Benutzer:Jonathan Scholbach/Achill

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Johann Heinrich Füssli, Thetis beweint den Tod des Achill, 1780, Art Institute of Chicago

Achill ist in vielen mediterranen Regionen Gegenstand eines Heroenkults geworden. Es ist unklar, wie der Kultus seinen Aufschwung genommen hat, denn in der Regel konzentrieren sich die Heroenkulte auf das Grab des Helden. Im Fall Achills würde man erwarten, seine Überreste unweit von Troja im Hellespont zu finden: In der Ilias (XXIII) wird Patroklos dort beerdigt und dessen Geist bittet Achill darum, dass ihre sterblichen Hüllen am gleichen Ort begraben werden sollen. Die Odyssee beschreibt genauer, dass ein großer Tumulus, ein vom Meer aus sichtbarer Grabhügel von den Achäern errichtet worden ist.[1] Dort ist die Verehrung des Heros im fünften Jahrhundert vor Christus belegt[2] und eine nach ihm benannte Stadt, Achilleion, ist an dieser Stelle gegründet worden.[3] Die Thessalier führten dorthin eine jährliche Pilgerfahrt durch,[4], und die Quellen erwähnen, dass auch die persische Armee während der Perserkriege dorthin kam und Achill ebenso verehrte [5] wie nach ihnen Alexander der Große[6] und auch Caracalla[7].

Der Achillkult beschränkt sich aber nicht nur auf seine Grabstätte: Er wird ebenso im kleinasiatischen Eritrea, in Kroton, in Sparta und in Elis verehrt, und selbst auf Astypalea, einer kykladischen Insel.[8] Der Kult, von dem wir die größte Zahl an Spuren haben, ist der Kult aus der Region Olbia am Schwarzen Meer, der vom sechsten Jahrhundert vor Christus bis zur Zeit des Römischen Reichs belegt ist. Eine Reihe von Grabstelen aus dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus beweisen, dass Achill dort unter dem Beinamen „Pontarch“ (altgriechisch für Herrscher der Pontos) verehrt wurde. Er ist auch in römischer Zeit eine der Hauptgottheiten dieser Region.[9] Ein Fragment des Alkaios von Lesbos, das die Wortverbindung dieser Grabinschriften wieder aufnimmt, spricht davon, dass Achiill über die Skythen herrscht.[10] Im gleichen Gebiet wird die Halbinsel Tendra als „Rennbahn des Achilleus[11] bezeichnet. Der Name leitet sich möglicherweise von den athletischen Spielen ab, die dort zur Ehre des Heros veranstaltet wurden und für die es Zeugnisse aus dem ersten Jahrhundert gibt.[12] Schließlich ist Leuke (heute die Schlangeninsel, wörtlich: „Die Weiße“) im Nordwesten des Schwarzen Meers die Kultstätte des Achill, die in der Antike am bekanntesten war. Sie beherbergt einen Tempel und eine Statue.[13] Dem Heros wird zugeschrieben, dort zu wohnen: Er erscheint den Seefahrern, die sich der Insel nähern, als Vision.[14].

Die Achill-Verehrung ist oftmals mit dem Meer verbunden, eine Verbindung, die sich nicht aus den Elementen seines Mythos erklären lässt, sondern nur aus der Tatsache, dass er der Sohn einer Nereide, einer Meergottheit, ist. Er wird auch gemeinsam mit Thetis im kleinasiatischen Eritrea verehrt.[15] Er ist besonders bei Seefahrern beliebt, die ihm die meisten der Opfergaben geweiht haben, die man im Schwarzen Meer gefunden hat.[16]

Die früheste bekannte Darstellung Achills ist auf einem Elfenbeinsiegel aus Perachora von 800 v. Chr.[17]


