Öğündük

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Öğündük
Wappen fehlt
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Öğündük (Türkei)
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Basisdaten
Provinz (il): Şırnak
Landkreis (ilçe): İdil
Koordinaten: 37° 20′ N, 41° 45′ OKoordinaten: 37° 20′ 17″ N, 41° 44′ 42″ O
Höhe: 800 m
Einwohner: 384[1] (2013)
Telefonvorwahl: (+90) 486
Postleitzahl: 73 xxx
Kfz-Kennzeichen: 73
Struktur und Verwaltung (Stand: 2014)
Muhtar: Şemun Vergili
Öğündük

Öğündük (aramäisch Midin, arabisch Middo, kurdisch Midih) ist ein christlich-aramäisches Dorf im Landkreis İdil in der Provinz Şırnak im Südosten der Türkei im Gebirgszug Tur Abdin.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Öğündük liegt, etwa 800 m über dem Meeresspiegel, am Übergang eines Kalksteinmassivs zu den östlich davon gelegenen Basaltblockfeldern. 15 km weiter südöstlich liegt der erloschene Vulkan ’alam (türkisch Elim Dağı) mit über 1.000 Höhenmetern. Direkt am östlichen Ortsrand beginnt eine tiefe Schlucht, die von den Ortsansässigen Roghulo d-gihano (Höllenschlund) genannt wird.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die benachbarten Ortschaften Öğündüks verteilen sich wie folgt:

Midyat
47 km
Yarbaşı
18 km
Kloster Mor Gabriel
27 km
Nachbargemeinden İdil
16 km
Sarıköy
13 km
Kefshenne
2 km

Klima[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Klima ist mediterran, im milden Winter und Frühjahr regnet es teilweise sehr viel. Die Sommer sind sehr heiß und trocken.

Flora[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis in die 1950er Jahre gab es noch dichte Eichenwälder. Inzwischen ist fast alles bis auf einige größere Eichen abgeholzt. Die türkische Armee hat im Krieg gegen kurdische Separatisten regelmäßig die verbliebenen Wälder abgebrannt, um den Kämpfern die Deckung zu nehmen. Im ganzen Tur Abdin herrschen mediterrane Hartlaubgewächse vor.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im fruchtbaren Umland von Öğündük werden Wein, Honig- und Wassermelonen, Feigen, Gurken, Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse, Mandeln, Pistazien u. a. angebaut. Neben Ackerbau gibt es noch traditionell Viehzucht für den eigenen Bedarf.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Massakern im 19. Jahrhundert, dem Völkermord an den Aramäern 1915 und der Auswanderung nach Europa liegt seit einigen Jahren die Bevölkerungszahl konstant bei etwa 50 aramäischen Familien.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Ortseingang liegt die Gendarmeriestation der türkischen Streitkräfte.

  • 1953: Errichtung einer staatlichen Grundschule
  • 1989: Anschluss an das Strom- und Telefonnetz
  • 1996: Fertigstellung eines Wasserturms
  • 1999: Ausbau einer befestigten Straße
  • 2001: Fertigstellung einer Kanalisation

Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den Zuzug von kurdischsprachigen Christen vor etwa dreihundert Jahren und durch die sehr weit östliche Lage im Tur Abdin entwickelte sich in Midin ein eigener Dialekt des Aramäischen.[2] Er beinhaltet auch Wörter des Klassisch-Aramäischen (Kthobonoyo) und Neuost-Aramäischen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsname[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Schriften aus dem 6. Jahrhundert erwähnen hier eine Grenzfestung Minduos bzw. Mindun, deren genaue Lage allerdings noch nicht geklärt ist. Davon leitet sich vermutlich der aramäische Name des Dorfes ab.

Der Ort bis zur Antike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An den Abhängen der Schlucht in der Nähe der Siedlung gibt es zahlreiche natürliche und künstlich geschaffene Höhlen, daher vermutet man, dass hier bereits in vorgeschichtlicher Zeit ein Siedlungsplatz lag. Bei Bauarbeiten gefundene einzelne Rollsiegel wurden von Wissenschaftlern auf die mittelassyrische Zeit (1500–1000 v. Chr.) datiert. In den assyrischen Berichten über den Feldzug König Assurnasirpals II. (883-859 v. Chr.) im Jahr 879 v. Chr. gegen die aramäischen Fürsten und Könige des Tur Abdin wird der Ort nicht erwähnt.

Römisch-Persische Kriege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem 4. Jahrhundert wurden jüngst noch mitten in der Ortschaft Münzen mit griechischer Inschrift Kaiser Konstantins I. des Großen und seiner Söhne gefunden. Zu dieser Zeit war der größte Teil des Tur Abdin, also vermutlich auch Midin, bereits christianisiert.

Die ersten nachchristlichen Jahrhunderte wurden von Grenzstreitigkeiten zwischen Römern und Persern und den späteren Römisch-Persischen Kriegen geprägt. Von 363 an war der Tur Abdin 250 Jahre lang die östlichste Flanke des Römischen Reiches. Die Grenze zwischen beiden Imperien führte direkt am östlichen Dorfrand von Midin vorbei in die Schlucht, die hier anfängt, und weiter entlang zum Tigris hin. Die Gebiete östlich von Midin bis südlich des Klosters Mor Malke bei Arkah waren persisch. Im Norden und Nordosten bildete der Tigris die natürliche Grenze.

Aufstieg des Islams[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Später wurde der Tur Abdin in die islamische Welt eingegliedert. Die Araber nahmen das Land in den Jahren 639 und 640 in Besitz. Der Tur Abdin wurde somit ein Teil des Sarazenen-Reiches. Aus dem 10. Jahrhundert (911 oder 914 n. Chr.) ist eine Inschrift aus Midin erhalten. Sie ist die früheste Grabinschrift einer Ordensschwester im Tur Abdin.

Ansonsten spielte der Ort in der Geschichte keine herausragende Rolle. Bezeugt ist, dass Midin 1453 durch kurdische Nomaden zerstört und ebenfalls im 15. Jahrhundert von Horden aus Diyarbakır gebrandschatzt wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts plünderten Banden des Masur Beg aus Botan Midin.

Erster Weltkrieg, Völkermord 1915[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie fast alle christlichen Ortschaften im Tur Abdin wurde Midin 1915 im Zuge des Völkermords an den Aramäern angegriffen. Der Ort konnte gegen die Angreifer nicht gehalten werden. So flüchteten die Bewohner nach der ersten Belagerung nach Beth Sbirino, dem heutigen Haberli, wo sie mit vielen anderen Christen aus den umliegenden Dörfern in der festungsartig gebauten Kirche Mor Dodo die Belagerung überstanden[3]. Sieben Jahre später kehrten die ersten Einwohner wieder zurück. Mehr als 1.000 Einwohner von Midin wanderten für immer in den Irak und Libanon aus.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Türkisches Institut für Statistik (Memento vom 1. Dezember 2014 im Webarchiv archive.is), abgerufen 1. Dezember 2014
  2. Otto Jastrow, Laut- und Formenlehre des neuaramäischen Dialekts von Midin im Tur ʻabdin 4. Aufl. 1993 Harrassowitz, Wiesbaden (Diss.)
  3. David Gaunt, Jan Bet̲-Şawoce, Racho Donef.Massacres, Resistance, Protectors: Muslim-christian Relations in Eastern Anatolia During World War I Gorgias Press LLC, 2006 ISBN 1593333013 S. 206

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Öğündük – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien