A Beautiful Day

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Filmdaten
Deutscher TitelA Beautiful Day
OriginaltitelYou Were Never Really Here
ProduktionslandFrankreich,
USA,
Vereinigtes Königreich
OriginalspracheEnglisch
Erscheinungsjahr2017
Länge90 Minuten
AltersfreigabeFSK 16[1]
Stab
RegieLynne Ramsay
DrehbuchLynne Ramsay
ProduktionLynne Ramsay,
Rosa Attab,
Pascal Caucheteux,
James Wilson
MusikJonny Greenwood
KameraThomas Townend
SchnittJoe Bini
Besetzung

A Beautiful Day (Originaltitel: You Were Never Really Here) ist ein Melodram von Lynne Ramsay, das am 27. Mai 2017 im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes seine Premiere feierte. Der Film basiert auf einem gleichnamigen Roman von Jonathan Ames aus dem Jahr 2013. Der deutsche Kinostart erfolgte am 26. April 2018.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der abgehalfterte Kriegsveteran Joe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu retten, die kriminellem Sexhandel zum Opfer gefallen sind und Kinderschänder zu töten, unter denen sich immer wieder auch der eine oder andere hochrangige Politiker befindet. Nach getaner Arbeit und nachdem er nicht nur den Tatort gereinigt hat, sondern auch seinen Hammer, sein bevorzugtes Mordwerkzeug, spricht er seinem Auftraggeber John McCleary auf den Anrufbeantworter, dass der Job erledigt sei. Seine Bezahlung erhält er von Mittelsmännern, so von Angel, der in seiner Heimatstadt einen kleinen Supermarkt betreibt. Joe lebt mit seiner an Demenz erkrankten Mutter zusammen in einem Außenbezirk von New York; sie sorgt dafür, dass er auch zu Hause jede Menge zu putzen hat.

Joes Körper ist von Narben übersät, und ständig kommen neue hinzu. Erfahrungen aus seiner Kindheit und aus Kriegseinsätzen scheinen auch auf seiner Seele Narben hinterlassen zu haben. Regelmäßig zieht sich Joe eine Plastiktüte über den Kopf, was ihn fast das Bewusstsein verlieren und die Erinnerungen an die Worte seines Vaters weniger real erscheinen lässt. Wenn sich Joe in der Öffentlichkeit bewegt, hat er immer wieder Flashbacks, die insbesondere durch die Gesichter von Menschen ausgelöst werden.

Joe schaut unangemeldet in den Räumlichkeiten von McCleary vorbei. Bei seinem nächsten Job, so erklärt ihm sein Auftraggeber, gehe es darum, die Tochter eines Senators zurück nach Hause zu bringen, der sich in der Sache jedoch nicht an die Polizei wenden kann, weil er sich mitten in einem Wahlkampf befindet. Von ihrem Vater erfährt Joe, dass die Halbwüchsige nach einem Ausflug am Wochenende nicht zurückgekehrt ist und in welchem Etablissement er sie vermutet. Der Senator will, dass die Männer leiden, die Nina gefangen halten.

Joe begibt sich in einen Baumarkt und besorgt sich einen neuen Hammer. Er observiert das Bordell in Manhattan, in dem er Nina vermutet. Er verschafft sich Zugang zu dem Haus, erschlägt jeden, der sich ihm in den Weg stellt, befreit einige Minderjährige und findet letztlich auch Nina, die halb betäubt auf einem Bett liegt. Er trägt das Mädchen aus dem Haus und fährt mit ihr in ein einfaches Hotel. Dort erfahren sie im Fernsehen vom Tod des Senators. Plötzlich stürmen Polizisten in ihr Zimmer. Der eine von ihnen nimmt Nina mit, den anderen kann Joe in einem Zweikampf töten. Als er McCleary von Ninas erneuter Entführung erzählen will und davon, dass man ihm ins Gesicht geschossen hat, dieser jedoch nicht ans Telefon geht, sucht er dessen Büro auf. McCleary ist tot. Als er nach Hause kommt, findet er dort auch seine Mutter erschossen im Bett liegend vor. Die Mörder befinden sich noch im Haus. Einen erschießt Joe sofort, der andere schleppt sich angeschossen durch die Wohnung. Joe fragt ihn, warum der Senator sterben musste, worauf dieser ihm antwortet "...weil er aus allem raus wollte." Auf die Frage nach Ninas Aufenthaltsort bekommt er die Antwort "Williams". Dabei handelt es sich um Gouverneur Williams, dessen Parteigänger Votto war. Nina sei Williams Favoritin und sie "tauschten sie gern untereinander."

