Ökosystemischer Ansatz nach Bronfenbrenner

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Mit dem ökosystemischen Ansatz erstellte der Psychologe Urie Bronfenbrenner in den späten 1960ern eine Systematik der Einflussfaktoren der menschlichen Entwicklung. Er wurde dabei maßgeblich von Kurt Lewin und dessen Konzept der Lokomotion beeinflusst.

Beschreibung[Bearbeiten]

Ökosystem bedeutet dabei die gesamte materielle und soziale Umwelt eines Menschen. Diese strukturiert Bronfenbrenner in folgende Systemebenen:

Ökosystemebenen bei Bronfenbrenner
  • Mikrosysteme (in der Grafik rot) umfassen die unmittelbaren Beziehungen eines Menschen zu anderen Menschen oder zu Gruppen, also beispielsweise die Beziehung zur Familie, der Schule, dem Arbeitsplatz etc. Auf dieser Ebene der persönlichen Beziehungen gestalten beispielsweise Kleinkinder in Interaktion mit den Bezugspersonen ihre eigenen Entwicklungsbedingungen mit.
  • Ein Mesosystem (blau) ist die Gesamtheit der Beziehungen eines Menschen, also die Summe der Mikrosysteme und die Beziehung zwischen ihnen. Ein Beispiel für eine mesosystemische Interaktion ist das Zusammenspiel zwischen Kindertagesstätte und Elternhaus.
  • Ein Exosystem (grau) ist ein Beziehungsgeflecht, dem die Person nicht direkt angehört, so dass sie nur einen beschränkten oder gar keinen Einfluss auf dessen Gestaltung hat. Dennoch haben die Exosysteme mitunter erheblichen Einfluss, da ihm Bezugspersonen der Person angehören. Ein solches Exosystem ist zum Beispiel die Arbeitsstelle der Mutter eines Kindes. Die geringen Einflussmöglichkeiten bei gleichzeitig hoher Wirkung werden etwa am Beispiel der Interaktion zwischen Lehrern und Eltern bei der Schulwahl am Ende der Primarstufe deutlich.
  • Das Makrosystem (grün) ist die Gesamtheit aller Beziehungen in einer Gesellschaft, damit auch der Normen, Werte, Konventionen, Traditionen, der kodifizierten und ungeschriebenen Gesetze, Vorschriften und Ideologien.
  • Chronosysteme (gelb) umfassen die zeitliche Dimension der Entwicklung, z. B. die markanten Zeitpunkte in der Entwicklung, und deren biografische Abfolge. Bronfenbrenner unterscheidet zwischen „normativen“ Chronosystemen (wie dem Schuleintritt oder der Aufnahme der Berufstätigkeit) und „non-normativen“ (etwa schwere Krankheit von Angehörigen oder Lotteriegewinn).

Hintergrund[Bearbeiten]

Für Urie Bronfenbrenner stehen das Zusammenspiel zwischen Systemen und der Übergang von Menschen aus einem System in ein anderes im Vordergrund seiner Überlegungen. Mit diesem Ansatz untersucht er unterschiedliche Rahmenbedingungen, in denen menschliche (in erster Linie kindliche) Entwicklung stattfindet. Dabei arbeitet er unter anderem heraus, dass es wichtig für die Entwicklung ist, dass die verschiedenen Systeme eines Menschen miteinander vereinbar sind; dass Erfahrungen und Verhaltensweisen, die ein Mensch in einem System erlernt hat, auch in anderen Systemen anwendbar sind und Menschen auf die Gestaltung der verschiedenen Systeme, an denen sie teilhaben, auch Einfluss haben müssten.

Kritik[Bearbeiten]

Kritiker wenden gegen diesen Ansatz ein, dass er nur formal argumentiere und die gesellschaftlichen Machtmechanismen weitgehend außer Acht lasse.

Literatur[Bearbeiten]

  • Urie Bronfenbrenner: Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Natürliche und geplante Experimente. Klett-Cotta, 1981, ISBN 3-12-930620-X.
  • Urie Bronfenbrenner: Recent Advances in Research on the Ecology of Human Development. In: R.-K. Silbereisen, K. Eyferth, G. Rudinger: Development as Action in Context - Problem Behaviour and Normal Youth Development. Springer, Berlin 1986, S. 287–310.
  • Urie Bronfenbrenner, Ann Crouter: The evolution of environmental models in developmental research. In: P.-H. Mussen: Handbook of Child Psychology, Volume I: History, Theory, and Methods. 4. Auflage, John Wiley & Sons, New York 1983, S. 357–414.