Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī

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Abu l-'Ala al-Ma'arri (arabisch أبو العلاء المعري, DMG Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī; * 973 in Ma'arra; † 1057 in Ma'arra) war ein arabischer Philosoph und Dichter. Er wird trotz seiner unorthodoxen Ansichten als einer der größten klassischen arabischen Dichter angesehen. Er wurde in der nordsyrischen Stadt Ma'arra geboren, erblindete als Kind, studierte in Aleppo, Tripolis und Antiochia, wurde ein bekannter Dichter in Bagdad und kehrte im Jahr 1010 in seine Geburtsstadt zurück, wo er unverheiratet im Alter von 83 Jahren starb.

Al-Ma’arri war ein Freidenker, Skeptiker und Rationalist und orientierte sich an der Vernunft als alleiniger Quelle der Weisheit. Er attackierte die Dogmen der Religion und wies Islam, Judentum, Christentum und Zoroastrismus scharf zurück. Er selbst pflegte einen asketischen, abgeschiedenen Lebensstil und war ein strikter Veganer. Als Anti-Natalist war er der Meinung, dass Kinder nicht geboren werden sollten, um sie von den zu erwartenden Qualen des Lebens zu verschonen. Al-Ma’arris bekannteste Werke sind „Der Zunderfunke“, „Die Vorschrift, die nicht vorgeschrieben ist“ und das „Sendschreiben über die Vergebung“, welches oft mit Dantes Göttlicher Komödie verglichen wird. Algerien verbannte 2007 letzteres von einer Buchmesse.[1][2] 2013 wurde in Syrien eine ihm gewidmete Statue von Dschihadisten der Al-Nusra-Front geköpft.[3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Al-Ma’arri wurde im Dezember 973 in der nordsyrischen Stadt Ma’arra nahe Aleppo geboren, dem heutigen Maarat al-Nu’man. Die Stadt gehörte zum Abbasiden-Kalifat, dem dritten islamischen Kalifat. Er gehörte zur angesehenen Banu Sulayman-Familie, die Teil des Tanukh-Stammes war. Einer seiner Vorfahren war der erste Qādī' von Ma’arra. Der Tanukh-Stamm bildete jahrhundertelang die syrische Aristokratie, mehrere Familienmitglieder waren als Poeten bekannt. Auch sein Vater, Abdallah ibn Sulaiman, war als Philologe und Dichter bekannt. Im Alter von vier Jahren verlor Al-Ma'arri infolge einer Pockenerkrankung sein Augenlicht. Sein späterer Pessimismus kann teils durch seine Erblindung erklärt werden, er beschrieb sich als „doppelten Gefangenen“ von Blindheit und Isolation. Seine Behinderung machte er durch sein ausgezeichnetes Gedächtnis wett.

Erste Versuche als Dichter machte er im frühen Alter von elf oder 12 Jahren. In seiner Heimatstadt und in Aleppo, später auch in anderen syrischen Städten und in Antiochia, studierte al-Ma'arri den Islam und die arabische Sprache und Literatur. Unter seinen Lehrern in Aleppo waren Weggefährten von Ibn Khalawayh. Dieser Grammatiker und Gelehrter starb 980, als al-Ma’arri noch ein Kind war. Trotzdem beweinte er in seinem Gedicht Risalat al-ghufran eindrücklich dessen Tod. Nach einem Bericht Al-Qiftis war Al-Ma’arri auf dem Weg nach Tripolis, als er in einem christlichen Kloster nahe Latakia einer Debatte über die hellenistische Philosophie lauschte, welche seinen späteren Skeptizismus und Irreligiosität beeinflusste.

1004/1005 erfuhr Al-Ma’arri vom Tod seines Vaters, dem er eine Elegie widmete. Später zog er nach Bagdad. Dort machte er die Bekanntschaft zahlreicher Gelehrter und wurde, obwohl er umstritten war, ein gern gesehener Gast in den Gelehrten-Salons der Stadt. In diese Zeit fällt auch ein Streit mit dem Literaten al-Murtada. Nach einem erhitzten Disput über den Rang der Dichtung al-Mutanabbis ließ dieser al-Ma'arri an den Füßen aus seinem literarischen Salon schleifen.

Nach eineinhalb Jahren in Bagdad kehrte al-Ma’arri 1010 aus unbekannten Gründen in seine Heimatstadt zurück. Möglicherweise kehrte er zurück, weil seine Mutter erkrankt war, vielleicht auch aus finanziellen Gründen, da er sich weigerte, seine Werke in Bagdad zu verkaufen. Seine Mutter war bei seiner Ankunft bereits verstorben. Er verbrachte sein restliches Leben in Ma’arra, wo er sich für ein asketisches Leben in Abgeschiedenheit entschied. Nur einmal, als Gewalt die Stadt erfasste, musste er sein Haus verlassen. Obwohl er so beschränkt lebte, führte er seine dichterische Arbeit fort und arbeitete mit anderen zusammen. Er genoss höchsten Respekt und zog zahlreiche Schüler an. Er wurde wohlhabend, obwohl er sich weigerte, seine Werke zu verkaufen. Er unterhielt eine rege Korrespondenz mit den führenden Gelehrten seiner Zeit. Al Ma’arri starb unverheiratet im Mai 1057 in seiner Heimatstadt.

Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irreligion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Al-Ma'arri war ein Skeptiker[4] und prangerte Aberglauben und religiösen Dogmatismus an. Aufgrund seiner negativen Weltsicht wurde er als pessimistischer Freidenker bezeichnet.[5] Ein immer wiederkehrendes Thema in seinen Werken ist das Recht der Vernunft gegen Traditionen, Gebräuche und Autorität.[6] Al-Ma'arri lehrte, dass Religion eine „von den Vorvätern ersonnene Fabel“ [7] sei, ohne Wert außer für Ausbeuter leichtgläubiger Massen.[7] Zu Lebzeiten al Ma'arris waren in Ägypten, Bagdad und Aleppo mehrere Kalifate entstanden, welche alle die Religion zur Stützung ihrer Macht gebrauchten.[8] Er wies den Wahrheitsanspruch des Islams wie auch anderer Religionen zurück:

Man soll die Behauptungen der Propheten nicht für wahr halten; es sind allesamt Erfindungen. Den Menschen ging es gut, bis sie kamen und das Leben verpfuschten. Die heiligen Bücher sind nur Sammlungen nutzloser Geschichten, wie sie alle Zeiten hervorbringen konnten und auch hervorgebracht haben.[9]

Al-Ma'arri kritisierte viele Dogmen des Islams, wie z.B. den Haddsch, den er einen „Heidenzug“ nannte.[10] Er wies jegliche göttliche Offenbarung zurück.[11] Seine Überzeugungen waren die eines Philosophen und Asketen, für den die Vernunft einen moralischen Leitfaden bereithält und Tugend Belohnung genug für sich selbst ist.[12] Al-Ma’arris religiöser Skeptizismus betraf nicht nur den Islam, sondern auch die anderen bekannten Religionen seiner Zeit:

Sie alle irren – Moslems, Christen, Juden und des Zoroaster Legion.
Die Menschheit kennt weltweit nur diese beiden:
Den einen, mit Hirn, doch ohne Religion,
Den andern, religiös, doch ohne Hirn.[13]

Al-Ma’arri schrieb, dass Mönche in ihrem Kloster oder Gläubige in den Moscheen blind dem Glauben des Orts folgen würden – wären sie unter Magi oder Sabiern geboren, wären sie Magi oder Sabier geworden.[14]

Asketismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Al-Ma’arri war ein Asket, der weltlichen Genüssen abschwor und Gewalt ablehnte. In Bagdad, wo er ein beliebter Gast der Salons war, entschied er sich, seine Werke nicht zu verkaufen. Später wurde er zu einem strikten Veganer und aß weder Fleisch noch tierische Produkte.[15] Er schrieb:

Begehre nicht das Fleisch geschlachteter Tiere,
Oder die weiße Milch der Mütter, welche den Schluck ihren jungen, nicht noblen Töchter geben wollen. [...]
Ich habe meine Hände davon reingewaschen; und wünsche, dass ich
meinen Weg erkenne, bevor ich alt werde.

Anti-Natalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Al-Ma’arris Pessimismus ist in seiner anti-natalistischen Empfehlung sichtbar, Kinder nicht zu zeugen, um sie vor der Pein des Lebens zu bewahren.[16] In einer Elegie, die er anlässlich des Todes eines Verwandten schrieb, vereinte er seinen Kummer mit Gedanken über die Kurzlebigkeit des Lebens:

Soften your tread. Methinks the earth's surface is but bodies of the dead,
Walk slowly in the air, so you do not trample on the remains of God's servants.

Sogar auf seinem Epitaph wünschte er als Inschrift, dass sein Leben eine Missetat war, die von seinem Vater, nicht von ihm begangen wurde.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Al-Ma'arri verfasste sowohl Gedichte als auch Prosawerke. In seine Jugendzeit und Bagdader Periode fällt das Siqt az-zand („Zunderfunke“), eine Sammlung eher konventioneller Gedichte, darunter Trauerklagen über den Tod seiner Eltern und Lobgedichte auf die Bevölkerung Aleppos und den Hamdaniden-König Sa'd al-Dawla. Mit dieser sehr beliebten Gedichtsammlung konnte er sich als Poet etablieren. Die nach dem Bagdad-Aufenthalt entstandenen Gedichte, gesammelt im Luzum ma la yalzam (Die Vorschrift, die nicht vorgeschrieben ist لزوم ما لا يلزم أو اللزوميات ), beschäftigen sich dagegen in komplizierter Reimtechnik mit philosophischen Themen.