Joe fährt mit der Leiche seiner Mutter zu einem an einem Wald gelegenen See. Er hat nicht nur den Plastiksack, in dem sich ihr Körper befindet, mit Steinen beschwert, sondern sich einige davon auch in die Taschen seines Anzugs gesteckt. Er trägt seine Mutter in den See und versinkt gemeinsam mit ihr. Als Joe plötzlich das Bild von Nina in den Kopf kommt, nimmt er die Steine aus seinen Taschen und taucht wieder auf. Er observiert Gouverneur Williams, folgt dessen Limousine und richtet auf dessen Anwesen ein weiteres Blutbad an. Williams selbst findet er jedoch bereits tot im Haus vor. Nina hat ihm mit einem Rasiermesser die Kehle aufgeschlitzt. Joe fühlt sich als Versager.

Joe und Nina gehen in einen Diner. Beide wissen nicht, wohin sie nun sollen. Joe schläft kurz ein und träumt, dass er sich mit einem Kopfschuss umbringt. Das Mädchen weiß nur, dass sie raus will und erinnert ihren Retter daran, dass draußen so ein schöner Tag ist.

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regie führte Lynne Ramsay, die auch den Roman von Jonathan Ames für den Film adaptierte. Joaquin Phoenix ist in der Hauptrolle von Joe zu sehen. In Rückblenden wird dieser von Dante Pereira-Olson verkörpert. Die Rolle seiner Mutter übernahm Judith Roberts. John Doman spielt Joes Auftraggeber John McCleary. Die Nachwuchsschauspielerin Ekaterina Samsonov übernahm die Rolle von Nina, die Joe aus dem Bordell befreit.

Die deutsche Synchronisation entstand nach einem Dialogbuch und der Dialogregie von Christian Schneider im Auftrag der Interopa Film GmbH, Berlin. Tobias Kluckert leiht in der deutschen Fassung Joe seine Stimme, Luise Lunow seiner Mutter. Sein Auftraggeber John McCleary wird von Eberhard Haar synchronisiert, die verschwundene Nina von Emily Gilbert und ihr Vater Senator Albert Votto von Matthias Deutelmoser.

Die Dreharbeiten fanden an 29 Drehtagen im September 2016 im New Yorker Stadtteil Brooklyn statt und somit am Handlungsort des Films.[2][3][4] Als Kameramann fungierte Thomas Townend.

Die Filmmusik wurde von Jonny Greenwood, einem Mitglied der Rockband Radiohead, komponiert

Die Filmmusik wurde von Jonny Greenwood komponiert. Er hatte mit Ramsay bereits für den Film We Need to Talk About Kevin zusammengearbeitet und bezeichnet sich selbst als ein großer Fan der Regisseurin. Die Streicher vom London Contemporary Orchestra waren für die Aufnahme in das Studio seiner Band Radiohead gekommen und hatten hierbei gezeigt, dass ihre Instrumente nicht nur sanft, sondern auch sehr brutal gespielt werden können, so der Filmkomponist. Besonders stolz sei er auf das Stück Treee gewesen, so Greenwood in einem Interview mit Leonie Cooper von NME, das im Film in der Szene am See verwendet wird und ein weiteres Mal im Abspann zu hören ist.[5] Der Soundtrack zum Film umfasst 14 Musikstücke und wurde am 9. März 2018 in den USA von Lakeshore Records und Übersee von Invada Records digital und später auch in physischer Form veröffentlicht.[6] Eine Woche zuvor hatte Greenwood das Stück Dark Streets veröffentlicht.[7] Am 16. März 2018 stieg der Soundtrack auf Platz 47 in die Soundtrack Albums Chart Top 50 ein.[8]