Literatur und Philosophie

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In der Antike[18] dominiert die Überlieferung, dass Achill nach seinem Tod fortlebt. Davon setzt sich die Ilias ab, und kompensiert dies durch sein Weiterleben in der unvergänglichen Rühmung durch die Dicher. Homer legt den kühnen Achill als Gegenbild zum listigen und manchmal lügnerischen Odysseus an. Das zentrale Merkmal Achills in der Ilias ist sein Zorn. Dabei bezeichnet Homer seinen Zorn als Ausfluss des Göttlichen. Er habe nichts mit der Wut und dem Groll gewöhnlicher Menschen gemein, sondern ist ein heiliger Zorn, eine göttliche Passion. Auch die anderen Helden der Ilias sind von der Mania besessen, von kriegerischem Wahn, der sie blendet – mit Ausnahme von Odysseus. Sein Ehrgefühl motiviert dort sowohl seinen Rückzug aus der Schlacht, als auch seinen Wiedereintritt: Als Agamemnon ihm die Briseis entreißt, ist er zutiefst gekränkt. Er fühlt sich, als hätte er seine Heldenehre verloren, dank derer Zeus ihn zu seinen Lieblingen zählt. Infolgedessen beeindrucken ihn die Sühnegeschenke wenig, die ihm Agamemnon anbietet. Schlimmer noch, es heizt seinen Zorn nur weiter an, dass Agamemnon glaubt, seine heilige Raserei mit einfachen Geschenken ruhig stellen zu können. Denn obzwar sie sehr kostbar sind, sind sie doch bloß menschlich und daher wertlos im Angesicht dessen, was Achills Göttlichkeit ausmacht. Um die Ehre des Patroklos wiederherzustellen, rächt er ihn an Hektor. Neben diesem dominierenden Charakterzug steht in der Ilias allerdings auch sein Mitleid mit Priamos bei der Herausgabe von Hektors Leiche.

Anders als Homer sprechen die griechischen Lyriker von Achills Leben nach dem Tod: Alkaios bezeichnet ihn als Herrscher über die Skythen, Ibykos und Simonides siedeln ihn mit Medea als Gattin im Elysium an, bei Stesichoros lebt er nach seinem Tod auf der Insel der Seligen weiter.

In den Oden des Pindar wird Achill als Beispiel größter Leistung besungen[19], und dafür, wie zwar der Tod das menschliche Glück beschränkt, aber durch Unsterblichkeit in der Dichtung kompensiert werden kann[20]

Achill taucht in verschiedenen Dramen als handelnde Figur auf: das einzige dieser Dramen, das noch erhalten ist, ist EuripidesIphigenie in Aulis. In den verlorenen Euripides-Dramen Telephos und Die Leute von Skyros tritt Achill auf, und in Hekabe fordert sein Geist die Opferung der Polyxena. In Aischylos’ Werk taucht Achill in der verlorenen Tragödie Seelenschwäche auf, in der sein Kampf mit Memnon beschrieben wird, sowie in einer Tragödie, die den Streit um seine Waffen zum Thema hat, und in einer Achilleis-Trilogie, in der die Beziehung zu Patroklos als homoerotische Beziehung beschrieben wird.

Sokrates befasst sich damit, Achills moralische Geradlinigkeit in Frage zu stellen. Mithilfe eines Vergleichs zwischen Odysseus und Achill zeigt Sokrates, dass Achill nicht weniger als Odysseus ein Betrüger, sondern nur ein Betrüger mit geringerer Begabung gewesen sei: Nur mangels ausreichender intellektueller Größe sei Achill nicht dazu in der Lage gewesen, andere hinters Licht zu führen. Platon gibt der Figur des Achills eine ethische Bedeutung, indem er sein Weiterleben nach dem Tod auf der Insel der Seligen als Belohnung für seinen Liebestod deutet.[21] Auch Aristoteles[22] stellt Achill als ethisches Vorbild dar.

Ein Bewegungsparadoxon des Zenon von Elea kontrastiert die sprichwörtliche Schnelligkeit des Achill damit, dass er eine Schildkröte nicht einholen kann.

