Ökomodernismus

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Ökomodernismus, auch Ökopragmatismus, ist ein neues Gedankenkonzept im Bereich des Umweltschutzes, das sich in Opposition zum Mainstream der Umweltbewegung sieht. Kernpunkte des Ökomodernismus sind die „Entkoppelung vom Naturverbrauch“[1] und die generelle Ansicht, dass Industrialisierung, Globalisierung und Modernisierung untrennbar von Klima- und Naturschutz sind. Zuerst verwendet wurde der Begriff von Wissenschaftlern des amerikanischen Breakthrough Institute, die sich selbst in ihrem „Ecomodernist Manifesto“ als Ökomodernisten bzw. -pragmatiker bezeichnen.[2] Zu den Verfassern des Manifestes gehören Joyashree Roy, Barry Brook, Ruth DeFries, Michael Shellenberger und Ted Nordhaus.[3] Unter den 18 Unterzeichnern sind auch John Asafu-Adjaye, Stewart Brand, Mark Lynas, Roger A. Pielke junior, Mark Sagoff und Robert Stone.[2]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökomodernisten wollen sich von den gängigen und weit verbreiteten Ansichten zu den Themen Umwelt und Klima abheben und eine Alternative für eine Debatte bieten, die ihrer Ansicht nach festgefahren scheint. Sie bezweifeln meistens, dass kulturelle Änderungen, die von vielen Umweltschützern gefordert werden (weniger Konsum, mehr Subsistenz etc.), erreichbar sind. Insbesondere in Hinsicht auf die weiterhin weit verbreitete Armut in großen Teilen der Welt sei das naiv.[4] Sie gehen davon aus, dass die meisten Umweltprobleme technologisch gelöst werden können.

Ein bedeutendes Dokument der Ökomodernisten ist das Ecomodernist Manifesto. Zu seinen wichtigsten Punkten gehören:[2]

  1. Die Intensivierung von Landwirtschaft, Aquakultur, Energieerzeugung und menschlicher Siedlungsflächen sollen nach dem land-sparing-Prinzip die Natur schonen.
  2. Energie sei essentiell für eine effektivere Nutzung von natürlichen Ressourcen (bspw. Wasserreinigung und -entsalzung, Recycling, intensive Landwirtschaft mit minimalem Flächenverbrauch), d. h. billigere Energie sei ein sehr wichtiger Faktor für die Realisierung solcher Technologien. Dabei gelten Kern- und Solarenergie langfristig als die effizientesten Energieerzeuger.
  3. Ernsthafte Bedrohungen seien der Klimawandel, die Ausdünnung der Ozonschicht und Versauerung der Meere.
  4. Generelle Abhängigkeit von der Natur sei zu reduzieren, um diese schützen zu können.
  5. Globale Urbanisierung soll den Naturverbrauch reduzieren und Wachstum fördern.
  6. Nachhaltigkeit sei durch Renaturalisierung und Neubewilderung des Planeten zu erreichen.
  7. Klimaschutz dürfe nicht bedingungslos vor die Interessen der Menschen vor allem in ärmeren Ländern gestellt werden.
  8. Staaten und Gesellschaften müssten ihre Energien darauf verwenden, diese Ziele zu erreichen. Moderne Lebensstandards in der Welt und die Förderung von Entwicklungs- und Schwellenländern müssten priorisiert werden. Die Mittel dafür seien eigentlich vorhanden. Dazu müssten aber auch ideologische Vorbehalte aus dem Weg geräumt werden.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewegung der Ökomodernisten hat auch schon Kritik hervorgerufen, die vor allem im Internet laut wird. Innerhalb von Blog- und Kommentareinträgen wird heftig diskutiert. Die wichtigsten Gegenpunkte sind dabei:

  1. Die Vision einer vom Menschen „gemachten“ Natur sei keine „echte“ Natur. Sie sei nicht frei, sondern so, wie es der Mensch will. Dabei gehe es auch nur darum, die positiven Aspekte der Natur herauszufiltern, ohne dabei auf das Gleichgewicht zu achten.[5]
  2. Wenn der Mensch sich von der Natur löste, gäbe es auch keinen Grund mehr, diese zu schützen und zu wahren. Dadurch werde der Natur ihr Wert aberkannt.[5]
  3. In vielen Punkten seien die Ökomodernisten zu unkonkret (Auslöser für Diskussionen sind: Unfreiwillige Verstädterung, grundsätzliche Bereitschaft von Staaten und Gesellschaften, sich überhaupt für diese Veränderungen einzusetzen, Verbleib und Lagerung von Atommüll, unvorhersehbare Veränderungen der Welt und deren Einflüsse).[5]

Im Buch Perspektiven der Nachhaltigkeit: Vom Leitbild zur Erfolgsstrategie, herausgegeben von Arnd Hardtke und Marco Prehn, wird bemängelt: „Öko-Effizienz und Öko-Modernismus wurden beide aus der Industrie heraus entwickelt. Sie sind nicht mit einer nachhaltigen Entwicklung in Übereinstimmung zu bringen, weil sie untrennbar mit Wachstum, Globalisierung und Freihandel (als Gegenpol zu fairem Handel) verbunden sind.“[6]

Eine generelle Kritik von land-sparing-Ansätzen, wie der der Ökomodernisten, übte der deutsche Ökologe Jörn Fischer von der Leuphana Universität Lüneburg.[7] Er argumentierte, die Debatten seien zu sehr auf technologische Aspekte fokussiert und ließen sozio-ökonomische und kulturelle Faktoren außer Acht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan Grossarth: Glaubensstreit über grünes Wachstum. In: FAZ. 23. Mai 2015, S. 24.
  • Mark Lynas: The God Species: How Humans Really Can Save the Planet... Fourth Estate, London 2012, ISBN 978-0-00-737522-6.
  • Aleksandar Janjic: Transhumanistic Conservation - Warum der heutige Naturschutz scheitern wird. In: Conference Essay for Ecomodernistic Approaches in Conservation Biology and Ecology. 2017.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thilo Spahl: Neue Ökobewegung 2.0, in: The European, 27. April 2015
  2. a b c Ecomodernist Manifesto
  3. Eduardo Porter: A Call to Look Past Sustainable Development, in: New York Times, 14. April 2015
  4. Lynas, S. 121 und 238.
  5. a b c Peter Heller: Die Gegenrede zum Manifest der Ökomodernisten: Der Ökologismus ist nicht modernisierbar!, bei: science-skeptical, 21. Mai 2015
  6. Arnd Hardtke, Marco Prehn (Hrsg.): Perspektiven der Nachhaltigkeit: Vom Leitbild zur Erfolgsstrategie. Wiesbaden: Betriebswirtschaftlicher Verlag Gabler, 2012, S. 132 link bei Google books
  7. Joern Fischer: Land sparing versus land sharing: Moving forward. Ideas for Sustainability, 19. Dezember 2013, abgerufen am 12. Juli 2015 (englisch).