Ableismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ableismus ( anhören?/i) (von englisch able fähig; Suffix -ism = „-ismus“) bezeichnet eine Form der Diskriminierung, bei der behinderte Menschen Vorurteilen, Benachteiligung und Vorbehalten ausgesetzt sind. Der Begriff leitet sich von ability (Fähigkeit) ab und beinhaltet die Annahme, dass Menschen mit Behinderungen weniger Wert oder weniger Fähigkeiten haben als nicht behinderte Menschen. Ableismus zeigt sich durch stereotype Denkmuster, soziale Ausgrenzung, ungerechte Behandlung und strukturelle Barrieren, die behinderten Menschen den Zugang zu verschiedenen Lebensbereichen erschweren können.

Die Disability Studies haben den sozialwissenschaftlichen Begriff Ableismus im Rahmen der US-amerikanischen Behindertenbewegung geprägt. Fiona Kumari Campbell hat maßgeblich zur internationalen Bekanntheit des Konzepts des Ableismus beigetragen. Der Ansatz des Ableismus erweitert das Konzept der Behindertenfeindlichkeit auf die potenziell diskriminierende Bewertung von Fähigkeiten im Allgemeinen. Er betrachtet gesellschaftliche Normen und Vorstellungen von Normalität als Grundlage für die Abwertung oder Benachteiligung von Personen aufgrund ihrer Fähigkeiten oder der Wahrnehmung ihrer Fähigkeiten.

Der Begriff Disablismus (von englisch disabled behindert) bezeichnet das Konzept, bei dem Personen aufgrund der Zuschreibung fehlender oder verminderter (Leistungs-)Fähigkeiten als behindert kategorisiert werden.

Diskriminierung gegenüber psychisch kranken Personen und Personen, die als psychisch krank wahrgenommen werden, nennt man auch „Mentalismus“. Der Begriff stammt von Judi Chamberlin aus dem Psychiatric Survivor Movement.[1]

Herkunft und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Ableismus stammt aus dem englischsprachigen Raum und wurde erstmals in den 1980er-Jahren in der Disability Rights Movement (Bewegung für die Rechte von behinderten Menschen) verwendet. Er leitet sich von ability (Fähigkeit) ab und wurde durch die internationalen Disability Studies als Konzept entwickelt, das ähnlich wie Sexismus oder Rassismus theoretische Auseinandersetzung ermöglichen soll. Es ist auch in aktivistischen Kontexten von Bedeutung und wird sowohl in angloamerikanischen Debatten als auch zunehmend im deutschsprachigen Raum aufgegriffen.

Die britischen Disability Studies thematisierten zunächst unter den Begriffen disablement und disablism bzw. disableism Behinderung als eine Form der gesellschaftlichen Unterdrückung. Gleichzeitig wurden in den Cultural Disability Studies in den USA, Australien und Kanada unter dem Konzept des ableism spezifische Formen der behinderungsbezogenen Diskriminierung problematisiert. Die Wissenschaftlerin Fiona Kumari Campbell hat den Begriff Ableismus in ihre Publikation Contours of Ableism ausgearbeitet und etabliert. Sie beschreibt ihn als ein Netzwerk von Überzeugungen, Prozessen und Praktiken, das ein bestimmtes Selbst- und Körperbild (den körperlichen Standard) hervorbringt, das als perfekt, arttypisch und somit wesentlich und vollständig menschlich dargestellt wird. Dabei wird Behinderung als ein Zustand der verminderten Menschlichkeit betrachtet.[2]

Begriffserklärung und Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ableismus ist ein Begriff, der, ähnlich wie Sexismus und Rassismus, ein System von Praktiken, Institutionen, Glaubensbildern und Werten beschreibt, welches soziale Beziehungen formt und ein geschlossenes Weltbild schafft. Dieses System schließt Menschen, die als zur „Norm“ gehörig angesehen werden, ein, während es andere ausschließt und als unsichtbare „Andere“ erklärt. Der Begriff Ableismus leitet sich vom englischen Wort able ab, was fähig bedeutet. Dabei werden bestimmte Fähigkeiten, die als wesentlich erachtet werden, gezielt hervorgehoben und gleichzeitig wird bewertet, wie Fähigkeiten aussehen müssen, um als „nicht behindert“ eingeordnet zu werden. Es existiert weder unter Behindertenrechtsaktivisten noch in der Wissenschaft eine einheitliche Definition, die den Umfang des Begriffs Ableismus klar abgrenzt. Im Jahr 2023 sind die Forschungen zu Ableismus noch nicht weit fortgeschritten und im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenige umfassende Publikationen, die sich mit diesem Thema befassen.[3]