In der römischen Antike wird Achill vor allem auf seine Grausamkeit und Mordlust reduziert: Die fragmentarisch überlieferten Dramen Achilles, Hectoris Lytra des Ennius und Myrmidones, Achilles und Epinausimachia des Accius stellen vermutlich den Trotz Achills ins Zentrum, der ihn innerhalb des griechischen Heeres isoliert. In VergilsAeneis dient Achill vor allem dazu, den Kontrast für die vorblildliche Tugend des Aeneas abzugeben. Bei Horaz,[23] in den Metamorphosen des Ovid[24] und bei Seneca[25] erscheint Achill grausam und blutrünstig. Cicero kritisiert die Leidenschaftlichkeit Achills aus stoischer Perspektive als krankhaft. Statius bringt in seiner unvollendeten Achilleis Achills kriegerische und sexuelle Gewalt in eine Analogie. Dies drückt sich auch im Penthesilea-Motiv aus: Achill, der Penthesilea kriegerisch überwunden hat, wird von ihr überwunden, indem er sich in sie verliebt. Catull betont die Verbindung von Achills frühem Tod und seinem Ruhm.[26]

Spätantike und Mittelalter

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Im Mittelalter tritt die Homer-Rezeption in den Hintergrund.[27] Stattdessen werden im lateinischen Westen die fiktiven Trojaberichte des Dyctis Cretensis (Ephemeris Belli Troiani) und des Dares Phrygius (Acta diurna belli Troiani) rezipiert, die sich als Augenzeugenberichte ausgeben. Dyctis Cretensis rückt dabei die schon bei Hyginus erwähnte Liebe Achills zu Polyxena ins Zentrum seines Schicksals: Achill wird von den Trojanern unbewaffnet in den Apollon-Tempel gelockt, um vorgeblich mit Polyxena vermählt zu werden, und dabei hinterrücks ermordet.[28]) Dyctis Cretensis schildert Achill als unachtsam.[29]). Um 500 n. Chr. deutet Fulgentius die verwundbare Ferse – als Sitz der Venen, welche die Verbindung zum Sitz der Leidenschaften herstellen – als Allegorie auf die Verwundbarkeit des vorbidlichen Helden durch seine Leidenschaft. Der Texte des Dyctis Cretensis und die Deutung Fulgentius werden die Grundlage dafür, wie Achilleus in den höfischen Trojaromanen des 12. und 13 Jahrhunderts erscheint: Achill wird dort einerseits als Vorbild für höfische Ritterlichkeit, andererseits als Beispiel verderbenbringender Minne geschildert.

Viele Trojaromane des Mittelalters sind den Trojanern mehr gewogen als den Achäern. Das führt dazu, dass Achill im Zweikampf mit Hektor als hinterhältig beschrieben wird: Nur mit Heimtücke überwindet er Hektor, sein Tod wird als die gerechte Strafe dafür angesehen, zuerst um 1165 im Roman de Troie des Benoît de Saint-Maure und in dessen Bearbeitung des Guido delle Colonne Historia destructionis Troiae im späten 13. Jahrhundert. Herbort von Fritzlar schrieb um 1195 ein Liet von Troye, in welchem Achill gleichberechtigt neben Hektor steht, ebenso wie im Trojanerkrieg von Konrad von Würzburg. In französischer Sprache entstehen im 14 Jahrhundert zwei Texte, zwischen 1316 und 1328 der anonyme Ovide moralisé und 1400 die Epistre Othea von Christine de Pizan, die beide die Kritik an Achill enthalten, indem sie Hektor als vorbildlich beschreiben, wohingegen Achill das Opfer seiner Liebe wird. Dieser Wertung folgt auch das Troy Book von John Lydgate, das wie zwei andere mittelenglische Bearbeitungen des Textes von Guido delle Colonne zu Beginn des 15. Jahrhunderts entsteht.

In der Renaissance ist weiterhin das Thema der Liebe vorherrschend. Entscheidend für das Verständnis Achills in der Renaissance ist ein gewandeltes Konzept der sinnlichen Liebe, die nicht mehr als Makel angesehen wird. In Dante Alighieris Commedia taucht Achill zwar im zweiten Höllenkreis auf,[30] wo die Wollüstigen büßen, aber die vom Erzähler empfundene pietá widersprichz der einfachen Deutung der Liebe als Sünde. Für Petrarca ist Achill ein, und seine wird als Beweis der Kraft der Liebe angeführt.[31]

Achills Zorn, François-Léon Benouville (1821–1859) (Musée Fabre)

