A Whiter Shade of Pale

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

A Whiter Shade of Pale ist der Titel des erfolgreichsten Hits der britischen Band Procol Harum aus dem Jahre 1967. Die Melodie stammt von Gary Brooker und Matthew Fisher, der Text von Keith Reid.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Keith Reid verfasste den Text zu A Whiter Shade of Pale Anfang 1967 und bot ihn dem Musikverlag Essex Music an, dessen Inhaber David Platz beeindruckt war und noch die fehlende Musik erbat.[1] Im selben Geschäftshaus wie Essex Music arbeitete auch der unabhängige Musikproduzent Denny Cordell, der zusammen mit David Platz die Produktionsgesellschaft Straight Ahead Productions - und später auch New Breed Productions betrieb.[2] Nachdem Gary Brooker die Musik komponiert hatte, entstanden am 7. März 1967 unter Aufsicht von Denny Cordell zwei Demoaufnahmen in Mono.[3] Der Schlagzeuger auf dem Demo gefiel Cordell nicht, und so entschied man sich für den Sessionmusiker Bill Eyden.[4] Gebucht waren für die endgültigen Aufnahmen im April 1967 die Olympic Studios[5] für eine 3-stündige Session, in der nur 2 Takes ohne Overdubs entstanden und in Mono abgemischt wurden. Unter Musikproduzent Denny Cordell und Toningenieur Keith Grant bestand die Besetzung aus Gary Brooker (Gesang und Piano), Matthew Fisher (Hammond-Orgel M-102), Ray Royer (Gitarre), David Knights (Bass) und Bill Eyden (Schlagzeug). Der Schlagzeuger Eyden schlug die Becken ziemlich hart, so dass lediglich das „high-end-Höhenproblem“ zu lösen war, um die technisch höchstmöglichen Töne zu erhalten. Die gesamte Soundmischung stellte sich als glücklicher Umstand heraus, die kaum reproduzierbar war. Die Nachweise über die Aufnahmedaten sind ebenso verschwunden wie das originale 4-Spur-Masterband, nur ein Hinweis auf einer Kassettenschachtel „April 1967: Whiter Shade of Pale plus takes“ blieb erhalten.[6] Tage später entstand in den Advision Studios die B-Seite Lime Street Blues.[7]

Procol Harum - A Whiter Shade of Pale

Die Single A Whiter Shade of Pale / Lime Street Blues (Deram DM 126) wurde am 12. Mai 1967 veröffentlicht. Das unbekannte Label Deram Records war von Decca Records erst im September 1966 als Tochterlabel gegründet worden. In den britischen Charts notierte die Single ab 8. Juni 1967 auf Rang Eins für sechs Wochen, in den USA gelangte sie bis auf Rang 5 der Hitparade. Sie verkaufte in England 356.000 Exemplare innerhalb von drei Wochen seit Veröffentlichung, in Frankreich gingen 120.000 Singles in lediglich 10 Tagen über die Ladentheke.[8] Weltweit wurden mindestens 6 Millionen Singles hiervon verkauft.[9]

Text[Bearbeiten]

Allgemein wird A Whiter Shade of Pale (deutschː Eine Spur bleicher) in den Medien als der Song bezeichnet, den niemand versteht.[10] Im September 1994 erhielt Tim de Lisle[11] von Reid eine Erklärung.[12] Ein nervöser Verführer trinkt sich auf einer Party durch Alkohol Mut an. Zunehmende Alkoholisierung beeinträchtigt seine Wahrnehmung durch streunende Gedanken, Fragmente aus Kindheitserlebnissen und seine kleinmütigen Ziele. Die im Song wiederkehrende Metapher handelt von einer Schiffskatastrophe, indem eine Parallele zwischen romantischer Eroberung und den Gefahren des Meeres gezogen wird. Es gibt Lücken in der Erzählung, die der Hörer durch eigene Phantasien ausfüllen soll. Die übrigen Bandmitglieder haben stets widersprüchliche Aussagen über die Deutung des Textes gemacht, so dass sie bei der Auslegung nicht weiterhelfen.

Der Text ist sehr interpretationsfähig und muss im Zusammenhang mit der zu seiner Entstehungszeit modernen psychedelischen Phase gesehen werden.[13] [14] [15] Kern des Psychedelischen war die Auswirkung halluzinogener Drogen auf die Wahrnehmung des Menschen. Ein früher Kommentar des britischen New Musical Express verneint diese psychedelische Komponente; vielmehr spiele Procol Harum zwischen der Musik von Bach, Soul und Modern Jazz.[16] Allerdings ist hier die Musik und nicht der Text gemeint. Die Konfusion über die textliche Bedeutung ist auch dem Umstand geschuldet, dass die Hälfte des Textes vor der Aufnahmesession herausgenommen wurde. Ursprünglich bestand er nämlich aus 4 Strophen, die zweite und dritte wurden bei der Musikaufnahme gestrichen. Die inhaltliche Bedeutung erschließt sich eher, wenn man die fehlenden Strophen hinzunimmt. Dann wird klar, dass sich der Erzähler auf einem Schiff auf See befindet.[17] Hinzu kommen surrealistische Wortspiele und bizarre Wortkaskaden, die auch in späteren Werken der Gruppe anzutreffen sind. Der – auch im englischsprachigen Raum – rätselhafte, mystische, wenn nicht gar undurchdringliche Text übernimmt zudem klangliche Funktionen, was durch die ausdrucksstarke Stimme von Brooker unterstrichen wird.

Am Anfang steht der bereits Rätsel aufgebende Titel, den Keith Reid bei einer Unterhaltung mitbekommen hatte. „My God, you’ve must turned a whiter shade of pale.“[18] Selbst der Titel wurde verändert, denn er hatte seinen ursprünglich vorgesehenen Untertitel „(- The Miller’s Tale)“ eingebüßt.[19] Procol-Harum-Biograf Johansen vergleicht die Wortspiele mit dem früheren Rhythm & Blues, der die Beziehung zwischen Mann und Frau (insbesondere die Sexualität) in metaphorischer Form behandele.[20] So endet die Verführung – in der fehlenden Strophe – im „ocean bed“ (auf dem Meeresgrund oder im Bett). „We skipped the light fandango“ ist eine Verschleierung der Phrase „we trip the light fantastic“ für „leichtfüßig tanzen“.[21] [22] Es ist von "vestal virgins“ oder „flying ceilings“ die Rede, die einer Phantasiewelt entspringen. Vestalinnen waren Dienerinnen der römischen Halbgöttin Vesta, deren Aufgabe es war, ein heiliges und ewiges Feuer zu erhalten. Der Erzähler möchte seine Partnerin nicht eine von 16 Vestalinnen bleiben lassen. Dies geschieht während einer alkoholisierten oder drogengetriebenen Party, bei der der Protagonist ein Mädchen verführen will (und dies in der nicht aufgenommenen dritten Strophe auch schafft).[23]

Musik[Bearbeiten]

Musikwissenschaftlich gehört der Song wegen seines klassischen Einflusses zum sogenannten „Baroque Rock“, ebenso wie etwa Eleanor Rigby von den Beatles. Fishers feierliches Orgelspiel wurde durch Percy Sledges When a Man Loves a Woman inspiriert. Er hatte die Idee zu der Akkordfolge aus Johann Sebastian Bachs Air aus der Suite Nr. 3 D-Dur. Die Suite Nr. 3 D-Dur (BWV 1068) ist an den Basslinien und am Orgelspiel zu erkennen.[24] Der Popsong besteht aus zwei Melodien, und zwar der gesungenen und der von der Orgel kontrapunktisch gespielten; die Kompositionstechnik des Kontrapunkts erlebte bei Bach ihren Höhepunkt. Das Stück gilt als erste Bearbeitung von Bach-Werken in der Rockmusik, nämlich des Eingangschors der Kantate 140 Wachet auf, ruft uns die Stimme, BWV 140.[25] Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Bearbeitung, da nur die Harmonieabfolge der ersten Takte übernommen wurde.

