Abhöranlage Gablingen

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Luftaufnahme der Abhöranlage Gablingen

Die Abhöranlage Gablingen (ehemalige US-Army-Bezeichnung: United States Army Security Agency (USASA) Field Station Augsburg[1], früherer BND-Tarnname: Fernmeldestelle Süd der Bundeswehr[2]) befindet sich auf dem Flugplatz Gersthofen-Gablingen und wird vom Bundesnachrichtendienst betrieben, er dient dabei als wichtiger Knoten zum Sammeln von Verbindungs- und Standortdaten.[3][4][5] Auf dem Gelände befindet sich eine weithin sichtbare Wullenwever-Antennenanlage, die den US-Streitkräften bis zur Übergabe des Geländes an die Bundeswehr zur Fernmelde- und elektronischen Aufklärung diente. Weiterhin befinden sich auf dem Gelände unterirdische Anlagen, die der nachrichtendienstlichen Datenverarbeitung dienen. Techniker der National Security Agency besuchen auch nach der Übergabe die Anlage regelmäßig, was der Leiter der Abhöranlage im NSA-Untersuchungsausschuss im September 2015 zu Protokoll gab.[3][6] Unmittelbar neben der Abhöranlage befindet sich eine Backbone-Trasse für Kommunikationskabel von Carriern wie Level3, Telefonica und Colt.[7][8][9]

Daten der Anlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Signals-Intelligence-Anlage vom Typ AN/FLR-9 hat einen Durchmesser von circa 365 Meter und hatte bis zu 40 Meter hohe Antennengitter. Mit Hilfe dieses sogenannten Elefantenkäfigs konnte in den Zeiten des Kalten Krieges breitbandig auf den Funkfrequenzen zwischen 1,5 und 30 MHz, also dem oberen Mittelwellenbereich bis zur Kurzwelle, 10-m-Band mit geschätzt 150 bis 5000 km Kilometern Reichweite (je nach Reichweite der Funkwelle) abgehört werden. Zielgebiet war vor allem die DDR, Osteuropa und die westliche Sowjetunion. Die Anlage gehörte zum Netzwerk „Iron Horse“ mit weiteren Stationen in:

Fast alle dieser Anlagen sind nicht mehr in Betrieb und abgebaut. Die Anlage Gablingen im Alleinbetrieb kann nur die Funksignale analysieren und die Richtung des Senders bestimmen. Zur Ermittlung des Standortes eines Senders werden weitere externe Peilungen benötigt (früher übernahmen dies die anderen AN/FLR-9 im Iron-Horse-Netzwerk).

Geschichte der Anlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sperrgebiet entstand im Jahr 1916, als das Kriegsministerium im Auftrag des letzten bayerischen Königs Ludwigs III. den Flugplatz errichtet hat. Es entstanden Hallen, Tankanlagen, ein Schießstand, Baracken und Kasernen. Der Künstler Paul Klee hat bis 1918 als junger Rekrut auf dem Flugplatz gedient. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gelände größtenteils zurückgebaut. Ab 1934 wurde der Flughafen wieder für militärische Zwecke verwendet und diente als Umschlagplatz für Ausrüstung, Munition und Verpflegung.

1945 übernahmen die Amerikaner das 143 Hektar große Areal unter der Bezeichnung „United Army Field Station“. 1971 begann der Bau des bis heute die Landschaft prägenden Antennengitters. 1985 waren 1.814 INSCOM-Mitarbeiter stationiert; diese arbeiteten unter der Fachaufsicht der NSA. 1996 wurde der NSA vorgeworfen, in Deutschland zu Gunsten US-amerikanischer Firmen Industriespionage zu betreiben. Ernst Berger, Kölner Sicherheitsberater und Ex-Spionageabwehrmann beim Bundesamt für Verfassungsschutz erklärte hierbei: „Der gesamte Richtfunkverkehr der Bundesrepublik kann von Gablingen aus völlig problemlos überwacht werden.“[10] Diese Aussage ist allerdings unglaubhaft, da die im GHz-Bereich arbeitenden Richtfunkstrecken durch die quasioptische Ausbreitung der Funkwellen überwiegend nicht in Gablingen direkt empfangbar sein können und die Antennenanlage nicht für GHz-Frequenzen geeignet ist.