Zu den weiteren im Film verwendeten Musikstücken, die nicht auf dem Soundtrack enthalten sind, gehören unter anderem The Air That I Breathe von Albert Hammond und After the Lovin’ von Engelbert Humperdinck. Zudem wird der von Bernard Herrmann komponierte Theme aus dem Film Psycho angespielt.[9] Außerdem singen Joe und seine Mutter das Lied A, und gemeinsam mit dem Mörder seiner Mutter singt er I've Never Been to Me von Charlene.[10][11]

Der Film feierte am 27. Mai 2017 im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes seine Premiere. Er war als unfertiger Film eingereicht und wurde nur wenige Tage vor seiner Premiere fertiggestellt. Auch wenn es heißt, der Film sei nicht rechtzeitig für Cannes fertig geworden, erklärte Ramsay, bei der dort gezeigten Version habe es sich um die letzte Schnittfassung gehandelt.[12] Im Oktober 2017 erfolgte eine Vorstellung beim London Film Festival.[13] Ab 19. Januar 2018 wurde der Film im Rahmen des Sundance Film Festivals gezeigt.[14] In Deutschland wurde der Film im Januar 2018 erstmals im Rahmen der Fantasy Film Fest White Nights des Fantasy Filmfests gezeigt. Im April 2018 erfolgte ein Vorstellung beim Lichter Filmfest.[15] Anfang April 2018 kam der Film auch in die US-Kinos. Ein Kinostart in Deutschland erfolgte am 26. April 2018.[16] Im August 2018 soll der Film beim Melbourne International Film Festival gezeigt werden.[17]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altersfreigabe und Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA erhielt der Film von der MPAA ein R-Rating, was einer Freigabe ab 17 Jahren entspricht.[18] In Deutschland erhielt der Film eine Freigabe ab 16 Jahren. In der Freigabebegründung heißt es: „Es gibt mehrere Gewalt- und Tötungsszenen, aber die Gewalt wird nie ausgespielt oder verherrlicht – oft findet sie sogar außerhalb des Bildes statt. Jugendliche ab 16 Jahren haben keine Probleme, diese Szenen zu verarbeiten. Sie können auch der Geschichte problemlos folgen und die moralisch ambivalente Hauptfigur angemessen kritisch einordnen.“[19] Katja Nicodemus von Zeit Online merkt hierzu an, Regisseurin Lynne Ramsay zeige nicht die Gewalt, sondern die Folgen: „Leichen, Blutlachen, gekrümmte Körper am Boden.“[20]

Der Film konnte bislang 87 Prozent der Kritiker bei Rotten Tomatoes überzeugen und erhielt hierbei eine durchschnittliche Bewertung von 8,1 der möglichen 10 Punkte. Im Konsens heißt es dort, mit dem Film werde Lynne Ramsay als eine der einzigartigsten und kompromisslosesten Stimmen des modernen Kinos bestätigt.[21]

Stefan Stosch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung meint, Ramsey reduziere die Handlung auf das nötige Minimum und erzähle in ihrem Film die Geschichte eines Mannes, der an der Brutalität und dem Wahnsinn der Welt beinahe erstickt und sich nach einem letzten Rest Unschuld sehnt, die er längst verloren hat. Stosch bemerkt weiter, es habe schon einige ähnliche Exemplare in der Kinogeschichte gegeben, die es zu großer Berühmtheit gebracht haben, so der von Robert De Niro in Taxi Driver gespielte Travis Bickle, der die jugendliche Prostituierte Iris, gespielt von Jodie Foster, rettet, aber auch Jean Reno als Léon – Der Profi, der sich der misshandelten Mathilda, gespielt von Natalie Portman, annimmt. In A Beautiful Day spüre man jedoch auch den Schmerz, den Joe mit sich herumträgt, so Stosch: „Mag sein, dass Joe Kinder aus den Fängen des Bösen retten kann. Ihn selbst kann niemand erlösen.“[22]

Till Kadritzke sagt: „Ramsey fragmentiert, will uns an die Nerven, mit Detailaufnahmen von scheinbar bedeutsamen Dingen eher irritieren als ernsthaft puzzlen. Und mit Gewalt verstören, natürlich, aber es ist eine Gewalt, der niemals affektive Autorität zugestanden wird.“[23]