Näher liegt der Vergleich mit Bachs Air aus der Suite D-Dur, da der getragene 4/4-Takt, die lange Note zu Beginn und der diatonische Abstieg der Basslinie zu erkennen sind (Takt 5 der Air mit Takten 2 und 3 des Songs, jeweils in eine andere Tonart gesetzt). Eine langsam absteigende, schwere Basslinie wird von den Harmonien C-Dur, a-Moll, F-Dur, d-Moll, G-Dur und e-Moll getragen.[26] Das Lied ist in einem typischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Stil (ABAB) gehalten. Bach-Autor Greenberg kommt beim Notenvergleich zu der Schlussfolgerung, dass A Whiter Shade of Pale bei einem Takt ein Bach-Musikzitat darstellt und eine unverkennbare Beziehung zu Bach aufweist.[27] Diese Paraphrasierung könne insgesamt als gelungen bezeichnet werden.

Coverversionen und Statistik[Bearbeiten]

Über 700 Coverversionen sind bekannt. Darunter von den Box Tops (November 1967), Johnny Rivers (LP Realization; Januar 1968), Joe Cocker (August 1978), Bonnie Tyler (LP Goodbye to the Island; Januar 1981), Willie Nelson (Februar 1982), Doro Pesch (LP Force Majeure; Februar 1989), Puhdys (LP Jubiläumsalbum; 1989), Annie Lennox (LP Medusa; März 1995), Michael Bolton (November 1999). Sarah Brightman präsentierte eine im Opernstil vorgetragene Version (LP La Luna; Juni 2001), bei Nicole ist eine Fassung auf der Unplugged-Konzert-DVD Mitten ins Herz (Februar 2008) zu finden. A Whiter Shade of Pale wird auf Rang 57 der Rolling Stone-Liste der größten Songs aller Zeiten geführt. Er wurde als internationaler Song of the Year bei der Ivor Novello Award-Verleihung im März 1968 ausgezeichnet. Der Song wurde in Großbritannien nochmals auf Rang 13 bei seiner Wiederveröffentlichung im April 1972 geführt.

Streit um die Autorenschaft[Bearbeiten]

Der Musikverlag Essex Music hatte ursprünglich als Texter Keith Reid und als Komponist Gary Brooker beim BIEM registrieren lassen. Organist Matthew Fisher behauptete erstmals in einem Interview im Melody Maker vom 13. August 1973, das Orgelsolo, die kontrapunktische Melodie und die Bach-Passagen allein komponiert zu haben. Deshalb verklagte er am 31. Mai 2005 vor dem Londoner High Court of Justice seinen Bandkollegen Gary Brooker und den Musikverlag Onwards Music Ltd. (der inzwischen im Dezember 1991 die Rechte von Essex übernommen hatte) auf einen Anteil von 1 Million Pfund an den Tantiemen. Das am 20. Dezember 2006 gefällte Urteil sprach ihm 40 % der Urheberschaft zu.[28] Das Urteil vom 20. Dezember 2006 ging davon aus, dass das „Orgelsolo einen unverwechselbaren und bedeutenden Beitrag zur Gesamtkomposition darstellt und ganz offensichtlich die Leistung des Erstellers ist“.

Damit hätten Keith Reid und Gary Brooker nicht mehr Anspruch auf je 50 % der Tantiemen, sondern lediglich auf je 30 % gehabt. Deshalb legte Brooker Rechtsmittel gegen dieses Urteil ein, da ihm zufolge Fisher erst nach der Entstehung des Liedes in die Band eingetreten sei.[29] Am 7. Mai 2008 entschied der Court of Appeal im Berufungsverfahren, dass die Beschwerde gegen das Urteil vom 20. Dezember 2006 abgewiesen wird.[30] Damit gehört Fisher zu den Mitkomponisten von A Whiter Shade of Pale. Allerdings wurde ihm kein Recht auf Tantiemen eingeräumt,[31] da er nach Ansicht des Gerichts zu lange mit der Klage gewartet habe.