Über die Größe der unterirdischen Anlagen gibt es Gerüchte, bis zu zwölf Stockwerke werden im Untergrund vermutet.[11][12] Die Kosten wurden 1989 auf über eine Milliarde Mark geschätzt.[12] In einem 1997 aufgetauchten Einsatzplan der Feuerwehr war zu lesen, 220 Büros und 400 Türen seien im Komplex vorhanden, welcher der „Datenverarbeitung“ diene.[13] Aus dem öffentlich zugänglichen Handbuch der AN/FLR-9-Anlage wird allerdings deutlich, dass die Empfangsanlage selbst im Zentralgebäude der Wullenweber-Antenne Platz fand. Die Signalauswertung findet in den Gebäuden außerhalb der Antennenringe statt, die mit dem Zentralgebäude über einen Kabeltunnel verbunden sind. Die Anlage wurde 1998 von den US-Streitkräften aufgegeben und der Bundeswehr übergeben.

Verwendung der Anlage unter BND-Führung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeit Online berichtete im Januar 2015, dass in den BND-Außenstellen Schöningen, Rheinhausen, der Fernmeldeverkehrstelle des Bundesnachrichtendiensts in Bad Aibling und in der Abhöranlage Gablingen jeden Tag 220 Millionen Metadaten einlaufen. Diese werden zwischen einer Woche und sechs Monaten gespeichert und nach bislang unbekannten Kriterien sortiert. Die Daten werden nicht nur gesammelt, sondern auch dazu genutzt, um Verdächtige zu beobachten und zu verfolgen.[5]

Die Abhöranlage ist seit 2015 auch Gegenstand des NSA-Untersuchungsausschusses. Geplante Tests des NSA-Programms XKeyscore in Gablingen wurden laut Aussage des BND-Leiters zurückgestellt und aufgeschoben, und in Gablingen erfasste Daten würden an die BND-Zentrale ausgeleitet, nicht an ausländische Nachrichtendienste wie Five Eyes.[14][6]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Field Station Augsburg Established, 14 April 1970 (Memento vom 30. Mai 2014 im Internet Archive)
  2. Stefan Mayr: Das große Ohr des BND. In: sueddeutsche.de. 3. August 2013, abgerufen am 25. September 2015.
  3. a b Stefan Krempl: BND-Standort Gablingen: Die große Unbekannte im Mega-Metadatentausch. In: heise.de. 25. September 2015, abgerufen am 25. September 2015.
  4. BND gibt sich in Bad Aibling und Gablingen zu erkennen. In: Augsburger Allgemeine. 6. Juni 2014, abgerufen am 11. Juni 2014.
  5. a b BND speichert jeden Tag 220 Millionen Metadaten. In: zeit.de. 6. Februar 2015, abgerufen am 25. September 2015.
  6. a b Anna Biselli: Live-Blog aus dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss: BND löscht trotz Moratorium Mails mit Selektoren. In: netzpolitik.org. 24. September 2015, abgerufen am 25. September 2015.
  7. Anna Biselli: Live-Blog aus dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss: J. S. und Alois Nöbauer. In: netzpolitik.org. 25. November 2015, abgerufen am 26. November 2015.;

    Notz: [regt sich auf.] Was ist denn das für ein Laden? Ist ihnen bekannt, dass unmittelbar an ihrem Standort eine Backbone-Trasse für Kommunikationskabel verläuft, wo Carrier wie Level3, Telefonica und Colt ihre Daten vorbeischicken. Wissen sie das?“

  8. Level 3 Interactive Network Map. In: maps.level3.com. Abgerufen am 26. November 2015.
  9. Friedhelm Greis: BND-Außenstelle Gablingen: Herr Nöbauer sagt ständig Nö. In: golem.de. 26. November 2015, abgerufen am 26. November 2015.
  10. Wirtschaftsspionage: Verdächtigungen und Beweise. In: Focus, 16. Dezember 1996
  11. Christiane Schulzki-Haddouti: Abhör-Dschungel: Geheimdienste lesen ungeniert mit – Grundrechte werden abgebaut. In: c’t, 5/1998.
  12. a b NSA: Amerikas großes Ohr. In: Der Spiegel. Nr. 8, 1989 (online 20. Februar 1989).
  13. Die Abhöranlage von Gablingen gibt Rätsel auf. In: Augsburger Allgemeine, 1. August 2011
  14. Friedhelm Greis: BND-Horchposten Gablingen: Kurzweiliges über die Kurzwelle. In: golem.de. 25. September 2015, abgerufen am 25. September 2015.

Koordinaten: 48° 27′ 4,2″ N, 10° 51′ 45,5″ O