Kris Tapley von Variety brachte You Were Never Really Here frühzeitig als möglichen Kandidaten in der Kategorie Bester Film bei der anstehenden Oscarverleihung ins Gespräch. Ramsay habe den gemeinsten Film des Jahres gedreht, und die Leistung von Joaquin Phoenix sei herausragend, der als Schauspieler ebenfalls ein möglicher Kandidat sei. Auch den Filmschnitt hält Tapley für Oscar-würdig.[24]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Joaquin Phoenix, hier bei der Premiere des Films in Cannes, übernahm die Hauptrolle von Joe

Evening Standard British Film Awards 2018

Internationale Filmfestspiele von Cannes 2017

National Film Awards UK 2018

  • Nominierung als Bestes Filmdrama
  • Nominierung als Bester Actionfilm
  • Nominierung für die Beste Regie (Lynne Ramsay)
  • Nominierung für das Beste Drehbuch (Lynne Ramsay)
  • Nominierung als Beste Nebendarstellerin (Judith Roberts)[26]

Filmanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmtitel und Filmgenre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Buchvorlage von Jonathan Ames hat der Film im Original den Titel You Were Never Really Here. Hierzu merkt Stefan Stosch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung an, manchmal scheine Joe, der Mann mit dem Zauselvollbart regelrecht von der Bildfläche zu verschwinden: „Eben war er noch da, plötzlich hat ihn die Dunkelheit wieder verschluckt. Joe umweht etwas Geisterhaftes.“[22] A Beautiful Day, der deutsche Titel des Films, bezieht sich hingegen auf den von Nina am Ende gesprochenen Satz „Es ist ein wunderschöner Tag“, den Joe wiederholend bestätigt, nachdem er sie ein weiteres Mal befreit hat.

Die Filmkritikerin Antje Wessels meint, im Grunde genommen sei A Beautiful Day in erster Linie das Charakterdrama über einen Mann, dessen innere Zerrissenheit zwischen absoluter Hingabe und purer Resignation, und Joaquin Phoenix bringe diesen kongenial auf die Leinwand.[27] Kai Mihm von epd Film sagt, die Regisseurin und ihr Hauptdarsteller trieben mit A Beautiful Day ein außergewöhnliches Spiel mit Genrekonventionen: „Der Ansatz ist intelligenter und hintergründiger. Ramsay baut Erwartungen auf, um diese gezielt zu unterlaufen, etwa wenn sich größere Actionszenen ankündigen, die dann aber so nicht stattfinden – wenn überhaupt. Sie baut dramaturgische Irritationen ein und verweigert die genreüblichen, meist durch Gewalt erzielten Befriedigungen. Mord und Totschlag finden fast ausschließlich außerhalb des Kamerablicks statt; oder sie sind bereits passiert, wenn Ramsays exzellenter Cutter Joe Bini an den Ort des Geschehens schneidet.“[28]

Filmaufbau und Figurenanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Katja Nicodemus von Zeit Online merkt an, der Film zeige nicht die Gewalt, sondern lediglich die Folgen.[20] Die Szene in einem Hotelzimmer, mit der der Film beginnt, beschreibt sie wie folgt: „Die Kamera zeigt Gegenstände des Menschen, den Joe dort offenbar gerade umgebracht hat: Eine Halskette mit dem Schriftzug Sandy. Ein Portemonnaie. Das Foto eines Mädchens mit asiatischen Gesichtszügen – Joe wird es im Mülleimer verbrennen. Und dann Nahaufnahmen der Narben des Auftragsmörders. Erst nach und nach werden die fragmentierten Einstellungen des bulligen Körpers zu einer Person.“[20]

Stefan Stosch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erklärt, A Beautiful Day sei zwangsläufig ein brutaler Film und eine heftige Seherfahrung, wer jedoch die Augen nicht vor dem Entsetzlichen verschließe, werde feststellen, dass er mehr schlussfolgert, als er sieht: „Die Eruptionen der Gewalt finden zumeist außerhalb des Blickfelds statt. Oder die Kamera ist erst dann zur Stelle, wenn der Gegner schon blutüberströmt am Boden liegt.“ Erwartungshaltungen würden so geschickt ausgehebelt, Vieles laufe hier nur suggestiv ab und kippe zudem auch noch in manchem Moment ins Surreale, so Stosch weiter.[22]

