso unterschiedlich auf deren Einflüsse an. Soweit die artspezifische Übereinstimmung von Menschen reicht, ist eine zwischenmenschliche Kommunikation zwar möglich. Problematisch bleibt, inwieweit die von Mensch zu Mensch bereits anlagebedingten Unterschiede durch zwischenmenschliche Kommunikation voll überbrückt werden können.
- aus der Erfahrungsoffenheit des Menschen. Sind alle anderen Lebewesen weitestgehend mit einem Korsett von Reiz-Reaktionsmustern ausgestattet, in dem sie sachgerecht und lebensdienlich auf ihre Umwelt eingestellt sind und mit ihren Artgenossen interagieren können, zeigt dem Menschen sein äußerst eindrucksoffenes Sensorium seine Umgebung in einem überwältigenden Facettenreichtum, der sich für ihn erst in einer langen, von spezifischen äußeren Konstellationen und von vielen Zufälligkeiten begleiteten Entwicklung in einer handhabbaren Weise individuell klärt. Dadurch bedingte unterschiedliche Erfahrungen bleiben nicht ohne Folgen, wenn Menschen sich über die Welt, in der sie leben, verständigen wollen oder müssen.
- aus dem erweiterten Horizont der Menschenwelt. Über das bloße Hier und Jetzt hinaus umfasst sie Anschauungen von Vergangenem und Zukünftigen, von nicht gegenwärtigen Räumen, Vorstellungen von Möglichem und Gesolltem sowie irreale Phantasien und Fiktionen. Je facettenreicher die Ausbildung diese Seinsebenen, desto unwahrscheinlicher ihre Übereinstimmung von Mensch zu Mensch und damit desto höher der Abgleichungsaufwand.
- aus einer selektiven Informationsverarbeitung. Was jeweils in den Fokus der Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung gelangt, wird wesentlich mitbestimmt von der jeweiligen Sozialisation des Einzelnen, den daraus resultierenden individuellen Umgangserfahrungen mit der Welt sowie der Art und Weise, in der er lernt, die übergangslose Fülle der Erscheinungen kategorial einzuordnen und kausal zu verknüpfen. Dieselben Sachverhalte bilden sich so im Bewusstsein der einzelnen Menschen auf unterschiedliche Weise ab ohne dass ihnen das bei ihrer Kommunikation hierüber hinreichend bewusst wird.
- aus der sprachlichen Kodierung und Dekodierung menschlichen Informationsaustauschs. Sie resultieren zunächst aus der oft nur unvollkommenen Transformierbarkeit von Erfahrung in Sprache, ferner aus einem bildungsbedingt unterschiedlichen Ausdrucksvermögen. Schließlich werden verwendeten Begriffen sozialisationsbedingt aber auch aus individueller Erfahrung heraus unterschiedliche Bedeutungen unterlegt. Dabei suggeriert der Konventionscharakter der Sprache ihren Benutzern oft fälschlich, das von ihnen jeweils gemeinte oder Aufgefasste sei eindeutig.
[Bearbeiten] Beziehungsebene
Auf dieser Ebene misslingt zwischenmenschliche Kommunikation vielfach
- durch ambitionierte Selbstdarstellungen: Menschen treten einander selten so gegenüber, wie sie sind oder zu sein meinen, sondern so, wie sie von Fall zu Fall gesehen werden möchten. Dies geschieht im Wesentlichen durch Imponiergehabe, durch Tarnung oder durch demonstrative Selbstverkleinerung. All dies erschwert den Kommunikationspartnern die richtige Einschätzung, mit wem sie es in Wahrheit zu tun haben und führt sie – unbewußt oder gar beabsichtigt – in die Irre.
- durch unbewußte emotionale Resonanzen: Hierbei handelt es sich um unterschwellige, einem rationalen Verstehen schwer zugängliche Sympathien oder Antipathien, die die Wahrnehmung des anderen unkontrollierbar einfärben und verzerren können.