Ableismus, Disablismus und Behindertenfeindlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen wird auch Disablismus genannt. Gregor Wolbring, Assistant Professor in der Abteilung „Community Health Service“ der „University of Calgary“ (Kanada), erklärt Disablismus zum „Begleiter“ des Ableismus:

„In seiner allgemeinen Form ist Ableism ein Bündel von Glaubenssätzen, Prozessen und Praktiken, das auf Grundlage der je eigenen Fähigkeiten eine besondere Art des Verständnisses des Selbst, des Körpers und der Beziehungen zu Artgenossen, anderen Arten und der eigenen Umgebung erzeugt, und schließt die Wahrnehmung durch Andere ein. Ableism beruht auf einer Bevorzugung von bestimmten Fähigkeiten, die als essentiell projiziert werden, während gleichzeitig das reale oder wahrgenommene Abweichen oder Fehlen von diesen essentiellen Fähigkeiten als verminderter Daseinszustand etikettiert wird, was oft zum begleitenden Disableism führt, dem diskriminierenden, unterdrückenden oder beleidigenden Verhalten, das aus dem Glauben entsteht, dass Menschen ohne diese ‚essentiellen‘ Fähigkeiten anderen unterlegen seien.“[4]

Auch Fiona Campbell unterscheidet Disablismus und Ableismus. Disablismus ist ihr zufolge traditionell Schwerpunkt der Forschungen im Bereich der Disability Studies. Disablismus fördert die Ungleichbehandlung der (körperlich) Behinderten gegenüber Nichtbehinderten. Er markiert den Behinderten (distanziert) als „den anderen“ und arbeitet aus der Perspektive der Menschen ohne Behinderung.