Antje Wessels bemerkt, der Film beschreibe zudem nicht bloß Joes Killerattitüde, sondern gebe zugleich auch einen Einblick in sein Seelenleben: „Der ehemalige FBI-Agent ist nur noch ein Schatten seiner selbst und wohnt den vielen Gewalttaten wie ein Zuschauer bei. Selten hat es einem vermeintlichen Helden so wenig Vergnügen bereitet, für das Gute zu kämpfen – eine ganz neue Erfahrung für den Zuschauer von A Beautiful Day.“[27] Alexandra Seibel vom Kurier sagt, Joe habe eindeutig eine schwere Vergangenheit hinter sich, so viel sei sicher. Dennoch wirke Ramseys Versucht zu angestrengt, sowohl seine Psyche, wie auch die Thrillerhandlung möglichst originell, sprunghaft und unberechenbar zu erzählen.[29]

Stefan Stosch erklärt, von Joes Lebensgeschichte erfahre man nur in kurzen, flüchtigen, manchmal auch rätselhaften Rückblenden wie bei einem Puzzlespiel. Er nennt als Beispiel eine Szene, in der er in einem Kriegsgebiet irgendwo im Nahen Osten einem Mädchen einen Schokoriegel schenkt und dieses Mädchen Sekunden später wegen ebenjenes Schokoriegels von einem Jungen erschossen wird.[22] Peter Zander von der Berliner Morgenpost bemerkt, der einsame Kämpfer mit dem Allerweltsnamen sei hier von Anfang an eine müde, ausgebrannte, ja somnambule Figur und kein typischer Killer, sondern verstehe sich als Kinder-Retter.[30] Joe ist nicht nur vom Krieg traumatisiert und sein Körper und seine Seele von Narben übersäht.[31]

Felix Zwinzscher von Welt Online vermutet, dass Joe schon seit seiner Jugend traumatisiert ist, auch wenn nicht ganz klar werde warum, sondern der Film nur andeute, dass es irgendwas mit seinem Vater, häuslicher Gewalt und seiner Vergangenheit als US-Soldat zu tun haben müsse.[32] Peter Zander vermutet, dass er als Kind vom eigenen Vater missbraucht worden ist.[30] Nicht nur Joes Seele hat hierbei Schaden genommen. Bert Rebhandl von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bemerkt, dass seine Traumata auch Schneisen durch seinen Körper geschlagen haben, und Ramsay tue alles, um ihn als einen Untoten wieder zusammenzusetzen, einen Mann, der sich zugleich den Schädel wegblasen kann und dabei den Schlaf des extremen Gerechten weiterschläft.[33] Katja Nicodemus glaubt, mit dem Hammer sei die Gewalt in seiner Kindheit ausgeübt worden, weshalb dieser heute Joes bevorzugte Waffe ist.[20]

Die Regisseurin selbst sagte in einem Interview mit dem Tagesspiegel, Joe sei eine exemplarische Figur, ein gebrochener Actionheld, der von der Gewalt gezeichnet ist, und er sei fehlbar und könne weder sich selbst oder seine Mitmenschen erkennen. Weiter meinte Ramsay, die Gewalt, die wir täglich erleben, sei so explizit, dass sie im Kino banal erscheine. Daher sei sie erstaunt, dass der Film als so brutal wahrgenommen werde, obwohl die Gewalt im Off stattfinde."[34]

Visueller und akustischer Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alexandra Seibel vom Kurier sagt über Lynne Ramsey, die auf haptisches Kino stehe, ihre Filmbilder wollten nicht nur vom Auge gesehen, sondern vom ganzen Körper gefühlt werden, wie das Flüstern auf der Tonspur, der Fluss des Atmens oder das Geräusch des Regens. Auch die Kamera übernehme bei Ramsey die Funktion des Tastsinns, so Seibel, so wenn sie zärtlich über Hautoberflächen streicht und in Nahaufnahmen wie eine Landschaft erforscht. Das mit grauem Barthaar zugewachsene Gesicht von Joaquin Phoenix, sein mächtiger Körper, seine Narben auf dem Rücken und sein Bauch würden ausgelotet wie ein Gebäude, so Seibel. Weiter zeige die Regisseurin in Nahaufnahmen, wie es aussieht, wenn Menschen Jelly Beans zwischen ihren Fingern zerdrücken oder sich Zähne aus dem blutigen Mund ziehen. Die Suche danach, wie sich etwas anfühlt – sowohl innerlich wie auch äußerlich – beflügele Ramseys Bildsuche, so Seibel.[29]

