Aberratio ictus

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Die aberratio ictūs (lat. für „Abirrung des Schlages“) beschreibt im Strafrecht eine Form des Irrtums. Er liegt vor, wenn der vom Täter beabsichtigte Erfolg bei einem anderen als dem von ihm anvisierten Objekt eintritt. Exemplarisch ist folgendes Beispiel: A will B töten und schießt; B bückt sich in dem Moment, sodass die Kugel die dahinter stehende C trifft.

Die aberratio ictus ist abzugrenzen gegen den ebenfalls strafbewehrten error in persona, bei dem der Täter das Tatobjekts aufgrund einer Fehlidentifizierung verwechselt.

Die aberratio ictus bei ungleichwertigen Rechtsgütern[Bearbeiten]

Unproblematisch ist die aberratio ictus, wenn die ursprünglich nicht gewollte Tat einen anderen Straftatbestand verwirklicht. Als Beispiel kann ein Täter genommen werden, der auf einen Menschen schießt, aber aufgrund eines Fehlgehens des Schusses lediglich dessen Hund trifft.

In solchen Fällen kommt ausschließlich eine versuchte Vorsatztat am anvisierten und, falls eine entsprechende Strafvorschrift existiert, eine vollendete Fahrlässigkeitstat am getroffenen Tatobjekt in Betracht.[1] Im Beispielfall kann der Täter strafrechtlich somit nur wegen eines versuchten Totschlages oder Mordes bestraft werden, nicht aber wegen der Tötung des Hundes, da eine fahrlässige Sachbeschädigung nicht strafbar ist.

Die aberratio ictus bei gleichwertigen Rechtsgütern[Bearbeiten]

Umstritten ist, wie ein Fehlgehen der Tat rechtlich zu behandeln ist, wenn das getroffene und das anvisierte Tatobjekt gleichwertig sind. Als Beispiel kann hier ein Täter genommen werden, der anstatt des anvisierten Erzfeindes dessen Freund erschießt, der neben ihm steht. Zur Beurteilung der Rechtsfolgen haben sich mehrere Theorien herausgebildet.

Äquivalenztheorie/Gleichwertigkeitstheorie[Bearbeiten]

Ein Teil der strafrechtlichen Literatur geht davon aus, dass ein Irrtum bei Gleichwertigkeit der Tatobjekte unerheblich sei. Wenn der Täter also einen anderen als den anvisierten Menschen trifft, liegt nach dieser Theorie trotzdem ein Vorsatzdelikt vor. Der Täter habe einen Menschen treffen wollen und dies auch verwirklicht. Diese Ansicht wird als formelle Äquivalenztheorie bezeichnet.[2]

Gegen diese Ansicht wird angeführt, dass sie die Unterschiede zur error in persona nicht ausreichend betrachte. Letzterer sei ein reiner Motivirrtum, während bei ersterem sich der Täter auch über den tatsächlichen Kausalverlauf irre. Außerdem widerspreche diese Ansicht den Regeln der objektiven Zurechnung. Der Täter könne nicht für einen beliebigen Erfolg haftbar gemacht werden, weil er einen Erfolg der gleichen Art herbeiführen wollte. Er müsste vielmehr das Eintreten des konkreten, durch seine Handlung verursachten Erfolgs erwartet haben.[3]

Eine Abwandlung dieser Theorie, die als materielle Äquivalenztheorie bezeichnet wird, zieht die Grundsätze der formellen Gleichwertigkeitsthorie/Äquivalenztheorie nur in den Fällen heran, in denen keine höchstpersönlichen Rechtsgüter (also Leben, Gesundheit, Freiheit und Ehre) betroffen sind. Wenn also ein höchstpersönliches Rechtsgut betroffen ist, ist der Täter lediglich wegen eines Versuchs und eines Fahrlässigkeitsdeliktes strafbar. Dies wird damit begründet, dass es dem Täter bei einem höchstpersönlichen Rechtsgut gerade auf die Person ankommt. Der Vorsatz sei also stärker an die Person des Opfers gebunden als bei Taten, die nicht höchstpersönliche Rechtsgüter betreffen. Bei diesen sei der Vorsatz in erster Linie auf das Objekt, nicht auf die Person dahinter gerichtet.[4][5]