Laut Rebecca Maskos „ist Ableismus breiter als Behindertenfeindlichkeit. Wie Rassismus und Sexismus bildet der Begriff nicht nur die Praxis im Umgang mit einer Gruppe ab, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen, die diese Praxis hervorbringen.“ Ableismus zeige sich nicht nur im „schrägen Kommentar“ oder im „Kopfstreicheln“, sondern auch in der Treppe ohne Rampe, im fehlenden Aufzug, in den Geldern, die Veranstalter für Lautsprach-/Gebärdensprachdolmetscher, Live-Streaming oder Leichte Sprache nicht aufbrächten. Der Begriff Behindertenfeindlichkeit könne umgekehrt auch suggerieren, dass es reiche, einfach nur die eigene Haltung umzuwandeln – nämlich in eine „behindertenfreundliche“.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ron Amundson, Gayle Taira: Our Lives and Ideologies: The Effects of Life Experience on the Perceived Morality of the Policy of Physician-Assisted Suicide. In: Journal of Policy Studies. 16. Jahrgang, Nr. 1, 2005, S. 53–57 (http://uhh.hawaii.edu./~ronald/pubs/2005-Amundson-Taira.pdf [PDF]).
  • Tobias Buchner, Lisa Pfahl, Boris Traue: Zur Kritik der Fähigkeiten. Ableism als neue Forschungsperspektive der Disability Studies und ihrer Partner. In: Zeitschrift für Inklusion. 2/2015 (open access)
  • Fiona A. Kumari Campbell: Inciting Legal Fictions: Disability Date with Ontology and the Ableist Body of the Law. In: Griffith Law Review. 10. Jahrgang, Nr. 1, 2001, S. 42–62.
  • Fiona A. Kumari Campbell: Contours of Ableism: The Production of Disability and Abledness. Palgrave Macmillan, 2009, ISBN 978-0-230-57928-6.
  • Fiona A. Kumari Campbell: Refusing Able(ness): A Preliminary Conversation about Ableism. In: M/C Journal. 11. Jahrgang, Nr. 3, 2008 (org.au).
  • Judi Chamberlin: On Our Own: Patient Controlled Alternatives to the Mental Health System. 1978
  • Mike Clear: The „Normal“ and the Monstrous in Disability Research. In: Disability & Society. 14. Jahrgang, Nr. 4, 1999, S. 435–448.
  • Pat Griffin, Madelaine L. Peters, Robin M. Smith: Teaching for diversity and social justice. Hrsg.: Maurianne Adams, Lee Anne Bell, Pat Griffin. 2nd Auflage. Band 1. Taylor & Francis, 2007, ISBN 978-0-415-95199-9, Ableism Curriculum Design.
  • Thomas Hehir: Special education for a new century. Hrsg.: Lauren I. Katzman (= Harvard educational review. Band 41). Harvard Educational Review, 2005, ISBN 978-0-916690-44-1, Eliminating Ableism in Education.
  • Judith Heumann: Being Heumann. Beacon Press Boston, 2020.
  • ISBN 978-3-7815-5725-3.
  • Yoshitaka Iwasaki, Jennifer Mactavish: Ubiquitous Yet Unique: Perspectives of People with Disabilities on Stress. In: Rehabilitation Counselling Bulletin. 48. Jahrgang, Nr. 4, 2005, S. 194–208, doi:10.1177/00343552050480040101.
  • Alison Kafer: Feminist Queer Crip. Indiana University Press, 2013.
  • Tanja Kollodzieyski: Ableismus. Berlin: SUKULTUR, 2020, ISBN 978-3-95566-125-0 (Aufklärung und Kritik 527)
  • Raúl Krauthausen: Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. Rowohlt Verlag 2023, ISBN 978-3-499-01029-3
  • Laura E. Marshak, Claire J. Dandeneau, Fran P. Prezant, Nadene A. L’Amoreaux: The School Counselor’s Guide to Helping Students with Disabilities (= Jossey-Bass teacher). John Wiley and Sons, 2009, ISBN 978-0-470-17579-8.
  • Nina Mackert: Critical Ability History. Für eine Zeitgeschichte der Fähigkeitsnormen. In: Zeithistorische Forschungen 19 (2022), S. 341–354.
  • Rebecca Maskos: Was heißt Ableism? In: arranca! Nr. 43, 2010.
  • Thorsten Merl: un/genügend fähig. Zur Herstellung von Differenz im Unterricht inklusiver Schulklassen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2019,
  • Gregor Wolbring: Die Konvergenz der Governance von Wissenschaft und Technik mit der Governance des Ableism. University of Calgary, Kanada 2009 (ucalgary.academia.edu).
  • Ivan Eugene Watts, Nirmala Erevelles: These Deadly Times: Reconceptualizing School Violence by Using Critical Race Theory and Disability Studies. In: American Educational Research Journal. 41. Jahrgang, Nr. 2, 2004, S. 271–299 (http://jstor.org./stable/3699367).
  • Paul Miller, Sophia Parker, Sarah Gillinson: Disablism: how to tackle the last prejudice. Demos, London 2004, ISBN 1-84180-124-0 (englisch, Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen).
  • Andrea Schöne: Behinderung und Ableismus. Unrast 2022, ISBN 978-3-89771-152-5.
  • Luisa L’Audace: Behindert und stolz: Warum meine Identität politisch ist und Ableismus uns alle etwas angeht. Eden Books, 2022, ISBN 978-3-95910-383-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Judi Chamberlin: On Our Own: Patient Controlled Alternatives to the Mental Health System. University of Michigan, 1978, ISBN 0-8015-5523-X.
  2. Sarah Karim: Soziologische Disability Studies. In: Anne Waldschmidt (Hrsg.): Handbuch Disability Studies. Springer VS Wiesbaden, 2022, ISBN 978-3-531-17537-9, S. 149–150, doi:10.1007/978-3-531-18925-3.
  3. Andrea Schöne: Behinderung und Ableismus. Unrast, 2022, ISBN 978-3-89771-152-5, S. 8.
  4. Gregor Wolbring: Die Konvergenz der Governance von Wissenschaft und Technik mit der Governance des „Ableism“. (PDF; 223 kB). In: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis. Nr. 2. September 2009, S. 30. Abgerufen am 19. Januar 2011.
  5. Rebecca Maskos: Warum Ableismus Nichtbehinderten hilft, sich „normal“ zu fühlen. dieneuenorm.de, 26. Oktober 2020, abgerufen am 22. April 2021.