Über das Marionettentheater

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Über das Marionettentheater ist der Titel einer essayistischen Erzählung von Heinrich von Kleist, die erstmals in den „Berliner Abendblättern“ in vier Folgen vom 12. bis 15. Dezember 1810 erschienen ist.[1][2][3][4]

Gesprächsweise wird die Frage erörtert, welchen Einfluss Reflexion und (Selbst-)Bewusstheit auf die natürliche Anmut haben.

Der Erzähler gibt sein Zwiegespräch mit einem wegen seiner Anmut bewunderten Tänzer wieder, den er mehrere Male beim Besuch eines Marionettentheaters gesehen hat. Der Angesprochene schildert ihm, wie sehr er die „natürliche Grazie“ der Bewegungen der Puppen bewundert und welche Lehre er für sich daraus zieht: Es gebe eine natürliche Anmut, die sich in völliger Abwesenheit von Bewusstsein manifestiere.

Der Erzähler gibt nun seinerseits ein Beispiel: Ein ihm bekannter Knabe habe in einem Augenblick der Figur des Dornausziehers geglichen, aber unter der Kontrolle seines Verstandes die Bewegung in ihrer Schönheit nicht mehr nachahmen können. Der sechzehnjährige Knabe habe diese spontane Anmut vergeblich in seinem Spiegelbild wiederzuentdecken versucht und sie durch diese Bemühung gänzlich verloren. Der Tänzer schildert daraufhin einen Bären, der Fechtstöße sämtlich pariert, ohne wie ein menschlicher Fechter auf Finten zu reagieren.

Im Gespräch wird ausgehend von diesen drei Beispielen die These aufgestellt, dass entweder völlige Abwesenheit von Bewusstsein (wie der „Gliedermann“ des Marionettentheaters) oder ein absolutes, „unendliches“ Bewusstsein (wie ein Gott) das gewünschte „natürliche“ Verhalten erzeuge. Vollendete Anmut und Natürlichkeit besitze demnach jemand, der sich entweder völlig unbefangen und unbewusst wie ein Kind verhalte oder aber in Aufhebung der Folgen des Sündenfalls dieses ideale Bewusstsein wiedererlangt habe:

„[…] so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.“

Der Erzähler zieht daraus die Schlussfolgerung: „Mithin […] müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?“

Kleists Aufsatz wurde auch als versteckte Satire auf das Berliner Theater unter August Wilhelm Iffland gedeutet. Obwohl Kleists Das Käthchen von Heilbronn bereits im März 1810 in Wien aufgeführt worden war, gab Iffland als Direktor des Berliner Königlichen Nationaltheaters im August 1810 Kleist das eingereichte Manuskript zu diesem Bühnenstück zurück mit der Bemerkung, dass es nicht aufführbar sei. Kleist erwiderte diese Abweisung ab Oktober 1810 mit mehreren Artikeln zum Königlichen Nationaltheater in Form von Rezensionen, Darlegungen und Anmerkungen in den Berliner Abendblättern. Da die Theaterdirektion als königliches Hofamt nicht kritisiert werden durfte, wurde Ende November 1810 die Veröffentlichung aller Artikel, die auf das Königliche Nationaltheater hindeuteten, durch Polizeizensur verboten. Zwei Wochen später erschienen ab 12. Dezember 1810 in den Berliner Abendblättern die vier Teile Über das Marionettentheater, wobei insbesondere in den ersten beiden Teilen die verborgene Kritik an Iffland zu finden sei.[5]

Die Literaturwissenschaftlerin Hanna Hellmann veröffentlichte um 1910 im Rahmen ihrer Kleiststudien die Schrift Über das Marionettentheater, die sich als wegweisend für das Verständnis von Kleists Philosophie des Lebens und der Kunst erwies.[6][7]

Eugen Victor Herrigel zitiert das Essay in seinem Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens, um westlichen Lesern eine kulturell näher verwandte Sichtweise auf Zen zu präsentieren: „Zum Vergleich empfehle ich H. von Kleist's Traktat.Ober das Marionettentheater". Von ganz anderen Ausgangspunkten her kommt Kleist dem hier behandelten Thema verblüffend nahe.“[8]

Primärliteratur

  • Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, mit einem Vorwort von Wilfried Nold und einem Beitrag von Wolfgang Kurock, Puppen & Masken, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-935011-64-8.
  • Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, mit einem Nachwort von Josef Kunz, Inselbücherei Nr. 481, Frankfurt am Main 1980, ISBN 978-3-458-08481-5.
  • Gabriele Kapp (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Über das Marionettentheater. Studienausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 2013. S. 9–17.