- durch ein in der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung angelegtes gegenläufiges Bestreben nach Verbundenheit und Selbständigkeit (s.o. Kommunikationsmotive). In ihm wird sich der Mensch selbst zum Problem, weil er oft selbst nicht versteht, wann und warum sein Streben nach Nähe und Verbundenheit zu anderen Menschen plötzlich gesättigt ist und in sein Gegenteil, dem Verlangen nach Ungebundenheit umschlägt, die ein bisher wärmendes Gefühl der Verbundenheit in eine beengend empfundene Fessel verwandelt. Sprengt er dagegen diese Fessel, kehrt über kurz oder lang ein Sehnen nach Verbundenheit zurück. Solche Reaktionen sind gleichermaßen irritierend und verstörend für den Kommunikationspartner.
- in Prozessen positiver kommunikativer Rückkoppelung, sog. Teufelskreise[33]; Beispiel: Eine bisher genossene Fürsorglichkeit des einen wird dem anderen lästig. Er sucht deshalb Distanz, möchte den Fürsorglichen nicht vor den Kopf stoßen. Der Fürsorgliche glaubt, der andere sei enttäuscht und verstärkt seine Fürsorglichkeit, was den anderen noch weiter zum Rückzug treibt u.s.w.
- Durch Indirektheit von Beziehungsbotschaften: Menschen zögern vielfach, sich vorschnell festlegen, beispielsweise um damit bei ihren Gegenüber keine Abfuhr zu riskieren. Sie wählen dann Ausdrucksweisen, die es ihm gestatten, ihr Ansinnen erforderlichenfalls dementieren zu können, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Das führt leicht zu Missdeutungen.
[Bearbeiten] Intentionale Ebene
Auf der Ebene der Einflussnahme können sich Irritationen ergeben
- beim Verständnis von Äußerungen, zu denen sich jemand auf der Grundlage einer noch nicht abgeschlossener inneren Meinungsbildung veranlasst sieht, bei der er zwischen divergierenden Optionen hin- und hergerissen ist.
- durch die Verwechslung ausdrucks- mit wirkungsorientierter Kommunikation: Einer Nachricht ist vielfach nicht ohne weiteres anzusehen, ob sie nur eine Feststellung, eine Meinung (Anerkennung) oder Befindlichkeit (Traurigkeit) des Senders ausdrückt oder ob mit ihnen darüber hinaus etwas Bestimmtes (Ermutigung zu einem bestimmten Verhalten; schonendes, tröstendes oder helfendes Verhalten) beim Empfänger erreicht werden soll.
- durch ein von versuchten Einflussnahmen ausgelösten Kräftemessen: Während die einen versuchen, andere ihrem Wollen zu unterwerfen, sie zu einem bestimmten Tun oder Unterlassen zu bewegen, können jene bestrebt sein, sich in ihrer Verhaltensautonomie gegenüber derartigen Ansinnen zu behaupten. Weil derjenige, der Einfluss auf andere auszuüben sucht, nicht unbedingt damit rechnen kann, dass die Adressaten seiner Appelle seinen Wünschen entsprechen wollen – und dies desto weniger, je schwächer ihr Eigeninteresse daran ist oder je stärker sie sich lediglich instrumentalisiert fühlen –greifen sie vielfach zu manipulativer Desinformation.
- Unzutreffende Rollenerwartungen: Im Umgang miteinander nehmen Menschen einander selten in ihrer Gesamtpersönlichkeit wahr sondern meistens nur in bestimmten sozialen Rollenfunktionen: als Berufskollegen oder Chef, Kaufmann oder Kunde, Staatsbürger oder Privatmann, Elternteil oder Kind, Spieler einer Fußballmannschaft oder als deren Schiedsrichter. Diese Rollenfunktionen sind jeweils mit bestimmten Verhaltenserwartungen verbunden. Es ist indessen nicht sicher, inwieweit Rollenerwartungen miteinander kommunizierender Menschen sich tatsächlich decken oder in welchem Umfange sie vom Einzelnen angenommen werden.
