4. Sinfonie (Schostakowitsch)

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Die Sinfonie Nr. 4 in c-Moll (Opus 43) von Dmitri Schostakowitsch wurde 1934 begonnen. Schostakowitsch war jedoch mit den ursprünglichen Ideen für seine vierte Sinfonie unzufrieden und verwarf sein anfängliches Werk. Im September 1935 begann er erneut an der Sinfonie zu arbeiten und vervollständigte sie im Mai 1936.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Halbfertig mit seiner Komposition, wurde der Komponist im berüchtigten Leitartikel der Prawda „Chaos statt Musik“ des Formalismus angeprangert. Dennoch arbeitete Schostakowitsch weiter an der Sinfonie und kündigte seinen Kritikern an, dass diese seine vierte Sinfonie das „Credo ihres Komponisten“ sein würde. Dieser Ankündigung folgend erklärte sein bester Freund, der Musikologe Iwan Sollertinski, auf einem Treffen des Komponistenbundes, dass die vierte Sinfonie den Komponisten retten und sie sich als Schostakowitschs „Eroica“ herausstellen würde.

Trotz dieser sehr gefährlichen und schwierigen Zeiten drängte Schostakowitsch weiter mit seinen Plänen, die Sinfonie, sobald es für ihn möglich war, uraufzuführen. Schließlich wurde die Sinfonie als Auftritt der Sankt Petersburger Philharmoniker angenommen und das Datum der Premiere wurde auf den 30. Dezember 1936 festgesetzt. Dirigieren sollte der damalige Musikdirektor des Orchesters, Fritz Stiedry. Schostakowitsch konnte auch Otto Klemperer zusichern, die Sinfonie zum ersten Mal außerhalb der UdSSR aufzuführen.

Was als Nächstes passierte, bleibt unklar. An einem Punkt während der Probe der vierten Sinfonie der Sankt Petersburger Philharmoniker entschied Schostakowitsch, die Sinfonie zurückzuziehen, mit der Behauptung, er fühle, das Finale würde eine Überarbeitung benötigen. Er sollte später unterschiedliche Erklärungen dafür geben, warum er die vierte Sinfonie zurückzog. In einem Interview in den späten 1950ern erklärte Schostakowitsch, dass er die Sinfonie zurückzog, weil er fühlte, die Sinfonie würde als Ganzes unter einer „Grandiosomanie“ leiden, obwohl es Teile im Werk gab, die ihm gefielen. Noch später sollte er behaupten, dass er die Sinfonie zurückzog, weil Fritz Stiedry während der Probe ein entsetzliches Durcheinander mit der Sinfonie veranstaltete. Kürzlich nannte Schostakowitschs Freund Isaak Glikman in seinem Buch Tagebuch einer Freundschaft als wahren Grund, warum die Sinfonie zurückgezogen wurde, den von Parteivorsitzenden ausgeübten Druck auf den Manager der Sankt Petersburger Philharmoniker, die Sinfonie vom Probenplan zu nehmen. Er verteidigte auch Fritz Stiedrys Musikertum gegen Schostakowitschs Behauptung der Inkompetenz. Bald nach dem Fiasko rund um den Rückzug der vierten Sinfonie wanderte Fritz Stiedry in die Vereinigten Staaten aus. Stiedry sollte später ein erfolgreicher Hausdirigent für die Metropolitan Opera in New York City sein.

Während der frühen und mittleren 1940er Jahre sehnte sich Schostakowitsch nach der Uraufführung seiner vierten Sinfonie und schrieb eine Reduzierung des Werkes für zwei Klaviere, um die Sinfonie interessierten Musikern zeigen zu können. Schostakowitsch und sein Komponistenkollege Mieczysław Weinberg uraufführten diese Fassung für zwei Klaviere bei einem Treffen des Komponistenbundes 1946. Trotzdem war Schostakowitschs Unternehmung, die orchestrale Version aufzuführen, vergeblich. Die Orchesterpartitur ging verloren. Als in den frühen 1960ern ein Bibliothekar der Sankt Petersburger Philharmonie die Orchesterstimmen in den Archiven des Orchesters fand, wurde die Partitur Note für Note rekonstruiert. Die vierte Sinfonie wurde dann dem Dirigenten Kirill Kondraschin anvertraut und am 30. Dezember 1961 von den Moskauer Philharmonikern verspätet uraufgeführt. Diese Interpreten führten die vierte Sinfonie 1962 auch beim Edinburgh Festival auf. Die deutsche Erstaufführung erfolgte 1963 in Dresden mit der Dresdner Staatskapelle unter Kirill Kondraschin.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontrovers diskutiert ist die These, dass sich dieses Werk kritisch zur russischen Geschichte, insbesondere zur Machtergreifung Stalins und den Stalinistischen Säuberungen äußert. Dieser Eindruck wird auch durch die implizierte Symbolik der Instrumentation erzeugt - das Fagott (zu dem dem Komponisten eine besondere Nähe nachgesagt wird) als Symbol für Schostakowitsch, während die Posaune als Zeichen Stalins gedeutet werden kann, dazu die militaristische Rhythmik des ersten Satzes als Synonym für den Schrecken oder der Walzerrhythmus Mitte des dritten Satzes, der zur Stimmung des Werkes nicht so recht passen mag und angetrieben von den Posaunen eine fröhliche Situation regelrecht zu erzwingen versucht. Insbesondere der Klimax zum Ende des dritten Satzes, stellvertretend für eine Art Parteitagshymne geltend, erinnert sehr stark an die Schreckensthematik aus dem ersten Satz und kann daher auch nicht als Glorifizierung oder Verherrlichung des Systems oder des Parteiapparates dienen.