Zu Ende des 18 Jahrhunderts ist in Deutschland ein Verständnis Homers vorherrschend, dass die Antike als ästhetischen Gegenbegriff der Einfachheit, Natur und Humanität im Gegensatz zur Moderne begreift. Dies trifft auch auf die Achilles-Rezeption zu: Johann Gottfried Herder idealisiert Achilles zum „Kern dessen, was die Griechen Tugend nannten, Großherzigkeit (megalopsycha) und edlen Stolz, hohes Selbstgefühl und die äußerste Wahrheitsliebe.“[32] Die Kausalverbindung von Achilleus’ Leidenschaft und seinem Tod wird aufgelöst, und seine Emotionen werden als Zeugnis für seine Menschlichkeit gedeutet.

Johann Wolfgang von Goethe hat eine Achilleis in 8 Gesängen begonnen, hat das Projekt jedoch bereits nach der Fertigstellung des ersten Gesanges aufgegeben. Goethe zeichnet darin Achilleus als „tief bewegt und sanft“, zugleich aber als seines bevorstehenden Todes gewiss (er lässt bereits selbst seinen Grabhügel aufschaufeln) und als fatalistisch-unerschrockenen Kämpfer. Schiller macht in seinem Gedicht Nänie Achilleus zum Inbegriff des sterblich Schönen, und beschreibt an drei Beispielen – Eurydike, Adonis und Achill –, wie die poetische Klage als Kompensation für den Verlust einsteht. Umgekehrt wird Achill in Friedrich Hölderlins 1799 entstandener Elegie Achill zum klagenden Protagonisten, der um die Wegnahme der Briseis trauert. Hölderlin vergleicht sich selbst mit Achill und bedauert in seiner Liebestrauer um Susette Gontard: Göttersohn! o wär ich wie du, so könnt ich vertraulich / Einem der Himmlischen klagen mein heimliches Leid.


Briefe über Homer Hegel (Ästhetik), Kleist (Penthesilea) Uhland (Achill 1812), F. Schlegel (Achilles 1921), Nietzsche (Die Geburt der Tragödie §3 und 5, Menschliches, Allzumenschliches Nr.211),

Heinrich von Kleist

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Achilles Tod wird in Heinrich von Kleists Drama Penthesilea anders dargestellt als in der antiken Tradition: Achill will der geliebten Frau nur scheinbar im Kampf erliegen und zieht ihr waffenlos entgegen; sie verkennt seine Absicht und tötet ihn; Meroe, Penthesileas Waffengefährtin, berichtet:

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust …
… als ich erschien
Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.

Entsetzt über ihre eigene Tat wählt Penthesilea ebenfalls den Tod. Auf makabre Art und Weise nimmt dieser Schluss den Doppelselbstmord des Dichters zusammen mit einer Freundin vorweg.

Die Begegnung zwischen Odysseus und Achill in der Unterwelt wird von Heine aufgegriffen in dem Gedicht Epilog:

Unser Grab erwärmt der Ruhm.
Torenworte! Narrentum!
Eine beßre Wärme gibt
Eine Kuhmagd, die verliebt
Uns mit dicken Lippen küßt
Und beträchtlich riecht nach Mist.
Gleichfalls eine beßre Wärme
Wärmt dem Menschen die Gedärme,
Wenn er Glühwein trinkt und Punsch
Oder Grog nach Herzenswunsch
In den niedrigsten Spelunken,
Unter Dieben und Halunken,
Die dem Galgen sind entlaufen,
Aber leben, atmen, schnaufen,
Und beneidenswerter sind,
Als der Thetis großes Kind
Der Pelide sprach mit Recht:
Leben wie der ärmste Knecht
In der Oberwelt ist besser,
Als am stygischen Gewässer
Schattenführer sein, ein Heros,
Den besungen selbst Homeros.