[Bearbeiten] Korrektive für verlässliche Kommunikation
Die außerordentliche Spannweite der Möglichkeiten menschlicher Kommunikation und kommunikativer Interaktion werden erkauft mit der latenten Gefahr von Missdeutungen und Missverständnissen, weil ausgesandte und aufgenommene Nachrichten nicht automatisch deckungsgleich sind. Das stellt Menschen bei Ihrer Kommunikation vor die Aufgabe, Techniken zu entwickeln, mit denen sie diese Fehlerquellen minimieren können. Hierbei erweisen sich als hilfreich
- die Entwicklung von Sensibilität für die Vielzahl der vorhergehend (Grenzen verlässlicher Kommunikation) zusammengestellten Ursachen, auf Grund deren Kommunikationsprozesse missglücken können. Wer sich dieser möglichen Quellen für Missdeutungen und Missverständnisse bewusst ist, hat am ehesten die Chance, sie wahrzunehmen und aufzudecken;
- die Benutzung von unter den miteinander Kommunizierenden klar und eindeutig festgelegter und auf diese Weise abgestimmter Begriffe und deren formelmäßigen Verknüpfung. Dies ist die bevorzugte Methode wissenschaftlichen Diskurses;
- das Bemühen, möglichst viel über den persönlichen und sozialen Hintergrund, die aktuelle Befindlichkeit und die Interessen- und Bedürfnislage des Kommunikationspartners in Erfahrung zu bringen, mit dem man sich jeweils auseinanderzusetzen hat. Je besser man sich in ihn hineinversetzen kann, desto besser kann man sich ihm verständlich machen und ihn verstehen;
- die gezielte Nutzung eines Feedbacks. So kann man sich beim Sender einer Nachricht durch deren Wiedergabe mit eigenen Worten zu vergewissern suchen, ob man ihn so recht verstanden hat. Man kann ihn über einzelne Aspekte der Nachricht, die einem unklar oder unverständlich geblieben sind, befragen und um Aufklärung bitten, man kann versuchen, ihn zu veranlassen, das Gemeinte noch einmal mit anderen Worten zu umschreiben und man kann ihm mit seinen eigenen Antworten oder Reaktionen Anhaltspunkte geben, wie man eine Nachricht verstanden hat. Wenn ihm diese Antworten oder Reaktionen dann befremdlich erscheinen, kann er von sich aus das von ihm Gemeinte noch einmal zu verdeutlichen suchen.
[Bearbeiten] Nonverbaler Anteil, Gefühl und Einstellung
Obwohl zwischenmenschliche Interaktion und Kommunikation wesentlicher Bestandteil der Sozialisation eines Menschen darstellt und es viele Bildungsangebote zur Verbesserung der persönlichen Kommunikation gibt, ist dennoch festzustellen, dass eine gute, d. h. würdigende und urteilsfreie Haltung für den Umgang mit anderen Gesprächspartnern schwer zu erlernen ist und ständig neu erarbeitet werden muss. Nach den Forschungen des Pantomimen und Hochschullehrers Samy Molcho bewirkt der nonverbale Anteil an unserer Kommunikation über 80 Prozent der Reaktionen (Eisbergmodell). Für viele Menschen ist diese Tatsache erschreckend, weil sie sich der Bedeutung und der Kontrolle ihrer Körpersprache nicht bewusst sind. Neben der Mimik und Gestik ist auch die Körperhaltung stark wirksam (auf den Anderen und auf sich selbst). Dem Anteil des gesprochenen Wortes bleiben nur 10 bis 20 Prozent einer durchschnittlichen Botschaft (siehe dazu Nonverbale Kommunikation), so dass instinktive und unbewusste Anteile der menschlichen Kommunikation i. d. R. überraschend selten vermittelt werden. Neben der Verkaufspsychologie befasst sich die Gebärdensprache und die Unterstützte Kommunikation hiermit mit besonders stark.
Als besonders wichtig wird hierbei die innere Haltung (Einstellung) zum Gegenüber (siehe auch Empathie) gesehen. Sie setzt unter anderem einen guten Umgang mit den eigenen Emotionen voraus, wie ihn etwa der amerikanische Psychologe Daniel Goleman erforscht hat (siehe Emotionale Intelligenz. Aber auch die Art, wie wir dem Anderen zuhören und dabei möglichst die persönliche Gefühls-Situation einbeziehen und mitteilen, ist für befriedigende zwischenmenschliche Kontakte wichtig. Unsere Art der Kommunikation kann psychische Kräfte freisetzen und Lebensfreude bringen, aber auch zu Mobbing und anderen Belastungen beitragen.
