Aas

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Gänsegeier (Gyps fulvus) mit stark verwestem Aas

Unter Aas oder Kadaver (lateinisch cadaver) versteht man den toten Körper eines Tieres, wenn er in den Zustand der Verwesung übergegangen ist.[1]

Übergang zum Verwesungsprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Direkt nach dem Tod eines Tieres ist es noch kein Aas, sondern eine Leiche. Beim gestorbenen Tier setzt zuerst eine vollständige Entspannung aller Muskeln ein, danach folgt in meist kurzer Zeit, die Spanne ist temperaturabhängig, die Totenstarre. Da diese meist innerhalb weniger Stunden eintritt, kann bei einer starren Leiche noch nicht von Aas gesprochen werden. Sie ist immer noch Frischfleisch. Durch im Fleisch enthaltene Enzyme löst sich die Leichenstarre nach wenigen Tagen und die Muskeln entspannen sich zum zweiten und letzten Mal. Diese enzymatischen Prozesse (Autoproteolyse) sind die erste Stufe der Verwesung. Von hier an kann nun chemisch von Aas gesprochen werden, obwohl das Fleisch für Menschen und andere Tiere immer noch essbar ist (siehe Abhängen). Das Immunsystem des verendeten Tiers ist zu diesem Zeitpunkt noch einige Zeit teilweise intakt, so dass noch keine bakterielle Fäulnis einsetzen kann, welche die unten genannten Gifte produziert. Antikörper und Leukozyten (weiße Blutkörperchen) im Fleisch der Leiche bekämpfen noch tagelang aktiv die meisten Mikroben, bis die Antikörper verbraucht sind und die Leukozyten alles Vitamin C im Leichnam aufgebraucht haben, das sie für ihre Immunarbeit benötigen. Erst jetzt bricht das Immunsystem des toten Tierkörpers vollständig zusammen und Bakterien besiedeln den Kadaver, beginnen ihn zu verdauen und sich selbst exponentiell zu vermehren.

Zustand des Aases, Genießbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aas in einem Park in Paris
Aas eines Raben mit Käferbefall
Fliegen besiedeln den Kadaver eines Schafes

Bei der Verwesung kommt es zu starkem Aasgeruch durch die Stoffe Cadaverin und Putrescin.[2] Zusätzlich wird das Aas durch bakterielle Gifte wie Tetanospasmin oder auch Botulinumtoxin mit der Zeit immer toxischer. Dabei entstehen nun im Zeitraum von Wochen und Monaten die übel riechenden Fäulnisgase (Aasgeruch).

Am Anfang dieses Fäulnisprozesses ist das Fleisch für Menschen und Tiere noch essbar, die Bakterienendprodukte sind noch zu schwach konzentriert und der Geruch kann als erträglich genug empfunden werden, so dass es gegessen werden kann. Das Fleisch ist zu diesem Zeitpunkt für Menschen lediglich „gut abgehangen“ (siehe Hautgout) und für Raubtiere immer noch gewöhnliches Fleisch. Für den Menschen ist es durch Kochen oder durch Einlegen in desinfizierende Flüssigkeiten, z. B. Wein (Sauerbraten) oder Essig, auch noch einige Tage darüber hinaus genießbar zu machen.

Mit fortschreitender Verwesung wird der Aasgeruch zunächst für Menschen, andere Primaten und die meisten katzenartigen Raubtiere zu streng. Würden sie jetzt noch davon essen, könnten sie davon krank werden oder sterben, weil nun für sie zu viele Bakterienendprodukte enthalten sind. Nun handelt es sich um Aas im eigentlichen Sinne, welches von vielen Fleischfressern nicht mehr angenommen wird.