Hämmer in verschiedensten Aus­füh­run­gen sind Joes bevorzugte Mordwaffe

Michael Pekler vom Standard erklärt, A Beautiful Day sei in erster Linie durch die physische Präsenz Joaquin Phoenix' geprägt, dessen Körper Kameramann Thomas Townend wie ein zerstörtes Kunstwerk abtaste, und seine ganze Vergangenheit habe sich in diesen Körper eingeschrieben, vor allem in seine Narben.[35]

Antje Wessels merkt an, auch wenn Joe einen Hammer als Waffe benutze, spritze kein Blut. Dennoch genügten Lynne Ramsey gezielt platzierte Andeutungen dessen, wie gründlich Joe seinen Gegenspielern die Lichter ausknippst. Weiter bemerkt Wessels, die Regisseurin verzichte bis zum Ende auf das visuelle Spektakel, dem sich gerade das Actionkino nur zu gerne hingebe. Optische Besonderheiten genehmige sich die Filmemacherin nur in vereinzelten Traumsequenzen, die das bis dato so betont emotionslose Geschehen in ihrer Symbolhaftigkeit regelrecht konterkarierten, auch wenn diese Szenen nicht ganz zum restlichen Stil des Films passten.[27]

Katja Nicodemus erklärt, Ramsay verwende Bilder und Erinnerungen, wie unser Bewusstsein es tue. Auf fließende Weise verknüpfe sie Gegenwärtiges mit Vergangenem, Präsentes mit Verdrängtem und entwickeln daraus eine eigentümliche Poesie: „Plötzlich in die Wahrnehmung gerückte Details, ungewöhnlich angeschnittene Einstellungen und wie Gedankenblitze wirkenden Einschübe ergeben bei Ramsay so etwas wie eine visuelle Signatur.“[20]