Eine andere Sichtweise auf die literarische Figur Achilleus liefert Christa Wolf in Kassandra. In der Erzählung der Seherin Kassandra, die von Apollon dazu verdammt wurde, dass ihr keiner ihre Weissagungen glaubt, taucht Achilleus als mordgierige Verkörperung allen Zerstörungsdranges auf und wird nur „Achill das Vieh“ genannt. Dass es sich hierbei um eine Reduktion seines Charakters handelte, muss der Autorin bewusst gewesen sein. Sie hat den Mann, der sich in Frauenkleidern der Kriegsteilnahme zu entziehen versuchte, der wegen einer Frau den Krieg bestreikte, der mit Priamos über die Sinnlosigkeit des Krieges weinte, der sich in die sterbende Penthesilea verliebte und der durch ein Ehebündnis mit Polyxena den Krieg fast zum Erliegen brachte, aus Gründen des Effekts ausgeblendet.

Marion Zimmer Bradley

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In ihrem Roman Die Feuer von Troja beschreibt Marion Zimmer Bradley Achilleus als ein Monster, welches sowohl Hektors Leichnam schändete und auch Penthesileas Leiche nach der Tötung vergewaltigte. Gleichzeitig tötete nicht Paris ihn mit dem Bogen, sondern Kassandra in der Gestalt von Apollon.

Obwohl Achill ein Abkömmling des Peleus und der Thetis ist, ist er sterblich.

Achill ist daher eine zwiespältige Persönlichkeit, denn es steht ihm frei, die Riten der Helden und die Sitten der Menschen zu respektieren. Dies zwingt ihn dazu, keiner Gruppe anzugehören, was ihm einen abseitigen Platz im Werk Homers verschafft.[33]

Diese Zwiespältigkeit Achills scheint besonders stark zur Identifikation einzuladen.[34][35] Er ist friedliebend und hasst den Krieg, aber wenn er kämpft, dann unwiderstehlich und brutal; er erscheint den einen Autoren heterosexuell (Deidameia, Briseis, Polyxena), anderen eher homosexuell (Patroklos)[36]; er schwankt zwischen Unterordnung unter ein gemeinsames Ziel und völliger Eigenwilligkeit; er ist jung, schön und schnell – und dennoch verletzlich; er ist ein gefürchteter Kämpfer – und flieht in der Not in die Arme seiner Mutter. Bereits bei Homer sind alle diese Widersprüche in seiner Person vereinigt, und doch vermittelt er nie den Eindruck eines poetischen Konstrukts. In dieser Fülle der Eigenschaften, der Widersprüche liegt seine besondere Lebenskraft: Weil sein Stolz gekränkt ist, tritt er in Kriegsstreik. Aus einem privaten Motiv kehrt er auf den Kriegsschauplatz zurück: er will seinen Freund rächen. Die eigentlichen Kriegsziele, Troia und Helena, sind ihm anscheinend völlig gleichgültig. Alle anderen Kriegsteilnehmer stehen im Dienst der Kriegsziele, der Kämpfer Achilleus aber verwirklicht sich selbst. Für Hegel verkörpert Achilleus das Ideal des epischen Helden: „Bei Achill kann man sagen: Das ist ein Mensch! – Die Vielseitigkeit der edlen menschlichen Natur entwickelt ihren ganzen Reichtum an diesem einen Individuum.“[37]

Achill und Ajax spielen, attische schwarzfigurige Amphore ca. 510 v. Chr., Villa Getty (86.AE.81)

Achill wird häufig „Pelide“, „Aiakide“ oder auch „Pyruus“ genannt, Beinamen, die an seine Ahnen erinnern. Die Etymologie seines eigentlichen Namens ist unbekannt.[38] Die Frage nach der Herkunft seines Namens wurde schon inder Antike gestellt:

Der Pseudo-Apollodor erklärt, dass sein Name soviel bedeutet wie „der keine Lippen hat“ – als Zusammensetzung aus dem altgriechischen Negationspräfix α- (a-) und χεῖλος (kheĩlos) „Lippe“, weil seine Lippen niemals an einer Mutterbrust gesaugt hätten,[39]. Lykophron führt den Namen auf die gleiche Wurzel zurück, allerdings mit der Begründung, dass Achill nach seiner Geburt durch Feuer eine Lippe verloren habe[40]