Sekundärliteratur

  • Reinhold Steig: Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe. Spemann, Berlin/Stuttgart 1901.
    • Reprint: Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn 2005.
  • Walter Müller-Seidel (Hrsg.): Kleists Aufsatz über das Marionettentheater. Studien und Interpretationen. Schmidt, Berlin 1967 (enthält als Nachdruck Hanna Hellmann: Über das Marionettentheater. S. 17–31).
  • Ingeborg Scholz (Hrsg.): Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater. Analysen und Reflexionen, Bd. 33. Beyer, Hollfeld 2003, ISBN 3921202558.
  • Franz-Josef Deiters: „umsonst! er war außer Stand, dieselbe Bewegung wieder hervorzubringen“. Die Suspendierung des Menschen von der Bühne in "Über das Marionettentheater". In: Ders.: Die Entweltlichung der Bühne. Zur Mediologie des Theaters der klassischen Episteme. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2015, S. 189–198. ISBN 978-3-503-16517-9.
  • Caroline Mannweiler: Von Kleists "Über das Marionettentheater" zu Becketts "Theatre without Actors". In: Kleists Rezeption. Heilbronn, Neckar: Kleist-Archiv Sembdner 2012, S. 80–94.
  • Wolfgang Palaver: Gott oder mechanischer Gliedermann? Die religiöse Problematik in Kleists Essay "Über das Marionettentheater", in: G. Crepaldi u. a. (Hrsg.): Kleist zur Gewalt. Transdisziplinäre Perspektiven. Innsbruck University Press, Innsbruck 2011, S. 45–62.
  • Gerhard Kurz: „Gott befohlen“. Kleists Dialog „Über das Marionettentheater“ und der Mythos vom Sündenfall des Bewusstseins. In: Kleist-Jahrbuch 1981/82, S. 264–277.
  • Rüdiger Bubner: Philosophisches über Marionetten. In: Kleist-Jahrbuch 1980, S. 73–85.
  • Gabriele Kapp (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Über das Marionettentheater. Studienausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 2013. S. 20ff
  • Gerhard Oberlin: Gott und Gliedermann. Das ›unendliche Objekt‹ in Heinrich von Kleists Erzählung ›Über das Marionettentheater‹ (1810). In: Kleist-Jahrbuch 2007, S. 273–288.
  • Gerhard Oberlin: Modernität und Bewusstsein. Heinrich von Kleists letzte Erzählungen. Eine literaturpsychologische Studie. Mit einer Begründung der intermediären Hermeneutik. Gießen 2007 (IMAGO/Psychosozial-Verlag). 358 S.
  • Gerhard Oberlin: Kleist verstehen – Text und Deutung. Königshausen & Neumann, Würzburg 2022.
Wikisource: Über das Marionettentheater – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

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  1. Ueber das Marionettentheater. In: Berliner Abendblätter. 63tes Blatt. Den 12ten December 1810. (Textarchiv – Internet Archive)
  2. Ueber das Marionettentheater. (Fortsetzung). In: Berliner Abendblätter. 64tes Blatt. Den 13ten December 1810. (Textarchiv – Internet Archive)
  3. Ueber das Marionettentheater. In: Berliner Abendblätter. 65tes Blatt. Den 14ten December 1810. (Textarchiv – Internet Archive)
  4. Ueber das Marionettentheater. (Beschluß.). In: Berliner Abendblätter. 66tes Blatt. Den 15ten December 1810. (Textarchiv – Internet Archive)
  5. Alexander Weigel: Unmaßgebliche Bemerkungen. Strategien Kleists im Kampf um das Nationaltheater in den Berliner Abendblättern 1810. In: Günter Blamberger et al. (Hrsg.): Kleist-Jahrbuch 2007. J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 2007, ISBN 978-3-476-02243-1, S. 133–151 (Digital Publishing Platform & Content Marketing Solutions [abgerufen am 26. Oktober 2021]).
  6. Hanna Hellmann: Heinrich von Kleist. Darstellung des Problems. Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1911, S. 13–30. (Textarchiv – Internet Archive)
  7. Marcel Behn: Aug' in Auge. Heinrich von Kleists Über das Marionettentheater in Theater und Forschung (= Andreas Kotte [Hrsg.]: Materialien des Instituts für Theaterwissenschaften Bern. Band 18). Chronos, Zürich 2020, ISBN 978-3-0340-1588-2, doi:10.33057/chronos.1588 (E-Book kostenlos (PDF; 2,7 MB)).
  8. Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens. 27. Auflage. Otto Wilhelm Barth, München 1987, ISBN 3-502-64280-X, S. 71.