Nachdem Fisher im House of Lords seinerseits wieder Berufung gegen diese Entscheidung eingelegt hatte, wurde dieses Urteil einstimmig durch fünf Law Lords aus dem House of Lords in der damaligen Funktion als oberstes Gericht des Vereinigten Königreichs am 30. Juli 2009 aufgehoben. Fisher wurden endgültig die Autorenrechte im Sinn des Gerichtsurteils vom 21. Dezember 2006 mit einem Anteil von 40 % an den Tantiemen zugesprochen.[32]

Verwendung des Stücks[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 248
  2. Claes Johansen, Procol Harum: Beyond the Pale, 2000, S. 67
  3. Claes Johansen, a.a.O., S. 66
  4. Eyden war der Schlagzeuger von Georgie Fame
  5. 117 Church Road, Barnes/London SW; dieses neue Studio wurde erst 1966 eröffnet, hier nahmen die Rolling Stones beinahe alle ihre Platten auf
  6. Art Dudley, in: Stereophile, September 2003: Procol Harum (1967)
  7. Claes Johansen, a.a.O., S. 68
  8. Claes Johansen, a.a.O., S. 73
  9. Eric Siblin, The Cello Suites: In Search of a Baroque Masterpiece, 2010, S. 231
  10. BBC Radio 2, Sold on Song vom April 2005, The Song Nobody Understands
  11. Michael Butler, in: Tim de Lisle, Lives of the Great Songs, Februar 1995
  12. The Independent vom 18. September 1994, In Truth They Were at Sea
  13. Jim DeRogalis, Turn on Your Mind: Four Decades of Psychadelic Rock, 2003, S. 167
  14. Edward Macan, Rocking the Classics: English Progressive Rock and the Counterculture, 1996, S. 21
  15. George Case, Out of Our Heads: Rock ‘n’ Roll Before the Drugs Wore Off, 2010, S. 75
  16. New Musical Express vom 9. September 1967, Sven Wezelenburg (dänischer Korrespondent), Procol Harum on Stage – Fantastic, Immobile Yet so Moving
  17. Lee Jensen vom 26. Oktober 2011, The Lost Lyrics of Procol Harum’s ‚A Whiter Shade of Pale‘
  18. Robert Dimery, 1001 Songs: You Must Hear Before You Die, 2011, S. 72
  19. Claes Johansen, a.a.O., S. 58
  20. Claes Johansen, a.a.O., S. 59
  21. Urban Dictionary über „tripping the light fantastic“
  22. en.Wikipedia über Trip the light fantastic (phrase)
  23. Classic Pop Icons, A Whiter Shade of Pale
  24. Michael Long, Beautiful Monsters: Imagining the Classic in Musical Media, 2008, S. 133
  25. Tobias Blücklein, Switched-On-Bach: Bearbeitung der Werke Johann Sebastian Bachs im Bereich von Jazz, Rock- und Popmusk, 2010, S. 37 ff.
  26. Olaf Benzinger, Rock-Hymnen, 2002, S. 33 f.
  27. Bernard S. Greenberg, Does 'A Whiter Shade' quote Bach? vom 4. Juli 1997
  28. A Whiter Shade of Pale authorship lawsuit. Abgerufen am 21. September 2006.
  29. £1m war over Whiter Shade. Abgerufen am 22. Februar 2012.
  30. Court of Appeal vom 7. Mai 2008, Order No. 6799, Appeal No A3/2007/0157 (englisch; PDF; 348 kB)
  31. Ergebnis des Berufungsverfahrens
  32. Victory for Whiter Shade organist (englisch)