Schostakowitsch selbst äußerte sich zu seiner vierten Symphonie in seinen Memoiren (die nicht gänzlich unumstritten sind) wie folgt:

"In der Periode, von der ich schon erzählte, war ich dem Selbstmord nahe. Die Gefahr schreckte mich und ich sah keinen Ausweg. Ich war ganz und gar von Furcht beherrscht, war nicht mehr Herr meines eigenen Lebens. Meine Vergangenheit war ausgestrichen. Meine Arbeit, meine Fähigkeiten - sie wurden nicht mehr gebraucht. Und die Zukunft bot keinen Hoffnungsschimmer. Ich wollte einfach verschwinden. Das war der einzig mögliche Ausweg. Ich dachte mit Erleichterung daran. In dieser kritischen Zeit halfen mir Soschtschenkos Gedanken. Er hielt Selbstmord nicht für eine Geistesverwirrung, sondern für einen im höchsten Grade infantilen Akt, für die Meuterei der niederen Kräfte über die höheren, den vollständigen und endgültigen negativen Sieg... Ich ging aus dieser Krise sogar gestärkt hervor, mit mehr Vertrauen in meine eigenen Kräfte... Auch der schändliche Verrat der Freunde und Bekannten erfüllte mich nicht mehr mit soviel Bitterkeit wie zuvor. Er traf mich nicht mehr persönlich. Ich hatte gelernt, mich von anderen Menschen abzusondern. Das wurde meine Rettung. Einige der neu gewonnenen Erkenntnisse sind in meiner vierten Symphonie enthalten. Vor allem am Schluss. Dort ist alles klar ausgedrückt."[1]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das dreisätzige Werk hat eine Dauer von ungefähr einer Stunde:

  1. Allegretto, poco moderato - Presto - Tempo uno
  2. Moderato, con moto
  3. Largo - Allegro

Schostakowitsch verlangt ein immenses Orchester für das Werk mit über einhundert Musikern. Die technischen und emotionalen Anforderungen an die Musiker sind enorm.

Die Sinfonie wird in der Rezeption als von Gustav Mahler stark beeinflusst bezeichnet. Dessen dritte Sinfonie dient Schostakowitsch als Modell für den ersten Satz: „Zu meinem Erstaunen und meiner Freude sehe ich in dem (ersten) Satz, wie im gesamten Werk dasselbe Gerüst, dasselbe Zusammenknüpfen – ohne, dass ich es gewollt, geschweige denn geplant hätte – wie man es bei Mozart findet und, in einer ausgedehnteren und raffinierteren Form, bei Beethoven; es ist dieselbe Idee, die eigentlich mit dem alten Haydn begann. Es muss profunde und ewige Gesetze geben, an die sich Beethoven hielt und die ich als eine Art Bestätigung in meinem Werk sehe.“ Diese von Mahler über seine dritte Sinfonie geschriebenen Worte könnten ebenso gut zum ersten Satz von Schostakowitschs Vierter passen. Was zunächst als unkontrollierte Flut an musikalischen Ideen erscheint ist bei näherer Betrachtung ein streng organisierter, aber einzigartig ausgeführter Satz in Sonatenhauptsatzform. Nur drei Themen dienen als Gerüst für den ersten Satz.

Einer der bemerkenswertesten Bestandteile des ersten Satzes ist ein furioses Presto fugato für die Streicher, das schließlich das gesamte Orchester erfasst und in einem schubartigen fünffachen Forte tutti seinen Höhepunkt erreicht. Der zweite Satz ist ein ländlerartiges Scherzo, das in einer trügerisch einfachen A-B-A-B-A-Form gehalten ist. Dieses schaurige Scherzo, das zeitweise als Reminiszenz an die Scherzi aus Mahlers zweiter und siebter Sinfonie dient, endet mit einem Perkussionsmotiv, das Schostakowitsch im Zweiten Cellokonzert und der fünfzehnten Sinfonie erneut verwenden wird. Der dritte und letzte Satz ist wohl eine von Schostakowitsch komplexesten und bizarresten sinfonischen Schöpfungen. Ein Trauermarsch beginnt den Satz. Dieser führt in eine heftige Toccata, die sich mehrfach zu einer Art groteskem Divertimento hinwendet, das ein bekanntes Solo für Posaune beinahe cartoon-artiger Fröhlichkeit beinhaltet. Das Divertimento macht Platz für eine brutale Choralreminiszenz der Coda von Gawriil Popows Erster Sinfonie. Sie erreicht eine ohrenbetäubende Klimax, als der Trauermarsch vom Satzbeginn wieder auftaucht, die Musik schließlich macht der todesangehauchten Coda Platz. Mit Echos aus Tschaikowskis Pathethique und Gustav Mahlers Das Lied von der Erde, pulsiert die Sinfonie schließlich morendo in die Dunkelheit auf einem kahlen c-Moll-Orgelpunkt.

Aufnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufnahmen des Werkes sind u. a.:

Die beiden letzten Aufnahmen beinhalten auch Aufführungen der erhaltenen, ursprünglichen Skizzen des ersten Satzes der vierten Sinfonie.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dmitri Schostakowitsch: Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch. Hrsg.: Solomon Wolkow. 1. Auflage. List, München 2003, ISBN 3-548-60335-1.