Eine andere antike Hypothese gibt dem Namen den Sinn von „derjenige, dessen Heer betrübt ist“, von altgriechisch ἀχός (áchos) „Kummer, Leid“ und λαός (laós) „Heer, die Menge der Krieger“.[41] Tatsächlich ist die Figur Achills mit Kummer verknüpft: die Achäer empfinden ihn, als er sich aus der Schlacht zurückzieht, und wenn er stirbt. Eine auf der gleichen Wurzel ἀχός (áchos) beruhende Deutung interpretiert den Namen als „derjenige, der den Trojanern (also den Illiern) Leid zugefügt hat“.[42]

Moderne Überlegungen deuten die Wurzel αχελ (achel) als Hinweis auf eine Wassergottheit – mit etymologischen Parallelen zu den Flussgottheiten Acheron und Acheloos –, wofür auch seine Abstammung von der Meergottheit Thetis und der Kampf mit dem Skamander spricht. Andere führen den Namen auf Αχιλόγονος (Achilógonos) „Schlangensohn“ zurück, da seine Mutter sich vorzugsweise in eine Schlange verwandelte.[43]

Primärliteratur

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Sekundärliteratur

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  • Anthony Edwards:
    • Achilles in the Odyssey: Ideologies of Heroism in the Homeric Epic In: Beiträge zur klassischen Philologie Bd. 171, Meisenheim, 1985.
    • Achilles in the Underworld: Iliad, Odyssey, and Æthiopis. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies. Bd. 26 (1985), S. 215-227.
  • Timothy Gantz: Early Greek Myth. Johns Hopkins University Press. 1993
  • Guy Hedreen: The Cult of Achilles in the Euxine. In: Hesperia. Bd. 60, Nr.3 (Juli-September 1991), S. 313-330.
  • Katherine Callen King: Achilles: Paradigms of the War Hero from Homer to the Middle Ages. University of California Press, Berkeley, 1987.
  • C. J. Mackie :
    • Achilles in Fire: Classical Quarterly, Bd.48, Nr.2 (1998), S.329-338,
    • Achilles' Teachers: Chiron and Phoenix in the 'Iliad', Greece & Rome, Bd.44, Nr.1 (April 1997), S. 1-10.
  • Pantelis Michelakis: Achilles in Greek Tragedy. Cambridge University Press. Cambridge, 2002.
  • Gregory Nagy:
    • Le Meilleur des Achéens. La fabrique du héros dans la poésie grecque archaïque, Seuil, coll. Des travaux, Paris, 1999,
    • The Name of Achilles: Questions of Etymology and 'Folk Etymology'. In: Illinois Classical Studies, 19, 1994.
  • Robert Schmiel: Achilles in Hades. In: Classical Philology, Bd. 82, Nr. 1 (Januar 1987), S. 35-37.