Nicht nur mit ihrem Kameramann kreiere Ramsey um Joes Figur herum eine flirrende Atmosphäre aus Gewalt, Rebellion und Hoffnung(slosigkeit), sondern auch gemeinsam mit ihrem Komponisten Jonny Greenwood, so Antje Wessels.[27] Alexandra Seibel vom Kurier erklärt, Joes oft verstörte Wahrnehmung verschwimme zu dem nervösen Sound von Greenwood zu somnabulen Lichtstreifen in Neo-Noir.[29] In der Filmkritik von heute.at heißt es, in dem genialen Soundtrack spiegelten sich Joes seelische Abgründe wider, was visuell nicht immer so einwandfrei funktioniere, obwohl auch Ramsays Hackschnitzelstil die innere Zerrissenheit des Helden verdeutliche.[36] Kai Mihm von epd Film hingegen bemerkt, die Filmmusik, so gut sie an vielen Stellen passe, behaupte manchmal eine dröhnende Dramatik, die der Film gar nicht bieten will.[37]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: You Were Never Really Here – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für A Beautiful Day. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; Prüf­nummer: 176622/K).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. Zack Sharf: Lynne Ramsay: ‘I Found My Soulmate in Making Movies’ With Joaquin Phoenix. In: 23. Februar 2018.
  3. James Mottram: Scots filmmaker Lynne Ramsey lays into Netflix as she premiers her new movie at Cannes Film Festival. In: The Herald, 28. Mai 2017.
  4. https://www.filmcomment.com/blog/interview-lynne-ramsay/
  5. Leonie Cooper: Radiohead’s Jonny Greenwood on scoring the brutal 'You Were Never Really Here'. In: nme.com, 6. März 2018.
  6. ‘You Were Never Really Here‘ Soundtrack Details. In: filmmusicreporter.com, 26. Februar 2018.
  7. https://consequenceofsound.net/2018/03/jonny-greenwood-shares-dark-streets-from-you-were-never-really-here-score-stream/
  8. http://www.officialcharts.com/charts/soundtrack-albums-chart/
  9. https://musikradar.de/soundtrack-a-beautiful-day/
  10. https://www.youtube.com/watch?v=apZs3eRCQeQ
  11. http://www.bfi.org.uk/news-opinion/sight-sound-magazine/reviews-recommendations/you-were-never-really-here-lynne-ramsay-pointillist-poetry-hard-boiled-brutalism
  12. http://www.imdb.com/title/tt5742374/trivia
  13. https://whatson.bfi.org.uk/lff/Online/default.asp?BOparam::WScontent::loadArticle::permalink=youwereneverreallyhere&BOparam::WScontent::loadArticle::context_id=
  14. https://nativenewsonline.net/currents/2018-sundance-film-festival-latest-additions-announced-including-eight-features-virtual-reality-work-hosted-retrospectives/
  15. A Beautiful Day (You Were Never Really Here). In: lichter-filmfest.de. Abgerufen am 26. April 2018.
  16. Starttermine Deutschland. In: insidekino.com. Abgerufen am 5. Januar 2018.
  17. You Were Never Really Here. In: miff.com.au. Abgerufen am 20. Juni 2018.
  18. You were Never Really Here In: parentpreviews.com. Abgerufen am 11. April 2018.
  19. Freigabebegründung für A Beautiful Day In: Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Abgerufen am 26. April 2018.
  20. a b c d e Katja Nicodemus: „A Beautiful Day“: Mann mit Hammer. In: Zeit Online, 25. April 2018.
  21. You Were Never Really Here In: Rotten Tomatoes. Abgerufen am 4. Juli 2018. Anmerkung: Das Tomatometer bei Rotten Tomatoes gibt an, wie viel Prozent der angemeldeten Kritiker dem Film eine positive Bewertung gegeben haben.
  22. a b c d Stefan Stosch: „A Beautiful Day“: Der Mann mit dem Hammer. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 25. April 2018.
  23. You Were Never Really Here - Kritik In: critic.de. Abgerufen am 31. Dezember 2017.
  24. https://variety.com/2018/film/in-contention/oscars-2018-biggest-contenders-so-far-1202834435/
  25. Robert Dex: Discover all the nominations for this year's Evening Standard British Film Awards In: Evening Standard, 12. Januar 2018.
  26. Nominations For 2018 National Film Awards UK Announced In: nationalfilmawards.org, 15. Januar 2018.
  27. a b c d Antje Wessels: «A Beautiful Day»: Brutale Anti-Action mit Joaquin Phoenix. In: quotenmeter.de, 26. April 2018.
  28. Kai Mihm: Kritik zu A Beautiful Day. In: epd Film, 23. März 2018.
  29. a b c Alexandra Seibel: Filmkritik zu „A Beautiful Day“: Der Tod der Jelly Beans. In: kurier.at, 25. April 2018.
  30. a b Peter Zander: Dämonen, die nicht weichen wollen: "A Beautiful Day". In: Berliner Morgenpost, 28. April 2018.
  31. https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.az-filmkritik-a-beautiful-day-ein-film-wie-ein-hammerschlag.393d25b7-70d9-4a9b-b611-e734ac3b4a02.html
  32. Felix Zwinzscher: „A Beautiful Day“: Mit dem Hammer gegen Mädchenhändler. In: welt.de, 28. April 2018.
  33. Bert Rebhandl: Nur nicht die Augen schließen: In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. April 2018.
  34. Andreas Busche: „A Beautiful Day“-Regisseurin Lynne Ramsay: „Gewalt im Kino wirkt heute banal“. In: Der Tagesspiegel, 25. April 2018.
  35. Michael Pekler: Joaquin Phoenix in „A Beautiful Day“: Der Wolf im Dschungel. In: derstandard.at, 27. April 2018.
  36. „A Beautiful Day“: Mit dem Hammer gegen Kinderschänder. In: heute.at, 13. April 2018.
  37. Kai Mihm: Kritik zu A Beautiful Day. In: epd Film, 23. März 2018.