Von den Aasfressern wie den hundeartigen Raubtieren, Vögeln und einigen wenigen Reptilien wird das Fleisch immer noch gern genommen. Wenn das Aas schließlich dem Zerfall nahe ist und für Menschen und fast alle Raubtiere ungenießbar geworden ist, kann es nur noch von stark spezialisierten Aasfressern wie Hyänen und Geiern gefahrlos verzehrt werden. Zu diesem Zeitpunkt ist das Aas für die meisten Vögel und Säugetiere (inklusive Mensch) stark giftig.

Vom Moment des Sterbens bis zur völligen Verwesung ist das tote Tier für viele Insekten wie Fliegen, Speckkäfer und Aaskäfer als Nahrung begehrt, besonders für deren Larven.[3] Die Insekten sind meist als Erste da und gehen als Letzte wieder weg – dies deshalb, weil die Insekten und ihre Larven durch ihre geringe Größe nur langsam fressen können, während ein Aasfresser mit Zähnen/Schnabel schnell große Mengen fressen kann.

Auswirkung auf Mensch und Umwelt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwesendes Aas in der freien Landschaft stellt einerseits ein hygienisches Problem dar, insbesondere kann Grundwasser durch Krankheitserreger kontaminiert werden. Auch wird der Anblick und Geruch von Aas im Allgemeinen als hässlich oder ekelhaft empfunden. Andrerseits verbessert das Verbleiben von Kadavern in der freien Landschaft die Biodiversität erheblich. Es gibt zahlreiche Tier und Pflanzenarten, die direkt oder indirekt von Aas leben oder irgendeinen Nutzen daraus ziehen können.[4] Bei größeren Kadavern z. B. von Walen oder Rindern besteht die Gefahr, dass Fäulnisgase den toten Körper aufblähen und schließlich zur Explosion bringen können. In solchen Fällen werden vorsorglich Sprengungen oder Eröffnungen der Kadaver durchgeführt. Durch diese Maßnahmen kann die Gefahr kostengünstig beseitigt werden (siehe Walexplosion und Sprengung verendeter Rinder), ohne den Kadaver als Ganzes abtransportieren zu müssen.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Aas wurde im 20. Jahrhundert oft und seltener auch noch heute als Schimpfwort für Personen benutzt („Du Aas“).

Dem alten Volksglauben nach entwickelte sich aus dem verwesenden Fleisch toter Tiere ein neues tierisches Lebewesen. So sollen Bienen aus toten Stieren stammen, Wespen aus Eseln und Hornissen aus Pferden. Zur Verbesserung der Ernte wurde häufig ein Stück Aas mit Knochen in die Krone gelegt, wenn ein Obstbaum keine Früchte trug. Der Baum sollte „sich schämen“ und so im nächsten Jahr wieder reiche Ernte bringen.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dirk Schoenen, Michael Carl Albrecht: Die Verwesung. (= Schriftenreihe des Vereins für Wasser-, Boden- und Lufthygiene. Band 113). WaBoLu, Berlin 2003, ISBN 3-932816-42-0.
    • Teil 1: Dirk Schoenen: Die Verwesung aus hygienischer Sicht.
    • Teil 2: Michael Carl Albrecht: Die Verwesung aus bodenkundlicher Sicht.
  • Aas. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 1, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 11.
  • Aas. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 1, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1905, S. 9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Aas – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bertelsmann (Hrsg.): Universallexikon. 2006, S. 9 (books.google.de).
  2. Wolfgang Legrum: Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft: Vorkommen, Eigenschaften und Anwendung von Riechstoffen und deren Gemischen. Springer, 2011, ISBN 978-3-8348-1245-2, S. 65 (online).
  3. Klaus Honomichl: Insekten: Die heimlichen Herrscher der Welt. C.H. Beck, 2003, ISBN 3-406-41048-0, S. 30 (online).
  4. NECROS-Projekt: Tierkadaver und Biodiversität. Brandenburgische Technische Universität Cottbus–Senftenberg.
  5. Handbuch des Aberglaubens. Band 1, 1996, ISBN 3-85001-570-X, S. 13.