[Bearbeiten] Forschungsthemen
Obwohl das Erlernen guter Kommunikation sowohl in der Familie und sozialen Umgebung erfolgt, wird auf diesem Gebiet auch erhebliche Bildungs- und Forschungsarbeit geleistet.
- Grundlagenforschung "interpersonal communication", zwischenmenschl.K. als Kern der Sozialität, Forschung zu Sozialkompetenz und Selbstwahrnehmung
- Kommunikation zwischenmenschlich vs "technisch", K. als Grundbedürfnis des Menschen, als Bezogenheit, als wechselseitige Steuerung, als Wettbewerbsfaktor; K. und Körpersprache
- Führungsstile (z.B. singular versus plural), Menschengerechte computerintegrierte Redaktion, Beteiligung von Patienten an Entscheidungen
- Personalentwicklung und Evaluation bzw. Managementdiagnostik, Konzepte, ältere Arbeitnehmer
- Soziale Gruppen im Beruf und ihre Effizienz, Problemlösung und emotionale Intelligenz, "face to face" Begegnung, Mobbing
[Bearbeiten] Zitate
„Was Du nicht willst, das man Dir tu' - das füg' auch keinem Andern zu“
„Sprich, damit ich Dich sehen kann.“
– Sokrates
„Sprache ist nicht dazu gemacht, sich mit ihr über den anderen zu erheben, sie dient zur zwischenmenschlichen Kommunikation.“
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ von Uexküll, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, rowohlts deutsche enzyklopädie, 1958, S . 27
- ↑ Arnold Gehlen, Der Mensch, Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Athenäum Verlag, Frankfurt, 1962, S. 53
- ↑ von Lewinski,, Wie einsam bleibt der Mensch, Verlag Pro Business, 2006, S. 76 f
- ↑ von Lewinski, a.a.O. S. 58 ff. mit weiteren Nachweisen
- ↑ v. Lewinski, a.a.O. S. 101 f.
- ↑ Philip. G. Zimbardo, Psychologie, 1988, S. 312 f
- ↑ Zimbardo, a.a.O. S. 313
- ↑ v. Lewinski, a.a.O. S. 96 f
- ↑ Eric H. Lenneberg, Biologische Grundlagen der Sprache,, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1977, S. 444 ff
- ↑ von Lewinski, a.a.O. S. 94 f
- ↑ von Lewinski, a.a.O. S.98 f
- ↑ von Lewinski, a.a.O. >S. 95 f
- ↑ von Lewinski, a.a.O. S.213 f
- ↑ Gerhard Roth, Fühlen, Denken Handeln, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 2003, S. 422
- ↑ von Lewinski, a.a.O. S. 214
- ↑ Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden, Band 1, Bechtermütz Verlag 200, S. 61
- ↑ von Lewinski, Wie einsam bleibt der Mensch?, 2006, S. 183 f
- ↑ Schulz v. Thun, a.a.O. S 26
- ↑ Schulz-v. Thun a.a.O. S. 26 f
- ↑ Schulz-v. Thun, a.a.O. S. 27 f
- ↑ Schulz v. Thun, a.a.O. S. 29 f
- ↑ Schulz v. Thun, a.a.O. S. 33 f
- ↑ Schulz v. Thun, a.a.O. S. 35
- ↑ Roth, a.a.O., S. 227 ff
- ↑ v. Lewinski, a.a.O. S. 221 f
- ↑ v. Lewinski, a.a.O., S. 67 ff
- ↑ v. Lewinski, a.a.O. S. 222 f
- ↑ Schulz v. Thun, Miteinander reden II, S. 128 ff
- ↑ v. Lewinski, a.a.O., S 201, 216
- ↑ Schulz-v. Thun, Miteinander reden III S. 21 ff
- ↑ v. Lewinski, a.a.O. S. 201 ff
- ↑ zum Nachfolgenden im Einzelnen: von Lewinski, a.a.O., S. 227 ff.
- ↑ Hierzu im einzelnen: Schulz v. Thun, Miteinander reden 2, Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung 2000, S. 68 ff.;85; 100 ff; 129; 158 ff; 170 ff; 210; 238