Seine umfangreichste Prosaschrift ist ein Antwortschreiben auf den ebenfalls erhaltenen Brief eines gewissen Ibn al-Qarih. Dieser, ein eher erfolgloser Dichter, wandte sich an al-Ma'arri mit der Bitte um finanzielle Unterstützung. Ibn al-Qarih hatte seinen früheren Mäzen al-Maghribi, einem fatimidischen Staatssekretär, recht schäbig im Stich gelassen, als dessen Familie beim Kalifen in Ungnade fiel. In seinem Brief an al-Ma'arri versucht Ibn al-Qarih, sich von diesem Verhalten reinzuwaschen.

Al-Ma'arris Antwort, die risalat al-ghufran („Sendschreiben über die Vergebung“), hat man oft mit Dantes Göttlicher Komödie verglichen. Der Dichter schickt den noch lebenden Ibn al-Qarih in seiner Vorstellung auf eine Jenseitsreise durch Hölle und Paradies, in welchem er die arabischen Dichter der vorislamischen Zeit trifft, was der islamischen Doktrin, dass nur Gottgläubige Erlösung erlangen, völlig widerspricht. Das Werk wurde häufig mit der 100 Jahre später entstandenen Göttlichen Komödie von Dante Alighieri sowie mit Ibn Shuhayds Risala al-tawabi' wa al-zawabi verglichen, obwohl es keine Hinweise darauf gibt, dass Dante von Al-Ma’arri bzw. Al-Ma’arri von Ibn Shuyhad inspiriert worden sein könnte.[17]

al-Fusul wal-ghayat („Abschnitte und Enden“), eine Sammlung von Homilien in Reimprosa, wurde als eine Parodie des Korans bezeichnet.[18]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Al-Ma’arri gilt als einer der größten arabischen Dichter. Trotzdem ist er auch 1000 Jahre nach seinem Tod noch umstritten: Algerien verbannte im Jahr 2007 das „Sendschreiben über die Vergebung“ von der Internationalen Buchmesse in Algier.[19][20] 2013 wurde in Syrien eine Statue zu seinen Ehren von Dschihadisten der Al-Nusra-Front geköpft.[21]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paradies und Hölle. Die Jenseitsreise aus dem „Sendschreiben über die Vergebung“, übersetzt von Gregor Schoeler. München 2002
  • Risalat ul Ghufran, a Divine Comedy, ins Englische übersetzt von G. Brackenbury, 1943.

Eine Gesamtausgabe seiner Werke gibt es bislang weder in deutscher noch englischer Sprache.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. [1]
  2. [2]
  3. [3]
  4. Museum of Lost Objects: The unacceptable poet - BBC News (en-GB)
  5. Philip Khuri Hitti: Islam, a way of life, Seite 147
  6. [4]
  7. a b Reynold Alleyne Nicholson, 1962, A Literary History of the Arabs, Seite 318, Routledge
  8. Lamia Ben Youssef Zayzafoon, The Production of the Muslim Woman, Seite 141, Lexington Books
  9. James Hastings, Encyclopedia of Religion and Ethics, Part 3, Kessinger Publishing. S. 190
  10. Reynold Alleyne Nicholson, 1962, A Literary History of the Arabs, Seite 319, Routledge
  11. Reynold Alleyne Nicholson, 1962, A Literary History of the Arabs, Routledge, S. 317.
  12. Reynold Alleyne Nicholson, 1962, A Literary History of the Arabs, Seite 323, Routledge
  13. Zitiert in Englisch in Cyril Glassé, The New Encyclopedia of Islam. Rowman & Littlefield, Washington DC 2001 ISBN 0759101892, TB ISBN 0759101906 S. 278; 4. rev. ed. 2014 ISBN 9781442223486 S.?
  14. Reynold A. Nicholson Adapted from Studies in Islamic Poetry Cambridge University Press, 1921, Cambridge, England. p.1-32
  15. D. S. Margoliouth, Abu 'l-ʿAla al-Maʿarri's correspondence on vegetarianism, Journal of the Royal Asiatic Society, 1902, p. 289.
  16. Syrian rebels have taken iconoclasm to new depths, with shrines, statues and even a tree destroyed – but to what end?. Abgerufen am 13. Juli 2015.
  17. Oliver Leaman: The Biographical Encyclopedia of Islamic Philosophy.. Bloomsbury Publishing, 16. Juli 2015, ISBN 9781472569462.
  18. Encyclopaedia Britannica
  19. [5]
  20. [6]
  21. [7]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]