Gegen diese Abwandlung wird angeführt, dass sie das Problem der Gleichwertigkeitstheorie nicht löse, sondern nur beschränke. Auch hier werde ein Vorsatz konstruiert, wo keiner existiere.[3]

Adäquanztheorie[Bearbeiten]

Eine weitere Theorie behandelt die aberratio ictus als einen Unterfall des Irrtums über den Kausalverlauf. Die Abweichung ist dann unerheblich, wenn sie vorhersehbar war. Bei einem inadäquaten Kausalverlauf liegt somit lediglich ein Versuch und eventuell eine Fahrlässigkeitstat vor.

Diese Theorie wird mit dem Argument kritisiert, dass keine Abweichung im Kausalverlauf eingetreten ist. Schließlich ist die Verletzung genau so eingetreten ist wie geplant, nur am falschen Objekt. Der Verlauf der Tat war also so wie geplant.

Konkretisierungstheorie[Bearbeiten]

Die herrschende Meinung sieht die aberratio ictus stets als relevant an. Der Täter hatte seine Tat auf ein bestimmtes Ziel konkretisiert, dieses aber nicht getroffen. Demnach kann der Täter nicht wegen eines vollendeten vorsätzlichen Delikts bestraft werden. Bezüglich des getroffenen Objektes fehlt ihm der Vorsatz (§ 16 Abs. 1 StGB), bezüglich des anvisierten Objektes fehlt es am Erfolg. Somit kann der Täter nur wegen Versuchs hinsichtlich des anvisierten und ggf. wegen Fahrlässigkeit hinsichtlich des getroffenen Objekts bestraft werden.[1]

Ausnahmen der herrschenden Meinung[Bearbeiten]

Eine Ausnahme vom Grundsatz, dass eine aberratio ictus die Strafbarkeit wegen vollendeter Vorsatztat ausschließt, ist nach herrschender Auffassung gegeben, wenn der verwirklichte Straftatbestand neben Individualrechtsgütern auch überindividuelle Rechtsgüter schützt, die Tatabweichung aber nur das Individualrechtsgut schützt. Relevant kann das beispielsweise für die Anwendung des § 164 StGB (Falsche Verdächtigung), aber auch § 316a StGB (Räuberischer Angriff auf Kraftfahrer) sein.

Literatur[Bearbeiten]

  • Claus Roxin: Strafrecht. Allgemeiner Teil. Band 1: Grundlagen, der Aufbau der Verbrechenslehre. 3. Auflage. Beck, München 1997, ISBN 3-406-42507-0, S. 436–441.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Wiktionary: aberratio ictus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Urs Kindhäuser: Strafrecht Allgemeiner Teil. 6 Auflage. Nomos Verlag, Baden-Baden 2013, ISBN 978-3-8329-6467-2, S. 224.
  2.  Uwe Murrmann: Grundkurs Strafrecht. 2 Auflage. Verlag C.H.Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-64984-4, S. 113.
  3. a b  Urs Kindhäuser: Strafrecht Allgemeiner Teil. 6 Auflage. Nomos Verlag, Baden-Baden 2013, ISBN 978-3-8329-6467-2, S. 225.
  4.  Hans-Ludwig Schreiber: Grundfälle zu "error in objecto" und "aberratio ictus" im Strafrecht. In: JuS. Verlag C. H. Beck, München 1985, S. 873–877.
  5.  Thomas Hillenkamp: Die Bedeutung von Vorsatzkonkretisierungen bei abweichendem Tatverlauf. In: Göttinger rechtswissenschaftliche Studien. 85, 1971, S. 108ff.
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