Einzelnachweise

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  1. Odyssee (XXIV, 80-84)
  2. Hedreen, S.313
  3. Plinius der Ältere: Naturalis historia (V, 15); Strabon: Geôgraphiká (XIII, 1, 32); Diogenes Laertios: Über Leben und Lehren berühmter Philosophen (I, 74). Achilleion wird in den Historien des Herodot (V, 94) erwähnt
  4. Flavius Philostratos, Über Heroen (53, 8-18).
  5. Herodot (VII, 43)
  6. Diodor von Sizilien: Bibliothéke historiké(XVII, 17, 3) ; Arrian, Anabásis Aléxandrou (I, 12, 1) ; Cicero, Pro Archia (24) ; Plutarch: Bíoi parálleloi (Alexander, 72).
  7. Cassius Dio (77, 7).
  8. Hedreen, S.314
  9. Hedreen, S.323
  10. „Ἀχιλλεύς ὀ τὰς Σκυθίκας μέδεις“ Akhilleús o tàs skythíkas médeis (frag. 354 LP)
  11. Ἀχιλλέως δρόμος (Akhilléus drómos) Herodot (IV, 55) und Strabo (VII, 3, 19)
  12. Hedreen, S.318
  13. Pausanias (III, 19, 11)
  14. Arrian, Rundfahrt durch das Schwarze Meer (23) ; Flavius Philostratos, Über Heroen (55, 2-3), (56, 2-4) und (56, 6-9); Maximos von Tyros (6-7)
  15. Hedreen, S.122.
  16. Hedreen, S.122.
  17. Dafür, und für den gesamten Absatz: Achilleus. Ikonographie. In: Hubert Cancik, Helmut Schneider (Hg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Stuttgart und Weimar: Metzler 1996. Bd. 1, Sp.80-81
  18. für den gesamten Absatz vgl. Susanne Gödde: Achilleus. In: Der Neue Pauly. Supplemente Bd.5: Mythenrezeption., Stuttgart und Weimar: Metzler 2008, S.1-14, Abschnitt B.1. Antike
  19. Pindar: Nemeen (III,43-52), (VI,45-54); Isthmien (V,34-45), (VII,47-55)
  20. Pindar: Isthmien (VIII,56)
  21. Platon: Hippias minor
  22. Aristoteles: Poetik
  23. Horaz: Carmina (4,6,1-24), Epistulae (2,2,42), Ars poetica (120-122)
  24. Ovid: Metamorphosen (12,157-163), (13,1-398)
  25. Seneca der Jüngere: Troades (1162-1164),(1195)
  26. Catull: Carmina (64,338-352)
  27. für den ganzen Absatz vgl.: Susanne Gödde: Achilleus. In: Maria Moog-Grünewald (Hg.):Der Neue Pauly. Mythenrezeption, Stuttgart und Weimar. Metzler 2008. Supplemente Bd. 5, S. 1-14, Abschnitt B.2 Spätantike und Mittelalter
  28. http://www.theoi.com/Text/DictysCretensis1.html
  29. Dyctis Cretensis: Ephemeris Belli Troiani 1,14, 4,11
  30. Dante Alighieri: Commedia Fünfter Gesang des Inferno [1]
  31. Petrarca: Canzione 187f., Triumphus fame 2,9
  32. Johann Gottfried Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität 34, zit. n. Susanne Gödde: Achilleus. In: Maria Moog-Grünewald (Hg.):Der Neue Pauly. Mythenrezeption, Stuttgart und Weimar. Metzler 2008. Supplemente Bd. 5, S. 9
  33. Dieser Abschnitt basiert auf Pietro Citati: La Pensée chatoyante, Kapitel I, „Achille“.
  34. Gregory Nagy: Le Meilleur des Achéens. La fabrique du héros dans la poésie grecque archaïque. coll. «Des travaux». Seuil, Paris 1999, ISBN 2-02-012823-3.
  35. Hélène Monsacré: Les larmes d'Achille. Le héros, la femme et la souffrance dans la poésie d'Homère, Albin Michel, Paris 1984, ISBN 2-226-02163-9.
  36. William Armstrong Percy: Reconsiderations about Greek Homosexualities. In: Same–Sex Desire and Love in Greco-Roman Antiquity and in the Classical Tradition of the West. Binghamton, 2005, S. 19.
  37. Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik. Band I, Frankfurt a.M. 1983, S. 308.
  38. Pierre Chantraine: Ἀχιλλεύς. In: Dictionnaire étymologique de la langue grecque:, Klincksieck, Paris, 1999
  39. Bibliotheke des Apollodor (III, 13, 6)
  40. Achilleus. In: Hubert Cancik, Helmut Schneider (Hg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Stuttgart und Weimar: Metzler 1996. Bd. 1, Sp.76
  41. Leonard R. Palmer: The Interpretation of Mycenaean Greek Texts, Clarendon Press, 1963, S.79
  42. Achilleus. In: Hubert Cancik, Helmut Schneider (Hg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Stuttgart und Weimar: Metzler 1996. Bd. 1, S.76
  43. Hans von Geisau: Achilleus 1. In: Der Kleine Pauly (KlP). Band 1, Stuttgart 1964, Sp. 46.
Commons: Achilleus – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Achilleus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Spätantike und Mittelalter

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Tiepolo, Achills Zorn, 1757, Fresko der Villa Valmarana (Vicenza). Athene hält Achill davon ab, Agamemnon zu töten

.


in "Mythos" noch einarbeiten ?

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  • ? Tötung des Troilus (Pauly)
  • ? Die Rinderherden des Äneas (Pauly)
  • ? Palamedes (Pauly)
  • ! Erscheinung des Achilleus nach seinem Tode (Pauly Sp. 241)